Würzburg hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt
Wir machen am Kranenkai fest. Über eine Gangway gehen wir hoch aufs Mainufer und dann weiter Richtung Innenstadt.
Döner mit allem – scharf ja, Chef nein!
Nach der Fahrt haben wir Hunger und suchen etwas Schnelles, Bezahlbares. Fündig werden wir an der Ecke Juliuspromenade/Ulmer Hof. An der Theke begrüßt uns der Verkäufer – genauer gesagt: nur mich – mit einem freundlichen: „Was darf’s sein, Chef?“
Sicher meint er es nett. Vermutlich ist es seine Art, mit Kunden locker ins Gespräch zu kommen. Trotzdem ärgert mich diese aufgesetzte Vertraulichkeit. Mit 72 Jahren habe ich schon einige Formen der Höflichkeit erlebt – aber diese Art von „Chef“-Anrede wirkt auf mich nicht respektvoll, sondern eher wie eine Floskel, die mir ungefragt eine Rolle zuweist, die ich gar nicht haben möchte.
„Zwei Döner mit allem“, sage ich knapp – ohne das sonst übliche „bitte“. Für einen kurzen Moment überlege ich, ihn im Gegenzug „Praktikant“ zu nennen. Ich lasse es bleiben. Damit würde ich mich nur auf dieselbe Ebene begeben.
„Mit scharf?“ „Ein bisschen.“ „Alles klar, Chef. Knoblauch- oder Kräutersoße?“ „Knoblauch, beide.“ Er stopft die Döner routiniert in Papiertüten, legt sie auf Teller und reicht sie mir herüber – diesmal ohne Anrede. Vielleicht hat er an meinem Blick gemerkt, dass ich auf den Chef-Titel keinen Wert lege.
- Döner
- Mit vollem Einsatz
Während wir vor uns hin mümmeln, beobachten wir durch das Fenster das Treiben draußen. Der erste Eindruck ist eher ernüchternd: Es wirkt alles ein wenig schmuddelig und weniger charmant, als wir uns Würzburg vorgestellt hatten. Da Susannes ehemaliger Chef – ein richtiger Chef (!) – aus Würzburg stammt und er Würzburg stets in den höchsten Tönen gelobt hat, fällt dieser Kontrast besonders auf.
Würzburg – der Funke will einfach nicht überspringen
Unser Weg führt uns die Juliuspromenade hinauf, voller Erwartungen, schließlich verbindet man mit dem Namen „Würzburg“ ja Residenz, Barock und eine beeindruckende historische Kulisse- Doch zumindest hier – auf der großspurig „Promenade“ genannten Straße will sich das Gefühl bei uns nicht so recht einstellen.
Der erste Eindruck ist eher ernüchternd: Statt einer prachtvollen Straße erwartet uns ein ziemlich austauschbares Stadtbild. Dönerbuden, Pizza- und Falafelstände, Spielhallen, günstige Modegeschäfte, Schuhläden, Drogerien, Elektronikmärkte und 1-Euro-Läden prägen das Bild. Eher eine beliebige Einkaufsstraße also als der Zugang zu einer Stadt mit großer Geschichte. Susanne würde ja ganz gerne in den Gruschtläden stöbern, aber sie weiß genau, dass das mit mir nicht zu machen ist.
Tatsächlich beschreiben auch andere Würzburg-Besucher die Juliuspromenade im Netzt eher funktional, denn als besonders attraktiv: In Reisebewertungen wird sie häufig als wichtige Verbindung, aber nicht als eine der schönsten Straßen Würzburgs beschrieben. Der Kontrast zwischen dem historischen Anspruch Würzburgs und dem eher alltäglichen Erscheinungsbild der Straße ist also nicht nur uns aufgefallen.
- Stift Haug
Nach 15 Minuten kommen wir am Stift Haug an. Erbauer der Kirche soll der Architekt Antonio Petrini sein, fertiggestellt wurde der Bau 1691. Aber auch die Kirche reißt mich nicht weg. Nachdem wir jetzt schon fast eine Stunde hier sind, hab ich in Würzburg noch nichts gefunden, was mich so richtig fasziniert. Immer wieder sag ich zu Susanne: „Mensch, bin ich froh, dass ich damals die Stelle in Würzburg nicht bekommen habe. Hier würde ich eingehen wie eine Primel.“ Zugegeben – dieser erste Eindruck wird dem „eigentlichen Würzburg“ vielleicht nicht gerecht, aber ich fühl mich hier einfach nicht wohl.
Ein Zwetschgendatschi unter Schutzlack
Viertel nach drei – höchste Zeit für unseren Nachmittagskaffee. In der Kaiserstraße entdecken wir ein kleines Stehcafé mit Sitzgelegenheiten draußen. Genau das spricht uns an, also gehen wir hinein. Die Hoffnung auf eine gemütliche Kaffeepause schwindet allerdings schnell: Über der Kuchentheke kreisen gefühlt tausend Wespen. Eigentlich wollen wir gleich wieder umdrehen, aber eine Alternative finden wir auf die Schnelle nicht. Also bestellen wir zwei Cappuccini und zwei Zwetschgenkuchen und setzen uns mit unserem Tablett nach draußen.
Der Cappuccino ist mittelmäßig. Doch der eigentliche Kulturschock kommt beim Kuchen: Zwetschgenkuchen mit Tortenguss. Ich wiederhole: Tortenguss! Das geht gar nicht! Ein Zwetschgendatschi braucht keinen glänzenden Überzug – und schon gar keinen, der so gut zum Kuchen passt wie Parkettlack auf eine antike Kommode.
- Datschi unter Schutzlack
- Stehcafé in Würzburg
Natürlich kann es regionale Unterschiede geben. Aber selbst der fränkische Quetschenblootz kommt traditionell ohne diese glibberige Schicht aus. Vielleicht war der Tortenguss ja auch nur als Schutz gegen die Wespen gedacht. Falls ja, hat er seinen Zweck erfüllt: Obwohl die Viecher im Innenbereich des Cafés zu Hunderten über der Kuchentheke kreisten, macht sich an diesem Kuchen keine einzige zu schaffen. Offenbar wissen selbst die Wespen, dass man um Datschi mit Überzug besser einen Bogen macht.
Vorm Bahnhof
Ein weiterer Minuspunkt: Das Stehcafé verfügt nicht einmal über eine Toilette. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als zum Hauptbahnhof rüber zu gehen. Dort wartet der nächste ernüchternde Eindruck.
Rund um den Bahnhof und den Eingangsbereich treffen wir nämlich auf zahlreiche Obdachlose, die hier ihren Tag verbringen. Die Atmosphäre wirkt wenig einladend und passt leider zu dem Bild, das sich schon den ganzen Nachmittag zeigt: Zwischen den beeindruckenden historischen Bauwerken und der touristischen Fassade gibt es Seiten der Stadt, die uns so richtig abturnen.
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