2025-AHBF-Adventskalender-10
Zwischen Sperrholzbrett und Baukunst
Auf der Suche nach der dritten Dimension
Es war ja klar: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Die Laseranlage des Modellbauers, bei dem ich die Wände des Bahnhofsgebäudes machen lassen wollte, schafft nur 350 mm Breite – ein Witz, wenn man das Gebäude des Anhalter Bahnhofs bauen will. Also muss ich mein stolzes Gebäude virtuell zersägen. In CorelDRAW ein Klacks, aber wie wird das später in der Holzversion aussehen?
Mitte 2008 kommen die gelaserten Teile dann an. Ich reiße das Paket auf – und ersticke fast an meiner eigenen Ernüchterung. Die Nahtstellen springen mich an wie schlecht zugeklebte Tapeten, und das Südportal … nun ja. Es sieht aus wie ein Brett. Ein schön gelasertes Brett, sicher– aber eben nur ein Brett mit Durchbrüchen. Keine Spur von jener Wucht, Tiefe und Würde, die dieses Portal eigentlich haben müsste. Selbst die auf Pergament gedruckten Fenster mit den aufgedruckten Fenstersprossen verleihen dem Ganzen nicht den Hauch von Räumlichkeit.
Was eigentlich ein monumentaler Auftakt für den Bahnhof werden sollte, wirkt flacher als ein Bierdeckel. Ich bin restlos bedient. Aber Wegwerfen? Aufgeben? Das geht nicht mehr. Zu viel habe ich schon reingesteckt. Also greife ich zu Polyester-Spachtelmasse, wie man sie normalerweise an Autos benutzt, und schmiere die Nahtstellen zu. Schleifen, spachteln, schleifen. Die Fassade wird glatter, ja – aber nicht besser. Sie bleibt eine zweidimensionale Holzplatte, ein Relikt wie aus dem Kasperltheater.
Da wird mir klar: Die Magie des Anhalter Bahnhofs steckt nicht in der Wandfläche, sondern in allem, was daran angebaut ist. Simse, Galerien, Terrakotten, Ornamentbänder, Vorsprünge, Schattenkanten – all der „Schnickschnack“, der das Gebäude atmen lässt. Also gebe ich – obwohl es mein Budget bei Weitem übersteigt – erneut Laseraufträge raus. Dieses Mal nicht für die Wände, sondern für Simse, Galerien, Terrakotten. All die kleinen Teile, die aus einem Sperrholzbrett eine Fassade machen.
