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Bio, Bäume, Bauchgefühl



Dienstag, 28.4.2026

Tiergartenrestaurant „Waldschänke“


Hier ist absolut nichts los. Kein Wunder, wenn man sich die Bewertungen bei Tripadvisor anschaut – kulinarisch schneidet die „Waldschänke“ dort nämlich nicht besonders gut ab. Aber wir wollen ohnehin nur etwas trinken, insofern sind mir die Bewertungen egal.

Was mich eher irritiert, ist die fast schon demonstrative „Bio“-Inszenierung: Auf der Karte ist wirklich jedes einzelne Produkt als „Bio“ gekennzeichnet. „Bio“-Salat, „Bio“-Fleisch, „Bio“-Wurst, „Bio“-Käse – nichts bleibt ausgelassen. Ein schlichter Hinweis wie „Alle Produkte sind Bio“ hätte es vermutlich auch getan.

Man fragt sich fast, ob hier jemand den Auftrag hatte, das Wort „Bio“ möglichst oft auf einer Speisekarte unterzubringen, die im Grunde nur ein beidseitig bedrucktes, zweimal gefaltetes DIN-A4-Blatt ist.

Für einen einfachen Tierpark-Gasthof wirkt das Ganze insgesamt erstaunlich aufgeladen: Auf der einen Seite ein kleines, überschaubares Angebot, auf der anderen Seite konsequent mit „Bio“-Etiketten versehen – was sich offenbar auch im Preisniveau widerspiegelt. Am Ende bleibt der Eindruck, dass sich mit dem richtigen Label jedes Produkt noch ein Stück exklusiver inszenieren lässt.

Aber irgendwo muss der Mindestlohn für die fünf Servicekräfte, die bei gerade einmal zwei Gästen gelangweilt Besteck aus einer Schublade nehmen, polieren und wieder einräumen oder Servietten stapeln, ja auch herkommen.

Klimawaldpfad


Seit Juli 2024 (die Grundsteinlegung war im Oktober 2023) gibt es im Tiergarten Nürnberg den Klimawaldpfad. Er beginnt direkt bei der „Waldschänke“.

Der Klimawaldpfad ist ein rund 450 Meter langer, gut begehbarer Baumwipfelpfad, der auf bis zu 20 Meter hohen Holzstützen durch die Baumkronen des Reichswalds führt. Trotz Höhenangst kann ich den ganz gut bewältigen, weil der Einstieg ebenerdig ist und auch bleibt.

Doch dann gibt es diesen einen Moment, den man als Besucher völlig unterschätzt: Man schlendert entspannt durch den Klimawaldpfad, genießt schon beinahe die Höhe und lässt den Blick über die Baumwipfel schweifen – und dann: Plötzlich sind sie da. Diese Lücken, diese Lücken. Diese entsetzlichen Lücken. Joachim Meyerhoff hat darüber sogar ein Buch geschrieben.

Über eine dieser Lücken führt ein an Ketten aufgehängter, leicht windschiefer, entrindeter Baumstamm. Das Metallgitter darunter signalisiert meinem Vernunftzentrum (lat.: präfrontaler Cortex) absolute Sicherheit. Für mein Angstzentrum (lat.: Amygdala) ist das allerdings ungefähr so beruhigend wie der Satz: „Keine Sorge, das Flugzeug fällt in der Regel nicht runter.“

Stell dir vor, du setzt den Fuß auf diesen Balken – und er bewegt sich. Kaum messbar zwar, vielleicht so, als würdest du auf eine weiche Badezimmermatte treten. Im Alltag würdest du das nicht einmal registrieren. Hier oben jedoch reagiert die Amygdala, die über Millionen Jahre ein hochoptimiertes Überlebensprogramm entwickelt hat, völlig anders: Game over. Das war’s.

Noch schlimmer ist das Netz. Es sieht aus wie etwas, das in einem Klettergarten Vertrauen schaffen soll. Dein Vernunftzentrum weiß genau: Das hält. Es hält bestimmt. das muss halten, hätte ja sonst keine TÜV-Zulassung.“ Als Gutachter habe ich genau solche Zulassungen begleitet.

Die Amygdala dagegen meldet sich mit einer ganz anderen Botschaft: „Weißt du eigentlich, was ‚Technology can never be controlled – trust no one‘ auf Deutsch heißt?“ Und allein wegen dieser sprachlichen Unsicherheit bleibe ich – entgegen jeder besseren Einsicht – den gesamten Weg über brav im Einflussbereich der Göttin Amygdala.

Was am Klimawaldpfad allerdings klasse ist: der direkte Blick in die Baumkronen und der noch nie gesehene Blick runter ins Eisbärgehege. Allein dafür hat sich der Weg gelohnt.

Auf dem Weg zu den Tapiren


Vom Klimawaldpfad aus laufen wir im Tiergarten ganz oben – im doppelten Sinn (der Weg liegt auf 370 m ü. NN, die Lagune z. B. rund 40 Meter tiefer) – Richtung Westen.

Susanne will nämlich unbedingt das Tapirbaby sehen, das hier vor einem Monat geboren sein soll. Damals war das Tapirhaus zwar vorübergehend geschlossen, inzwischen soll es aber wieder geöffnet sein, und man könne – mit etwas Glück – das Kleine schon sehen.

Da müssen wir also unbedingt hin – schließlich haben wir bei wutzels.de bisher noch kein einziges Foto eines braun-weiß gestreiften Tapir-Jungtiers.

Geparde


Zum Tapirhaus sind es zwar nur etwa 400 Meter, doch auf dem Weg dorthin liegt links noch das Gepardengehege. Geparde habe ich 2009 in Afrika ja bereits live gesehen.

Die getupften Katzen gelten als die schnellsten Landtiere der Welt. Auf kurzen Strecken erreichen sie Geschwindigkeiten von über 100 km/h – allerdings nur für wenige Sekunden, meist während der Jagd. Zum Vergleich: Der schnellste Mensch aller Zeiten, Usain Bolt, lief 2009 die 100 Meter in 9,58 Sekunden und erreichte dabei eine Höchstgeschwindigkeit von rund 36 km/h.

Ein solcher Sprint ist für die Tiere aber extrem kräftezehrend und lässt sich – wie gesagt – nur sehr kurz durchhalten. In menschlicher Obhut, etwa im Zoo, entfällt der Zwang zur Jagd. Warum sollte ein Tier also rennen, wenn es sein Futter ohne großen Aufwand bekommt?

Entsprechend verbringen die Geparden im Zoo den Großteil des Tages ruhend oder dösend. Aber auch das entspricht ganz ihrem natürlichen Verhalten: Auch in freier Wildbahn sparen sie – wann immer möglich – auch Energie und werden nur dann aktiv, wenn es wirklich nötig ist – etwa bei der Jagd.

Schwarzstorch, Murmeltier und Bartgeier


Obwohl es bis zum Tapirhaus jetzt nur noch 200 Meter sind, sind wir noch lange nicht da, denn jetzt bleiben wir bei den Schwarzstörchen, Murmeltieren und Bartgeiern stehen, die teilen sich nämlich gerade mal 100 Meter nach den Geparden ein Gehege.

Wir schauen noch einen Moment, machen ein paar Fotos und sagen uns dann – wie schon so oft an diesem Tag –, dass wir jetzt wirklich weitergehen sollten.

Und das tun wir dann auch – wobei – die Harpyien können wir ja auch nicht einfach links liegen lassen.

Harpyien


Harpyien gehören zu den größten und kräftigsten Greifvögeln der Welt. Sie leben in den tropischen Regenwäldern Mittel- und Südamerikas. Mit ihren massiven Krallen können sie sogar mittelgroße Säugetiere oder Affen aus den Baumwipfeln reißen. Trotz dieser beeindruckenden Kraft sind sie sehr scheue und eher selten zu beobachtende Waldvögel. Sie sind stark auf ungestörte Lebensräume angewiesen.

Bisher kannte ich Harpyien allerdings nur aus den Herkules- und Maciste-Filmen der 1960er-Jahre mit Reg Park oder Kirk Morris. In diesen Muskelprotz- bzw. Mythenschinken waren Harpyien (altgriechisch: „Rafferinnen“ oder „Wegreißende“) geflügelte Mischwesen, die Menschen zwar nicht direkt angriffen, ihnen aber fortwährend die Nahrung stahlen, sodass diese geschwächt wurden und schließlich elend verhungerten. Mann, habe ich mich als Sechsjähriger vor diesen „Monstern“ gefürchtet.

Die südamerikanische Harpyie wurde erst viele Jahrhunderte später von europäischen Naturforschern beschrieben. Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Größe, Kraft und ihrer Fähigkeit, selbst größere Beutetiere aus den Baumkronen zu reißen, wurde sie nach diesen mythischen Harpyien benannt.

Tapir


So, endlich sind wir da – aber wir haben kein Glück. Das Tapirhaus ist inzwischen zwar wieder für Besucher geöffnet, doch von einem Jungtier ist weit und breit nichts zu sehen. Möglich, dass es sich in einem nicht einsehbaren Bereich des Geheges aufhält, da der Nachwuchs auch jetzt noch häufig geschützt und zurückgezogen lebt.

Jetzt aber schnell


Inzwischen sind Radler und alkoholfreies Bier durchgelaufen, und der Bedarf nach einem „Zimmer ohne Aussicht“ wird immer dringlicher. Da wir hier oben allerdings kein entsprechendes Etablissement kennen, bleibt uns nur die Flucht nach vorn – beziehungsweise nach unten: Richtung „Lagunenblick“.

Mit einer leicht verkrampften, aber durchaus zielstrebigen Entschlossenheit – die selbst Marathonläufer beeindrucken würde – geht es den Berg hinunter.


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