Vom Hafen zum Flugfeld
Für „Gute Freunde“ nur das Beste
Beim Rausgehen fällt mir an einer Seitenwand ein Plakat mit Werbung für die AG „Agios Nikolas“ auf. Sag mal, war das nicht eines der Boote vom Alten Hafen? Ist so:
- die „Poseidon“ macht die sogenannte „Mamma-Mia-Tour“ – die haben wir gestern gemacht
- den Namen des Boots, das die Rundfahrt um Skiathos macht, und die Namen der anderen habe ich vergessen und
- die AG „Nikolas“ ist doch die, die montags und donnerstags nach Alonnisos und in den Meeres-Nationalpark fährt.
Morgen ist Montag! Ich spreche Saikis (so lautet der Spitzname von Athanasius) auf die Fahrt mit der AG „Nikolas“ an, und er sagt lächelnd: „Das ist mein Sohn. Fragen Sie nach Ivan. Gute Freunde bekommen dort einen Sonderpreis.“ Dazu drückt er mir noch einen handgeschriebenen Zettel in die Hand. Sofort muss ich an die alte Ouzo-12-Werbung denken. Dort fährt ein Grieche den Kellner an, als dieser seinen Gästen irgendeinen billigen Ouzo servieren will: Für „seine guten Freunde“ kommt aber nur das Beste auf den Tisch. Saikis klingt gerade ganz ähnlich. Sein Sohn soll sich morgen um uns kümmern, und als „gute Freunde“ sollen wir einen Sonderpreis bekommen. Ich bin gespannt, ob das auch tatsächlich so funktioniert. Es wird sich zeigen, ob der Zettel wirklich so etwas wie die Eintrittskarte in den Kreis der „guten Freunde“ ist – oder ob ich am Ende doch nur den sprichwörtlichen Fusel statt des Ouzo 12 bekomme.
Zwischen Hafen und Hoffnung – Unser Weg durch Skiathos:
Wir schlendern die Fußgängerzone hinunter und kommen an mehreren Fischgeschäften vorbei. In den Auslagen liegen fangfrische Doraden, Wolfsbarsche und – wenn ich mich nicht täusche – auch einige Rotbarsche. Alles wirkt so, als sei der Fang erst vor wenigen Stunden aus dem Meer gekommen.
- Fangfrischer Fisch
- Denkmal des unbekannten Seemanns
Kurz danach erreichen wir den Neuen Hafen. An seinem Nordende befindet sich das Tourist Office. Dort erkundigen wir uns nach der „Destination Skiathos“, die laut Internet ebenfalls Ausflüge in den Meeresnationalpark von Alonnisos anbieten soll. Die Antwort fällt ernüchternd aus: Diese Touren gebe es bereits seit zehn Jahren nicht mehr. Seit der Wirtschafts- und Schuldenkrise seien zu wenige Urlauber bereit gewesen, die etwa 35 Euro für die Fahrt zu bezahlen. Das Angebot wurde deshalb eingestellt. Wer heute nach Alonnisos möchte, müsse die reguläre Fähre nehmen und – weil am gleichen Tage keine Fähre mehr zurückfährt – dort mindestens eine Nacht bleiben.
Schade. Damit bleibt für uns offenbar nur noch die „Agios Nikolaos“ als Möglichkeit, den Nationalpark zu besuchen – und vor allem auch wieder zurückzukommen. Wir gehen zurück zum Alten Hafen. Gleich am Eingang steht das Denkmal des unbekannten Seemanns (Μνημείο του Άγνωστου Ναυτικού). Wie ähnliche Denkmäler in ganz Griechenland erinnert es an jene Seeleute, die auf See ums Leben kamen, niemals identifiziert wurden oder nie in ihre Heimat zurückkehrten.
Buchung der One–Day–Ausfahrt am Montag
Rechts am Kai liegen noch etwa ein Dutzend Ausflugsboote, die Tagestouren für Touristen anbieten. Doch keines davon interessiert uns wirklich. Ganz am Ende der Reihe liegt die „Nikolas“. Mit dem handgeschriebenen Zettel von Saikis in der Hand spreche ich einen der Männer an, die vor den Booten stehen. „Ka-li-me-ra, Sir, we are looking for Ivan!“ Dabei halte ich ihm den Zettel entgegen. „Yeah, that’s me. Come to my office.“ Das „Büro“ entpuppt sich als ein kleiner Tisch unter einem Sonnenschirm direkt am Hafen. Dort buchen wir die Tour für morgen. Und tatsächlich: Saikis hat nicht zu viel versprochen. Wir bekommen wirklich einen Sonderpreis. Offenbar funktioniert das mit den „guten Freunden“ also doch. Die Ouzo-12-Methode hat Erfolg. Damit ist der Montag schon mal in trockenen Tüchern (Oh Mann, der Witz, wo’s heute den ganzen Vormittag geregnet hat). Bleibt nur die Frage: Was machen wir heute? Es ist gerade einmal zwei Uhr nachmittags.
Skiathos‘ Airport Extreme
Vielleicht gehen wir ja mal zum Flughafen. Der soll nämlich etwas ganz Besonderes sein. Aus aller Welt pilgern Planespotter, also Menschen, die Flugzeuge bei Start und Landung beobachten und fotografieren, nach Skiathos, um Starts und Landungen aus nächster Nähe zu erleben. Der Flughafen „Alexandros Papadiamantis“ gilt unter Luftfahrtfans als einer der spektakulärsten Flughäfen der Welt – oft in einem Atemzug genannt mit St. Maarten auf den Kleinen Antillen oder dem berüchtigten Flughafen von Lukla in Nepal. Der Grund dafür ist schnell erklärt: Die Landebahn misst nämlich gerade einmal etwas mehr als 1.600 Meter und endet auf beiden Seiten praktisch im Meer. Große Langstreckenjets wie Airbus A350, Boeing 777 oder Boeing 787 haben hier keine Chance. Für kleinere Maschinen wie den Airbus A320 oder die Boeing 737 ist Skiathos zwar gerade noch machbar, aber am absoluten Limit. Oft müssen Airlines Kompromisse eingehen: weniger Treibstoff, reduzierte Passagierzahlen oder Einschränkungen bei der Beladung. Bei ungünstigem Wetter können Starts oder Landungen sogar ganz ausfallen. Das klingt so spektakulär, dass ich das auch mal erleben möchte.
Wanderung zum Flughafen
Also bummeln wir am Neuen Hafen und der Straße Paraliakos entlang in Richtung Flughafen. In der Straße soll es in den Bars und Restaurants mitunter auch Live-Musik geben. Vielleicht etwas für heute Abend? Zuvor aber gehen wir im Gerani, einem Coffee Shop am Nordende des Hafens, gleich bei den Taxis, noch einen Cappuccino trinken. Susanne entscheidet sich lieber für Latte Macchiato. Zu beiden Kaffees gibt es extra und gratis Wasser. Susanne kommt trotzdem zum Schluss, dass Skopelos gestern irgendwie lieblicher war.
- Gerani
- Cappuccino
Gestärkt setzen wir unseren Weg fort. Vor dem Restaurant Akrogiali fällt mir an der Fischtheke ein aufgemalter Orca ins Auge. Für die Gewässer rund um Skiathos erscheint mir das allerdings ein wenig übertrieben zu sein.
- Acrogiali
- Leihboote
An der Paraliakos liegen auch Boote, die man – sollte man anders gar nichts zu den Delfinen kommen – mieten kann. Aber das glaube ich, ist nichts für uns. Mir fällt sofort Alonissos ein, wo wir 1995 mit einem gecharterten Boot in Seenot gerieten. Trotzdem nehme ich von der Segeljacht „Dolphin“ vorsorglich eine Visitenkarte mit. Man weiß ja nie, ob ich mich doch noch umentscheide.
- Schafe
- Taverne Milos
Links auf einem Grundstück grasen Schafe und ein paar Meter weiter befindet sich rechts die in einer alten Windmühle untergebrachte Taverne Milos (Μύλος) Sie liegt unweit des Flughafens direkt am Wasser. Hier fliegen die landenden Flugzeuge in sechs, acht Metern Höhe direkt am Ouzo vorbei. Für viele „Plane Spotter“ ist das auch der Hauptgrund, ihren Ouzo hier zu trinken. Die urige Kneipe sagt uns irgendwie zu. Da müssen wir unbedingt mal rein – wenn sich´s machen lässt. Aber erst geht‘s weiter zum Flughafen.
Plane Spotting zum Ersten
Kurz vor drei erreichen wir schließlich das südliche Ende der Landebahn. Doch ausgerechnet jetzt herrscht gähnende Leere. Kein Jet, kein Triebwerkslärm, keine spektakuläre Landung. Lediglich eine kleine Piper startet und verschwindet über dem Meer. Im Vergleich zu einer Boeing 737 oder einem Airbus A320 wirkt sie allerdings eher wie ein Floh.
- Die kleien Piper macht noch keinen Wind.
- Trotzdem wird gewarnt.
Der nächste Ferienflieger soll erst gegen halb sechs eintreffen. So lange möchten wir aber nicht warten. Stattdessen beschließen wir, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Rund zweieinhalb Kilometer entfernt soll es bei der Straßengabelung Kalyvia / Kloster Evangelistria nämlich einen Aussichtspunkt geben, von dem aus man den Flughafen aus erhöhter Position überblicken kann. Also verlassen wir die Küste und schlagen den Weg ins Inselinnere ein.
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