Der letzte Nachmittag auf Skiathos
Wiedersehen am Fährhafen
Um kurz vor halb vier bin ich am Fährhafen, der knapp links neben der Einflugschneise zum Flughafen lieg. Da ist um diese Zeit viel los. Die Ro/Ro-Fähre SIMI II (hi, hi: Simi!) der griechischen Fährgesellschaft ANES ist offenbar auf dem Weg nach Glossa (Skopelos) und Volos. Länger dürfte sie aber wohl nicht mehr sein, denn ohne Bug wird das nichts mit Ablegen. Wieso „ohne Bug“? Nun, eben jetzt kommt äußerst knapp eine Boeing 737-800 der polnischen Charterfluggesellschaft Enter Air rein. Andererseits, die „Express Skiathos“ rechts daneben ist fast doppelt so lang wie die SIMI II und da ging der Flieger auch noch vorbei. Die Perspektive täuscht wohl etwas.
- Die Ro/Ro-Fähre SIMI II
- „Express Skiathos“
Für mich ist es hochinteressant, wie exakt die LKW und die Fähren – was die Abmaße betrifft – aufeinander abgestimmt sind, da passt ja kein Blatt Papier mehr dazwischen. Um halb vier soll die „Express Skiathos“ ebenfalls nach Volos abfahren. Die Fährverbindung nach Volos ist für die Sporadeninsel eine wichtige Lebensader. Über sie laufen Versorgung, Waren und ein großer Teil des Tourismus. Ohne die Verbindung Volos-Skiathos wäre die Insel deutlich stärker isoliert und in ihrem Alltag wesentlich eingeschränkter.
Jetzt müsste demnächst eigentlich auch Susanne erscheinen, denn wenn wir uns verabreden, kann man wirklich die Uhr danach stellen. Zwei Minuten zu spät, und jeder von uns würde schon denken, dass irgendetwas passiert sein muss, und gedanklich schon bei 110, 112 und im Zweifel sogar beim Katastrophenschutz anrufen. Aber da kommt sie ja schon. Auf die Sekunde genau. Ich weiß schon, wen ich da geheiratet habe.
Café Piazza di Skiathos
Wir setzen uns ins Café Piazza di Skiathos (Πιάτσα ντι Σκιάθος) direkt gegenüber der Fähre und bestellen uns einen Obstsalat mit Honig und Walnüssen, was auf Griechisch ungefähr so klingt: „fru-to-sa-LA-ta me-ME-li ke-ka-RÍ-thja“. Ein deutsches „Obstsalat mit Honig und Walnüssen“ würde hier eher zu ratlosen Blicken führen. Alternativ kann man aber auch einfach auf die Karte zeigen und „aftó“ sagen. Wer anschließend noch ein „parakaló“ hinterherschiebt, gilt dann schon fast als Einheimischer.
- Obstsalat mit Honig und Walnüssen
- Die „Express Skiathos“ legt ab.
Pünktlich um halb vier legt die Fähre ab. Ein Geruch von Salz, Abgasen und warmem Asphalt legt sich über den eben noch von Süßem verwöhnten Gaumen.
Ein letzter Gewaltmarsch zum Hotel
Deshalb legen wir jetzt auch ab. Wieder in die Papadiamanti. Nach zwei Minuten kommen wir am Hinweisschild zum Freilichtkino vorbei. Dort läuft offenbar seit mindestens neun Jahren immerzu derselbe Film: „Mamma Mia!“. Eine Ausdauer, die selbst langlebige Kultfilme neidisch machen dürfte. Sollte der Film irgendwann dann doch einmal abgesetzt werden, besteht vermutlich die Gefahr, dass das Leben in Skiathos kurzzeitig zusammenbricht. So sehr gehört der Film inzwischen zum akustisch-visuellen Grundrauschen der Insel wie die Zikaden im Sommer.
Aber andererseits: Im Hotel in Phang Nga in Thailand war das 1993 genauso. Da wurden wir zugemüllt mit „007-Der Mann mit dem Goldenen Colt“.
- „Mamma Mia!“ – überall
- „Anger“
Wenn Du mich jetzt fragst, warum ich auf dem Nachhauseweg ausgerechnet „Anger“, die rote Wut-Emotion aus dem Kontrollzentrum im Kopf von Riley aus dem Film „Alles steht Kopf“, fotografiert habe – wo doch eigentlich die lebensbejahende, gelbe „Joy“, die Freude-Emotion, viel besser gepasst hätte, ist die Antwort ganz einfach: Eine Plüschfigur von Joy hing einfach nicht am Ständer vor dem Souvenir-Shop.
- No Parking kann man schon mal ignorieren.
- Treppe zum Hotel
Am Ende der Papadiamanti geht es bei Zarifis Fruit wieder rechts in die Agiou Fanouriou hinauf zur Inselhauptstraße und dann links. Von dort laufen wir dann – wie die ganze Woche schon – vorbei an allerlei Getier und Falschparkern weiter Richtung Westen. Nach einem – wenn man´s zusammenrechnet – Drei-Kilometer-Fußmarsch vom Hafen durch die Stadt und am Meer entlang erreichen wir schließlich wieder das Irida Aegean View. Jetzt nur noch die 32 Treppenstufen hinauf – dann haben wir‘s geschafft.
Zwischen Bleiben und Gehen
Den Tag konnten wir noch in Skiathos-Stadt verbringen. Jetzt sitzen wir wieder auf der Terrasse unseres kleinen Hotels und trinken unser letztes Getränk. Kristina kommt immer wieder kurz vorbei und bleibt jedes Mal ein wenig länger stehen, als eigentlich nötig wäre. Niemand hat es eilig. Neue Gäste werden wohl erst am Abend erwartet, und für diesen Moment gehört die ganze Terrasse nur noch uns. Ich versuche etwas Small Talk: „Do you remember when we arrived last week and you made Greek salad for us – at night?“ Kristina grinst breit: „Of course I remember. You were tired… but still hungry. And also you were thinking the ‚simple‘ waitress couldn’t even make a Greek salad. But I’m sure that salad saved your first evening here.“ Wir lachen, weil es einfach stimmt. Und weil genau diese Herzlichkeit uns die ganze Woche begleitet hat. Ich lege nach: „It never felt like being in a hotel – more like staying with a family.” Kristina nickt, schaut kurz über die Terrasse, ob irgendwo was anliegt und antwortet dann: „That is exactly what we try to do here. Not a hotel. A place where people return in their memory.” Ein Satz, der hängen bleibt.
- Gardenie
- Gästebuch-Eintrag
Danach tragen wir uns ins Gästebuch ein – mit diesem merkwürdigen Gefühl, etwas abzuschließen, das sich eigentlich gar nicht abschließen lässt.
Langeweile
Die letzten Minuten bestehen dann weniger aus Gesprächen als aus Stimmung. Man sitzt einfach nur noch da, aber es passiert nichts Großes mehr. Alles, was gesagt werden musste, ist gesagt. Alles, was getan werden musste, getan. Gelangweilt „blätter‘“ ich noch mal Bilder am Kamera-Display durch. Waren schon tolle Sachen dabei.
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