Mein Anhalter Bahnhof – Am Anfang war es nur ein Traum
Der Anfang der Begeisterung
Immer wenn ich erzähle, dass ich als N-Bahner den „Anhalter Bahnhof Berlin“ baue, werde ich gefragt, wie groß die Anlage werden soll. Über solche Fragen kann ich nur den Kopf schütteln – Träume kann man schließlich nicht in Metern messen.
Angefangen hat meine Begeisterung vor rund 60 Jahren. Als Kind bekamen wir von unserem Vater eine Märklin-Eisenbahn, die allerdings nur an Weihnachten aufgebaut wurde, denn eine Modelleisenbahn war damals etwas ganz Besonderes. Die Anlage bestand aus einer großen Acht, zwei Bergen, einem Dorf mit Kirche und sogar einem Trolley-Oberleitungsbus von Eheim.
- Meine kleine Schwester vor unserer Modellbahn
- Wir Kinder vor unserer Modellbahn
Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Weihnachtsabende mit dem merkwürdigen „Ampere“-Geruch. Ob er vom Trafo stammte oder tatsächlich irgendwo Funken sprühten und Ozon entstand, weiß ich bis heute nicht. Jahre später begegnete mir derselbe Geruch während meiner Lehre als Werkstoffprüfer wieder, als ich die Ozonfestigkeit von Scheibenwischergummis prüfte.
Unser Vater baute damals vieles selbst: die Häuser aus Sperrholz – schließlich war er Schreiner – und die Berge aus mit Gips getränkten Stoffbahnen. Für die Berge opferte er sogar sein Hochzeitshemd. Dazu soll er gesagt haben: „Ich werd‘ wohl kein zweites Mal heiraten.“
Diese Weihnachtsabende haben meine Erinnerung an die Modelleisenbahn nachhaltig geprägt.
Schulzeit
Als Schüler glaubte ich natürlich, alles besser zu können. Deshalb wollte ich die einfache „8“ meines Vaters zu einer gigantischen Anlage umbauen. „Tausend“ Züge sollten fahren und Brücken fünffach übereinander liegen.
Meine Fantasie ging allerdings mit mir durch. Am Ende glich die Anlage eher einem „Schweizer Käse“. Die Steigungen waren für die Züge unbefahrbar, und die engen Industrie-Radien ließen die D-Züge in ihrer Zick-Zack-Form wie teilweise aufgeklappte Zollstöcke aussehen.
Das Ergebnis war eine Reihe von Misserfolgen: Die Anlage meines Vaters war zerstört und meine eigene Fantasie-Eisenbahn nicht vorzeigbar. Damit wurde das Thema Modellbau erst einmal „zu den Akten“ gelegt.
Studium in Berlin
Viele Jahre später, während meines Studiums in Berlin, brach der „Eisenbahnvirus“ plötzlich wieder durch. Mit meiner günstigen Studentennetzkarte erkundete ich die Stadt ausgiebig per U-Bahn. Besonders die damalige Linie 1 zwischen Schlesischem Tor und Ruhleben hatte es mir angetan. Auf ihrer Strecke konnte man zahlreiche Facetten Berlins und die unterschiedlichsten Menschen kennenlernen. Da ich in Neukölln wohnte, fuhr ich auf dem Weg zur Universität meist mit der Linie 7 bis Möckernbrücke und stieg dort in die Linie 1 um.
Eines Tages im Juli 1980 nahm ich nach der Universität nicht die U-Bahn, sondern ging zu Fuß durch den Großen Tiergarten, vorbei an Philharmonie und Nationalgalerie, Richtung Landwehrkanal. Am Halleschen Ufer wollte ich eigentlich weiter zur Möckernbrücke – doch aus einem mir bis heute unbekannten Grund bog ich ab.
- Die Ruine des Anhalter Bahnhofs
- Detail der Ruine des Anhalter Bahnhofs
- Was von einst stolzen Bahnhof übrig blieb
Kurz darauf stand ich vor der Ruine des Anhalter Bahnhofs. Der einst prächtige und bedeutende Berliner Bahnhof war 1958 gesprengt worden; übrig geblieben war nur ein kümmerlicher Rest. Der Anblick der Ruine und die darin spürbare, von Menschen verursachte Vergänglichkeit bewegten mich tief.
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