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Die „Meeresakrobaten“ beim Weisen der Wale


Am Sonntag sind wir schon früh aufgestanden. Unser Ziel ist heute das rund 150 km entfernte Bremerhaven, wo wir den Wal-Forscher Günther Behrmann treffen wollen. Von Schneverdingen aus geht’s zunächst über Landstraßen nach Westen und dann über die A 1 nach Bremen und die A 27 schließlich nach Bremerhaven. Das ging so flott, dass wir wieder viel zu früh da sind. Geplant war eigentlich, dass wir gegen 12 Uhr in Bremerhaven sind.

Alter Holzhafen, Bremerhaven


So parken wir unser Auto am Yachthafen und machen uns zu Fuß auf Richtung „altem Holzhafen“, wo Männer am Sonntagmorgen ihre ferngesteuerten Modellboote fahren lassen und Frauen mit ihren Hunden spazieren gehen. Ein Fest für Chicco, der gleich Kontakte knüpft. Neben allem gibt es Spatzen und Möwen, die für Rüdiger super Fotomotive abgeben.

Spatz

Möwe

Beim Weisen der Wale


Gegen 11 Uhr hält uns dann nichts mehr. Wir packen einfach und klingeln beim Namensschild „Behrmann“ an einem sechsgeschossigen Backsteinhaus ganz in der Nähe des alten Holzhafens. „Aufzug 6. Stock“, sagt die Stimme in der Sprechanlage. Wir fahren hoch und werden noch im Treppenhaus fast schon überschwänglich von einem Herrn im weißen Bart und dessen Frau empfangen. „Gehen wir hoch in mein Büro“, sagt Behrmann. Diese letzten Stufen bis zum Refugium sind nur zu Fuß zu erreichen. Fast beiläufig entwischt dem Forscher ein kurzes „Tursiops“, als er auf den Anhänger von Susannes Halskette blickt. Dabei wollte Susanne die Frage nach dem außergewöhnlichen Anhänger eigentlich etwas spektakulärer gestalten, ist sie doch seit kurzem Besitzerin einer Halskette, an der der Zahn eines Großen Tümmlers, eben eines Tursiops truncatus baumelt.

Das „Wissenschaftszentrum“ Behrmanns ist ein kleines Büro vollgestopft mit Schreibtisch, Regalen und einer Sitzcouch. Was aber sofort ins Augen sticht, sind die vielen Walskelette und die anderen Präparate, die von der Decke hängen oder sonst wo auf oder in Regalen liegen. An den Wänden hängen unzählige historische Walbilder.

Delfinskelett an der Decke von Behrmanns Zimmer

Susanne

Kaum haben Susanne, Chicco und ich auf der Couch Platz genommen, legt Behrmann los. Der Mann ist wirklich ein Phänomen, auch rhetorisch, und wir haben Mühe, dem Überangebot seiner wissenschaftlichen Ausführungen, das wie eine riesige Welle über uns hereinschwappt, zu folgen. Ein sprechendes Lexikon! Was der Mann alles über Wale weiß und was der Mann schon alles erforscht und ans Licht der Welt gebracht hat. Wahnsinn. Und wir sitzen einfach da und lauschen: Privataudienz beim Weisen der Wale.

Susanne, die Schöpferin der meeresakrobaten, weiß natürlich mehr von Walen und Delfinen als ich, der nur konzentriert zuhört, und lenkt das Gespräch auf die Zähne dieser Tiere. Sie fragt den Wissenschaftler, ob es möglich sei, aufgrund der Zähne das Alter dieser Tiere zu ermitteln. Klar hat Behrmann auch das erforscht. Ich glaube, es gibt nichts, aber auch wirklich nichts, was Behrmann bezüglich Walen nicht untersucht hat. Irgendwo im Wandschrank muss die Arbeit doch sein. Bevor sich Behrmann ans Suchen macht, drückt er uns noch einen riesigen Pottwalzahn in die Hand, den wir von allen Seiten begutachten und betrachten dürfen. Schwer ist das Teil. Sicher ein Kilo oder mehr.

Pottwalzahn

Günther Behrmann

Während Behrmann seine Ausarbeitung sucht, streut er zwischendurch die Frage ein an seine „interessierten Schüler“: „Fällt Euch was auf?“ Wir lauschen, Chicco schläft. Natürlich fällt uns nichts auf. „Das ist das Problem, dass die Leute zwar was sehen, aber nichts erkennen. Der Wal hatte Karies! Das hat noch keiner entdeckt bei Walen“.

Dann hat Behrmann sein Skript gefunden. Sorgfältig in einem Ordner zusammengefasst mit unzähligen lichtmikroskopischen Aufnahmen (auf denen wir Laien gar nichts erkennen) und von Behrmann selbst erstellten Tuschezeichnungen, welche das auf den lichtmikroskopischen Aufnahmen „nicht Erkennbare“ auch für Laien veranschaulichen. Wir erfahren, dass Walzähne ähnlich wie die Jahresringe in einem Baum von innen nach außen wachsen. Zunächst entstehen wie bei anderen Tieren die Milchzähne. Diese fallen dann aber nicht aus, sondern werden später mit Ringen des bleibenden Gebisses ummantelt.

Expertengespräch

Pottwalzähne

Behrmann erzählt, dass nicht unbedingt jedes Jahr ein Ring dazukommen muss und dass die Ringe auch nicht in jede Richtung gleichmäßig wachsen. So kann es sein, erklärt er, dass – würde man ein Ziffernblatt über einen Schnitt durch einen Walzahn legen – bei 9 Uhr zwei Ringe dazugekommen sind, während sich im gleichen Zeitraum bei 4 Uhr nur ein Ring gebildet hat.

Dann referiert Behrmann darüber, wie er mit Hilfe des Reaktorunglücks von Tschernobyl nachweisen konnte, wie und unter welchen Bedingungen die Zahnringe bei Walen wachsen. Das hängt nicht nur von der Zeit ab, sondern auch davon, wo die Wale gerade leben und wo sie was zu fressen bekommen. Das würde hier aber zu weit führen, denn inzwischen ist es Mittag geworden, was nicht nur unser Magen signalisiert, sondern auch Behrmanns inzwischen dazugekommene Frau Gudrun, die uns darauf hinweist, dass wir um 12 Uhr doch zum Fischessen wollten. Man hätte Behrmann aber noch stundenlang zuhören können. Dessen Gesprächsstoff geht nie aus. Wer mehr über die Zähne der Wale lesen möchte, dem sei Kapitel 7 in der Anatomie der Wale empfohlen.

Pottwalzahn

Günther Behrmann

Fischessen im Schaufenster Bremerhaven


So machten wir uns auf zum Fischessen in einer der Packhallen am „Schaufenster Fischereihafen“. Bei Schlemmerei und Small-Talk beendeten wir dann den hochinteressanten Besuch bei Günther Behrmann und dessen Frau Gudrun. Manches habe ich verstanden, vieles nicht. Aber auch so hatte man den Eindruck, einem Mann gegenüberzusitzen, der sehr viel weiß über Wale und dessen Beruf auch im Pensionsalter „Berufung“ ist und bleibt. Behrmann ist dermaßen agil, dass man sicher noch viel von ihm hören wird, sei es im Fernsehen „Welt der Wunder“, wo sich Behrmann über Tiefseefische auslässt oder in Fachpublikationen und Veröffentlichungen, die von Freunden gelobt und Kritikern in der Fachwelt heiß diskutiert werden.

Ein bisschen stolz sind wir schon, dass sich Behrmann Zeit genommen hat für die Delfin-Frau, ihren „Haus- und Hof-Fotografen“ – und den Hund.


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