Der Morgen des letzten Urlaubstags
Der letzte Urlaubstag
So ein letzter Urlaubstag fühlt sich immer irgendwie schief an. Der Flieger geht erst um 21:35 Uhr und trotzdem ist der eigentliche Urlaub innerlich schon vorbei. Das Hotelzimmer ist geräumt. Das Meiste ist in den Koffern verstaut und die stehen jetzt irgendwo bei Kristina. „Am Mann“ haben wir nur noch das Allernötigste. Seitdem hängen wir in diesem Zwischenzustand: körperlich noch auf Skiathos, gedanklich aber schon längst auf dem Heimweg.
- Canna Cleoptara
- Typisches Urlaubs-Posing-Foto
Susanne macht vorm Hotel noch ein paar Erinnerungsfotos. Danach stehen wir da und überlegen, was man mit so einem zerschnittenen Tag überhaupt noch anfangen kann. Eine letzte Tour raus aufs Meer fällt aus, und ein Leihwagen für ein paar Stunden ist auch nicht so der Burner. Und so bleibt dieses blöde Gefühl des letzten Tages: Alles ist zwar noch da, aber nichts mehr so richtig. „Doch, der leere Bella-Vite-Wein-Tetra-Pack. Der muss noch weg. Den können wir unmöglich im Hotel zurücklassen.“ „Am Koukanaries Strand habe ich Abfallkörbe gesehen.“ „Dann haben wir doch was zu tun!“
- Fahrkartenverkäufer im Bus
- Biotop-Regeln
Die Fahrkartenverkäufer in den Bussen sind die Freundlichkeit in Person und das, wo es für die Griechen und insbesondere den Menschen in den Niedriglohn-Berufen sicher nicht zum Besten steht. Von denen könnten wir uns noch was abschneiden.
Tatortreiniger
Da stehen wir nun am Abfallkorb und entsorgen unauffällig die Spuren unserer schwäbischen Sparsamkeit.
- Tetrapack-Entsorgung
- Ameisen
Aber kaum ist der Tetrapack im Abfalleimer, sind auch schon die Tatortreiniger da: Ameisen. Erst vereinzelt, dann eine ganze Kolonne – denen entgeht offenbar nichts. Es sieht so aus, als ob es sich rumgesprochen hat, dass sich hier noch was lohnt. Vermutlich ist doch noch ein winziger Rest im Karton geblieben. Der „Bella Vite“ hat wohl mehr Zucker, als man ihm auf den ersten Blick zugetraut hätte. Ein kleiner, fast beiläufiger Moment, und doch so typisch: Man glaubt, alles sei erledigt, aufgeräumt, beendet – und dann zeigt uns die Natur, dass wir doch überall Spuren hinterlassen.
- Koukounaries-Strand
- Koukounaries-Strand
Speed-Boot
Als wir den Strand entlanglaufen, sehen wir am westlichen Ende Werbung für die „Capetan Nikolos“, einen High-Speed-Waterbus nach Skiathos Stadt. Wir entscheiden uns dafür, weil wir denken: Ey, toll, noch einmal Meer, ein letzter Ritt entlang der Küste. Doch kaum haben wir in Koukounaries abgelegt, legt die „Capetan Nikolos“ einen Gang zu, dass einem fast schlecht wird.
- Anlegestelle des Boots-Taxis
- Boots-Taxi
Bereits zehn Minuten später rasen wir um die Kanapitsa-Halbinsel herum.
- Spuren der Rücksichtslosigkeit
- Skiathos
Von Entschleunigung keine Spur. Wir werden mit voller Geschwindigkeit Richtung Skiathos Stadt malträtiert. Dass wir noch alle Plomben in den Zähnen haben, grenzt an ein Wunder. Nach gerade einmal 20 Minuten erreichen wir den alten Hafen. 15 Kilometer in 20 Minuten. 45 km/h – oder, wie der Seemann sagen würde: 24 Knoten. Das ist in meinen Augen einfach nur Wahnsinn. Aber das passt irgendwie auch zu dem Bootsführer mit seiner verspiegelten Sonnenbrille – geschniegelt, cool, wie aus einem Werbespot für Geschwindigkeit und Technik, nicht für Meer und Landschaft. Dieses ganze Setting wirkt mehr wie Inszenierung als wie echte Seefahrt.
- Die Luxusyacht „Eye“
- Skiathos
Ich persönlich – und auch Susanne – wir fühlen uns bei solchen Anbietern nicht wohl. Man hat eher das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, so, als hätte man sich freiwillig in etwas eingekauft, das man eigentlich gar nicht wollte. Das ganze „Erlebnis“ wirkt am Ende wie ein riesengroßes Missverständnis. Während wir uns noch fragen, warum wird so etwas in der heutigen Zeit überhaupt angeboten, kommt mir auch schon der nächste Gedanke: Das Restaurant „Admiral Benbow“, für das an Bord kräftig geworben wird, wird uns jedenfalls ziemlich sicher nie als Gäste sehen.
Mittagessen
Stattdessen verschwinden wir abseits des Touristentrubels in einer Seitenstraße bei Sakis, einer typisch griechischen Taverne für Menschen, die einfach gut und authentisch essen wollen – ohne Instagram-Inszenierung, verspiegelten Sonnenbrillen und Möchtegern-Jetset. Susanne bestellt sich gegrillte Sardellen, mir – ich hab‘ Mordskohldampf – ist eher nach etwas Sättigendem. Daher bestelle ich mir – während um mich herum alles nach Olivenöl, Grill und frischem Fisch, eben nach Griechenland, riecht – Spaghetti Carbonara. Bei in den Kniekehlen hängendem Magen habe ich komplett vergessen, wo ich eigentlich gerade bin.
- Gegrillte Sardinen, Pommes frites und Salat
- Ich gönn‘ dir deine Sardinen. Echt!
Mit schlechtem Gewissen – und weil ich kulinarisch gesehen hier eigentlich ziemlich daneben liege – schiebe ich verstohlen Bissen um Bissen in mich hinein. Saki sieht das nicht so tragisch, schließlich stehen die italienischen Nudeln ja auf seiner Karte. Nach dem Essen gehen wir dann getrennte Wege – nicht, weil Susanne sich wegen meiner Essensbestellung jetzt schämt, sondern weil sie noch shoppen will. Doch mit „Shoppen“ kann ich so überhaupt nichts anfangen. In zwei Stunden wollen wir uns dann an der Anlegestelle der Fähre (am Südende des Neuen Hafens, direkt beim Briefkasten) wieder treffen.
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