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Ein preisgekrönter Fehlgriff



Unterwegs zum „Haus zur Wildnis“


Um zum Haus zur Wildnis zu kommen, habe ich – entsprechend des „Buttons Anreise Planen auf der Haus-zur-Wildnis-Seite“ – die Koordinaten 49.060514, 13.243330 ins Navi eingegeben. Ich war der Annahme, dass man mittels dieser GPS-Daten direkt zum Wildnis-Haus kommt. Tatsächlich aber endet die Anfahrt über die Alte Böhmerstraße dann beim Haus der Freiwilligen Feuerwehr. Das Haus zur Wildnis selber ist irgendwo weiter östlich, so etwa ½ km weit weg.

Ich fahr also zurück zum Gasthaus, um das Schloss Ludwigsthal herum und dann auf die B 11, die Straße Richtung Bayrisch Eisenstein. Hoffentlich kommt da bald was, die tschechische Grenze ist nämlich nur noch 10 Kilometer entfernt.

Aus meiner Sicht wäre hilfreich gewesen, wenn auf der Webseite klare und präzise Informationen über den tatsächlichen Standort des Hauses bereitgestellt würden, nämlich, dass man am Parkplatz „Nationalparkzentrum“ an der B 11 parken, dann aber zu Fuß noch 1,1 km Richtung Osten und 65 Höhenmeter den Hang rauf gehen muss. Diese Information habe ich auf der Homepage nirgendwo gefunden.

Wir stellen das Auto also am Parkplatz „Nationalparkzentrum“ ab und machen uns auf Schusters Rappen. Nach etwa einem halbem Kilometer – es ist auch im Wald recht schwül – weist ein Stein darauf hin, dass es bis zum Haus zur Wildnis wohl noch ein bisschen dauert.

„Haus zur Wildnis“


Nach knapp 20 Minuten sind wir aber da, bei dem Haus, das aus meiner Sicht so gar nicht in ein Naturschutzgebiet passt. Dabei spielt es für mich auch keine Rolle, dass dieses Gebäude den ersten Preis bei einem Architektenwettbewerb gewonnen hat. Meiner Meinung nach hat so ein Flachdach-Betonblock hier einfach nichts zu suchen.

Wenn ich dann auch noch lese:

Mit dem Besucherzentrum „Haus zur Wildnis“ sei es den Architekten gelungen, einen wichtigen Beitrag für das Bauen in der Natur zu leisten, weil sie eine in der Landschaft brachliegende Situation räumlich artikuliert und damit entschlüsselt haben.

frage ich mich ernsthaft, nach welchen Kriterien dieser Wettbewerb entschieden wurde. Für mich ist obige Würdigung nicht nur übertrieben, sondern einfach nur inhaltsloses Gefasel.

Ein „Haus zur Wildnis“ sollte meiner Ansicht nach ein Ort der Ruhe und des Schutzes für die Natur und die Tierwelt sein, und keine Bühne abgehobener Architekten. Aus meiner Sicht stört dieses Gebäude die natürliche Harmonie und den Charakter des Gebietes erheblich. Ich sehe darin einen Affront gegen die Idee des Naturschutzes, und ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie so etwas genehmigt werden konnte.

Meine ganze Vorahnung, dass das nichts ist, wird im Haus dann noch bestätigt: Schon wenn man durch die Glastür tritt, kommt man erst mal in einen Riesenraum, in dessen Zentrum völlig unmotiviert ein American-Football-Ei rumliegt, welcher als Informations-Desk dient. Links davon hängen an einer Wand acht Monitore, die just das darstellen, das ich auch sehe, wenn ich seitlich davon durch die Fenster schaue.

Links vom Ei steht eine Skulptur, die einen Luchskopf darstellt. Die Kettensägen-Arbeit ist wirklich gelungen, aber ich frage mich, warum ein – ich nehme doch an – staatliches Haus Kunstwerke von Privatpersonen zum Verkauf anbietet. Das irritiert mich schon etwas.

Direkt neben der Skulptur geht es die Treppe runter ins Untergeschoss. Dort läuft man direkt auf eine Glasvitrine zu mit einem darin ausgestellten, ausgestopften Wolf. Ganz schön riesig, das Tier, und viel, viel größer als beispielsweise ein Schäferhund.

Begehbarer Baum


Geht man nach rechts weiter, kommt man zu einem – wie der Prospekt schreibt – „begehbaren Baum“. Aus meiner Sicht ist das aber kein Baum, sondern ein um eine Kinderrutsche herumgebautes Drahtgittermodell, das jeder Maschinenbau-Student auch ohne Architektur-Kenntnisse nach kurzer Einweisung in einer einzigen Doppelstunde Unterrichts mittels eines Open-Source-3D-Modellierungsprogramms oder – etwas besser – mit Autodesk 3ds Max auch herstellen könnte.

Ein Baum, wie ich ihn kenne, hat eine Rinde, verzweigte Äste und Blätter, die sich im Wind bewegen. Das kann ein Drahtgittermodell aber niemals angemessen darstellen. Noch nicht mal die Farben des Baums stimmen. Aber um den „begehbaren Baum“ nicht ganz schlecht zu machen, begehbar ist er schon – für Kinder, die im Bauminnern hochklettern und auf einer gewundenen Rutsche wieder herunterrutschen können.

Wurzelgang


Links neben dem „Baum“ kommt man in den sogenannten „Wurzelgang“. In so einem Gang würde ich Tiere wie Regenwürmer, Ameisen, Käfer und kleine Säugetiere erwarten, die im Boden leben und mit Wurzeln interagieren, dazu lebende Pflanzen, die beispielsweise so in Terrarien oder transparenten, mit Erde gefüllten Boxen angeordnet sind, dass man deren Wurzeln sieht, zumindest aber realistische Modelle von Wurzeln und verschiedenen Pflanzen, die die Vielfalt und Komplexität des Wurzelsystems darstellen.

Doch setzen Museen im Zeitalter von Handy und Computern offenbar nur noch auf Multimedia und vernachlässigen dabei traditionelle Ausstellungsmethoden komplett.

Schade, dass ich auch dem glitzernden Steinbrocken nichts abgewinnen kann. Muskovit heißt er und hat die chemische Formel KAl2[(OH,F)2|AlSi3O10]. Aber was bringt mir diese Erkenntnis?

Natürlich bieten digitale Technologien unbestreitbare Vorteile und neue Wege der Interaktion und des Lernens, aber der Charme und die Tiefe klassischer Museumspräsentationen gehen dabei verloren.

Echte Exponate und Artefakte dagegen, die man direkt betrachten und möglicherweise auch anfassen kann, würden eine direkte Verbindung zur Natur herstellen. Diese Lernerfahrung, die ich aus meiner Schulzeit noch kenne, geht in einer rein digitalen Welt verloren.

Neben Augen und Händen gibt es nämlich viel mehr Möglichkeiten, wie man seine Umgebung erfahren und begreifen kann.

Ich frage mich beispielsweise: Wie riecht es im Bereich der Wurzeln? Wie ist der Boden beschaffen, ist er weich und rutschig oder pikst es, wenn man drüber läuft? Wie kann man sich zwischen Wurzelwerk orientieren? Ist die Erde angenehm warm oder nass und kalt? Dazu kommen, wenn ich etwas entdecke, zusätzlich noch Emotionen, deren Ursache ich gar nicht ergründen kann.

All diese Erfahrungen kann ein Monitorbild niemals vermitteln. Dazu kommt, dass mich die Flut an visuellen und akustischen Reizen einfach nur überfordert, was zwangsläufig zu einer immer oberflächlicheren und weniger nachdenklichen Betrachtung führt.

Schiefe Rampen


Kommt man aus dem „Wurzelgang“ heraus, steht man in einem weißen, lichtdurchfluteten Raum mit „unendlich vielen“ Naturfotos, die man gar nicht alle betrachten und würdigen kann.

Danach geht es eine Rampe hoch. Eigentlich ist es nur eine Rampe, die ermöglicht, dass auch Rollstuhlfahrer in die Ausstellung können (nur, wie kommen die auf dem steilen und steinigen Weg überhaupt bis zum Haus hin?). Und was macht das Haus zur Wildnis aus der Rampe? Überschwänglich wird sie als scheinbares Wunderwerk gefeiert:

Die unterschiedlichen Ebenen verbunden mit Rampen und Treppen führen den Besucher zu abwechselnden Raumerlebnissen, mit immer neuen, immer präsenten Blickbezügen zur umgebenden Landschaft. Der Besucher kann den Außenraum im Inneren des Gebäudes erleben. Das Besucherzentrum steht mit der Natur in Einklang und stellt darüber hinaus sowohl phänomenologisch wie sinnlich die richtige Antwort auf den Ort dar.

Ich frage mich langsam wirklich, was die Planer mit diesem Bau und der Texter mit diesem – aus meiner Sicht – hochtrabenden, bedeutungslosen „Experten“-Geschwafel ausdrücken wollen. Noch kurz zum Souvenirshop, wo überteuertes Zeug angeboten wird, dann verlassen wir diesen Ort.

Persönliches Fazit zum „Haus zur Wildnis“


Um es kurz zu sagen: Die Ausstellung hat mich auf ganzer Linie enttäuscht.

Ich kann die in den höchsten Tönen gelobte „innovative“ und „visionäre“ Qualität des Projekts und dessen „außergewöhnliche Qualität“ und „architektonische Bedeutung“ nicht erkennen. Auch die Vergabe eines ersten Preises für dieses Projekt erscheint mir nicht ganz nachvollziehbar. Man könnte vermuten, dass Funktionalität und Wirtschaftlichkeit des Gebäudes möglicherweise nicht im Vordergrund standen.

Schlussendlich ist der Name „Haus zur Wildnis“ für mich irgendwie an den Haaren herbeigezogen, vielleicht hat man den Namen gewählt, um die Finanzierung dieses Gebäudes irgendwie rechtfertigen zu können.

Fahrt nach Hause


Als wir zum Auto zurückkommen, ist es bereits halb vier. Eigentlich wollten wir ja noch zum Glasdorf nach Arnbruck, aber dort würden wir – wenn wir jetzt abfahren – laut Navi erst so gegen 16:10 Uhr ankommen. Wenn wir dort dann, wie geplant, 1½ Stunden blieben und demnach erst um 17:40 Uhr wegkommen, wären wir laut Navi frühestens um viertel, halb zehn zu Hause. Das können wir knicken. Also entscheiden wir uns kurzfristig, ins Navi „Zuhause“ einzutippen. Planmäßige Ankunftszeit 19:05 Uhr. Auch das ist schon recht spät.

Nach einigen Widrigkeiten – wie stockendem Verkehr oder sogar Staus – kommen wir schließlich gegen 19 Uhr und nach 588 Kilometern zu Hause an.

Fazit


Auch wenn wir nicht mit allem zufrieden waren (Stichwort „Haus zur Wildnis“), war unsere Zweitagesfahrt insgesamt eine wunderbare Mischung aus Filmkulisse (Eberhofer-Krimi, Winnetou-Festspiele), neuen Bekanntschaften (freundliche Motorradfahrer), einem guten Hotel und eindrucksvollen Naturerlebnissen. Uns bleiben die vielen schönen Momente und die neuen Eindrücke sicher in bester Erinnerung.


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