Zwischen Ziegenpfad und Lagune
Auf nach Kastro
Jetzt wollen wir – wenn wir schon ein Auto haben – noch zum Kastro Beach und zum Byzantine Castle fahren. Dort waren wir 1995 mit einem Ausflugsboot.
| Rückblick:
Besonders gut erinnere ich mich an den markanten Felsen am östlichen Ende des Strandes, durch dessen großes Loch ich damals hindurchgeschwommen bin, während Susanne und Simon am Strand von Lalaria blieben, schrieben und Comics lasen.
Noch lebhafter in Erinnerung ist aber etwas anderes: Oben bei der Burg oder einer der Kirchen wurden damals Restaurierungsarbeiten durchgeführt. Esel oder Mulis schleppten Dachziegel die steilen Wege hinauf. Irgendwann kam offenbar jemand auf die pragmatische Idee, auch die Touristen einzuspannen. Jeder Besucher sollte eine Dachplatte in die Hand nehmen und so seinen Beitrag leisten.
Die Idee fand ich damals ebenso einfach wie genial – und bei den vielen Besuchern kam da einiges zusammen.
So wurden aus tierischen „Packeseln“ irgendwann schlicht menschliche. Das fand ich damals lustig und finde es auch heute noch sehr lustig. |
Am Ende der befahrbaren Welt
Gleich sind wir da. Laut Navi sollen es nach der Villa Pyrgi, wenn wir den Weg rechts rein fahren, nur noch etwa zwei Kilometer sein. Zunächst sieht alles noch ganz harmlos aus. Doch schon nach kurzer Zeit entpuppt sich die angebliche Straße als eine Art schmaler, steiler, zerfurchter und ausgewaschener Ziegenpfad mit Längsrillen, in denen man den Aygo jetzt locker versenken könnte. In solchen Situationen hat uns das Navi früher des Öfteren mit dem Satz „Hier endet die Routenführung, das Ziel liegt in Pfeilrichtung“ stehen lassen. Doch diesmal schweigt „Peter“ und sieht offenbar keinen Anlass, uns vor dem bevorstehenden Ende der Zivilisation zu warnen.
- Das ist zu kriminell für einen Leihwagen.
- Oliven
Schließlich kapitulieren wir und fahren rückwärts wieder hinauf bis zu dem Platz, wo wir das Auto noch stehen lassen können. Zu Fuß laufen wir vielleicht noch zwanzig oder fünfundzwanzig Minuten bergab. Zwei Kilometer, ha, ha! Irgendwann ist Schluss – bevor wir – bildlich gesprochen – am Rand der Welt endgültig von der Erdscheibe abstürzen, drehen wir um. Schließlich müssten wir den ganzen Weg später ja auch wieder hinauf. Aber wenigstens bleibt die schöne Erinnerung an 1995.
Zurück auf „Start“
Wir drehen um und gehen wieder zurück zum Auto. Inzwischen ist es halb zwei, und Susanne verlangt nach ihrem wohlverdienten Kaffee. Ich ärgere mich noch immer darüber, dass wir fast eine komplette Stunde für diesen blöden Ziegenpfad vergeudet haben. Warum das Navi hier überhaupt eine befahrbare Straße angezeigt hat, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Langsam lernen wir eine wichtige Lektion für unser ganzes Leben: Ein Auto und ein Navi zu haben bedeutet noch lange nicht, überall hinzukommen. Viele Wege sind inzwischen in einem derartig katastrophalen Zustand, dass man sie keinem Auto – und schon gar nicht einem Leihwagen – zumuten möchte. Da wäre eine Enduro möglicherweise besser gewesen. Aber ob ich das mir – und vor allem Susanne – zumuten möchte, das sei mal dahingestellt. Nun haben wir aber erst mal den Wagen und wenn wir hier im nördlichen Teil nichts ausrichten können, fahren wir eben woanders hin. Warum nicht noch mal an den Koukanaries-Strand im südwestlichen Teil von Skiathos.
Koukanaries Strand
Nach 15 Kilometern sind wir wieder dort, wo wir gestern schon mal waren. Wir stellen den Aygo am großen Parkplatz ab und gehen wie gestern durch das Gartentürchen rein. Von hier aus sind es nur wenige Schritte durch die Pinien zum Strand, an dem heute Nachmittag deutlich mehr los ist als gestern früh.
- Kaukanaries Strand
- Kaukanaries Strand
Wir setzen uns direkt vorne bei der Taverne Thalassa auf die blauen Stühle. Zum Glück tragen wir Schuhe. Der Sand ist inzwischen derart heiß, dass die barfüßigen Kellner fast im Laufschritt unterwegs sein müssen, um sich die Füße nicht zu verbrennen.
Verhör-Hammer
Susanne bestellt einen griechischen Kaffee und Wasser. Ich bleibe meiner Linie treu: Cappuccino und – zur Sicherheit gegen drohende Unterzuckerung – eine eiskalte Fanta. Vom Tisch aus sieht man die hellen Sonnenschirme, dahinter das türkisblaue Wasser und darüber rauschen die Pinien, die diesem Strand seinen unverwechselbaren Charakter geben. Kurz darauf stehen die Getränke auch schon auf dem Tisch. Essen lassen wir lieber bleiben – nicht, dass uns das Gleiche passiert wie dem englischen Paar am Nebentisch.
Als der Kellner denen das Essen bringt – über den heißen Sand und barfuß natürlich im Eilschritt – glaub‘ ich mich zu verhören. Sagt der doch tatsächlich: „Du kriegst Salat?“ Wo sind wir denn, dass ein Kellner seine Gäste duzt? Im nächsten Moment wird mir klar, dass ich mich wahrscheinlich doch verhört habe. Er sagte wohl:„Two Greek Salad?“ Ja, ja – die Hitze, ja, ja die Ohren …
Wir bleiben nur eine halbe Stunde, kein großes Essen, kein langes Sitzen – einfach kurz ankommen, etwas trinken, die Wärme des Nachmittags aufnehmen und den Blick über den Strand schweifen lassen, dann gehen wir wieder, denn direkt hinterm Strand liegt die Strofylia-Lagune, eines der bedeutendsten Feuchtgebiete von ganz Skiathos. Zusammen mit dem Kiefernwald bildet sie ein geschütztes Natura-2000-Gebiet.
Strofylia Lagune
Und aus eben diesem Grund – geschütztes Biotop, empfindliches Ökosystem – darf man am Strand von Koukounaries und im Bereich der angrenzenden Lagune auch kein Shampoo und keine Seife benutzen.
- Die Duschen am Kaukanaries-Strand
- Höcker- und schwarze Schwäne
Die Duschen dienen ausschließlich dazu, Salz und Sand abzuspülen. Schon geringe Mengen von Tensiden könnten das empfindliche natürliche Gleichgewicht beeinträchtigen. Dabei geht es also nicht um Willkür, sondern darum, einen der ökologisch wertvollsten Naturräume der Ägäis zu schützen.
- Schwarzer Schwan
- Schwarzer Schwan
Im Biotop trifft man auf unzählige schwarze Schwäne, Höckerschwäne und auch Enten. Ein erstaunlich ruhiger Gegenpol zum lebhaften Strand wenige Meter weiter.
- Stockenten
- Die Strofylia Lagune
Spontaner Richtungswechsel
Frisch gestärkt und erholt fahren wir gegen halb drei weiter. Zunächst geht es die Küstenstraße entlang Richtung Skiathos. Kurz hinter Troulos fällt mir plötzlich die Bushaltestelle „Troulos Y-Junction – eighteen!“ auf. Genau diesen Namen hatte der Fahrkartenkontrolleur gestern im Bus mit großer Hingabe ausgerufen. Warum hier nicht einfach mal links abbiegen? Laut Wegweisern führt die Straße zur Panagia-Kounistra, einem weiteren Kloster im Inselinneren.
Skiathos Dog Center
Nach einigen Kilometern kommen wir am Skiathos Dog Center vorbei. Die Anlage wirkt schlicht und zweckmäßig. Hier kümmern sich Freiwillige angeblich um Straßenhunde, füttern sie, gehen mit ihnen „Gassi“ und versuchen, sie an Menschen zu gewöhnen. Viele Tiere werden später über Hilfsorganisationen ins Ausland vermittelt.
- Skiathos Dog Center
- Skiathos Dog Center
Ob es wirklich sinnvoll ist, Straßenhunde hier aufzulesen und sie dann nach Deutschland zu bringen, darüber kann man sicher unterschiedlicher Meinung sein. Ich vertrete die Ansicht, dass das Geld für Transport, Vermittlung und Betreuung der Hunde wirksamer eingesetzt würde, wenn man es in Kastrationsprogramme, Aufklärung und Tierheime in den jeweiligen Herkunftsländern investiert. Die Frage ist daher nicht, ob man helfen sollte, sondern welche Form der Hilfe langfristig am meisten bewirkt.
Nach weiteren zweieinhalb Kilometern sind wir durch, durch die Insel. Komplette Inseldurchquerung von Süd nach Nord in sechseinhalb Kilometern oder – mit Pausen – zwanzig Minuten. Hier in der Nähe soll der Aselinos Beach sein. Das Kloster Panagia Kounistra, das bei der Troulos Y-Junction unten noch ausgeschildert war, haben wir komplett vergessen.
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