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Volle Kanne daneben – Offener Brief an den ZDF-Fernsehrat

Der ZDF-Fernsehrat


Darüber, dass beim öffentlich rechtlichen Fernsehsender ZDF die Programmrichtlinien bzw. die im Rundfunkstaatsvertrag aufgestellten Grundsätze eingehalten werden, wacht der ZDF-Fernsehrat. Der Fernsehrat ist aber auch verantwortlich dafür, dass die Informationen für den Zuschauer ausgewogen sind und der sich so seine eigene Meinung bilden kann. Er besteht aus 77 Mitgliedern aus Politik und Gesellschaft und trifft sich 4 Mal im Jahr. Vorlagen an den Fernsehrat werden in den ständigen Ausschüssen des Gremiums vorberaten.

Der Fernsehrat ist aber auch Ansprechpartner für Zuschauer, welche sich im Ramen eines förmlichen Beschwerdeverfahrens an das Gremium wenden können, wenn diese Verletzungen in Programmgrundsätzen (z. B. in den Richtlinien für Sendungen und Telemedienangebote) vermuten.

Förmliche Programm-Beschwerde


Eine solche Verletzung glaube ich im Beitrag ‚Ein Leben für den Tierschutz‘ in der Sendung Volle Kanne vom 4. Oktober 2013 erkannt zu haben.

„Etwas bewegen, das wollen alle Tierschutzaktivisten. Wie, das kann ganz unterschiedlich aussehen. Missstände gibt es jedenfalls genug“, kommentiert Moderatorin Andrea Ballschuh im Anschluss an den Filmbeitrag ‚Ein Leben für den Tierschutz‚, der anlässlich des Welttierschutztages im Rahmen des Magazins ‚Volle Kanne‚ im ZDF gesendet wurde.

Unter anderem wurde dort auch die „Arbeit“ von Jürgen Ortmüller aus Hagen vorgestellt. Daran ist an und für sich nichts Schlechtes, die Art und Weise aber, wie Jürgen Ortmüller – anders als alle anderen Protagonisten in diesem Beitrag – in der Volle-Kanne-Sendung bevorzugt und „aufs Silbertablett“ gehoben wurdewar für mich  Anlass, mich mit einer Förmlichen Beschwerde an den Fernsehrat des ZDF zu wenden.

Den Wortlaut meines Schreibens an den ZDF-Fernsehrat habe ich unten stehend als Offenen Brief abgedruckt. Zur besseren Unterscheidung sind innerhalb des Briefs die Inhalte des ZDF-Beitrags, die direkt vom ZDF stammen „grün“  hervorgehoben und solche, die handelnden Personen zugeordnet werden können, also Kommentare sind, „blau“.

Offener Brief an den Fernsehrat des ZDF


Sehr geehrte Damen und Herren,

am Freitag, 4.10.2013 (Welttierschutztag) sendete das ZDF im Rahmen seines Vormittags-Programms „Volle Kanne“ u.a. einen Bericht von P. Linke und J. Bernewasser, welcher sich mit der „Arbeit“ verschiedener Tierschutz-Aktivisten beschäftigte.

Besonders hervorgehoben wurde dabei Jürgen Ortmüller aus Hagen. Er soll zwar alles haben, was man sich wünscht, sagte die Moderatorin, Bilder von den Walschlachtungen vor den Färöer Inseln hätten ihn aber vor 13 Jahren zum Aktivisten für Delfin- und Walschutz gemacht, der sich gegen das brutale Walschlachten vor den Färöern einsetzt.

Dann wurde gezeigt, wie Jürgen Ortmüller handelt. Getarnt als Angler fährt er 2010 mit einem Tierschutzfreund zu den Färöer Inseln und sammelt Informationen. Im Film sieht man dann, dass Jürgen Ortmüller irgendwelche Geräte mit einer Angel in irgendein Gewässer hält, das angeblich vor den Färöern läge. Ergänzt wird der Film durch einen Kommentar, in dem behauptet wird, dass Ortmüller Pinger benutzt, welche Orca-Geräusche senden, um die Grindwale zu vertreiben.

Das ist meiner Ansicht nach eine einseitige und falsche Tatsachenbehauptung.

Sieht man hierzu in die „Richtlinien für Sendungen und Telemedienangebote des ‚ZWEITEN DEUTSCHEN FERNSEHENS‘ vom 11. Juli 1963 in der Fassung vom 11. Dezember 2009“, so ist dort unter Ziffer I. (4) Folgendes zu lesen:„Die Berichterstattung muss von vorbehaltlosem Willen zur Wahrhaftigkeit und Sachlichkeit bestimmt sein. Zweifel an der Zuverlässigkeit einer Nachricht sind zum Ausdruck zu bringen.“Weiter steht unter (5):„Nachrichten und Kommentare sind zu trennen; Kommentare sind als persönliche Stellungnahmen zu kennzeichnen.“

>Beides ist erkennbar nicht geschehen! Es wird nicht gesagt, dass nur Jürgen Ortmüller der Ansicht ist, mit seinem Tun Grindwale zu vertreiben, sondern (ich zitiere:) „Ortmüller setzt sogenannte Pinger aus, die Orca-Geräusche senden, um die Grindwale zu vertreiben. Damit wird dem Zuschauer suggeriert, dass mit dem Ausbringen von akustischen Vergrämern (Pingern) tatsächlich Grindwale vertrieben werden können.

Dem steht eine von Ihnen nicht erwähnte, in Norwegen durchgeführte Untersuchung gegenüber, die genau das Gegenteil aussagt. Der Tenor dieser Untersuchung lautet nämlich: Orca-Laute locken Langflossen-Grindwale regelrecht an, weil Langflossen-Grindwale dort, wo Orcas sich aufhalten, einen „gedeckten Tisch“ vermuten. Es wird vom sogenannten „Dinner-Bell-Effekt“ gesprochen. (Auch bei den vor den Färöer Inseln vorkommenden Grindwalen handelt es sich übrigens um Langflossen-Grindwale.)

Betrachtet man zusätzlich die Fangzahlen der Jahre, in denen Jürgen Ortmüller und Andreas Morlok nach eigenen Angaben vor den Färöern aktiv waren, so wurden dort jeweils erheblich mehr Wale abgeschlachtet als in all den Jahren um diese Singularitäten herum. Der Verdacht liegt also nahe, dass die ausgebrachten Pinger die Langflossen-Grindwale tatsächlich anlockten.

Wie Orca-Laute aussendende Pinger auf Langflossen-Grindwale vor den Färöer Inseln wirken, ist also nicht geklärt.

Es folgen einige Szenen von Aktivisten der Animal Liberation Front, welche ein Tierversuchslabor stürmen, um Beagle-Hunde zu retten. Dazu nimmt Thomas Schröder vom Deutschen Tierschutzbund Stellung. Zwei Ansichten werden vorgetragen, der Zuschauer kann sich also, so wie es in I. (3) Ihrer Richtlinien für Sendungen und Telemedienangebote des ‚ZWEITEN DEUTSCHEN FERNSEHENS‘ vorgesehen ist, selbst seine Meinung bilden. Das ist korrekt und in keinster Weise zu beanstanden.

Auch die Szenen, bei denen man Prominente wie Pamela Anderson bei einer Anti-Pelz-Aktion nackt im Schaufenster sieht, oder die Szene, welche Rapper Thomas D. in einem Käfig zeigt, werden aus einer zweiten Sicht beleuchtet – erneut von Thomas Schröder vom Deutschen Tierschutzbund. Er sagt: „Wir sind froh über jede Schlagzeile, jeden Film, jedes Foto, wenn es um Tierschutzfragen geht, da können Prominente helfen mit ihrer Bekanntheit. Sie können zum einen die Medien bewegen zu berichten, sie können aber auch viele Fans mitnehmen auf dem Weg für mehr Tiere zu kämpfen.“ Auch das ist für mich ausgewogene Berichterstattung gemäß I. (3) Ihrer Richtlinien für Sendungen und Telemedienangebote des ‚ZWEITEN DEUTSCHEN FERNSEHENS‘. Auch hier kann sich der Zuschauer selbst eine Meinung bilden.

Abweichungen von Ihren „Richtlinien für Sendungen und Telemedienangebote“ sind immer nur dann feststellbar, wenn Jürgen Ortmüller ins Spiel kommt.

Ein weiteres Beispiel zum Thema Grindwalfang auf den Färöer Inseln: In Ihrer Sendung wird gesagt: „Eine Tradition, die sich die Färinger nicht nehmen lassen wollen. Das Fleisch ist umsonst. Es wird in Massen gegessen, obwohl es nachweislich mit Quecksilber und PCB belastet ist.“ Nach meinem Kenntnisstand wird das Fleisch und der Speck der Grindwale schon längere Zeit über nicht mehr „in Massen gegessen“. Siehe dazu den Zeitungsartikel, der von den Färöer Inseln stammt und im September 2013 erschienen ist: Seine Überschrift lautet übersetzt: „Viele Färöer essen kein Grindwalfleisch mehr“.

Außerdem heißt es in Ihrer Sendung: „Jürgen Ortmüller kämpft nicht nur gegen den Walfang auf den Färöer Inseln, sondern auch gegen die Tierquälerei in Delfinarien. Durch sein Engagement mussten in Europa 4 Einrichtungen schließen, u.a. in Münster“, sagt der Sprecher.

Wieder eine ungeprüfte Tatsachenbehauptung, der keine zweite Meinung gegenübergestellt wird.

An der Zuverlässigkeit der Meldung, dass in Delfinarien „Tierquälerei“ stattfinde oder dass durch Jürgen Ortmüllers Engagement 4 Delfinarien, u.a. Münster, geschlossen wurden, habe ich erhebliche Zweifel. Mir ist bis dato kein einziges deutsches Delfinarium bekannt und auch kein Tierpfleger, welcher jemals wegen „Tierquälerei“ verurteilt wurde.

Es folgen Ortmüllers Aussagen: „Wir haben teilweise festgestellt, dass die Todesraten sehr hoch sind, wir haben Lichtverhältnisse beanstandet, wir haben festgestellt, dass die Tiere krank sind, wir haben festgestellt, dass die Tiere mit Psychopharmaka behandelt werden, d.h. also Akteneinsicht eingefordert, das ist natürlich ein großer Erfolg.“ Diese sind meiner Meinung nach zwar falsche Behauptungen, dadurch dass man aber deutlich erkennt, wer diese Worte spricht, eindeutig als ein Kommentar Ortmüllers zu werten. Dennoch hätte ich mir gewünscht, auch hier jemanden der Beschuldigten zu Wort kommen zu lassen, beispielsweise Zoodirektor Jörg Adler aus Münster, Zoodirektor Dr. Dag Encke aus Nürnberg oder Zoodirektor Achim Winkler aus Duisburg.

Der Filmbeitrag selbst schließt mit den Worten: „Etwas bewegen, das wollen alle Tierschutzaktivisten. Wie, das kann ganz unterschiedlich aussehen. Missstände gibt es jedenfalls genug“ und die Moderatorin legt nach „… sind echt heftige Bilder, aber toll, dass es so Menschen wie Herrn Ortmüller gibt, die sich dafür einsetzen, das Ganze zu bekämpfen.“

Das sehe ich ganz anders!

Denn: Warum ist der Redaktion bei der Planung des Sendebeitrags nicht aufgefallen, dass der „Tierschützer“ Jürgen Ortmüller unter seiner in You-Tube eingestellten Dokumentation gegen ein Volk hetzende und menschenverachtende Kommentare zulässt? Immerhin besteht ein nicht geringer Teil des ZDF-Beitrags aus diesem You-Tube-Film von Ortmüller.

Ich zitiere die „heftigsten“ Kommentare.

„Für jeden der bei Grind´s teilnimmt oder den Walfang unterstützt sollte ein neues Ausschwitzt eröffnet werden.“

„Jemand sollte mal dort hingehen und die Ungeborenen aus den Gebärmüttern der Schwangeren Frauen schneiden.“

„Bedaure, doch ich fände es (Rein theoretisch) nur amüsant, würde am Strand von Torshavn ein Sprengsatz die komplette Teilnehmerschaft aus dem Leben reißen – Schon allein, aus Achtung vor dem leben – um Leben künftig zu schützen.“

oder

„die ganze insel gehört ausradiert“

Diese Einträge, und auch andere, die z. T. monatelang, vereinzelt auch über ein Jahr lang unter dem You-Tube-Film zu sehen waren, wurden am 7. Oktober 2013 gelöscht, etwa 30 Minuten nachdem ich mit der Polizeidirektion Hagen gesprochen hatte. Und Sie stilisieren einen Menschen, der dermaßen menschenverachtende Kommentare zulässt, zum „Helden“ hoch.

Dass Ortmüller hasserfüllte Kommentare zulässt und duldet, hätten Sie auch der Presse entnehmen können.

Ich bitte Sie daher dringend zu überprüfen, ob das ZDF das geeignete Podium für Jürgen Ortmüller ist. Weiter bitte ich Sie, den Pro-Ortmüller-Film aus Ihrer Mediathek zu entfernen oder zumindest zu berichtigen.

Ihr Einverständnis voraussetzend, werde ich diesen Brief am 22. Oktober 2013 als „Offenen Brief“ auf den Homepages www.slides-only.de und www.meeresakrobaten.de veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen

Rüdiger Hengl

Und wie geht’s jetzt weiter?


Da die Verantwortung für das Programm des ZDF gemäß § 27 Abs. 1 des ZDF-Staatsvertrages bei dessen Intendanten liegt, wird die Programmbeschwerde entsprechend der Beschwerde-Ordnung (§ 21 Absatz 2 der ZDF-Satzung) wohl an den Intendanten des ZDF weitergeleitet werden. Bin gespannt, wie Jürgen Ortmüller in Zukunft vom ZDF dargestellt werden wird.

Nachtrag: 21.11.2013: Die Reaktion des ZDF-Intendanten Dr. Bellut


Dr. Thomas Bellut, der Intendant des ZDF, hat auf meine förmliche Beschwerde reagiert und die zuständige Redaktion gebeten, die Vorwürfe zu prüfen.

Dr. Bellut räumt ein, dass die nachträgliche Recherche tatsächlich ergeben hätte, dass es unterschiedliche Studien über die Effektivität von Tierschutz-Aktionen gäbe. „Nachträglich!“ Hätten die Redakteure das vorher geprüft, wäre der Bericht möglicherweise anders ausgefallen. Außerdem räumt Dr. Bellut ein, dass die Aussage des Films, Herrn Ortmüllers Engagement habe zur Schließung mehrerer Delfinarien geführt, in der Tat missverständlich gewesen sei.

Nach dieser Stellungnahme Dr. Belluts dürfte es für Ortmüller in Zukunft nicht mehr ganz so einfach sein, eigene Meldungen ohne redaktionelle Prüfung unters Fernsehvolk zu bringen. Das sehe ich sehr positiv.


WHALE WATCHING DELFINARIEN DELFINARIEN-HASSER
HAUPTGRUPPE BERICHTE

Eine Reaktion zu “Volle Kanne daneben – Offener Brief an den ZDF-Fernsehrat”

  1. Georg Miller

    Lieber Herr Hengl,

    vielen Dank, dass sie sich ans ZDF gewandt haben. Als Deutscher, der die Färöer recht gut kennt, habe ich begonnen mich für das WDSF zu interessiern und war auch einigermassen schockiert als ich diesen Beitrag in „Volle Kanne“ neulich über einen Link auf der WDSF Facebookseite gesehen habe.
    Leider gibt es auch viele andere Nachrichtenstationen, Zeitungen usw. die völlig ungefiltert zweifelhafte Erfolgsmeldungen Ortmüllers übernehmen. Bei diesem Artikel: https://de.nachrichten.yahoo.com/bannmeile-und-einschr%C3%A4nkungen-bei-grindwaljagd-auf-f%C3%A4r%C3%B6er-inseln-000000166.html steht als Qelle sogar einfach „von Homepage“ :-).

    Machen sie weiter so!

    Georg Miller

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