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They call it Paradise

Meine allererste große Reise


2. Dezember 1988. Wir hatten noch in meinen Geburtstag hinein gefeiert und sind dann am frühen Morgen, so gegen 4:00 Uhr ins Bett. Jetzt ist’s 7:00 Uhr. Oh nein – Telefon! Meine Mutter, mein Bruder und meine Schwester lassen es sich nicht nehmen, mir noch Geburtstagsgrüße auszurichten und für die Reise alles Gute zu wünschen. Bis der Zug fährt, ist es noch etwas mehr als eine Stunde Zeit hin. Zeit genug also für ’nen Gang in die Badewanne. Wer weiß, wann ich jemals wieder in einen solchen Genuss komme.

Dann ist er da, der große Augenblick, auf den ich hingefiebert habe und vor dem ich auch Angst hab‘. Ich schnappe meinen Seesack – den Rucksack hab ich da reingestopft, damit im Flugzeug und auf den Transportbändern die Schlaufen nicht abgerissen werden – und stiefle los. Das Gepäck ist saumäßig schwer, und beim Gedanken, damit später durch den Dschungel laufen zu müssen, frag ich mich, ob ich sie wirklich eigentlich noch alle hab‘. Also wirklich, ich weiß nicht, entweder werd‘ ich auf den Philippinen ein Muskelprotz werden oder aber, was viel wahrscheinlicher ist, ich sterb‘ tot.

Mit dem Zug geht’s nach Stuttgart und dann über Böblingen, Horb, Rottweil, Tuttlingen, Singen nach Zürich. Ich hab ein Sechser-Abteil ganz für mich allein, und da niemand da ist zum Reden, les ich etwas in meinem Reiseführer, mehr angstvoll als interessiert:

„… es sind die Gegensätze, die dieses Land für den Reisenden so interessant machen: die quirlende Weltstadt Manila und einsame Inseln mit herrlichen Stränden und Korallengärten; Orte, die fast nur aus Bars bestehen, und Bergstämme, die nach eigenen Gesetzen leben; gigantische Reisterrassen und weite Zuckerrohrfelder; aktive Vulkane und hallengroße Höhlen mit unterirdischen Flüssen und Seen; schattige Palmenwälder und dichte Dschungel. Nicht zu vergessen die ungewöhnlich freundlichen Menschen, die anscheinend immer lachen und fröhlich sind…“

Flughafen Klooten, Zürich


Das Gepäck ist inzwischen aufgegeben, und ich hab‘ jetzt nur noch meine Fototasche bei mir. So kann man sich schon viel besser bewegen. Dann … Letzter Aufruf des Fluges SQ 84 nach Singapore. Zum ersten Mal in meinem Leben betret‘ ich einen Jumbo-Jet. Ein riesiger Vogel ist das. Wahnsinn! Ich hab‘ einen Fensterplatz links, kurz hinter der Tragfläche. Neben mir sitz eine Familie aus Tschechien. Niemand, der Englisch spricht, niemand, der Deutsch spricht. Das kann ein langer Flug werden!

Während ich die Karte fürs Abendessen studiere, erklärt der Kapitän die Route: Der Flug soll gehen über Zypern, Saudi Arabien, Indien…

Das Weinglas in der Hand, das Abenteuer vor mir, zurückgelehnt in einem der äußerst bequemen Sessel des Singapore-Airlines-Jumbos läßt’s sich leben. Im Bordvideo läuft ein amerikanischer Spielfilm. Unter uns verschwinden die letzten Lichter, dann umgibt uns Dunkelheit. Nur noch das rhythmische Blitzen der Positionslichter an den Flügelspitzen durchschneidet den Nachthimmel. Vergangene Nacht kaum geschlafen und überwältigt von den Aufregungen der allerersten Weltreise tauch‘ ich recht schnell weg.

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe. Jedenfalls ist es jetzt 14:45 Uhr Ortszeit und Flug SQ 84 befindet sich im Landeanflug auf Singapore. Die Wolkendecke ist dicht geschlossen. Vom Land, geschweige denn vom Flughafen ist nichts, aber auch gar nichts zu sehen. Doch Sekunden später schon durchstoßen wir die Wolken, und ganz vage kann man da unten einen langen nassen Streifen sehen, der vermutlich die Landebahn darstellt. Es gießt in Strömen. ‚Eine Stunde Verspätung‘, sagt der Kapitän, als er die Maschine butterweich aufsetzt und uns im Regen Singapurs herzlich willkommen heißt.

Eine Stunde Verspätung. Ob die Anschlussmaschine nach Manila warten wird. Ich renn‘ los. Wo mein Gepäck ist, weiß ich nicht. Als ich am Check-In-Counter ankomme, plärrt aus dem Lautsprecher auch schon die letzte Aufforderung zum Flug nach Manila. Ich sitz noch kaum und schon startet der Airbus A320 seine Triebwerke und hebt ab.

Mein Platz ist genau in der Mitte des Flugzeugs, so dass ich weder von der See noch von den Inseln was zu sehen bekomme. Aber wenigstens hab‘ ich eine sehr nette Reisebegleiterin, eine Filipina, mit der ich mich sehr gut unterhalten kann. Die Zeit vergeht, und das klingt hier wirklich etwas komisch, wie im Flug. Kaum haben wir unseren Tee getrunken und über meine Reisepläne geredet, kündigt das ‚Fasten Seatbelts‘-Signal auch schon die bevorstehende Landung in Manila an. Doch von Abenteuerlust ist nun nichts mehr vorhanden. Keine Spur. Ich bin nur hundemüde und sonst nichts.

Mit dem Taxi zum Kanumayan Tourist Inn


Mit dem Taxi fahr ich zum Kanumayan in der Leon Guinto Street. Das Hotel hab‘ ich in Jens Peters Reiseführer gefunden. Dort wird es als sauberes, ruhiges und gutes Mittelklassehotel angeboten. Und die „Mitte“, so scheint mir, ist zum Anfang am besten geeignet. Man kann dann immer noch nach oben oder unten.

Na ja, beste Wohngegend scheint das hier ja nicht gerade zu sein. Was mir gleich auffällt, sind die unwahrscheinlich hohen Bordsteine und dass hier und da mal ein Loch im Gehweg ist, wo man leicht in die Kanalisation reinsehen oder auch reinfallen kann. Über mir hängen die Stromleitungen kreuz und quer in allen Himmelrichtungen herum. Da wohn‘ ich also. Ich in so müde, dass ich erst mal reingeh ins Hotel und versuche anzukommen. Morgen werde ich dann erst mal die Gegend erkunden. Im ersten Moment machen die Gäste im Kanumayan Tourist Inn alle irgendwie einen feineren Eindruck. Allerdings – wenn man länger hinguckt – sind doch einige da, die wohl nur der Mädchen wegen hier sitzen.


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