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Zwischen Insel und Startbahn

Zwischen Gedenken und Flughafen


Ich gehe noch mal raus zum Flughafen, spektakuläre Landungen fotografieren. Sind ja nur 20 Minuten bis dorthin. Am Nordende des Neuen Hafens komme ich dann am Evagoras-Pallikarides-Denkmal vorbei, das ich früher gar nicht beachtet habe. Die Statue wird von griechischen Fahnen flankiert. Darunter steht ein Denkspruch in Griechisch: „Hier werden die Toten nicht nach Namen unterschieden. In der Ruhmestat verschmelzen sie, und sie sind alle eins. (Polémis).“

Evagoras Pallikarides war offenbar ein zypriotischer Dichter und Widerstandskämpfer. Er soll Mitte der 1950er-Jahre am Kampf der EOKA gegen die britische Kolonialherrschaft beteiligt gewesen sein und einen Tag vor der Kröning von Königin Elisabeth II in seiner Heimatstadt Paphos die britische Fahne vom Mast des Schul-Stadions heruntergerissen haben, weswegen er am 14. März 1957 im Alter von nur 19 Jahren hingerichtet wurde. Heute gilt Pallikarides in Zypern und teilweise auch in Griechenland als Held und Märtyrer.

Im Grenzbereich


Um viertel drei bin ich am Flughafen als plötzlich ein Hubschrauber über mir hinwegfliegt. Erst dachte ich ja, das ist der Garçon-Hubschrauber, der für seinen ACE-Chef am Flughafen irgend was holen muss. Das war er aber wohl nicht. Der Garçon-Hubschrauber hat nicht die Bezeichnung G-WZRD stehen, oben unterm Rotor.

Da steh ich nun, etwa 200 m von der Startbahn entfernt, als eine Boeing 737-300 der ASL Airlines France angerollt kommt zum Wenden. Gleich werden die Triebwerke losheulen und dann geht’s los. Im Sucher fällt mir ein Typ im hellblauen T-Shirt auf. Er steht vielleicht 80 Meter hinter der Boeing mit seiner Kamera und wartet auf den Start. Während ich noch überlege, ob das wirklich eine gute Idee ist, laufen bei der Maschine bereits die Triebwerke an. Der Mann steht also genau dort, wo wenige Augenblicke später die gesamte Kraft der beiden Triebwerke auf ihn trifft. Ob er weiß, was er tut? Mir wird schon beim Zuschauen etwas mulmig. Die ungeheure Kraft, die nötig ist, um 60 Tonnen Metall in die Luft zu bringen, ist sicher auch in der Lage, Steine oder anderes loses Zeug aufzuwirbeln und wie Geschosse durch die Luft fliegen zu lassen. Das alles nur für ein spektakuläres Foto, das ist mir deutlich zu viel Risiko. Da frage ich mich wirklich, ob manche Planespotter den perfekten Schuss suchen – oder ihn bereits haben.

Bilder einer bewegten Frau


Meine Sorge ist nicht unbegründet. Guckt euch doch nur mal den Mann in Weiß und die Frau mit der grünen Bluse an. Durch die Serienaufnahme-Funktion meiner D600 und der Aufnahme „rechtwinklig von der Seite“ lässt sich deren Bewegung erstaunlich gut berechnen. Innerhalb von nur 0,8 Sekunden wird die Frau durch den Luftstrom der startenden Boeing 737-300 aus dem Stand heraus um etwa 3,6 Meter versetzt. Das entspricht der enormen Beschleunigung von rund 11 m/s² – oder anders ausgedrückt, am Ende der von mir fotografierten 3,6 Meter ist die Frau rund 30 km/h schnell.

Um so schnell zu werden braucht mein Fiat etwa vier Sekunden. Da sieht man mal, was der Triebwerksstrahl eines startenden Jets „erzwingen“ kann. Den Mann im hellblauen T-Shirt habe ich, nachdem ich die Kamera wieder runtergenommen habe, übrigens nicht mehr gesehen.

Ich guck‘ mir lieber die ankommenden Flugzeuge an. Das ist deutlich ungefährlicher, weil die Maschinen beim Landen ihre Triebwerke nicht mehr mit Startschub betreiben und der gefährliche Jetblast beim Anflug keine Rolle spielt. Außerdem sind sie langsamer, berechenbarer und haben bereits den Großteil ihrer Energie abgebaut, sodass weder herumfliegende Steine noch plötzliche Turbulenzen in unmittelbarer Nähe in dieser Form auftreten, so wie beim Start. Als die Maschine direkt über mir ist, sehr ich´s dann: Thomas Cook! Ich werd’s ja nicht: Jetzt ist das Bugfahrwerks-Rolllicht, das ich vor drei Tagen schon fotografiert und bemängelt hab‘, immer noch kaputt.

Rückweg der Erinnerungen


Um dreiviertel drei gehe ich von der Amaretto-Café-Snack-Bar aus, wo am Sonntag zusammen mit Susanne Flugzeuge und Rauchschwalben beim Vorbeiziehen beobachtet hab, wieder los den Weg zurück, schließlich habe ich um halb vier eine Verabredung mit ihr.

Beim Vorbeigehen erkenne ich all die Orte wieder, an denen wir in den vergangenen Tagen gesessen, gegessen und geschaut haben. Nach 300 Metern links die Mylos Tavern (Ταβέρνα Μύλος), wo wir am Sonntagabend vor dem Regen flüchteten und Susanne den dicken Tintenfisch aß.

Dann 350 Meter weiter die Akrogiali Tavern (Ακρογιάλι) und kurz danach die Ta Kymata Taverna (Ταβέρνα τα κύματα). Jeder Name weckt sofort Erinnerungen. Da kann man an so einem letzten Urlaubstag schon sentimental werden.


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