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Luxus oder Naturerlebnis?

Was braucht der Mensch?


Bisher waren wir immer der Meinung, dass unser Hotel hier auf Skiathos eigentlich schon alles bietet, was man sich für einen komfortablen Urlaub wünschen kann: großzügig, elegant und nach unseren Maßstäben durchaus „mit ein bisschen Luxus“. Und dann sitzt man morgens auf der Terrasse, schaut aufs Meer – und stellt fest: Es gibt immer noch etwas Größeres. Direkt vor uns liegt die ACE, eine 2012 bei Lürssen gebaute Superjacht. Eine schwimmende Welt für sich: so groß, so elegant und so konsequent luxuriös, dass man kaum noch von einem Boot sprechen kann, eher von einem schwimmenden Grandhotel für Menschen, die ihre Privatsphäre mittels mehrerer Decks vom Rest der Menschheit abschotten möchten.

Die Jacht gehört einem Ukrainer. Natürlich fragt man sich unweigerlich, wie jemand zu einem Vermögen kommt, dass er sich solche Spielzeuge leisten kann. Der Eigentümer soll – so liest man im Internet – sein Geld nicht mit einem einzelnen spektakulären Geschäft verdient haben, sondern mit einem bis ins Detail durchorganisierten Agrarkonzern. Vom Saatkorn über Getreide bis hin zum Hähnchen, das dieses Getreide gefressen hat. Erinnert mich irgendwie an WALL·E und den Megakonzern Buy n Large, der praktisch alles herstellt, von Konsumgütern bis zur kompletten Infrastruktur, und damit den Alltag vollständig bestimmt.

Doch eine Superjacht dieser Größenordnung allein genügt ganz offenbar nicht. Wer eine ACE besitzt, benötigt selbstverständlich auch ein passendes Unterstützungsschiff. Dafür gibt es die Garçon. Man stelle sich nur mal vor, auf der ACE stellt plötzlich jemand fest, dass das Licht in einem Champagnerglas nicht mit dem darin schwimmenden Brillanten harmoniert. Für derartige Notfälle ist dann die Garçon da. Während auf der ACE gelebt wird, kümmert sich die Garçon um alles, was im Hintergrund funktionieren muss: Versorgung, Crew, Ersatzteile, Ausrüstung und vermutlich auch um die Bereitstellung eines neuen Champagnerglases mit optimierter Brillanten-Kompatibilität. Und alles muss schnell gehen.

Falls selbst das mal nicht schnell genug geht, steht auf dem Helikopterdeck der Garçon gleich noch die nächste Eskalationsstufe bereit: eine Bell 429 GlobalRanger. Schließlich gibt es Situationen, in denen selbst ein Versorgungsschiff den Unterschied zwischen „gleich“ und „sofort“ nicht mehr ausreichend verkürzen kann. So liegt das nun alles vor uns: geschniegelt, gigantisch und vollkommen. Und Susanne und ich überlegen derweil, ob wir heute die zweimal 1,60 Euro für den Bus nach Skiathos-Stadt sparen und stattdessen lieber zu Fuß gehen.

Skiathos


Nachdem es gestern noch geregnet hat, zeigt sich der Morgen heute deutlich ruhiger. Die Ausfahrt mit der „Nikolas“ um Skopelos herum und in den Meeresnationalpark bei Alonnisos sollte also möglich sein. Nur wie es draußen auf See tatsächlich aussieht, lässt sich von hier aus natürlich nicht beurteilen – zu oft haben wir – beispielsweise in Ligurien – erlebt, dass bei bestem Wetter an Land trotzdem kein Schiff auslief, weil draußen auf See – so die Crew –  „die Welt unterging“.

Zur Sicherheit gehen wir deshalb nach Skiathos-Stadt zum Alten Hafen und fragen nach. Die Antwort ist knapp und eindeutig: „Die ‚Nikolas‘ fährt.“ Damit ist nun alles geklärt. Und solange die großen Touristenströme noch nicht eingesetzt haben, nutzen wir die Zeit für einen Bummel durch die Gassen der Altstadt.

Am „Portobello“ bleiben wir kurz stehen und schauen rein – sieht eigentlich durchaus einladend aus. Vielleicht heute Abend?

Vor einem „Touristenladen für Lederwaren und Sandalen“ taucht wieder eine dieser Erinnerungen auf: Als unser Sohn Simon noch klein war, bekam er jedes Jahr solche Sandalen. Heute hängen sie am Sekretär bei uns im Wohnzimmer und markieren ganz nebenbei, wie schnell aus kleinen Füßen große geworden sind.

Auffällig ist, dass es trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit noch erstaunlich ruhig ist in Skiathos-Stadt. Kein Gedränge, kaum Menschen. Vielleicht liegt es daran, dass das Leben hier sich weniger nach der Uhrzeit richtet als nach Wärme, Touristenwünschen und Meer. Aus diesem Grund bleibt es morgens lange so still und leer.

Obwohl die AG Nikolas“ erst um 9:45 Uhr ablegt, gehen wir auf Nummer sicher und setzen uns in Sichtweite auf einen Cappuccino ins „Neos Kosmos“. Dort waren wir auch am Samstag schon, bevor wir mit der „Poseidon“ die Mamma-Mia-Tour machten. Susanne kann sich daran allerdings nicht mehr erinnern. Erst als die obligatorische Wasser-Karaffe auf dem Tisch steht und sie deren ungewöhnliche Form wiedererkennt, macht es auch bei ihr wieder „Klick“. Als hätte genau dieses Detail ihre Erinnerung eingeschaltet.

Ausflug in den Meeresnationalpark


Die Tagesfahrt heute – so der Prospekt – soll uns um die Nordwestspitze von Skopelos herum zur Kirche St. John the Baptist führen. Das ist die berühmte Mamma-Mia-Kirche, zu der wir am Samstag bereits die 272 Stufen hinaufgekraxelt sind. Heute werden wir jedoch daran nur vorbeifahren. In Skopelos-Stadt haben wir dann aber zwei Stunden Zeit für einen Landgang.

Als wir kurz vor halb zehn an Bord gehen, ist es für Susannes „Titanic-Gedächtnisplatz“ am Bug leider schon zu spät. Ein englisches Pärchen hat sich diesen Platz bereits gesichert – vermutlich mit seiner inneren Untermalung von „My Heart Will Go On“.

Pünktlich um 9:45 Uhr wird der Anker gelichtet. Susanne blickt hinaus aufs Meer, während wir langsam aus dem Hafen von Skiathos gleiten. Ob sich auf dieser Fahrt tatsächlich Delfine zeigen werden, bleibt völlig offen. Niemand kann es sagen. Nur weil im Prospekt in Großbuchstaben „ALL DAY WE ARE SEARCHING FOR DOLPHINS!!!“ steht, bedeutet das noch lange nicht, dass sich die Natur an solche Versprechen hält.

Das ist genauso wie mit dem in der Werbung häufig bemühten Hinweis „wissenschaftlich geprüft“. „Geprüft“ heißt eben nicht automatisch „überzeugend“ – und schon gar nicht garantiert.

Wir fahren zunächst südwärts an den kleinen Inseln Maragos und Arkos vorbei und umrunden anschließend die Insel Repi. Backbord erscheint der Leuchtturm. Mit seinen nur elf Metern Höhe wirkt er eher unscheinbar. Er steht jedoch auf einem hohen Felsen und ist dadurch bis zu zwölf Seemeilen weit sichtbar. Seit über hundert Jahren markiert er zuverlässig die Hafeneinfahrt von Skiathos.

Eigentlich sollten wir jetzt nach Nordosten abbiegen und wie am Samstag den Norden von Skopelos umrunden – vorbei am Kap Gouroúni und dem Leuchtturm Ákra Gouroúni. Doch daraus wird heute wohl nichts. Reiseleiterin Victoria Sandels erklärt in vier Sprachen: „Es geht nicht. Der starke Nordostwind sorgt dort für zu raue See und hohe Wellen.“ Aus diesem Grund müssen wir heute im Windschatten der Insel südlich herum fahren. Wir werden daher also zuerst Patitiri in Alonnisos anlaufen und erst nachmittags – sollte sich das Wetter beruhigen – nach Skopelos-Stadt gehen können. Das stört uns nicht weiter. Hauptsache wir sind auf See. Mittels meines an einer Power-Bank hangenden Navis bekomme ich mit, dass die „Nikolas“ jetzt mit etwa 20 km/h unterwegs ist – in einer traumhaften Welt.

Was mir diese Idylle jedoch gründlich verdirbt, ist das Verhalten einzelner Mitreisender. Ohne jedes Nachdenken über die Folgen werfen sie ihre Zigarettenstummel einfach über Bord – als wäre das Meer ein riesiger Mülleimer. Dieses rücksichtslose, egoistische Verhalten macht mich richtig wütend. Gerade hier, wo die Natur so präsent ist, wirkt so ein Verhalten auf mich besonders gedankenlos und dumm!

Während wir an der Südwestküste von Skopelos entlanggleiten, erscheint hoch oben am Hang die Stadt Glossa – die zweitgrößte Ortschaft der Insel. Um ihren Namen rankt sich eine kleine Legende: Ursprünglich sollte der Ort in Anlehnung an Knossos auf Kreta „Knossa“ heißen. Doch nach dem Anschluss Kretas an Griechenland (1913) konnte man sich nicht einigen. Also schlug der Dorfpfarrer ein Wettrennen vor: Der Sieger durfte den Namen bestimmen. Die Läufer starteten unten im Hafen von Loutraki, während oben an der Kirche die Bewohner warteten. Als der erste Läufer völlig erschöpft im 250 Meter höher gelegenen Ort ankam und keuchend die Zunge herausstreckte, war der neue Name geboren: „Glossa“ = Zunge.

Kurz vor elf passieren wir erneut Τα Τρία Πεύκα, die 3-Pinien-Insel aus Mamma Mia, wenig später Δρακοντόσχισμα, die Drachenschlucht, an der der Legende nach der heilige Reginos einen Drachen in die Tiefe gestürzt haben soll. Beides kennen wir ja schon von der Mamma-Mia-Tour vom Samstag her.

Als wir gegen viertel elf in der Region Velanio-/Stafylos aus dem Windschatten von Skopelos herauskommen, wird’s langsam ungemütlich. Obwohl die „Nikolas“ ein vergleichsweise großes Schiff ist und der Bug mehrere Meter über dem Wasser liegt, erwischt uns eine Welle mit voller Kraft. Innerhalb von Sekunden sind wir klatschnass.

Offenbar aus einem Reflex heraus habe ich die Kamera gerade noch rechtzeitig unter meine Fotojacke bekommen, sodass Kamera und Objektiv nichts passiert ist. Sicherheitshalber gehe ich jetzt aber ins Schiffsinnere und sehe, wie draußen das Meer tobt. Das wird so wohl nichts werden mit „Delfine gucken“.

Überall nur Gischt, graue Bewegung und dahinter die Konturen der kleinen Inseln Agios Georgios und Mikro Agiorgis. Das Schiff arbeitet sich durch Στενό της Αλοννήσου, die fünf Kilometer breite Straße von Alonnisos. Unser nächster Halt ist Patitiri. Dort bleiben uns zwei Stunden – an Land, im Wind oder einfach im Moment.

Alonnisos


Eine Viertelstunde später hat sich die stürmische See gelegt, und wir sind kurz vor Alonnisos. Hoch oben auf dem Berg erkennen wir das alte Χώρα Αλοννήσου, die ehemalige Inselhauptstadt Chóra Alonnísou. Nach einem Erdbeben im Jahr 1965 wurde der Hauptort jedoch nach Patitiri am Hafen verlegt. Das alte Palιά Chóra blieb aber erhalten und ist heute ein lebendiger, touristisch orientierter Ort mit engen Gassen, Tavernen und weitem Blick über das Meer.

Und da ist er noch immer – jener schroffe Felsen, etwa einen Kilometer vor dem Hafen von Patitiri, wo wir Pfingsten 1995 mit einem geliehenen Motorboot in dramatische Seenot gerieten. Damals war uns der Sprit ausgegangen, mitten auf der Route der Fähre Alonnisos–Thessaloniki.

Manövrierunfähig lagen wir im Kurs des riesigen Schiffes, den Wellen völlig ausgeliefert. Noch heute höre ich die „Row! Row!“-Rufe des Offiziers von der Reling, während wir unten völlig hilflos waren. Unser Sohn, damals erst elf Jahre alt, wollte in seiner Verzweiflung sogar über Bord springen. Dieses Ereignis und dieser Felsen werden mir für immer in Erinnerung bleiben.

Zum Glück konnte die Fähre im letzten Moment ausweichen und knapp rechts an uns vorbeiziehen – so nah, dass der Abstand kaum noch real erschien. Vielleicht war er ja größer, vielleicht aber auch nicht; die Erinnerung macht aus Gefahr immer ihre eigene Geometrie. Als sie vorbei war, traf uns die Heckwelle mit voller Wucht und ließ unser Boot noch lange nachschaukeln.

Offenbar hat die Brücke den Vorfall aber gemeldet, denn kurz darauf kam ein kleines Boot und schleppte uns in den Hafen. Erleichtert, überlebt zu haben, mussten wir dort – wo wir für die Retter selbstverständlich einen ausgaben – noch stundenlang deren Spott ertragen.

Kurz nach diesem dramatisch Blick zurück legt die „Nikolas“ im Hafen von Patitiri an. Kann ja jeder, mit Sprit im Tank!

Hier haben wir zwei Stunden zur freien Verfügung.

  • Einige bleiben direkt in einem Café, einer Taverne oder Eisdiele am Hafen oder an der kleinen Uferpromenade, setzen sich ans Wasser, blicken auf die Boote, bestellen einen Kaffee oder ein Ouzo-Wasser und kommen erst einmal entspannt an.
  • Andere nehmen an der kurzen geführten Tour ins alte Bergdorf teil. Der blaue Bus mit den Delfinen wartet bereits. Diese Tour gilt als klassisches „Pflichtprogramm“, da sie die schönste Aussicht und die typische Inselarchitektur zeigt. Mit nur zwei Stunden ist der Ausflug jedoch recht knapp bemessen.
  • Wieder andere spazieren entlang der Bucht von Patitiri und verbinden dies mit einem Badestopp an den kleinen Stränden direkt neben dem Hafen. Das Wasser ist dort meist klar und schnell erreichbar und eignet sich ideal für eine kurze Abkühlung.
  • Wir selbst hätten gerne eine Mini-Bootstour in die Zone A des Nationalparks gemacht, doch heute wird leider keine entsprechende Tour angeboten.

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