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Zwischen Wolfsjungen, Turnschuh-Rabauken und Familien-Uhu



Die vielfältigen Ebenen des Rudel-Knipsens


Dann bin auch ich am Wolfsgehege. Noch ist vom Wolfsrudel nichts zu sehen. Doch dann ist es endlich soweit: Die Tierpfleger kommen ins Wolfsgehege. Als schließlich das Futter verteilt wird, tauchen die ersten Wölfe auf. Besonders spannend ist es, die unterschiedlichen Charaktere innerhalb des Rudels zu beobachten: Manche Tiere treten selbstbewusst nach vorne, andere bleiben etwas zurück und beobachten die Fütterung erst einmal aus sicherer Entfernung.

Schon wie bei unserem letzten Besuch 2021 haben sie wieder Jungtiere. Und zwei zeigen sich sogar. Offenbar besteht das Rudel derzeit aus 21 Tieren. Vor fünf Jahren waren es noch 30 .

Eine etwa 35-Jährige positioniert ihr Kleinkind vor die Kamera. Jetzt lächle doch mal, so kann ich dich in Insta ja unmöglich zeigen. Manchmal ist „Menschen gucken“ fast noch interessanter als Tiere gucken. Vor allem, wenn es bei denen um die Jagd nach dem perfekten Bild geht. Das Wolfsrudel in Bad Mergentheim hat Junge. Eine etwa 35-Jährige rechts neben uns versucht deshalb, aus ihrem Kleinkind den perfekten Insta-Moment herauszukitzeln. „Jetzt lächle doch mal! So kann ich dich doch unmöglich posten.“

Der Nachwuchs zeigt sich davon allerdings wenig beeindruckt. Offenbar hat er noch nicht gelernt, dass ein Wildparkbesuch heute mehr sein kann als nur Tiere gucken. Es geht auch um das perfekte – und möglichst noch live ins Netz gestellte – Familienglück. Technik, Licht, Wolfsjunges: Alles passt. Nur der kleine Hauptdarsteller spielt nicht mit. Endlich kann sich die Dreijährige ein Lächeln abringen. Doch ausgerechnet jetzt verschwindet der Jungwolf hinter dem Hügel. Der perfekte Insta-Moment ist dahin, die Enttäuschung entsprechend groß. „Das hast du nun davon. Du willst doch auch schöne Bilder haben! Was sollen wir jetzt zeigen?“

Vermutlich hat das Kind die Tragweite dieser Katastrophe gar nicht verstanden. Ohne Jungwolf im Hintergrund ist das schließlich kein vorzeigbarer Wildpark-Moment. Wolf allein und Kind allein? Das geht natürlich nicht. Gut, mit künstlicher Intelligenz ließe sich da inzwischen sicher etwas arrangieren – aber dann wäre es eben nicht mehr live.

Selten so gut Mitesser fotografiert


Während der ganzen Fütterung kreisen über dem Wolfsgehege Rotmilane. Hatte ich beim auf mich zufliegenden Gänsegeier noch Autofokus-Probleme ist das bei den Rotmilanen ganz einfach. Sie zogen über dem Wolfsgehege ruhig ihre Kreise, änderten die Richtung nur langsam und blieben in etwa auf gleicher Höhe. Dadurch konnte der Autofokus gut arbeiten und es war leichter, den Vogel im Sucher zu halten.

Bei den Gänsegeiern war es genau umgekehrt. Obwohl sie durch ihre Größe eigentlich leichter zu erfassen sind, waren direkte Anflüge deutlich schwieriger zu fotografieren. Durch die schnelle Veränderung der Entfernung zur Kamera musste der Autofokus ständig nachführen, und der Bildausschnitt veränderte sich innerhalb kurzer Zeit. Schon kleine Bewegungen des Vogels machten es schwierig, den richtigen Moment zu treffen.

Der Vergleich zeigt, dass nicht allein die Größe eines Vogels entscheidend ist, sondern vor allem seine Flugweise. Ein ruhig kreisender Greifvogel kann fotografisch viel einfacher sein als ein großer Vogel, der direkt auf die Kamera zufliegt.

Nach den Wölfen lädt ein Streichelzoo die Kinder, die uns inzwischen wieder eingeholt haben, zum Ziegen-Schmusen und ein Spielplatz zum Toben ein. Man hat den Eindruck, dass diese beiden Stationen für die Schüler sind das eigentliche Highlight.

Zwischen Turnschuh-Rabauken und Uhu-Uhu-Verwandtschaft


Nachdem wir uns am Kiosk Wildwurst in der Semmel (Susanne) beziehungsweise Wurst mit Pommes (Rüdiger) geholt haben, suchen wir uns einen Platz im Biergarten. Doch die erhoffte Mittagsruhe bleibt aus. Wie schon gestern auf dem Schiff fällt auch hier vor allem eine Gruppe pubertierender Jungs auf, die sich mit erstaunlicher Ausdauer gegenseitig anpöbeln. Man fragt sich unwillkürlich, ob das inzwischen zum „Mann-Werden“ dazugehört oder ob wir einfach ein besonderes Talent haben, stets genau neben den lautesten Exemplaren dieser Altersklasse zu landen. Jedenfalls scheint Rücksichtnahme bei den Halbwüchsigen ein Fremdwort zu sein. Komisch: Pöbelnde Mädchen haben wir nie gesehen. Eigentlich hatten wir – vor dem „Fährtle“ – mit Susannes Cousine grob ausgemacht, dass wir uns, wenn wir schon einmal in der Gegend sind, um kurz vor 11 Uhr bei den Wölfen treffen.

Inzwischen ist es kurz vor zwölf, und Susanne und ich haben bereits den halben Park erkundet, als plötzlich ein deutliches „Uhu-Uhu“ durch den Biergarten hallt. Es ist allerdings kein ausgebüxter Uhu, der sich auf der Suche nach einem ruhigen Platz verirrt hat, auch kein Fremdsprachen lernender Gänsegeier, sondern Susannes Cousine. „Uhu-Uhu“ war zu Teenagerzeiten ihr geheimes Erkennungs-zeichen: Wenn die eine bei einer Verabredung früher am Treffpunkt eintraf als die andere, wurde dieses Signal ausgestoßen. Manche Dinge überstehen offenbar Jahrzehnte – auch wenn die Anreise inzwischen etwas länger dauert.

Eigentlich hatten wir – vor dem „Fährtle“ – mit Susannes Cousine grob ausgemacht, dass wir uns, wenn wir schon einmal in der Gegend sind, um 9:00 Uhr am Eingang des Wildparks treffen. Inzwischen ist es kurz vor zwölf, und Susanne und ich haben bereits den halben Park erkundet, als plötzlich ein deutlich vernehmbares „Uhu-Uhu“ durch den Biergarten hallt.

„Da waren Umleitungen“, lautet die Erklärung. Aber gut – jetzt ist sie da, und schließlich zählt die Begegnung mehr als die Uhrzeit. „Ich hab noch gar nichts vom Park gesehen“, lautet die nächste Feststellung. Also drehen wir die Richtung um und machen den halben Wildpark einfach noch einmal – diesmal in Gegenrichtung. Der zweite Teil des Parks fällt somit dem Zeitplan zum Opfer. Man muss einfach  Prioritäten setzen.

Nach einem Kaffee beim Eingang verabschieden wir uns. Schließlich haben Susanne und ich noch über 200 km vor uns und wer weiß, vielleicht sind auf der Strecke von Susannes Cousine am Rückweg ja wieder oder noch ganz andere Umleitungen.


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