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Dienstag, 29.05.2012 – tagsüber

Im Bus nach Sanremo


Genau 15 Minuten später ist der Bus da. Ich steig ein, such mir ´nen Platz und orientier´mich. Aha, so geht das: Wenn man aussteigen will, drückt man (wie in Deutschland auch) den Kopf, dann blinkt eine Anzeige „fermata prenotata“ und sobald der Bus hält, kann man aussteigen. Ein paar Stationen nach dem Alten Bahnhof von Sanremo steig´ich an der Ecke Via Roma/ Corso Augusto Mombello aus. Rechts runter geht’s zum Hafen. Wege die sich mir allesamt eingeprägt haben von meinen unzähligen Touren seinerzeit mit der Diana II.

Am Hafen angekommen, kann ich die Corsara aber nirgendwo entdecken. Vielleicht fährt sie wegen des Wetters ja doch nicht. Trotzdem geh´ ich jetzt einfach mal den Corso Nazario Sauro entlang, linker Hand am ehemaligen Büro der Diana II vorbei. Das Büro, in dem ich 2001 Silvia kennenlernte, ist heute verrammelt und vernagelt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gibt´s aber immer noch den Supermarkt Centro Nautico per Mare. Dahinter, auf der rechten Seite am Kai lag damals immer die Diana II. Einer alten Gewohnheit gemäß muss ich dort hin.

Am alten Hafen


Die Diana II ist verständlicherweise nicht mehr da, die Corsara aber auch nicht. Dafür aber ein Häuschen und ein Mann, der zum Häuschen gehört. Das sieht gut aus! Da kann man zumindest fragen. „Prendete oggi?“ „Sì, il Corsara partire oggi.“ Obwohl es trüb ist, hätten wir beste Konditionen, sagt Alberto. Das Meer sei heute sogar „tranquillo in particolare“, also extrem ruhig. Ich hab mal wieder mehr Glück als Verstand. Das ist einfach irre! Ich freu mich so! Ein einziges Mal innerhalb meiner 4 Tage in Italien besteht die Möglichkeit rauszufahren und die Corsara fährt tatsächlich. Da kaufe ich natürlich gleich mein Ticket. 32€ kostet das für 4½ Stunden Whalewatching. Um 12:00 Uhr geht´s los. Bis dahin habe ich noch ein bisschen Zeit und so seh´ ich mal nach, ob es auf der anderen Seite des Hafens, noch immer den Fischmarkt gibt. Wenn nicht, macht´s nichts. Die Ausfahrt jedenfalls ist gesichert! Ich bin total happy!

Ich hab den alten Hafen umrundet und steh jetzt vorm Mercato Ittico Piccola Pesca an der Molo Sud. Den Fischmarkt gibt´s noch immer und in meinem Überschwang frage ich die Fischer mit meinem Zwei-Brocken-Italienisch, ob ich fotografieren dürfe: „Posso fotografare?“. Ob das tatsächlich Italienisch ist? Keine Ahnung, jedenfalls sagen die meisten der Fischer „Si, naturalmente“ und ich habe irgendwie den Eindruck, dass sie, die sowieso gastfreundlich sind, sich mächtig freuen, wenn ein Tourist versucht, Landessprache zu sprechen, auch wenn´s total holpert und es manchmal auch nur 2 Worte sind.

Stolz räumt mir einer sogar die Preisschilder weg, damit ich die Fische besser sehen kann. Dabei bräuchte er das gar nicht, denn die Fische sind, verglichen, was wir in Augsburg oder München zahlen müssen, extrem preisgünstig. Scorfani (sind ja eigentlich Skorpione, sehen aber wie Fische aus) kosten 12 €/kg. Zuppa (ein Fisch, der Suppe heißt?) 8 €/kg, Totani (Tintenfisch) 20 €/kg, Scarpe (Schuhe?) 5 €/kg, Murena (Muränen) 5 €/kg und Verdoni (bucks) ebenfalls 5 €/kg. Trotz italienisch-Wörterbuch weiß aber nicht, was, was ist. Ich könnte noch stundenlang fotografieren, aber ich muss die Zeit im Auge behalten. Nicht dass mir die Corsara durch die Lappen geht. Momentan aber sehe ich sie noch nicht.

Corsara


Und plötzlich ist sie da. Die Corsara fährt rüber zur Anlegestelle auf der Nordseite. Während sie nur 100 Meter übers Hafenbecken schippern muss, muss ich wieder um das ganze Hafenbecken herum. Also spute ich mich. An Bord ist eine junge hübsche Frau, die mein schwäbisches Englisch allerdings nicht versteht. Wir rufen einander zwar zu, sprechen aber super aneinander vorbei. Mit an Bord ist ein kleiner Beagle, der versteht mich auf Distanz aber auch nicht.

Tja die gute alte Corsara. Seit Ewigkeiten kenne ich sie schon. Seinerzeit gehörte sie noch Bluwest. Heute gehört die Corsara Golfo Paradiso und das hat mit Bluwest gar nichts mehr zu tun. Die Gründe kenne ich nicht. Die Diana II ist ja jetzt auch weg – in Sizilien. Whalewatching in Ligurien scheint ein hartes, und möglicherweise nicht rentables Geschäft zu sein. Da kann man als Tourist aber auch nicht fragen. Da bekommst du nichts heraus. Dafür habe ich aber inzwischen herausbekommen, wie der Hund heißt. Morgan heißt er, ist 5 Monate alt und nunmehr der Bord-Hund. Ich hab mich gleich mit ihm angefreundet, denn noch bin ich vorne am Bug (Den Ausguck-Platz habe ich immer!) mutterseelenallein. Nur eben der Hund noch.

Die Sonne kommt heraus, über Land aber sind noch immer dichte Wolken. Überm Meer aber bereits viel Sonne. Ganz komische Stimmung. Trotzdem freu ich mich. Als wir ablegen, sind vielleicht zehn Leute an Bord, wenn´s hoch kommt. Das ist mir aber egal. Hauptsache, ich hab mir den Platz vorne am Bug gesichert. Wir fahren zunächst in Sichtweite der Küste Richtung Osten. Viel zu nah an der Küste, um hier in der Gegend Delfine zu sehen. Bei jedem Ort rätsel ich, ob ich ihn noch kenne, aber die Stadtsilhouetten habe ich in den 5 Jahren, die ich nicht mehr hier war, komplett aus meinem Gedächtnis gelöscht.

Einen Ort allerdings kenne ich aus Tausenden heraus. Mit dem Dom oben am Hügel kann das nur Imperia Porto Maurizio sein. Dacht ich mir´s doch, dass die mit 10 Leuten nicht rausfahren. Hier am Kai von Imperia stehen nochmal etwa 50. Das macht weiter aber nichts, weil die Corsara sicher auch noch das Doppelte verkraften könnte. Kaum 10 Minuten später legen wir wieder ab und fahren nun schnurstrakts raus aufs offene Meer. 18 Knoten macht die Corsara, wenn sie volle Kraft fährt. Das sind etwa 33 km/h. Da lacht sich ein Delfin ´nen Ast. Der, wenn er fliehen müsste, schafft locker 20 km/h mehr. Ich Durchschnitt aber fährt die Corsara mit weniger als 20 km/h. Das unterscheidet Whalewatching in Ligurien beispielsweise vom Whalewatching auf dem Azoren, wo manche Unternehmen mit teilweise affenschnellen Zodiacs unterwegs sind und die Delfine nur noch jagen. Diese Form des Whalewatching lehne ich rigoros ab! Wir sind jetzt aber hier und gehen einer sanfteren Form des Whalewatching nach. Nach 25 Minuten etwa ragt auf der Backbord-Seite eine Flosse aus dem Meer. Alles ist total aufgeregt, nur die Besatzung nicht. Ich schätze, dass wir eben an einem Mondfisch vorbeigefahren sind. Ein Delfin jedenfalls war das nicht.

Die Küste verschwindet langsam hinter uns. ´Ne halbe Stunde später sind wir – geschätzt – 15 bis 16 km weit draußen. Man sieht jetzt nichts mehr von der Küste. Nur diesen Riesen-Pott, die dänische Lexa Maersk. Die muss jetzt ja nun wirklich nicht sein! Da können wir Delfine-Gucken gleich abschminken. Die Stimmung sinkt. Um uns bei Laune zu halten, erklärt die Biologin, wo wir gerade sind und dass man hier die Möglichkeit hat, 8 verschiedene Delfinarten zu entdecken. (Anmerkung: Das stimmt nicht ganz, es sind, wie weiter oben schon geschrieben, 4 Wal- und 4 Delfinarten) „Sie können uns bei der Beobachtung helfen. Melden Sie sich, wenn sie was entdecken.“. Übrigens, solltet ihr auch mal mit der Corsara fahren, werdet ihr die Frau auf jeden Fall wieder erkennen, denn fast jeden Satz beendet sie mit einem „okay?“, bei dem sie das a und das y hinten nach oben zieht. Das ist dermaßen auffällig und auch nervig, dass ich mal mitgezählt hab: In 2½ Minuten 22 „Okays“. Das ist sicher Guinness-Buch-Rekord verdächtig. Ob sie selbst das weiß?

Inzwischen ist das Containerschiff aus unserem Blickfeld verschwunden. Wir sind nun das einzige Boot weit und breit. Es ist total ruhig. 50, 60 Augenpaare und die Corsara-Spezialisten mit ihren roten Augen scannen den Horizont ab. Ich selbst kann nirgendwo etwas sehen. Meine Augen sind zu Schlitzen zusammengekniffen, denn es ist gleißend hell. Das Einzige, was ich sehe, ist, dass wir nun in einen Bereich vordringen, in dem die Wasseroberfläche heller erscheint als im übrigen Meer. Ist das Meer hier sauerstoffreicher? Werden wir hier Delfine finden? „Wir sind 11 Meilen (20 km) draußen“, sagt die Biologin, „an einer Stelle, wo das Meer 1500 m tief ist.“ (Nur so am Rande. Von hier aus bis nach Korsika sind es noch etwa 140 bis 150 km. Wir sind also so gesehen immer noch relativ nahe an der Ligurischen Küste!)

Tenete gli occhi aperti – Halten Sie die Augen offen


Das Boot drosselt den Motor. Der Mann oben im Ausguck mit den roten Augenverlängerungen schaut gebannt nach 11:00 Uhr. Hat er schon etwas im Visier, etwas, das wir noch nicht mal erahnen? Die Spannung steigt. Bald müssten wir doch auch was sehen. „Tenete gli occhi aperti“, sagt die Stimme im Lautsprecher. Halten Sie die Augen offen. Mit einem „buona fortuna“ überlässt uns die Biologin uns unserer Aufgabe.

Und dann sind sie da! Die Kamera arbeitet im Hochbetrieb. Klack, klack, klack, klack, klack. Zum Glück ist die neue 600D erheblich schneller als meine bisherige 300D. Die Anschaffung, die ich eigentlich für unsere geplante Whale-Watching-Tour im Sommer in Irland getätigt habe, besteht jetzt, in diesem Augenblick, ihre Feuerprobe. Ich schieß ein Foto nach dem anderen.

Nach etwa einer halben Stunde ist das Spektakel vorbei. Nicht etwa, weil die Tiere verschwunden wären, sondern weil die Corsara ganz einfach weiterfährt. Eine halbe Stunde hatten wir die Meeressäuger auf dem Schirm. Sie haben mit uns gespielt und sich präsentiert. Vielleicht haben sie darüber ganz das Fressen vergessen. Wir wissen nicht, ob wir sie bei irgendwas gestört haben oder nicht. Jedenfalls sind wir ungefragt in ihr Reich eingedrungen. Mir hat die Delfinbegegnung eine Menge gebracht. Länger als die halbe Stunde sollten wir die Tiere dann auch nicht stören, oder würde Sie es wollen, den ganzen Tag, wie bei Big Brother beglotzt zu werden?

Finnwale


Manche an Bord maulen, weil wir keine Wale gesehen haben. Ich verstehe das nicht. Mir geben die quirligen Delfine immer viel viel mehr. Natürlich kann man im Mittelmeer auch Finnwale sehen, die zweitgrößten Wale überhaupt. Das klingt wahnsinnig spektakulär, aber ist es das auch? 2007 habe ich diese Finnwale sogar fotografiert. 7 oder 8 m lange „treibende Baumstämme“, mehr ist das nicht. Finnwale sind nämlich viel träger als Delfine, man sieht kaum etwas von ihnen und sie machen auch kein Spektakel. Noch nicht mal beim Abtauchen. Im Gegensatz zu Pottwalen beispielsweise, zeigen Sie beim Abtauchen noch nicht mal ihre Fluke. Sie sind, wenn sie untertauchen, einfach weg. Ruhig, besonnen, so wie sie gekommen sind.

Streifendelfine


Wir haben heute Streifendelfine gesehen! Mir genügt das. Die Biologin erklärt im Detail, was wir gesehen haben, was diese Art Delfine tut, wie sie lebt usw. usw. Viele hören gar nicht hin. Ich auch nicht. Stattdessen strömen all in den Innenraum der Corsara, wo man abseits des grellen Sonnenlichts auf den Displays der Digitalkameras die Ausbeute sichten kann. In der Summe bin ich sehr zufrieden. Zumindest zwei, drei Bilder sind sogar der absoluter Hammer.

Zum Abschluss der Tour will ich mir auf der Corsara noch was zu Trinken kaufen. Dafür gibt´s an Bord einen Automaten, an dem man auch Süßigkeiten und Knabbereien kaufen kann. Aber der läuft nicht. Er nimmt zwar Geld an, aber man bekommt dafür nichts. Mitglieder der Crew schütteln und rütteln, boxen und klopfen, aber es geht einfach nicht. Das ist dann nicht so toll. Schlussendlich erhalte ich dann aber doch noch meine Flasche Wasser. Was nicht so toll ist, dass die Getränke in Plastikflaschen angeboten werden. Wir haben schon viel zu viel Plastik in den Meeren und so eine leere Plastikflasche geht bei Wind schon mal leicht über Bord. Allerdings habe ich hier und heute am Mittelmeer noch keinen schwimmenden Plastikmüll gesehen.


< 29.5.2012 Villagio dei Fiori 29.5.2012 spätnachmittags in Sanremo >
4 TAGE IN LIGURIEN
LIGURIEN WHALE WATCHING

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