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Vom Vorbild zum Modell


Das Bahnhofsgebäude im Original


1871, kurz nach der Reichsgründung hat der damals 32-jährige Architekt Franz Schwechten das beeindruckende Empfangsgebäude des Anhalter Bahnhofs für die Berlin-Anhaltische Eisenbahn-Gesellschaft entworfen. Die Abmessungen des Gebäudes waren gigantisch. Allein die Bahnsteighalle war 170 m lang, 62 Meter breit und 34 m hoch. Dabei ist der Querbau mit der Eingangshalle und der seitliche Anbau mit dem Eingang für den Kaiser noch gar nicht mitgerechnet. Ein kolossales Gebäude also. So etwas hatte Festland-Europa bis dahin noch nicht gesehen.

Da das historische Bauwerk heute nicht mehr erhalten ist, soll ein im Berliner Technik-Museum ausgestellte Modell seine gewaltigen Ausmaße und die bauliche Gestaltung anschaulich vermitteln.

In Spur N ergäbe das ein Bauwerk der Größe 106 cm x 39 cm x 21,5 cm. (Ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass Menschen in dieser Baugröße gerade mal 11 mm groß sind). Damit war schnell klar, dass eine vollständige maßstäbliche Darstellung – selbst in Spur N – erhebliche Platzprobleme verursachen würde.

Trotzdem will ich die Anlage bauen, mit Bahnhofsgebäude, Gleisvorfeld und Landwehrkanal-Brücken. An diesem Vorhaben führt kein Weg dran vorbei!

Die Planung des Modells


Um meinem Vorhaben einen seriösen Anstrich zu geben, recherchierte ich 1980 häufiger im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Dabei stieß ich unter anderem auf das Buch „Ingenieurwerke Berlin“ von 1906. Vor meinem geistigen Auge nahm das Gleisvorfeld des Anhalter Bahnhofs bereits konkrete Formen an: Die rund 600 Meter Gleise zwischen Landwehrkanal und Bahnhof wollte ich möglichst genau als Modell nachbilden. In H0 hätte die Anlage dafür mindestens sieben Meter, in Spur N etwa vier Meter Länge benötigt.

Dass eine solche Anlage in meiner Studentenwohnung unmöglich war, wusste ich natürlich. Trotzdem fertigte ich schon damals erste Prinzipskizzen an und plante, wie das Gleisvorfeld später einmal aussehen sollte.

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Mitte der 1980er-Jahre verschlug es mich nach dem Studium beruflich in ein kleines Weindorf am Kaiserstuhl. Dort hatte ich in einem Gästezimmer erstmals etwas mehr Platz. Wegen der räumlichen Möglichkeiten entschied ich mich endgültig für Spur N – doch damit waren die Probleme nicht gelöst.

Schon bei der Planung des Gleisvorfelds stellte sich heraus, dass die damals verfügbaren Weichen viel zu große Abzweigwinkel besaßen, um das Vorbild annähernd maßstäblich nachzubilden. Also blieb nur der Selbstbau der Weichen – eine äußerst mühsame Arbeit.

Das Gleisvorfeld des Anhalter Bahnhofs


Bei der Umsetzung des Gleisplans zeigte sich zunächst ein grundlegendes Problem: Die damals erhältlichen Weichen von Minitrix, Fleischmann, Arnold und anderen Herstellern hatten viel zu große Abzweigwinkel, um das Vorbild annähernd nachzubilden. Also blieb nur der Eigenbau. Bei der Hobby-Ecke Schumacher in Steinheim besorgte ich Schienenprofile und Schwellen. Die Schienen mussten mit kleinen Stahlnägeln von Hand befestigt werden. Dabei splitterten zahlreiche Schwellen, und die Arbeit erwies sich als derart mühsam, dass ich diesen Versuch schließlich wieder aufgab. Bei Bercher und Sternlicht in Basel entdeckte ich Weichen, Kreuzungen und Hosenträger der japanischen Firma Shinohara, die meinen Vorstellungen wesentlich näherkamen. Die Teile waren allerdings sehr teuer, sodass ich sie mir nur nach und nach leisten konnte. Auch sie mussten für mein Gleisbild angepasst und teilweise mit dem Dremel gekürzt werden. Ein falscher Schnitt konnte schnell 50 oder 70 DM kosten.

Das Bahnhofsvorfeld war schließlich weitgehend fertig. Auf einer etwa 1 × 0,5 Meter großen Sperrholzplatte lagen drei Hosenträger, fünf Doppelkreuzweichen, sechs einfache Weichen und eine Dreiwegweiche. Insgesamt waren bereits Gleise im Wert von mehr als 1.000 DM verbaut.

Zunächst war die Platte allerdings nicht mehr als ein Brett, auf dem ich meine Modelle von Hand hin- und herschieben konnte. Trotzdem gefiel mir die schlanke und harmonische Gleisentwicklung außerordentlich gut. Obwohl ich die Strecke bis zum Landwehrkanal aus Platzgründen etwa halbiert hatte, wirkte das Gleisbild erstaunlich glaubwürdig. Und doch! – Schließlich stellte ich die Platte neben den Schlafzimmerschrank – und vergaß sie dort erst einmal.

Da mein vorhandenes Gleisvorfeld bereits etwa einen Meter Länge beansprucht, blieb für das Bahnhofsgebäude und den Bereich südlich des Landwehrkanals nicht mehr viel Platz übrig. Trotzdem stand für mich fest: Das Bahnhofsgebäude, das Gleisvorfeld und die Brücken am Landwehrkanal sollen Teil der Anlage werden.

Wegen der Platzverhältnisse entschied ich mich daher, das Bahnhofsgebäude nicht vollständig darzustellen. Geplant sind das Südportal und die ersten 100 Meter der Halle bis zum sechsten Dachbinder – in Spur N immerhin auch rund 60 Zentimeter. Doch auch in dieser verkürzten Form soll das charakteristische Erscheinungsbild des Anhalter Bahnhofs eindeutig erkennbar bleiben. Wie der Bereich jenseits des Landwehrkanals gestaltet werden kann und wie viel Platz dafür benötigt wird, ist jetzt allerdings noch offen.

Der erste Prototyp


Auch wenn Pläne etwas Tolles sind, so möchte man doch, d. h. ich möchte (wenigstens in Teilen) auch mal etwas Reales in der Hand haben. Aus diesem Grund habe ich mir auf eine 3mm-Sperrholzplatte (die kostet nicht viel) die Hallenstirnwand mit den markanten 3 Toren und den 9 Arkadenfenstern aufgemalt und mit der Laubsäge ausgesägt.

Zwei rückseitig angebrachte Kanthölzer sorgten dafür, dass die dünne Wand nicht umfiel. Zum ersten Mal stand das Südportal tatsächlich vor mir – und seine gewaltigen Dimensionen wurden unmittelbar erlebbar.

 


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