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Ischia, Pompeji, Vesuv – Am Golf von Neapel

von Rüdiger Hengl

Prolog


„Größer, weiter, exklusiver.“ So werben die uns allen bekannten Reisebüros. Aber es muss nicht immer die große Weltreise sein. Mitte des letzten Jahrhunderts waren unsere Eltern und Großeltern bereits glücklich, wenn sie mit Käfer oder Isetta Richtung Süden fahren konnten. Die Harten fuhren mit dem Motorroller und die ganz Verwegenen gar mit dem Rad.

Aber warum haben die Leute alle diese Strapazen auf sich genommen? Weil Italien etwas bot, was es in Deutschland nicht gab: Ungezwungenes Leben und sinnenfreudiges Genießen. Auch ein halbes Jahrhundert später ist Italiens Reiz ungebrochen.

So haben wir, meine Frau Susanne, unser Sohn Simon und ich, uns 1999, kurz vor der Jahrtausendwende aufgemacht, um dieses Flair, dieses Feeling und ein bisschen Nostalgie für uns lebendig werden zu lassen. So was geht natürlich nicht mit dem Flugzeug. Deshalb haben wir die Strapazen einer Busfahrt auf uns genommen und sind einen halben Tag und die ganze Nacht hindurch von Augsburg startend nach Neapel gefahren, die Musik der 50er und 60er des letzten Jahrhunderts im Ohr. Wer Ischia weniger im 50er und 60er Stil, sondern ganz aktuell erleben will, dem empfehle ich folgende preiswerte Möglichkeit auf Ischia Urlaub zu machen.

Um sechs Uhr früh waren wir dann endlich im Hafen von Pozzuoli. Nur noch 50 Minuten mit der Fähre und wir sind da, auf der Trauminsel unserer Väter und Großväter.

Ischia


So ‘ne Überfahrt ist für uns immer ein Erlebnis. Die meiste Zeit verbringen wir an Deck und halten Ausschau. Für Ischias Stammgäste ist die Überfahrt Routine. Sie kommen jedes Jahr hierher, oft zwei- oder dreimal. Beim ersten Mal, um gesund zu werden, und bei den weiteren Malen – trotzdem! Die 50 Minuten sind schnell vorbei. Ischia liegt nun direkt vor uns. Links der 398 Meter hohe Mont di Vezzi, rechts der ischitanische Inselberg schlechthin, der fast doppelt so hohe Monte Epomeo.

Wir erreichen Casamicciola, wo halboffene Microtaxis auf die gerade ankommenden Touristen warten. Nach kurzer, holperiger Fahrt erreichen wir unser Hotel in Forio.
Nachdem die Zimmer bezogen sind, haben meine Frau und ich so richtig Lust, erst mal die nähere Umgebung zu betrachten. Natürlich mit Kamera. Wir liefern uns einen regelrechten Fotografier-Wettbewerb. Mit Dia-Film natürlich, wie es sich für slides-only gehört. Überall gibt’s was zu sehen.
Der Stechginster am Weg zur Stadt steht den Anpflanzungen in der Hotelanlage in nichts nach. Dann das Meer! Was für ein Anblick! Wir sind total begeistert. Nach zwanzig Minuten Fußmarsch erreichen wir Forio. Typisch für den Ort sind die Torrione, ehemalige Verteidigungstürme. Sie wurden gebaut, als die mittelalterliche Stadtmauer den aus allen Nähten platzenden Ort nicht mehr fassen konnte.
Ein Lichtblick Ischias sind auch die Kirchen, z.B. Santa Maria del Soccorso, die Kirche der Fischer. Einfache, schwarze Holzkreuze auf dem Kirchenvorplatz erinnern an jene Fischer, die von ihrer Arbeit nicht mehr nach Haus gekommen sind. Außer Santa Maria del Soccorso gibt es, so habe ich gezählt, allein in Forio 15 weitere Kirchen.

Um auf Ischia autark zu sein gehen wir erst mal in den nächsten Zeitungsladen. Denn nur dort gibt’s Busfahrkarten. Und die braucht man, wenn man so wie wir die Insel mit öffentlichen Verkehrsmitteln erkunden will. Busfahren ist preiswert. Die Stundenkarte beispielsweise kostet 1,50 DM, die Tageskarte 5 Mark und die Wochenkarte so um die 20 Mark (Stand 1999). Stunden und Tageskarten bekommt man in Forio praktisch überall, Wochenkarten dagegen nur im Zeitschriftenladen „Il Mattino“ in der Via Verde gleich gegenüber dem Hauptmarkt und der Post. Eine der wichtigsten Buslinien ist die Linie CS. Sie startet – wie alle Buslinien – in Ischia Porto und bedient die Insel auf einer 36 km langen Straße rund um die Insel. CS steht für circulare sinistra und bedeutet »links rum«. Entsprechend gibt’s eine Linie, die recht rum fährt, die circulare destra, kurz CD. Mit diesen beiden Linien kommt man buchstäblich überall hin. Zu den wenigen Orten, die nicht an der Ringstrecke liegen, fahren Anschlussbusse.

Monte Epomeo


Am nächsten Tag wollen wir den Bus dann auch gleich austesten. Wir fahren zum höchstgelegenen Ort Ischias, den man mit dem Bus erreichen kann, nach Fontana. Dort beginnt der Weg für unsere Wanderung auf den Epomeo. Ganz wichtig! Starten Sie nie um neun, denn da starten die geführten Touren. Und noch ein Tipp, ziehen Sie gute Schuhe an, möglichst mit Profilsohle. An manchen Stellen ist der Weg zum Epomeo recht glatt getreten und man kommt leicht ins Rutschen. Proviant mitzunehmen brauchen Sie nicht. Unterwegs gibt’s genügend Einkehrmöglichkeiten. Selbst am Gipfel gibt’s zwei ausgezeichnete Restaurationen. Es geht steil bergan. Ungeübten wie uns wird da schon einiges abverlangt. Kein Wunder, dass der eine oder andere bereits nach 10 Minuten in Versuchung kommt, einer verlockenden Alternative zu erliegen. Denn hinter einer Wellblechwand bietet ein freundlicher Herr den Ritt zum Epomeogipfel an, auf einem Muli, für 30 Mark. Rauf und runter. Aber ist es wirklich das, was ich will, auf einem Maultier verschaukelt zu werden? Und ist es nicht eine ganz andere Sache, wenn man selbst, durchgeschwitzt oben ankommt, sagen kann „Ich hab’s geschafft“ und sich dann zur Belohnung in der Gipfelgaststätte ein Weißbier gönnt?

50 Minuten sind wir schon unterwegs und der Weg ist ganz schön anstrengend. Wenn man aber erst mal bei diesem Trampelpfad angekommen ist, dem Trampelpfad, den unzählige Wanderer vor uns in den weichen Tuff getreten haben, dann hat man’s beinahe geschafft. Eine letzte Rast noch und dann Endspurt zum Gipfel.
Oben, endlich oben. 798 Meter überm Meer. Auf Ischias höchstem Berg. Monte Epomeo. Dass der Epomeo hier ist, hängt im wesentlichen damit zusammen, dass sich aufgrund vulkanischer Tätigkeiten unter dem Meer die Ischitanische Bruchscholle über die Tyrrhenische schob, wodurch Ischia erst auftauchte. Die ganze Insel ist dann vor 30 Millionen Jahren zwar noch mal in die darunter liegende Magmakammer eingebrochen, kam vor 600 000 Jahren dann aber wieder nach oben. Doch das sind geologische Feinheiten, die ich selbst nicht verstehe.

Was ich aber sagen will – der Epomeo ist nach neuesten Erkenntnissen kein Vulkan. Wir sind vor einem Ausbruch also sicher – hoffe ich doch – und genießen die grandiose Aussicht. Wir müssen uns richtig zwingen, uns von diesem Panorama zu trennen und langsam an den Rückweg zu denken. Für den Abstieg wählen wir die westliche Route, durch dunkle und schattige Wälder. Eine Stunde später sind wir dann aus dem Wald heraus und wieder umgibt uns die gewohnt üppige Blütenpracht Ischias. Bei der Kirche Santa Maria del Monte machen wir eine letzte Rast. Als wir gegen 19:00 Uhr wieder zuhause in Forio sind und mit einem Gläschen Wein in der Hand den Tag Revue passieren lassen, sind wir uns einig: Der Epomeo ist ein absolutes Muss!

Mont di Vezzi


Am nächsten Tag dann geht’s zum „kleinen Bruder“, zum Mont di Vezzi. Aber wer meint, dass die Strapazen beim halb so hohen Berg nur noch halb so sind, der hat sich geschnitten. Schon der Weg zum Mont di Vezzi verlangt uns alles ab. Er ist schmal und steil und liegt in der prallen Sonne. Erst auf dem Hochplateau werden wir für unsere Mühen belohnt. Mit riesengroßen Schmetterlingen und mit Monster-Heuschrecken, die bestimmt 15 cm lang sind, groß, wie wir sie noch nie gesehen haben. Wir sind fasziniert. Außer den Tieren treffen wir hier oben aber niemanden an. Pampa total. Farn und Brombeersträucher haben auch den letzten Trampelpfad überwuchert und Wegweiser gibt’s hier oben eh nicht. Nach ewig langem orientierungslosen Umherirren dann ein Lichtblick. „Mach’ mal Pause“ steht auf dem Schild dort an der Kneipe. Und das tun wir dann auch. In der Kneipe von Signor Trani erfahren wir dann, wo wir sind – nämlich in Piano Liguori. Wenn man wie wir in der Vorsaison kommt (Ende Mai, Anfang Juni), dann hat man die ganze Terrasse für sich allein, wo man – ohne von irgend jemandem gestört zu werden – das traditionelle Mahl genießen kann: Kaninchen, Brot und Wein.

Weinbau


Nachdem wir so richtig geschlemmt haben, geht’s weiter Richtung Campagnano und damit mitten hinein in die Weinberge. Weinbau hat auf Ischia schon seit je her eine Rolle gespielt. Bis 1851 die Reblaus kam – und die ganze Ernte zunichte machte! Von dieser Katastrophe erfuhren damals auch Guiseppe, Gaetano und Antonio San Filippo, drei Brüder, die auf den liparischen Inseln nahe Sizilien schon ähnlichen Situationen gegenüberstanden. Sie waren sicher, helfen zu können. Weil die Ischitaner glaubten, dass das unmöglich sei, boten sie den Brüdern, ohne groß zu überlegen, die Hälfte der Weinernte der kommenden drei Jahre an, wenn sie nur der Reblaus Herr würden. Die Brüder investierten all ihr Geld und ließen von den vulkanischen Inseln ihrer Heimat Schwefel heranschaffen. Damit besprühten sie die Weinterrassen Ischias so lange, bis auch die letzte Reblaus ausgerottet war. Als 1856 die Reben wieder ausschlugen und Früchte trugen, wollte sich von den ischitanischen Weinbauern aber keiner mehr an das Versprechen erinnern. Guiseppe soll darüber vor Kummer gestorben sein. Gaetano und Antonio wurden vergessen. Mit einem Sack voll Schulden und einer Erfahrung reicher (tue Recht und traue niemand) kehrten sie nach Lipari zurück. Als ob die Ischitaner für ihr schändliches Tun bestraft werden sollten, kam genau hundert Jahre später eine Raupenplage über die Insel. nahezu alle Zitrusgewächse wurden vernichtet. Ob das die Ischitaner endlich wachgerüttelte? Wer weiß? Jedenfalls steht heute am Ortseingang von Porto eine Gedenktafel, die an Gaetano San Filippo erinnert – daneben ein „ewiges Licht“.

Ischia Porte


Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte aber nicht nur die Reblaus in Ischia, sondern auch Ferdinand II. Von ihm wird erzählt, dass er im Juli 1853 auf der Terrasse der Villa Reale gesessen habe und zum Meer hinunter blickte, als ihm der Gedanke kam: „Don Camillo,“ soll er seinen Baumeister gerufen haben, „Don Camillo, seht ihr den See dort unten? Wir müssen ihn sofort mit dem Meer verbinden. Das wird einen vorzüglichen Hafen abgeben!“ Zwei Wochen später begannen die Bauarbeiten. Es heißt, Ferdinand II habe dem Fels „höchstmajestätisch“ selbst den ersten Hammerschlag versetzt. Ein Jahr später war der Hafen fertig und konnte eingeweiht werden. Heute ist Ischia Porto Anlegestelle riesiger Fähren, dass man sich wundern muss, wie die überhaupt in den kleinen Hafen hinein kommen.

Ischia Ponte


Im strahlenden Sonnenschein schlendern wir weiter nach Ischia Ponte, wo Open-Air-Cafeterias um ihre Gäste buhlen. Mit Erfolg, wie man sieht. Plötzlich überfällt meine Frau Susanne der Heißhunger nach einer Bruschetta, einem himmlisch schmeckenden Knoblauchbrot, das zusätzlich mit süßen kleinen Tomaten belegt. Da lassen sich unser Sohn Simon und ich auch nicht lange bitten. Dann aber geht’s weiter, schließlich sind wir ja nicht zum Völlern hierher gekommen. Unser nächstes Ziel ist Castello Aragonese. Ein Damm führt direkt zum Haupteingang.

Castello Aragonese


Am Castello Aragonese heißt es dann erst mal sich entscheiden: Wählt man profan den Fahrstuhl, den die Touristen gewöhnlich nehmen, oder nimmt man einen 10minütigen Fußmarsch in Kauf, bergwärts durch die überwältigenden Gartenanlagen des Kastells? Wir entscheiden uns (natürlich) für das Zweite.
Als erstes besuchen wir die Kathedrale der Assunta. Die Kirche war ursprünglich romanisch, wurde aber Anfang des 18. Jahrhunderts (wie fast alle Kirchen auf Ischia) mit barocken Stuckarbeiten „bereichert“. 1809 ist sie dann unter den Kanonenschüssen der Engländer in sich zusammengefallen. Die Krypta unterhalb der Kathedrale blieb von den Kanonenschüssen unbehelligt. Deshalb kann man hier an verschiedenen Stellen noch Fresken bewundern, die original aus dem 14. Jahrhundert stammen sollen.
In einen anderen Gebäude findet man Erinnerungen an einen makaber anmutenden Totenkult: Die Gräber der Klarisserinnen. Die Toten des 1575 gegründeten Nonnenordens wurden nicht – wie wir es kennen – bei-, sondern eher hingesetzt, in einem speziellen Raum mit sogenannten Sitzgräbern. Hier versammelten sich die hinterbliebenen Nonnen zum täglichen Gebet. Angesichts der verstorbenen Mitschwestern sollten sie sich Gedanken machen sein und Vergänglichkeit.

Wir verlassen die düsteren Katakomben des Castellos – nicht ohne tief gerührt (und auch ein wenig geschüttelt) zu sein. Da wenden wir uns doch lieber wieder dem Leben zu und welcher Platz wäre dazu besser geeignet, als der üppig blühende Garten rund um die Gemäuer des Castellos Aragonese. Mit einem letzten Blick auf Ponte verabschieden wir uns vom Castello. Den Abend verbringen wir dann (wie jeden Abend) in unserem Quartier in Forio.

Schiffsrundfahrt


Absolutes Pflichtprogramm für jeden Ischia-Touristen ist die circa 2stündige Schifffahrt rund um die Insel. Dabei sieht man den pilzförmigen Tuffblock „Il Fungo“, der ursprünglich mal vom Epomeo herunter gerollt sein soll und nun im Hafen von Lacco Ameno liegt oder die Küste am Punto Caruso, nicht nur das Castello Aragonese, in dem wir gestern waren und die von Wind- und Wassererosion zerfurchte Felswände im Süden der Insel mit ihrem grau-grün übereinander geschichteten Lavagestein, sondern schlussendlich auch noch die Küste von Punta Imperatore im Westen Ischias.

Sant Angelo


Irgendwann aber kommt jeder nach St. Angelo, dem Traum von einem Fischerdorf. Hier wollen Susanne, Simon und ich aussteigen und den Abend verbringen. Zu vorgerückter Stunde werden wir dann mit dem Bus nach hause fahren. Denn auch hier fährt die Buslinie CD. Und sie fährt bis Mitternacht und – was das schönste ist – der Bus hält direkt vor unserem Hotel.

Man müsste schon ein Dichter sein, oder ein Maler, um die ganze Stimmung Sant Angelos einfangen und beschreiben zu können. Wir können’s nicht. Aber wir sind beseelt und lauschen der leisen Musik am Hafen, genießen den köstlich süßen Limoncello. Schon klar, warum unsere Väter und Großväter geträumt haben von „Bella Italia“.

Geologie


Die geologische Entstehungsgeschichte Ischias hängt eng zusammen mit unterirdischen Kräften und Erschütterungen. Manchmal schlug die Erosion Purzelbäume. Auch geothermisch hat Ischia einiges zu bieten. Wir wollen versuchen, ob wir irgendwo eine Fumarole, Schwefeldämpfe oder eine heiße Quelle finden. Thermalwasser soll ja wahre Wunder bewirken.

In welcher Weise, das hat der italienische Arzt Giulio Jasolino im Jahre 1558 beschrieben. Zitat: „Die heißen Wasser und trockenen Dämpfe der Quellen richten krumme Beine gerade – und auch jedes andere menschliche Glied – So wie ein Tischler Tischbeine gerade biegt – mit Feuer und Wasser.“

Hinter der Halbinsel Monte werden wir fündig. In der winzigen Bucht von Sorgeto ergießt sich eine Thermalquelle direkt ins Meer. In dieser warmen Lurge liegen dann die Menschen und versprechen sich Heilung. Ich kann nicht anders, aber von hier oben sehen sie für mich aus wie rotgekochte Frösche. Das müssen wir uns näher ansehen. Aber je weiter wir nach unten kommen, desto heißer wird es. Die Kleider kleben am Körper. 5 Minuten halten wir’s da unten aus, dann müssen wir umdreh’n. Der Dampfkessel „Sorgeto Bucht“ bringt uns zum Triefen.

Tags drauf, an einem Strand bei St. Angelo machen wir den ultimativen Test. Der Boden ist heiß, man kann es gar nicht beschreiben. Ohne Schuhe könnte man sich an diesem Strand überhaupt nicht mehr aufhalten. Aber darauf weisen die überall aufgestellten Hinweisschilder ja auch hin. Noch eins am Rade: Außer in Japan gibt es nirgendwo auf der Welt so viele verschiedene Thermalvorkommen wie auf Ischia und die werden natürlich kommerziell ausgeschlachtet. Ein Beispiel ist die Therme Linda zwischen Sant Angelo und Maronti.

Vom Maronti-Strand geht’s dann wieder mit dem Bus weiter. Hoch nach Testaccio und Barano bis hin zur Straßenbrücke „Ponte di Buonopane“. Dort steigen wir aus. Von hier aus sind’s nur wenige hundert bis zur Nitrodi-Quelle, deren Wasser vor allem bei Hautkrankheiten helfen soll. Die meisten Touristen nutzen natürlich die Naturdusche aus, sehr zum Missfallen der Verkäuferin am Stand, die das „Heilwasser“ natürlich überteuert in Flaschen verkaufen will.

Als ich Sommer 2000 noch mal dort war, war der Hahn zugedreht und man hat das Wasser in eine neu gebaute Badeanstalt umgeleitet. Und damit auch ja keiner auf die Idee kommt, umsonst und draußen duschen zu wollen, hat die Leitung der Badeanstalt einen uniformierten Aufpasser engagiert. Kommerz lässt sich eben nicht aufhalten.

Pompeji


Machen wir einen Sprung. Zeitlich 2000 Jahre zurück, örtlich grad mal eine Stunde mit der Fähre. Wir sind in Pompeji. Auch vor 2000 Jahren schon kannte man den Reiz von Thermen. Neben der Körperhygiene dienten die Thermen vor allem auch der Entspannung und der Muße.

Schon damals gab’s Fußbodenheizung dort. Teilweise sogar so effektiv, dass Besucher – wenn sie keine Brandblasen an die Füße bekommen wollten, Holzsandalen tragen mussten. In den Forumsthermen wurde das Wasser in Zisternen gesammelt, in Kesseln erhitzt und durch besondere Leitungsrohre in Warmwasserbäder geleitet, wo es sich die Badenden mit Schöpfkellen über ihre Körper gossen.

Seife kannten die Römer noch nicht. Deshalb wurden Sie zur Hauptreinigung erst mal mit Öl eingerieben. War das Öl irgendwann angetrocknet und Schweiß und Schmutz darin gebunden, kam ein Sklave und kratze die Schicht mit einem Strigilis – einem metallenen Schaber – wieder ab. Fertig! Andere Sklaven, die nicht mit Kratzen beschäftigt waren, arbeiteten in den Thermen als Heizer, Masseure, Parfümeure und Haarentferner.

Ein Menschenauflauf im Zentrum der Stadt hat unser Interesse geweckt. Wir eilen hin und stehen vorm Lupanar, einem von insgesamt 25 pompejanischen Freudenhäusern. Als das Haus noch betrieben wurde, gab es für die Freier zur Orientierung einen großen Stein-Phallus, der in die Pflasterstraße eingelassen war. Die Mehrzahl konnte nämlich genauso wenig Latein wie wir. Und so benutzte man eben auch damals schon Piktogramme. Im Haus angekommen konnten die Gäste dann anhand von Abbildungen (ähnlich wie wir heute bei McDonalds) ihr »Menü« auswählen.

Das schönste und größte Haus Pompejis ist zweifelsohne das Haus des Faun. In einem seiner Speisesäle kann man ein prächtiges Fußbodenmosaik betrachten, das die Schlacht Alexanders des Großen – wohlgemerkt, einem Griechen! – gegen die Perser zeigt.

Die Basilika war Treffpunkt der Kaufleute, Bänker und Ladenbesitzer. Hier wurden Verträge aufgesetzt und Geschäfte abgeschlossen. Im Apollo-Tempel ist unser Spaziergang durch Pompeji dann auch fast schon zuende.

Vesuv


Als am 24. August des Jahres 79 mittags gegen eins ohne jede Vorwarnung der Vesuv ausbrach, hatte Pompeji nicht den Hauch einer Chance. Zwar haben die Lavamassen des Vesuvs Pompeji damals nicht erreicht, aber die Stadt versank unter einer meterdicken Schicht aus Asche und Gestein. Was für die Bewohner damals eine Katastrophe war, ist für die Geschichtsforschung ein einzigartiger Zufall. So können wir heute Pompeji genau in dem Zustand sehen, wie es am 24. August 79 war. Grad so, als ob jemand die Zeit angehalten hätte.

1944 war der letzte große Ausbruch des Vesuv. Bei weitem nicht mit den verheerenden Folgen, wie seinerzeit in Pompeji. Den Fluss der Lavaströme aber kann man heute noch sehen. Große, vertrocknete, dunkle Erdschichten, die allmählich mit Vegetation zuwachsen.

Wer Pompeji besucht hat, muss zwangsläufig auch den Vesuv besuchen. Dafür sorgen schon allein die touristischen Komplett-Angebote. Und so klettern rund 250 000 Touristen jährlich auf einem Vulkan herum, von dem man nie weiß, wann er wieder ausbrechen wird. Aber vielleicht macht ja das gerade den Kitzel aus. Obwohl er derzeit untätig ist, ist der Vesuv kein wirklich erloschener Vulkan. Seine Bewegungen stehen unter ständiger Kontrolle des seismologischen Observatoriums. Ganz wohl ist uns dennoch nicht.

Im Licht des Spätnachmittags sind die Schwefeldämpfe des Vesuvs besonders gut zu erkennen. Da dürfte es auch dem Letzten klar werden: Dieser Vulkan brodelt noch!

Heimfahrt nach Ischia


Als wir gegen Abend wieder Richtung Ischia fahren, braut sich über dem Meer ein Gewitter zusammen. Und tatsächlich – auch auf Ischia kann’s mal regnen. Das kommt zwar sehr selten vor, aber wenn, dann fällt das Nass mit solcher Wucht vom Himmel, dass gleich alles überschwemmt ist. Ischias Kanalisation ist für derartige Wolkenbrüche überhaupt nicht ausgelegt. Die Fluten reißen alles mit, was ihnen in den Weg kommt. Es wär’ nicht das erste Mal, dass nach so einem Regen ein kompletter Weinberg oder ein komplettes Anwesen den Abhang runter rutscht.

San Vito


Nach dem Gewitter gestern Abend ist das Wetter heute wieder so, wie man es von einer Mittelmeerinsel erwartet. Die Pflanzen recken sich der Sonne entgegen und die Touristen laben uns an frisch gepresstem Orangensaft oder lutschen ein Vanilleeis, das vier in einem warmen Hörnchen gereicht wird.

Ein schöner Tag – und das ist gut so. Denn heute ist San Vito, der Namenstag des Schutzheiligen von Forio. Anlass für ein großes religiöses Fest. Heute sind alle Kirchen geöffnet. Schon von weitem grüßt die Kuppel von Sant Gaetano. Die Sonnenuhr an der Wand zeigt an mindestens 240 Tagen im Jahr die Zeit. So oft scheint hier die Sonne. Kaum 100 Meter weiter die Basilika die Santa Maria di Loretto. Die Kirche aus dem 14. Jahrhundert wurde schon so oft umgebaut, dass sie heute aussieht wie eine reine Barockkirche. Allerdings sind nach dem Erdbeben von 1883 von der Kassettendecke nur noch wenige Originalteile erhalten geblieben. Ein paar Meter weiter: San Sebastiano und neben dem Rathaus von Forio: San Francesco d’ Assisi. St. Michele Arcangelo steht im Stadtteil Cierco und an der Kirche der Fischer, an Santa Maria del Soccorso sind wir schon gleich am ersten Tag hier vorbeigekommen. Ich hab‘ die Kirchen der Insel nicht gezählt, aber allein in Forio, einem einzigen Ort der Insel, sind es – wenn ich mich nicht verzählt habe – sechzehn!

Es versteht sich von selbst, dass der Hauptgottesdienst zum Namenstag des Schutzheiligen in der Kirche stattfindet, die seinen Namen trägt: San Vito. San Vito ist die Mutterkirche Forios und die älteste Pfarrkirche Ischias überhaupt. Sie bestand schon vor dem Vulkanausbruch von Fiaiono, und der liegt schon 700 Jahre zurück.

Obwohl Monsignore Guiseppe Regine, der Pfarrer von Sant Vito, das jährliche Ritual schon kennt, ist er in höchstem Maße angespannt. Schließlich kommt zu diesem Fest sogar der Bischof aus Ponte angereist – und auch noch andere hohe kirchliche und weltliche Würdenträger.

Nach dem Festakt in der Kirche hab’ ich das Glück mit Monsignore Regine selbst zu sprechen. Geduldig erklärt er mir die Details: „Vito war der Sohn eines heidnischen Senators«, sagt er, »und stammt ursprünglich aus Sizilien. Von seiner Amme Crescentia und seinem Erzieher Modestus wurde er zum christlichen Glauben bekehrt. Unter der Regierung Kaiser Diokletians starben dann alle drei den Mätyrertod. Das war im Jahre 303. Heute wird Sant Vito als einer der 14 Nothelfer verehrt. Für Cholera-Kranke die letzte Hoffnung. Giuseppe Sammartino, der berühmteste neapolitanische Bildhauer des 18. Jahrhunderts hat ihm ein Denkmal gesetzt und diese Silberstatue geschaffen, die jetzt für den Abend hergerichtet wird.“

Am Abend, wenn die Statue des Heiligen durch die Straßen getragen wird, ist ganz Forio auf den Beinen. Ein riesiges Spektakel, dennoch voller Ehrfurcht und Andacht. Es ist diese fröhliche, mediterrane Art, ein Kirchenfest zu feiern, die uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Epilog


Italien war schon immer das Traumziel der Deutschen, das war bei unseren Vätern und Großvätern so und das ist bei uns nicht anders. Auch wir fanden hier etwas, was wir zu hause nicht finden konnten: Ungezwungenes Leben und sinnenfreudiges Genießen. Italiens Reiz ist und bleibt ungebrochen. Leg nur einmal Caterina Valentes „Kommt ein bisschen mit nach Italien“ auf und ich kann für nichts mehr garantieren.

4 Reaktionen zu “Ischia, Pompeji, Vesuv – Am Golf von Neapel”

  1. Emanuela Bellusci

    Hallo Herr Hengl,
    ich bin ueberzeugt dass Sie viele dieser mails bekommen und ich moechte mich denen begeistert anschliessen. Ich lebe seid 18 Jahren auf Ischia und bin imTourismus taetig, viele begeistert Gaeste habe ich vor Ort in diesen Jahren betreut, aber ihr Beitrag ist einfach qualitativ ausgezeichnet. Selbstverstaendlich auch Ihre slides, die wahre Lebensfreude vermitteln. Gratuliere! Wenn Sie interssiert sind ich suche noch einige relevante Link-partner fuer meine Homepage. Ich freu mich auf Ihre Antwort
    mit freundlichen Gruessen
    Emanuela Bellusci

  2. Peter Drack

    Hallo Rüdiger,
    dein Bericht über Ischia finde ich gut.
    Leider sind einige Bilder über den Text gelegt.
    Da ich schon 20 mal auf der wundervollen Insel war habe ich ebenfalls meine Gedanken festgehalten und sie auf meiner HP unter http://www.drack.de festgehalten.
    Schau doch mal nach wenn es dich interessiert.
    Vielleicht treffen wir uns mal auf einen Cafe.
    Mein nächster Aufenthalt: 15.5. – 3.6. in Succhivo in der Pension „Casa Giuseppina“
    LG Peter

  3. Rüdiger

    Hallo Peter,
    bei mir sieht die Seite voll okay aus. Ich werde in den Weihnachtsferien mal sehen, woran das bei dir liegen könnte. Danke für den Hinweis.
    Rüdiger

  4. Susanne

    Hallo Rüdiger, hallo Peter,

    das muss wohl an Peters Browser liegen. Bei mir sieht die Seite optimal aus. Ich war heute mal wieder nach langer Zeit „zu Besuch“ auf Ischia – wenn auch nur virtuell. Es war ein wundervoller Urlaub, an den ich gerne zurückdenke!!!
    Gruß Susanne

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