Handy vs. Profi-Technik
Dienstag, 28.4.2026
Fahrt zum Tiergarten Nürnberg
Um viertel neun fahren wir bei 75009 km los. Es hat 10°C. Es sind zwar nur 7 ½ km bis zum Tiergarten, doch durch Berufsverkehr und mehrere Baustellen dauert die Fahrt deutlich länger als gedacht. Statt der im Navi angegebenen 12 Minuten brauchen wir schließlich eine gute halbe Stunde.
Dafür haben wir Glück bei der Parkplatzsuche: In der Schmausenbuckstraße finden wir einen Platz, keine 150 Meter vom Eingang entfernt. So sind es bis zum Eingang nur noch zwei Minuten zu Fuß. Susanne lädt mich ein.
Tiergarten Nürnberg
Bei strahlendem Sonnenschein werden wir am Eingang von zwei Bronzefiguren begrüßt, die 1912 von Philipp Kittler gestaltet wurden: links ein Mann mit Löwe, rechts eine Frau mit Tiger und Kakadu. Ursprünglich standen die Figuren im alten Tiergarten am Luitpoldhain in der Nähe des Reichsparteitagsgeländes. Erst 1939 wurden sie hierher versetzt.
- Skulptur „Mann mit Löwe “
- Skulptur „Frau mit Tiger und Kakadu“
Bis heute empfangen sie die Besucher am Eingang des Tierparks. Viele gehen daran vorbei, ohne zu wissen, dass diese Figuren über 100 Jahre alt sind und eine Denkweise widerspiegeln, die um 1900 verbreitet war: die Vorstellung nämlich, dass sich die Natur und ihre wilden Tiere dem Menschen unterzuordnen haben.
Ich weiß nicht genau warum, aber jedes Mal, wenn wir im Tiergarten Nürnberg ankommen, führt uns der erste Weg zu den Toiletten, etwa 100 Meter links hinter dem Eingang. Danach geht es wieder zurück zum Bionikum – genauer gesagt ins Naturkundehaus im Erdgeschoss des Bionikums.
Rotschnabeltoko
Direkt hinter der Tür befindet sich rechts eine Schauanlage, welche die offene afrikanische Savanne sowie die Buschlandschaft südlich der Sahara nachbildet. Dort leben vergesellschaftet Mangusten und Rotschnabeltokos.
Leider ist von den Mangusten nichts zu sehen, dafür begrüßen uns einige Rotschnabeltokos – Vögel, die ich auch schon auf meiner Safari 2009 in Tansania gesehen habe. Sie fallen vor allem durch ihren langen Schnabel und ihr auffälliges Verhalten auf. Geschickt bewegen sie sich zwischen den Ästen auf der Suche nach Insekten, kleinen Früchten und anderer Nahrung. Besonders charakteristisch ist ihr lautes, trompetenartiges Rufen, das man in der Savanne oft schon aus der Ferne hört.
- Auch Rotschnabeltokos müssen frühstücken.
- Rotschnabeltokos kommen in Afrika vor.
Seidenspinne
Danach kommen wir zu einem kleinen, in grünliches Licht getauchten Terrarium, in dem eine Seidenspinne lebt. Die Beleuchtung lässt die Umgebung fast geheimnisvoll wirken und hebt die feinen Strukturen ihres Netzes besonders gut hervor.
Ihr Körper – genauer gesagt ihr Hinterleib – ist zwar nur etwa so groß wie ein 3-mm-Holzdübel, ihre langen Spinnenbeine (ha, ha: Spinnenbeine) sind jedoch so ausladend, dass sie theoretisch oben auf einer Kaffeetasse sitzen könnte, ohne hineinzufallen.
Seidenspinnen produzieren extrem feine, aber zugleich sehr stabile Spinnfäden. Mit diesen bauen sie ihre Netze, die als Fallen für Beutetiere dienen. Die Seide ist dabei eines der stabilsten natürlichen Materialien überhaupt – im Verhältnis zu ihrer Dicke sogar stärker als Stahl. Dabei verwenden die Spinnen unterschiedliche Fadentypen: klebrige Fäden zum Festhalten der Beute und tragende, stabile Fäden für die Konstruktion des Netzes. So entstehen hochkomplexe Fangsysteme, die perfekt an ihre Lebensweise angepasst sind.
- Seidenspinne
- Riesenvogelspinne
Brasilianische Riesenvogelspinne
Im Terrarium neben der Seidenspinne ist – quasi als Kontrast, ein zweites. rot ausgeleuchtetes Terrarium. Darin sitzt eine Brasilianische Riesenvogelspinne, die anscheinend die viertgrößte Vogelspinnenart sein soll. Im Durchmesser ist sie etwa handtellergroß, sie ist aber sehr viel gedrungener als die feingliedrige Seidenspinne und eher massig gebaut und deutlich kräftiger. Ihr Körper wirkt kompakt wie ein kleiner, dichter Pelzball, die Beine sind kurz und stark behaart, sodass sie insgesamt deutlich „plüschiger“ und deutlich schwerer wirkt als die filigrane Seidenspinne. Das wirkt aber nicht nur so, das ist auch so: Während die Seidenspinne etwa so viel wiegt wie eine Büroklammer (1 – 2 Gramm) hat die Riesenvogelspinne schon das Gewicht einer mittelgroßen Kartoffel (> 100 Gramm).
Blauer Baumwaran
Bevor sich die Nackenhaare endgültig aufstellen, gehen wir weiter zum Terrarium mit dem „Blauen Baumwaran“. Diese Tierart wurde erst 2001 entdeckt und wissenschaftlich beschrieben und stammt offenbar von einer kleinen Insel vor Neuguinea. Viel mehr ist darüber bisher nicht bekannt.
Was aber klar ist: Der Name „Blauer Baumwaran“ kommt nicht von ungefähr. Der etwa 30 cm lange, schlanke Körper – der eher an eine größere Eidechse erinnert – ist intensiv blau gefärbt und von hellen Bändern und Punkten durchzogen. Besonders im künstlichen Licht des Terrariums wirkt diese Färbung beinahe unwirklich, fast so, als wäre das Tier gemalt statt echt.
- Blauer Baumwaran
- Mehr Schwanz als Tier
Der lange Schwanz macht einen großen Teil der Gesamtlänge aus und wirkt fast wie ein eigenes, zweites Tier, das sich ständig um Äste und Strukturen im Gehege windet. Mit erstaunlicher Leichtigkeit klettert das Tier über die Einrichtung, wobei seine scharfen Krallen sicheren Halt auf jeder Oberfläche finden.
Trotz seiner auffälligen Farbe fügt sich der Waran erstaunlich gut in seine Umgebung ein – ein lebendiges Beispiel dafür, wie perfekt Tiere getarnt sein können.
Jetzt aber genug gegruselt. Susanne möchte weiter ins Bionikum.
Bionikum
Das Bionikum ist ein kleines, interaktives Museum, in dem sich alles um Bionik dreht – eine Wissenschaft, die untersucht, wie die Natur Probleme löst und wie sich diese Lösungen auf technische Entwicklungen übertragen lassen. Dabei werden Tiere und Pflanzen genau betrachtet, um ihre besonderen Fähigkeiten zu verstehen und sie als Vorbild für technische Innovationen zu nutzen.
Zu den bekanntesten Bionik-Phänomenen gehören unter anderem:
- der Lotuseffekt, bei dem Wasser und Schmutz einfach von Oberflächen abperlen, wie es bei der Lotuspflanze der Fall ist, oder
- der Klettverschluss, der nach dem Vorbild von Kletten entwickelt wurde, die sich mit kleinen Häkchen im Fell von Tieren festsetzen.
- Auch der sogenannte Sandfisch (eine Wüsten-Echse) dient als Vorbild in der Bionik, da es ihm seine glatte, schuppenartige Haut ermöglicht, nahezu „durch“ Sand zu schwimmen und sich schnell im Untergrund zu bewegen.
- Dann gibt es noch den Haifischhauteffekt, bei dem die besondere Struktur der Haihaut mit ihren winzigen Schuppen dafür sorgt, dass Wasser deutlich strömungsärmer an ihr vorbeigleitet. Dieses Prinzip wird zum Beispiel, um den Widerstand zu verringern, bei Schwimmanzügen oder Flugzeugoberflächen genutzt,
All diese Beispiele zeigen eindrucksvoll, wie vielfältig die Natur als Ideengeber für technische Lösungen sein kann.
Östliches Graues Riesenkänguru
Wir gehen weiter zum Gehege der Östlichen Grauen Riesenkängurus. Während ich noch mit meinem Kamera-Equipment kämpfe – einer Canon 750D mit 100–400-mm-Zoomobjektiv (2,2 kg) und einer Canon 600D mit 24–100-mm-Objektiv (1,3 kg) – merke ich schnell, wie unhandlich das gesamte 3½-Kilo-Paket genau in dieser Situation ist.
Beide Kameras hängen gleichzeitig um den Hals, das schwere Teleobjektiv zieht nach unten, und jeder Wechsel zwischen den Brennweiten dauert viel zu lange. Alles wirkt in diesem Moment eher wie ein technisches Fitnessprogramm als wie entspanntes Fotografieren.
Hinzu kommt, dass die 750D unter bestimmten Bedingungen nicht zuverlässig auslöst. Bei dieser Kamera spielt der Autofokus nämlich eine zentrale Rolle: Im AI-Servo-Modus (kontinuierlicher Autofokus) arbeitet das System bei wenig Kontrast und wechselnden Lichtverhältnissen oft unsicher, sodass einfach nicht scharfgestellt wird. Im One-Shot-Modus hingegen löst die Kamera nur dann aus, wenn der Fokus eindeutig bestätigt ist. Werden beide Bestätigung nicht erreicht, bleibt der Auslösemoment schlicht aus – die Kamera verweigert den Schuss. High-Tech eben.
- Wer bist du denn?
- Känguru mit Kinderstube
Susanne dagegen, die einfach ihr Handy nutzt, ist längst mitten im Geschehen. Kein Objektivwechsel, kein Gewicht, das zieht oder stört – einfach mur zielen und auslösen. Und tatsächlich entstehen in diesen Momenten völlig mühelos unverschämt beeindruckende Bilder: klar, nah dran und genau im richtigen Augenblick. Als ich schließlich so weit bin, ist der „Sack zu“ und der „Beutelexpress“ längst weitergehüpft. Das perfekte Motiv ist vorbei.
Das versetzt mir schon einen Stich: Während ich noch über Brennweiten, Fokus und Auslösebedingungen nachdenke, hat Susanne ihre starken Bilder längst im Kasten. Das wurmt natürlich – aber zum Glück stellt sie mir ihre Aufnahmen für den Bericht zur Verfügung.
- Familientreffen
- Der „Beutelexpress“ hüpft weiter.
Und genau hier zeigt sich aber auch, wie gut das Zusammenspiel in einer 34 Jahre dauernden Ehe funktioniert: Jeder hat seine Stärken, jeder sieht die Situation auf seine Weise. Während ich versuche, das Geschehen technisch sauber und bewusst festzuhalten, fängt Susanne die spontanen, schnellen Momente intuitiv ein. Am Ende ergibt das „Wir“ ein Bild.
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