Koukounaries und die wiedergefundene Erinnerung
Schwimmen im Meer
Heute ist – wenn man den Anreisetag am Freitag mitzählt – bereits der fünfte Urlaubstag. Große Pläne haben wir nicht für heute. Ausflugsschiffe fahren keine und was man sonst so tun kann, dafür haben wir keinen Plan. Aber eins, das muss sein: Meer.
Noch lange vor dem Frühstück gehen wir deshalb runter ans Wasser. Die Kamera lasse ich vorsichtshalber im Hotel, weil ich nicht weiß, wo man sie während des Schwimmens sicher deponieren könnte. Im Nachhinein wäre das aber gar nicht nötig gewesen. Um diese Uhrzeit ist eh kein Mensch da. Wir haben den ganzen Strand für uns allein. Das Meer ist herrlich warm und wir genießen es, rund eine halbe Stunde drin rumzupaddeln. Allerdings merkt man schnell, dass Schwimmen im Meer deutlich anstrengender ist als irgendwo in einem Frei- oder Hallenbad. Auch wenn die Wellen nur leicht sind, muss man ständig gegen sie anarbeiten und wird immer wieder ein Stückchen versetzt.
Das Plantschen hat ganz schön hungrig gemacht und wir freuen uns aufs Frühstück. Zum Hotel hoch sind’s gerade mal 200 Meter oder fünf Minuten – für uns eher zehn. Im Zimmer werden Salz und Sand abgespült, Haare gerichtet und frische Kleidung angezogen. Dann wartet das Frühstück.
Frühstück
Natürlich sitzen wir wieder auf der Terrasse, heute regnet es ja nicht. Die Morgensonne ist noch angenehm mild, ein leichter Wind weht vom Meer herauf und zwischen den Bäumen zwitschern die Vögel.
Am Buffet gibt es alles, was man sich wünschen kann: frisches Brot, Honig, Marmelade, Obst, Joghurt und für mich Käse, Feta, Tomaten, Gurken und Pizzastückchen. Entsprechend lassen wir uns Zeit und den Herrgott ´nen guten Mann sein. Der Engländer am Nebentisch, mit dem wir am Sonntag im Taxi nach Skiathos-Stadt gefahren sind, offenbar auch. Während er sich drinnen Nachschub holt – Kaffee oder Tee, ich weiß nicht, was er trinkt – nutzt eine Katze die Gelegenheit und stiehlt seelenruhig ein Stück Pizza von seinem Teller. Doch das scheint den Engländer überhaupt nicht zu jucken. Er wirkt so, als ob für ihn ausschließlich gelte „We take our time and let the world go by“. So eingestellt holt er einfach einen neuen Teller. Die Katze hingegen dürfte mit ihrem Fang ausgesprochen zufrieden zu sein. Seelenruhig verzieht sie sich mit ihrer Beute unter das nahe Gebüsch und macht sich dort über das unerwartet üppige Frühstück her. Schade, dass ich gerade jetzt meine Kamera nicht dabei habe.
Deutlich weniger entspannt sieht das die Frau des Engländers, die Österreicherin, die gerade auch vom Buffet wieder herauskommt. Offenbar von solchen spontanen Abweichungen im geordneten Frühstücksablauf weniger begeistert, stellt sie ihren Teller ab und verschwindet.
Wir dagegen – und vor allem der Mann – nehmen die Sache mit Humor. So vergeht die Zeit, und ehe wir uns versehen, ist es bereits nach neun Uhr.
Im Bus zum Koukounaries-Strand
Um halb zehn gehen wir runter zur Bushaltestelle Richtung Koukounaries-Strand. Die Garçon liegt noch immer draußen in der Bucht vor Anker. Der Koukounaries-Strand (oder auch Goldener Strand) soll einer der schönsten Strände des Mittelmeers sein, behaupten zumindest die Einheimischen. Besonders spektakulär sei der Sonnenuntergang dort. So lange wollen wir aber nicht bleiben. Susanne hat nur vor, dort Postkarten zu schreiben.
Das mit dem Postkarten-Schreiben kennen vermutlich auch nur noch Menschen aus dem letzten Jahrhundert. Heutzutage verschickt man Urlaubsgrüße per WhatsApp, Instagram oder Facebook – oft schon, bevor man überhaupt am Urlaubsort angekommen ist. Eine handgeschriebene Postkarte dagegen scheint fast ausgestorben zu sein. Gerade deshalb halten wir daran fest. Schließlich ist es doch etwas ganz Besonderes, wenn Wochen nach dem Urlaub plötzlich ein echter, mit den Händen greifbarer Gruß im Briefkasten landet. In der Hinsicht sind wir einfach altmodisch.
Angenehm altmodisch ist auch das Busfahren auf Skiathos. Man steigt einfach ein und setzt sich irgendwo hin. Irgendwann kommt der εισπράκτορας (wörtlich: Einkassierer) und verkauft die Tickets. Wohl durch jahrelange Erfahrung weiß er erstaunlich genau, wer gerade wann und wo eingestiegen ist und wer schon länger im Bus sitzt.
- Busalltag auf Griechisch
- Zwei Mal „Kaoukanaris“
Auch die „Lautsprecheranlage“ ist er selbst: Die Stationen werden einfach lautstark ausgerufen: „Kanapitsa – twelve!“ oder „Troulos Y-Junction – eighteen!“ Nach etwa 25 Minuten ertönt schließlich: „Final Destination: Koukounaries Beach!“
Koukounaries-Strand
Von der Bushaltestelle führt ein kleiner Durchgang, der für Autos gesperrt ist, über einen Holzsteg zum Strand. Nach wenigen Minuten liegt er vor uns.
- Durch den kleinen Durchgang geht’s zum Strand.
- Koukanaries-Strand
Hier gibt es Toiletten-Häuschen und – das kenne ich so nicht – eigenwillige, ich nenn´s mal „Schamhütten“. Sechs Vierkantpfosten, ein paar Bretter und fertig ist das etwa zwei Meter hohe Häuschen. Oben und unten offen, sodass man bei größeren Menschen deren Schopf, bei allen aber deren Beine bis zur Wade sieht. Diese Bauart von „Umkleidekabinen“ erspart eine zusätzliche „Belegt“-Anzeige.
- Toilettenanlage
- Griechische „Schamhütten“
Wir sind allerdings nicht zum Baden und demzufolge auch nicht zum Umziehen hier, sondern „nur“ zum Postkartenschreiben. Also besorgen wir uns an einem Kiosk Postkarten, Briefmarken, etwas zu trinken und setzen uns dann an einen Tisch. Inzwischen ist es so heiß, dass es Finn ohne Käppi gar nicht aushalten könnte. Geduldig erträgt er sein Los und irgendwann sind die fünfzehn Postkarten dann ja auch fertig.
- Koukanaries-Strand
- Erfrischung in der Standbar
Jetzt haben wir auch Zeit und Muße für den Strand. Der rund 1 km lange Κουκουναριές (Koukounaries Strand), wörtlich übersetzt: der Strand der Zirbelkiefer ist berühmt für seinen hellen Sand und das kristallklare Wasser.
- Tretboote
- Straßenhund
Hier gibt es Liegestühle und Sonnenschirme zu mieten (8 € für 2 Liegen plus Sonnenschirm) oder Tretboote in Delfinform oder – kostenlos – einfach nur streunende Hunde zum Kraulen – alles ist vorhanden.
Auf der Suche nach der Vergangenheit
Um halb zwölf lassen wir den Strand dann hinter uns und gehen wieder Richtung Ausgang. Der Parkplatz ist inzwischen gerammelt voll.
- Koukanaries-Strand
- Wir sind nicht die einzigen.
Unser nächstes Ziel heißt: „Vergangenheit suchen!“ Hier, auf dem Weg vom Koukounaries-Strand Richtung Skiathos-Stadt muss irgendwo das Hotel Muses sein. Da waren wir vor 22 Jahren bei unserem allerersten Skiathos-Urlaub.
Doch ob es das Hotel überhaupt noch gibt? Keine Ahnung. Eigentlich ist es ja ´ne blöde Idee, das Hotel zu suchen, schließlich wissen wir weder die genaue Adresse noch den Straßennamen. Nur eines ist uns in Erinnerung geblieben: Es lag irgendwo an der Hauptstraße und man konnte von dort aus bequem bis zum Strand laufen. Von Nostalgiegedanken gepackt marschieren wir los – und siehe da: So blöd war die Idee anscheinend gar nicht.
- Hotel Muses, Skiathos
- Hotel Muses, Skiathos
Bereits nach rund 300 Metern liegt es links vor uns: die leuchtend weißen, zweigeschossigen Bungalows des Hotels Muses.
| Rückblick:
Und plötzlich ist alles wieder da. Ich sehe uns auf der Terrasse sitzen, wie ich zusammen mit unserem damals Elfjährigen eine Sonnenuhr gebaut, ihren Schatten beobachtet und mit der Anzeige der Casio (das war eine dieser neuen Uhren mit den leuchtenden Ziffern) verglichen habe. Weiter sehe ich noch genau die Ameisenstraße vor mir, die damals durch unser Appartement lief und bei Simon beinahe Panik auslöste.
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Inzwischen ist unser Sohn längst erwachsen. Ob Simon sich noch an die Sonnenuhr erinnert oder an die Ameisen? Da wird man – jetzt als Fast-Rentner – schon ziemlich sentimental.
In die Stadt
Nachdem wir das Hotel gefunden haben, geht´s mit dem Bus wieder zurück in die Stadt. Endstation ist – weil der Bus nicht durch die Stadt selbst, sondern auf einer Umgehungsstraße drum herum fährt –am Nordende des neuen Hafens bei einer Schule. Dort kommen wir um halb eins an.
- Wir wollen mit.
- Der Bus nach Skiathos-Stadt
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