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Dienstag, 1. Juli 2025



Auf dem Weg zum San Bernardino


50 Minuten später sind wir auch schon auf dem Weg Richtung San Bernardino. Der kleine Fiat schnurrt wie immer tapfer die Autobahn entlang. Nahe Roveredo bauen sich vor uns die Lepontinischen Alpen auf, zentral der Monte Duria. Ich bitte Susanne, sie möge doch bitte ein Bild machen von den Bergen, aber dann sind wir schon im 2,4 Kilometer langen San Fedele Tunnel, der uns fast zwei Minuten die Sicht versperrt. Statt Gipfeln sehen wir nur Neonlampen und graue Tunnelwände. So muss man sich die Berge dahinter eben vorstellen. Ihr wisst doch: Ein Bild im Kopf ist manchmal eh schöner als jedes Foto.

20 Kilometer später, kurz vor Soazza sehen wir dann doch noch Berge, das gewaltige Adula-Alpenmassiv (das auch Rheinwaldhorn-Gruppe bekannt ist) – und davor weithin sichtbar die Kirche San Martino, die auf einem Felsvorsprung links von der Autobahn thront. Drei Kilometer weiter kommt das Castello di Mesocco, wo wir heute vor genau einer Woche unsere Hackfleischküchle, Tomaten und Kirschen gegessen haben.

Jetzt geht’s so richtig hoch


Die Strecke das Misox-Tal hinauf ist technisch ein Meisterwerk, fahrerisch aber nichts für Kleinwagen und Fahrer mit schwachen Nerven. Die Steigung ist so ungünstig, dass der Motor bei 80 km/h im zweiten Gang zu hoch dreht, und im dritten nicht genug Power liefert. Ein typisches Bespiel der sogenannten „Drehmomentlücke“. Ein ständiges Hin und Her zwischen Leistung und Drehzahl – weder Fisch noch Fleisch. Das ist besonders frustrierend, weil vor allem die großen Wohnmobile, obwohl sie deutlich schwerer sind als der Fiat, an uns vorbeiziehen, als ob das gar nichts wär. Deren Dieselmotoren haben aber einfach den Vorteil, dass sie bereits bei niedrigen Drehzahl drei Mal mehr Drehmoment liefern als unser „Katzabärle“. Trotzdem hält unser Panda wacker mit.

Über den Pass


Weil im San Bernardino Tunnel Bauarbeiten sein sollen, wählen wir heute den Weg über den Pass, d. h. dass es kurz vorm Tunnel – man kann ihn schon sehen – bei der Ausfahrt 33  „San Bernardino, Polizia und Parkplatz“ von der A 13 abgeht.

Der „Passo San Bernardino“ ist offen, einen Anhänger haben wir nicht dran und breiter als 2,3 m sind wir auch nicht, (Hey, da dürfen viele Wohnmobile – die meisten sind mit Spiegeln breiter als 2,30 m – ja gar nicht fahren! Und Autos mit Wohnwagen hinten dran schon gleich gar nicht.) Beim „Katzabärle“ aber passen die Maße. Hier ist auf der Passstraße ist es zwar auch steil, aber hier fährt man keine 80 km/h und es ist auch niemand da, der drängelt.

500 Meter weiter oben, in Höhe des San-Bernardino-Campeggio muss ich unbedingt anhalten und ein Foto machen. Der 2723 m hohe Piz Ucello liegt nämlich direkt vor uns im Norden: 4 Kilometer entfernt und nur Schönwetter-Wolken drum herum. Ein Traum! Die Straße schraubt sich langsam höher. Hier ist es zwar auch steil, aber hier fährt man keine 80 km/h und man kann meist im zweiten Gang bleiben.

Der San-Bernardino-Pass wartet und der Panda schnurrt wie es sich für eine Katze – ich mein für ein „Katzabärle“ – gehört. Bis zur Passhöhe sind’s zwar nur 6½ Kilometer, aber was für welche.

Ein harmloser Irrtum


Im Auto knackt’s als wolle der Fiat nach über einer Woche treustem Dienst jetzt doch noch seinen Geist aufgeben. So richtig laut, trocken, wie ein Riss durchs Blech oder eine Schraubenfeder kurz vorm Reißen. Für einen Moment halte ich die Luft an. Ist das doch zu viel für den Panda? Aber nein – es ist kein technisches Drama, nur ein akustisches. Die vielen leergetrunkenen PET-Flaschen, die wir in der Hitze Italiens achtlos ins Auto geworfen haben, melden sich zu Wort. Jetzt, wo es hier oben spürbar kühler wird, ziehen sie sich zusammen und knacken, als würden sie einzeln „Uns ist kalt!“ sagen wollen. Wir lachen beide. Der Panda lebt. Alles gut. Keine Warnleuchten, keine komischen Geräusche aus dem Motorraum – nur die knarzende Sprache des Altplastiks auf 1 600 Metern Höhe. Draußen zieht langsam der Hochalpenwald vorbei. Die Luft ist frisch, der Himmel blau, und wir haben das Gefühl, mit jedem Höhenmeter wird der Kopf freier. Wir sind da, wo „Roadtrip“ sich noch echt anfühlt – und wo Knacken einfach dazugehört.

Rätselhafte Architektur


Die Straße wird schmaler, der Verkehr weniger, die Luft kühler – und plötzlich sind wir mittendrin in einem Farbenmeer. Überall blüht es: Gelb, weiß, violett, sogar tiefblau – als hätte jemand seine Farbe über den Almwiesen ausgeschüttet. Zwischen Steinen und Gräsern leuchten Arnika und Alpengold. In feuchteren Senken blühen zarte, weiße Hahnenfußarten, daneben der Alpen-Steinbrech, mit seinen winzigen Blüten. Plötzlich kommen wir an ein Betongebäude, das auf seinen acht Stelzen aussieht wie Raumschiff Orion, das gerade in einer fernen Galaxie gelandet ist. Wir können uns nicht erklären, was das sein soll. Susanne meint eine Sportkletterwand, ich tendiere eher zu Wasserturm. Doch beide liegen wir falsch.

Nachtrag
Das Gebäude ließ mir keine Ruhe und so habe ich nach dem Urlaub bei info@visit-moesano.ch nachgefragt und bekam prompt Antwort: Das Gebäude ist das obere Ende des südlichen Lüftungsschachtes des San-Bernardino-Tunnels. Er dient dem Luftaustausch (CO₂, Abgase, Feinstaub) und unterstützt die „Luftzirkulation für Fluchtwegsfreiheit“ (so haben sie’s halt geschrieben). Außerdem soll seinerzeit zwischen Tunnel und Turm der steilste Personenaufzug der Schweiz verkehrt sein.
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