Wie wird wohl unser letztes Hotel?
Von Bad Essen nach Ostercappeln
Ich hätte nicht gedacht, dass es nach Ostercappeln so weit rausgeht. Ich war fest davon überzeugt: Das Hotel ist gleich um die Ecke. Aber falsch gedacht. Doch immerhin entschädigt uns die Fahrt ein bisschen – die Allee hinaus zum Beinker Hof ist wirklich traumhaft. 19:21 Uhr. Fast eine halbe Stunde sind wir jetzt unterwegs.
- Landromantik pur
- Kein Platz am Hotel – Ausweichparkplatz im Grünen.
Am Hotel angekommen, folgt dann die nächste Überraschung: Weder auf dem Parkplatz noch in der näheren Umgebung ist auch nur eine einzige Lücke frei. Alles ist komplett zugeparkt – keine Chance. Erst etwa 600 Meter weiter, im Pfahlreihenweg, finden wir noch einen Platz und hängen den Panda mehr schlecht als recht an die bereits stehende Fahrzeugreihe an.
Susanne ist schon mal mit ihrem kleinen Köfferchen losgezogen – nur das Nötigste für heute Nacht und morgen. Ich dagegen habe den großen Koffer dabei, mit allen verschwitzten Sachen drin. Und der ist jetzt nicht nur schwer, sondern gefühlt und in der Hitze noch viel schwerer. Während ich mich abschleppe, frage ich mich ernsthaft, warum ich das ganze Zeug überhaupt mit ins Hotel schleppe. So werden die 600 Meter zum Hotel so richtig zur Tortur: Koffer in der einen Hand, Fotorucksack auf dem Rücken, und das Ganze bei der Hitze. Als ich Susanne am Hotelparkplatz dann einhole, kommt nur trocken der Kommentar: „Der Koffer hat doch auch Rollen“
Ankunft im Ausnahmezustand
Kurz vor halb acht. Eigentlich wollen wir nur schnell einchecken, Koffer abstellen und fertig. Aber daraus wird erstmal nichts. Im Gasthaus herrscht Chaos – freundliches Chaos, aber Chaos bleibt Chaos. Überall wuseln Leute durcheinander, niemand hat so richtig Zeit für uns. Wir – leicht verschwitzt, zerknittert und völlig unpassend zwischen all den festlich herausgeputzten Gästen – stehen da wie zwei Clochards, die vergessen haben, vorm Roten Teppich abzubiegen.
Wo sind wir hier? Ich frag einen in Anzug, Krawatte und Lederschuhen leicht overdressten Jungen, der grade vorbeigeht, was hier eigentlich los sei. „Die IGS Bramsche hat heute Abschlussball.“ Das Gasthaus Beinker in Ostercappeln scheint dafür wohl ein Klassiker zu sein. Kein Wunder – hier passen wohl ganze Jahrgänge plus Anhang rein, ohne dass gleich das Gebäude zusammenklappt.
- Vom Zimmer bis zum Gartentisch – Ehrlich, lecker, preiswert
- Gemütliches Doppelzimmer mit traditionellen Holzbetten
Das Einzige, was vielleicht bald zusammenklappt, sind wir. Keiner kümmert sich. Sind wir denn niemand? Irgendwann kommt dann aber der Chef persönlich an den Tresen, einer der – das sieht man gleich – anpackt, Entscheidungen trifft und das Landhotel – wohl schon länger – mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit führt.
Das Zimmer – einfach, ruhig, perfekt
Wir bekommen den Schlüssel für Zimmer 10. Als wir dann fragen, ob wir, weil uns morgen eine lange Strecke erwartet, bereits um sieben frühstücken können, schaut er kurz Richtung Küche. Von dort kommt die Antwort der Chefin: „Sieben Uhr geht klar.“ So einfach kann das sein. Kein Formular, kein „das müssen wir erst prüfen“, kein Hotelstandard-Satzbau. Einfach ja. Genau diese Art von Familienbetrieb, bei dem man merkt, dass hier noch Menschen entscheiden und keine Systeme.
Das Zimmer selbst: angenehm groß, sauber, ruhig. Der Preis – inklusive Frühstück und Parkplatz – mit 102 Euro für zwei Personen unschlagbar. Fast schon verdächtig unschlagbar, wenn man es mit anonymen Hotelketten vergleicht. Ne Viertelstunde später macht Susanne macht den WLAN Check. Unser mitgenommenes Wasser ist tee-warm und keinesfalls erfrischend. Deshalb gehen wir runter und hoffen, dass wir abseits des Festes, im Biergarten, was zu trinken kriegen und in dem ganzen Gewusel nicht übersehen werden.
Im Biergarten
Da hocken wir nun an Tisch 106 im Biergarten und im gleichen Moment ist auch schon die Bedienung da. Da fühle ich mich fast schon etwas schuldig, dass ich das Personal vorhin – als wir total kaputt einchecken wollten – falsch eingeschätzt hab. Die Leute hier sind ganz offenbar echte Profis. Die haben ihren Laden auch bei hundert Schülern und deren Angehörigen jederzeit voll im Griff. Wir bestellen uns beide Johannisbeerschorle, Susanne einen kleinen Salat für 5 € und ich für mich einen Thunfischsalat für 16 €. Die Johannisbeerschorlen zischen nur so. Die Gläser sind immer noch beschlagen, aber die 0,4 l Saft schon lange weg;
- Wir erholen uns von der Hitze im Biergarten.
- Heißer Sommer, kalte Drinks
Bis der Salat kommt muss Susanne noch etwas die Beine vertreten. Sie sei zu lange gesessen heute. Dann kommt sie mit einer freudigen Nachricht zurück: „Drüben am Parkplatz sind eben zwei Plätze frei geworden!“ Ich könnt den Panda jetzt ja holen, aber der Schlüssel fürs Auto ist oben. „Ich hab den Zweitschlüssel dabei!“ Genau in dem Moment kommt der Salat. „Sie können den Salat gerne hier lassen, mein Mann kommt gleich wieder!“
Ich bin dann die 600 Meter zum Auto gerannt, hab dem Panda umgeparkt und war acht Minuten später wieder da. Ist mir jetzt irgendwie sicherer als „Katzabärle“ im Pfahlreihenweg stehen zu lassen. Irgendwann ist die Schulfeier nämlich aus, dann sind alle weg, und dann ist so ein einzeln auf der Flur stehendes Auto sicher nicht sicher.
- Susannes 5-Euro-Salat
- Mein farbenfroher Thunfischsalat
Ich habe – und das jetzt ohne Übertreibung – selten so einen guten Salat gegessen. War ich erst etwas schockiert wegen 16 € für einen Salat, muss ich jetzt sagen: Der war jeden Cent wert. Wie in der gehobenen Gastronomie kommt das selbstgemachte Joghurt-Dressing in einem separaten „Milchkännchen“ à part. Auch das superlecker! Susannes 5-€-Salat ist ebenfalls beachtlich groß mit Ananas, Weintrauben usw. Bei mir waren sogar frische Erdbeeren drin. Das habe ich noch nie gehabt. Sternfrucht, Melone, Orange, Erdbeeren, Kürbis, Weintrauben, Karotten, Gurke, Ei, Thunfisch, verschiedene grüne Salate, Tomaten, einfach extrem. Das ist schon sterneküchemäßig. Bei Susanne war noch Ananas drin und Mais, bei mit war noch ein Dill-Stängel drauf, den ich vom Aussehen her gar nicht erkannt hab, erst am Geschmack.
Nachdem wir endlich angekommen sind, gibt’s zum Abschluss des Abends noch ein König-Pils. Das passt so richtig, denn hier kann man sich – nachdem ich erst wegen Parkplatz und Hektik etwas kritisch war – wirklich fühlen wie ein König.
Der Alltag als Bühne – Fotoshooting
Gegen neun Uhr wollen wir eigentlich hoch aufs Zimmer. Doch direkt vor dem Hoteleingang geraten wir mitten in ein aufwendig inszeniertes Fotoshooting. Vom Grundschulkind bis zur Großmutter sind alle stark herausgeputzt: Haare, Make-up und Kleidung wirken bis ins Detail abgestimmt. Fotografiert wird in typischen Social-Media-Posen – Schmollmund, weit aufgerissene Augen, „unschuldiger“ Blick, leicht gedrehter Oberkörper und dieses angewinkelte, angehobene Bein, wie man es im Zoo von Flamingos und in Instagram oder TikTok von Social-Media-Teens kennt. Jede Pose wird mehrfach wiederholt, bis sie endlich sitzt. Die Mutter – ich nehme an, es ist die Mutter – wirkt dabei ebenso perfekt gestylt wie die Töchter, während ein etwas abseits stehender Mann die Szenerie mit fast paschahafter Gelassenheit verfolgt. Ebenso wie wir beobachten drei Frauen an Tisch 104 das Spektakel. Diese können sich ob der stets neuen Verrenkungen das Lachen kaum verkneifen. Schließlich nutzen wir einen Shooting-Break und schummeln uns an dem Posing-Ensemble vorbei ins Haus.
Fußball, Hitze und Gewitter
Fast schon aus Gewohnheit knipsen wir im Zimmer den Fernseher an. Dort läuft gerade die 24. Minute des Fußball-WM-Spiels USA/Australien. Lang gucken wir aber nicht, trotzdem ist an Schlaf nicht zu denken. Zu heiß und dazu noch die wummernden Bässe vom Schulabschlussfest. Als die dann endlich vorbei sind, kommt kurz nach Mitternacht dann auch noch ein heftiges Gewitter rein. Um eins ist dann endlich Ruhe.
- Da hat Trump noch nicht mitgespielt
- Pumuckl geht immer
Unsere letzte Nacht ist vorbei. Um sieben gibt’s Frühstück. Derweil Susanne im Bad ist, schau ich im Fernsehen „Pumuckl auf Hexenjagd“.
| < zurück | Inhaltsverzeichnis | umblättern > |
| Reiseberichte aus den Niederlanden |
| Reiseberichte aus Europa |









