Zwischen Küste, Weite und Hoffnung
Ausfahrt aus dem Alten Hafen
Um 9:45 Uhr legen wir ab, dann etwa 500 Metern Kurs Süd. Hier sieht man, sobald man den südlichsten Zipfel der Halbinsel passiert hat und nach rechts hinten blickt, auf einer Anhöhe im Süden von Skiathos-Stadt die griechisch-orthodoxe Kirche Agía Triáda (Heilige Dreifaltigkeit).
- Kreuzfahrtschiff Europa 2
- Kirche Agía Triáda
Ein Stück weiter, vielleicht einen Kilometer vom Hafen entfernt, liegt dann die „Kathedrale der Neuzeit“: das 226 Meter lange Luxuskreuzfahrtschiff MS Europa 2. Aus der Nähe wirkt sie noch eindrucksvoller und gewaltiger, als ich es am Morgen vermutet hätte.
Zwischen Küste, Weite und Hoffnung
Anschließend geht’s über Backboard nach Norden, hinaus ins Revier zwischen Küste und offener Ägäis. Ganz offensichtlich fahren wir heute, wie auch am Montag geplant, wegen des Winds aber nicht durchführbar, nördlich um Skopelos herum. Der Meltemi scheint wohl eine Pause einzulegen. Bleibt die entscheidende Frage: Werden wir heute Delfine sehen?
Drei Personen stehen am Bug, sechs Augenpaare scannen die Wasseroberfläche:
- ich, von einer wohlwollenden Kurzsichtigkeit gesegnet,
- der Kapitän, der allein von Berufs wegen was sehen sollte,
- und Susanne, die, was kompromisslose Fernwahrnehmung betrifft, in einer ganz eigenen Liga spielt.
- Mit wachem Auge.
- Hoffnung auf eine Sichtung
Während ich bestenfalls Bewegung von Wellen erkenne, liest Susanne das Meer mit einer Präzision, die selbst einen Steinadler neidisch machen würde – und der kann ja, wie bekannt ist, Murmeltiere aus zwei bis vier Kilometern Höhe erkennen. Die übrigen Passagiere wirken erstaunlich unbeteiligt, als ginge es hier nur um einen ganz gewöhnlichen Ausflug. Dabei geht es um mehr: es geht um das mögliche Aufblitzen von Leben im Wasser – und um die winzige Chance, dass sich genau jetzt irgendwo zwischen Welle und Sonne ein Delfin zeigt. Wir sind knapp eine dreiviertel Stunde unterwegs. Auf Backbord sehen wir jetzt ein Segelboot, aber nicht so ein „normales“ Segelboot, das man in jedem Hafen sieht, sondern so eine richtig protzmäßige Segeljacht, einen schwimmenden Bungalow mit Segeln oben dran, die sicher 20 Meter über die Wasserlinie ragen. Die Segel kann selbst ich erkennen.
- Sunbeam 42 DS Segelyacht
- Historischer Gourouni-Leuchtturm
Rechts – oder besser: steuerbord – taucht jetzt der Leuchtturm Gourouni auf, an der Nordspitze von Skopelos. Wir sind nun etwa 500 Meter vor der Küste. Wer GPS-Daten bevorzugt: ungefähr 39.21 N, 23.59 E. Von Delfinen aber weit und breit nichts zu sehen.
Susannes „Röntgenblick“ – Delfine erkennen, bevor sie sichtbar sind
Man sieht auch Susanne nichts an. Alles ist, wie es ist: Wind, Wasser, gleichmäßiges Schaukeln des Boots. Und doch gibt es jetzt diese minimale „Verschiebung“, die – wenn überhaupt – nur jemand bemerkt, der 25 Jahre mit ihr verheiratet ist. Sie sagt nichts. Eine Minute vergeht, vielleicht zwei und dann: „DELFIN!“
Ich guck‘ dorthin, wo Susanne hingeguckt hat, und sehe nichts. Okay, unterm Horizont ist eine weiße Linie und wenn man da den Abstand Horizont-weiße Linie noch zwei Mal runter geht und dann im linken Bereich des Blickfelds mittig, dann sieht man da einen schwarzen Punkt und noch viel schlechter erkennbar – leicht versetzt links drüber einen zweiten. Sollen das etwa Delfine sein?
- Susanne sieht sie, bevor sie da sind.
- Susanne sieht sie, bevor sie da sind.
Ewas mehr als eine halbe Sekunde später ist der untere Punkt (offenbar ein Vogel) nach rechts versetzt und der zuvor schwach erkennbare Punkt darüber (ein Delfin?) aufgetaucht. Noch weiter links oberhalb sehe ich noch zwei. Kein Zweifel: Susanne hat – wieder mal als Erste – Delfine entdeckt. Keine fünf Minuten später sind die Delfine dann unterm Bug. Ich habe noch immer das 100–400er drauf. Das ist in der Situation das denkbar schlechteste Objektiv überhaupt. Bei 4 bis 5 Meter Abstand bis zur Wasseroberfläche habe ich gerade mal einen Bildausschnitt von 1 Meter 50 Breite. Ein 24- oder 28-mm-Objektiv wäre jetzt deutlich besser, aber die Zeit zum Wechseln ist zu knapp. Da ich mich nicht so weit über die Reling beugen kann, um durch den Sucher zu sehen, und das Licht überm Meer so gleißend ist, dass man auf den klappbaren Monitor überhaupt nichts sieht, halte ich die Kamera einfach in die geschätzte Richtung nach unten und hoffe. Klack, klack, klack, klack, klack …
- Bilder eines Glücksmoments auf See
- Bilder eines Glücksmoments auf See
- Bilder eines Glücksmoments auf See
- Bilder eines Glücksmoments auf See
Susanne auf der Backbordseite ist ebenfalls überfordert – sie will filmen, hat aber in der Aufregung vergessen, die Kamera vom Fotografier-Modus auf Video umzuschalten. Erst spät gelingt ihr der Wechsel. Am Ende entstehen dennoch wunderbare Aufnahmen.
Ein kurzer, aber unvergesslicher Moment
Vor fünf Minuten erst hat Susanne die Delfine entdeckt, knapp zwei Minuten waren sie unterm Bug, und jetzt, es ist 10:35 Uhr, sind sie schon wieder aus unserem Blickfeld verschwunden. Das Ereignis aber war einzigartig. Während Susannes Blick immer noch über das Meer schweift, gehe ich unter Deck, um am Monitor der 600 D zu checken, ob wenigstens das eine oder andere Bild meiner Versuche etwas geworden sind. Ich hab‘ sie, aber leider nur Ausschnitte. Trotz der „bescheidenen“ Aufnahmen sind Susanne und ich aber rundherum glücklich, haben wir doch erlebt, weswegen wir hauptsächlich in die Ägäis gekommen sind: Delfine!
Warum ausgerechnet hier?
Ein Blick auf Open Sea-Map zeigt den möglichen Grund, weshalb wir ausgerechnet hier Erfolg hatten: Rund um die Nördlichen Sporaden (Skiathos, Skopelos, Alonissos) ist das Meer im Schnitt 100 Meter tief. Nördlich von Skopelos aber fällt der Meeresboden schon wenige Kilometer vor der Küste auf über 1.000 Meter ab. Diese abrupten Tiefenunterschiede beeinflussen Strömungen und Nährstoffverteilung. Nährstoffreiches Tiefenwasser gelangt nach oben, Plankton gedeiht, Fische sammeln sich – und wo viele Fische sind, sind die Delfine meist auch nicht weit.
Mamma Mia, war das Glück
Um 10:48 Uhr befinden wir uns – jetzt schon zum dritten Mal – unterm „Palouki“, in dessen Kapelle Donna und Sam Carmichael im Film „Mamma Mia“ 2008 geheiratet haben. Glücklicher als wir heute können die damals auch nicht gewesen sein: Delfine – quasi auf den letzten Drücker. Morgen geht’s dann ja schon wieder nach Hause.
- Kapelle Agios Ioannis Kastri
- Angebote im Vintage-Stil
Bis Skopelos dauert´s noch ein Weilchen. Wir gehen unter Deck, weil auch Susanne am Monitor ihren Film ansehen will. Bingo! Eigentlich wär‘ das jetzt alles einen Whisky wert, aber wir belassen es bei einem Kaffee und Wasser, das hier – im Gegensatz zu Deutschland – praktisch gar nichts kostet. Derweil wir unseren Kaffee trinken und uns noch über die Delfin-Sichtung freuen, fährt die „Nikolas“ weiter. Gegen viertel zwölf sehen wir an den großen Salonfenstern im Unterdeck die Häuser von Skopelos-Stadt vorbeiziehen und zehn Minuten später gehen wir von Bord.
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