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Freitag, 27. Juni 2025



Kopfstein, Kaffee, große Klappe – ein ligurischer Morgen

Zwischen Frühaufsteher-Gen und mediterraner Croissant-Philosophie


Wir haben viel besser geschlafen als gestern. Aber auch im Urlaub bleibt Susanne ihrer inneren Uhr treu. Punkt 5 Uhr ist sie wach – ohne Wecker, ohne Hahnenkrähen. Ich dreh mich noch ein paar Mal mühsam in meinem völlig durchgeschwitzten Laken um, gebe eine Stunde später aber auch auf. Bringt ja nix.

Dumm nur, dass der Tag zwar früh beginnt, aber das Frühstück in Cervo eher dem mediterranen Rhythmus folgt – also spät. Der Bäcker kommt nicht vor halb neun mit den Croissants angetrabt und vorher geht hier leider rein gar nichts.

Was tun in der Zwischenzeit? Susanne hat bislang ja noch tapfer auf der Terrasse ausgehalten, aber gegen sieben wird selbst die zur Hitzekammer. 28°C, null Schatten, und die Sonne steht da wie ein glühender Ball. Also: Rückzug nach drinnen.

Ich scrolle mich derweil durch die Speicherchips meiner beiden Kameras. Delfine, Glockenturm, Weißer Leuchtturm, Lavendel-Hummeln, Giampaolo (zum dritten Mal) und das großartige „Ich-weiß-nicht-warum-ich-hier-hochgefahren-bin-Manöver“ in Piani Chapin. Im Nachhinein sehr unterhaltsam – wenn auch mit einer leichten Rauchspur in der Erinnerung.

Um viertel acht (für die Norddeutschenunter euch, das ist „Viertel nach sieben“) werfen wir dann den letzten Trumpf des Wartens in die Waagschale: Duschen, Haarewaschen, Zähneputzen. Braucht ja auch so seine Zeit. Aber selbst danach ist’s noch nicht mal acht. Und immer noch kein Frühstück in Sicht. Willkommen im Urlaubsparadox zwischen Frühaufsteher-Gen und mediterraner Croissant-Philosophie.

Bis zum Frühstück ist immer noch Zeit. Wir müssen also irgendwie die Zeit totschlagen. Die nutzen wir nun zu einem Bummel durch Cervos Altstadt. Dieses Mal aber ohne Reinhold-Messner-Ambitionen, sondern ganz entspannt.

Das ligurische K-Konzept: Erst Kopfsteinpflaster, dann Kaffee – genau in dieser Reihenfolge


Und ich sag’s gleich vorweg: Mit Google-Maps – ich lieb ja Google-Maps – ist ein Morgenspaziergang durch Cervos Altstadt nicht zu planen. Die Distanzen sind so gering, dass jeder Navigator hier vollkommen versagt. Und wir? Wir tappen unermüdlich durch die steingepflasterte Miniaturwelt, die sich Altstadt Cervo nennt. Klingt erstmal nach gemütlichem Flanieren, ist’s aber nicht. Eher so: „Wo sind wir jetzt wieder?“„Moment, ich schau kurz aufs Schild.“„Ach, wieder irgendeine Via Irgendwas mit Vico oder Cavalieri.“

Zu Beginn gehen wir östlich ums Castello Clavesana herum – das Teil, das heute das Museo Etnografico beherbergt – in die Via dei Clavesana. Von dort aus hat man einen irren Blick aufs Meer. Klar, nicht so gut wie von unserer Terrasse aus, aber man will ja nicht arrogant werden.

Dann geht’s die Via Cavalieri di Malta zurück und am Caffè Castello links die Via Alessandro Volta runter.

Nicht weit, fünf Meter vielleicht, und dann links bis zur Via Camillo Benso Conte di Cavour.

Die laufen wir dann – Achtung: Marathon-Strecke – 80 Meter hinunter bis zur Piazza Dante Alighieri (wo der Gepeppo-Laden ist)

… und von dort weiter zur Piazza San Giovanni – dem Platz vor der Kirche.

Dann das Unvermeidliche: Eine Treppe. Immerhin wissen wir danach, wie „Vico dell’Ulivo“ – da sind wir jetzt – klingt, wenn man’s keuchend zwischen den Zähnen herauspresst.

Weiter geht’s über die Via XI Febbraio, die Via G. Matteotti, den Vicolo della Pace und, und, und …

Unterwegs kommen wir dann auch noch an einer alten Ölmühle vorbei, heute ein Gästehaus, das ebenfalls Giampaolo (oder seiner Frau Elisabetta?) gehört. Natürlich treffen wir hier auch Giampaolo selbst. Ich glaube langsam, er ist tatsächlich geklont. Überall taucht er auf. Als ich ihn darauf anspreche, meint er trocken: „Ich bin mir mal selbst begegnet, hier in Cervo.“ Wären da nicht seine blitzenden Augen, würde man ihm das tatsächlich glauben.

Letzter Akt: Auf der Via Silvio Pellico geht’s durch das Café Ariel hindurch – und zack, sind wir wieder auf der Via Cavalieri di Malta. Ziel erreicht: Unser Eco del Mare.

Ganze 350 Meter waren wir unterwegs – in einer halben Stunde. Entschleunigter geht’s auch bei uns nicht mehr. Fazit: Viele Vias, wenig Strecke und maximaler Verwirrungsgrad. Aber mal im Ernst: Cervo ist kein Ort, den man durchläuft. Cervo muss man einfach erleben.

Travel-Tales beim Frühstück – Wer haut die wildesten Reise-Stories raus?


Endlich – wir hören Giampaolo in der Küche klappern. Der Bäcker hat ganz offensichtlich geliefert. Wir gehen runter, wenig später stoßen Monika und Viktor dazu. Es ist ihr letzter Tag im Eco del Mare.


Wir kommen so richtig ins Quatschen. Viktor ist Reisebüro-Mensch, aber kein gewöhnlicher. Er macht einen in Fernreisen – und zwar so richtig: Japan, Südkorea, Taiwan, Neuseeland, Australien, Ozeanien… Da klingt jedes zweite Wort nach Jetlag. Und er schwätzt nicht nur, er kennt sich aus, das merkt man sofort. Nicht so ein Katalog-Papagei, sondern jemand, der selbst da war. So landen wir blitzschnell im intensiven Smalltalk über die Tempel von Kyoto und über das beste Timing für die Kirschblüte (unser Sohn Simon war dort) oder über Kaimane in Queensland.

Und ja klar – jetzt geht’s los mit dem Reise-Pokern. Ich hole meine Philippinen-Backpacker-Story raus, die mit der Jeepney-Fahrt und dem Turn im Auslegerboot übers Südchinesische Meer, der eher ein Nahtod-Erlebnis war. Und natürlich die Afrika – Zelt-Safari mit dem Elefanten am Herrenklo und der Dusche aus dem Kanister. Susanne kontert souverän mit der Orca-Tour in Vancouver. Die hat unser Sohn Simon beim Website-Wettbewerb einer Walschutz-Organisation gewonnen: Eine Woche für zwei Personen, inklusive allem, einschließlich eines Besuchs von Paul Spongs weltberühmtem Orca-Lab an der Johnstone Strait.

Aber das Schöne: Keiner will hier der Größte sein. Es ist kein Übertrumpfen mit Ellenbogen, sondern einfach dieses entspannte Hin und Her, bei dem man sich gegenseitig Anekdoten zuspielt, als wären’s Asse – nicht zum Gewinnen, sondern zum Teilen. Jeder bringt was ein, jeder hört zu, lacht, nickt, ergänzt. So muss das sein.

Der Cappuccino wird kalt, die Focaccia weich – aber wir sind so im Flow, dass wir’s gar nicht merken, wie die Zeit vergeht. Als wir endlich mal wieder auf die Uhr schauen, ist es… hoppla. Wir müssen los, hatten wir doch eigentlich eine Elf-Stunden-Tour durch das ligurische Hinterland geplant – einschließlich eines Besuchs der Hanbury-Gärten in Ventimiglia.

Das Frühstück? Weltklasse. Nicht nur wegen des Croissants – sondern vor allem wegen der Gespräche.

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Kopfstein, Kaffee, große Klappe – die ligurische Morgen-Lektion
Durchs Ligurische Hinterland bis Triora
Über den Pass nach Ventimiglia
Hanbury-Gärten – Teil 1
Hanbury-Gärten – Teil 2
Dolceacqua
Fahrt zurück nach Cervo

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