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Ein Abend ganz nach Fährtles-Art



Damals Medizin, heute undenkbar


Beckstein – nein, nicht der „Nach-zwei-Maß-fahr-ich-noch“-Politiker, sondern der Weinort Beckstein ist auch bekannt für seine Brenntradition und die vielen feinen Schnäpse und Liköre, die hier hergestellt werden. Zwischen den ausgezeichneten Destillaten der Region entdeckte ich auf einer Verkaufstafel u.a. auch einen Blutwurzelschnaps, der prämiert worden war. Sofort musste ich an meine Oma denken, die früher selbst „Durmadill“ machte – so nannte sie den Blutwurzansatz

Ich habe diesen Schnaps als Kind gehasst: den bitteren Geschmack, das Brennen im Hals, diesen eigenwilligen Kräuterton. Und trotzdem musste ich ihn manchmal trinken, wenn ich Bauch- oder Halsweh hatte – denn bei uns galt: „Des hilft!“ Oma vertraute noch auf die Kraft der alten Hausmittel und sagte mit einem Augenzwinkern:

„Nemmsch Durmadill ond Bibernell, stirbsch edd so schnell.“

Stell dir vor, Großeltern würden heute ihren Enkeln als „Arznei“ Alkohol einschenken. Das Geschrei möchte ich hören.

Keine Blüte bleibt unbeschnuppert


Unterwegs zeigt sich wieder einmal Susannes ganz besondere Beziehung zur Pflanzenwelt: An keiner Blüte kommt sie vorbei, ohne sich vorher eine gründliche Geruchsprobe zu gönnen. Ob am Wegesrand, im Garten oder neben einer Hauswand – sobald irgendwo eine Blüte leuchtet, wird aus dem Spaziergang kurzerhand eine kleine Duftinspektion.

Auch auf unserer heutigen Fahrt macht sie keine Ausnahme. Die Edelrosen werden ebenso sorgfältig geprüft wie die Oleander. Während ich noch weitergehen möchte, steht Susanne schon wieder mit geschlossenen Augen vor einer Pflanze und sammelt einen weiteren Duftmoment. Man könnte meinen, sie führt heimlich ein persönliches Blütenduft-Tagebuch – und ich bin nur derjenige, der darauf wartet, dass irgendwo – wie bei der berühmten Szene mit Dudley Moore in „10 – Die Traumfrau“ – irgendwann eine Biene ihre Meinung dazu kundtut. Von solchen Gefahren lässt sich Susanne aber nicht beeindrucken und bleibt ihrer Mission treu: Jede Blüte muss erschnuppert werden!

Hier schmeckt sogar die Stille


Nach wahnsinnigen 750 Metern Weg sind wir nach 20 Minuten wieder am Adler. Es ist recht warm, sodass uns – obwohl wir Becks dabei haben – der Sinn eher nach einem frisch gezapften Bier steht – in einem Weindorf (!). Dafür könnte die große Terrasse des Hotels kaum besser geeignet sein. Sie liegt leicht erhöht über dem Parkplatz und lädt geradezu dazu ein, den Tag bei einem kühlen Pils ausklingen zu lassen.

Im Adler wird Distelhäuser Pils ausgeschenkt, das nur wenige Kilometer nördlich in einem familiengeführten Brauereibetrieb gebraut wird. Und ich bin ehrlich überrascht: Nach meinem Empfinden liegen Beck’s und Distelhäuser geschmacklich erstaunlich nah beieinander – klar, frisch, angenehm herb und mit einer sauberen Hopfennote. Das Distelhäuser wirkt vielleicht einen Tick weicher und ausgewogener, während das Beck’s in der Bittere etwas knackiger daherkommt. Im direkten Vergleich sind die Unterschiede deutlich kleiner, als man angesichts des regionalen Stolzes vermuten würde. Nach den Diskussionen um den „Zwetschgendatschi“ und die Würzburger „Pflaumentorte“ hatte ich ehrlich gesagt etwas mehr „Regionalität“ erwartet.

Mein Fazit: Wer Beck’s mag, wird sich auch mit einem Distelhäuser sofort anfreunden. Und in Tauberfranken trinkt sich das regionale Pils natürlich mit einem kleinen Heimvorteil.

Was aber mindestens genauso bemerkenswert ist wie das Bier, ist die Ruhe in Beckstein. Sie tut fast schon weh. So eine Stille sind wir gar nicht mehr gewohnt – das genaue Gegenteil zu dem Kindergeschrei auf dem Schiff heute Nachmittag.

Beckstein, Becks und 1 Prozent


Nach der Erfrischung auf der Terrasse ziehen wir uns auf unser Zimmer zurück. Schließlich kann man eine so gemütliche Sitzecke nicht einfach ungenutzt lassen – und Becks und Chips haben wir ja auch noch dabei – beides wäre ja fast schon Verschwendung. Also wird die kleine Hotel-Lounge kurzerhand zum privaten Fernsehsalon umfunktioniert.

Im Fernsehen läuft „Das 1% Quiz – Wie clever ist Deutschland?“. Zwischen Fragen, Chipskrümeln und einem kühlen Beck’s lassen wir den Abend gemütlich ausklingen.


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