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Volle Blase, leerer Tank – der etwas andere Abschied von Holland


Frühstück und Abschied von Nordholland


Wir sind früh auf. Ich habe meinen kleinen Koffer schon mal in den großen und ins Auto rausgetragen. Anschließend geht’s zum Frühstücken. Heute auf der Terrasse. Wie auch gestern schon, ist das Frühstück überschaubar, aber hochwertig. Es hat einfach einen klaren Design-Charakter. Der Orangensaft ist frisch gepresst und wird – wie gestern – mit einem Handquirl aufbereitet. Die Kaffeetassen sind ohne Henkel und erinnern an japanische Formen. Zwar kein üppiges Frühstück, dafür aber sehr geschmackvoll, mit viel Liebe zum Detail gestaltet und natürlich Bio!

Zehn nach sieben, wir tragen das restliche Gepäck zum Auto, geben unsere Schlüssel ab und zahlen die Getränke und das Sandwich von gestern. Schön war‘s hier, wenn auch – für meinen Geschmack etwas zu „familiär“. Um zwanzig nach sieben kommen wir dann weg. 21°C, Kilometerstand 76381. Ein letztes Mal über dem Amsteldijk, durch Van Ewijcksluis (ich dachte immer, wie sind in Anna Paulowna und nicht in Van Ewijcksluis) und dann – nach zwei Minuten auf die N 249, die N99 und schließlich einfach nur noch geradeaus. Als letzten Nordholländer sehen wir an der Auffahrt zur A 7 rechts einen Fasan.

Afsluitdijk – der perfekte Ort für keine Pause


Wir sind jetzt auf dem Afsluitdijk, einem schmalen Strich übers Wasser. Kerzengerade, kilometerlang, nichts als Deich, Himmel und Verkehr. Links hinter dem grünen Damm, über den man nicht hinwegsehen kann, liegt die Wadden Sea und rechts das Ijsselmeer. Aufgrund er Stecken drin, meint Susanne, das könnten Stellnetze sein. Und das ist auch tatsächlich so. Im Ijsselmeer wird traditionell und auch heute noch mit Stellnetzen (Kiemennetzen) gefischt: Aal, Zander, Barsch und Felchen.

Wenn Infrastruktur an ihre Grenzen kommt


Nach etwa 30 km erreichen wir mitten auf dem Afsluitdijk – der zwar ein technisches Meisterwerk, aber kein besonders menschfreundlicher Raum ist, wenn es um spontane Bedürfnisse geht – die Esso Tankstelle auf der künstlichen Weiler-Insel Breezanddijk. Das ist, so das Internet, die einzig verlässliche Toilette auf der gesamten Strecke. Bloß die Tankstelle – und dann natürlich auch die Toilette haben heute halt zu. – Oder liegt das daran, dass in Holland das Leben erst gegen 10:00 Uhr beginnt? Für die Ingenieure, die den Damm 1927 bis 1932 als Teil der Zuiderzeewerke errichteten, war „Service entlang der Strecke“ offenbar kein Kriterium. Heute kann man sie nicht mehr belangen – die Verantwortung liegt längst in den Geschichtsbüchern der Wasserbaukunst. Aber vielleicht könnte Holland – so fortschrittlich, wie es sein will – wenigstens heute daran denken, dass Fässer auch mal überlaufen, wenn sie voll sind. Unverrichteter Dinge geht es weiter, als wäre nichts gewesen. Der Damm bleibt derselbe, das Meer auch.

Westlich von Breezanddijk liegt im IJsselmeer ein riesiges Feld aus Windrädern: der Windpark Fryslân. 89 Turbinen stehen dort in einer klaren geometrischen Formation mitten im flachen Wasser. Mit rund 382 MW Leistung ist es einer der größten Windparks in einem Binnengewässer weltweit und versorgt Hunderttausende Haushalte. Aus der Perspektive der Deichstraße wirkt das Ganze wie eine minimalistische, technische Landschaftsinstallation – riesig, ruhig und völlig unpassend zur sonst endlosen Leere des Horizonts.

Kornwerderzand, Umwege und eine ungeplante Lösung


Wir fahren jetzt durch Kornwerderzand. Fünf Kilometer nach Kornwerderzand soll es einen Rastplatz mit Toiletten geben, steht auf Schildern. Aber als wir bei der Ausfahrt „Zurich. Harlingen, Leeuwarden“ raus fahren, ist’s dann auch vorbei mit den Hinweisschildern. An der Kreuzung dann die große Frage: Geradeaus auf die Autobahn, links nach Zurich oder rechts nach Makkum? Wir fahren rechts. Und das scheint genau falsch zu sein, denn hier wird’s immer ländlicher. Von Rastplatz und Toiletten weit und breit keine Spur. Dazu kommt, dass es hier keine Büsche gibt und dass die Landschaft hier so flach ist, dass man kilometerweit sehen kann. Jetzt reichts einfach. Das Fass ist übervoll. Irgendwann ist dann Schluss mit lustig, Schluss mit „wird schon gehen“, Schluss mit Vernunft. Dann geht’s nur noch um Schadensbegrenzung. Am Sotterumerdijk, auf halber Strecke zwischen der A-7-Abfahrt Zurich und dem südlich davon liegenden Sotterum, 400 Meter westlich von Cornwerd gibt es einen kleinen Kanal und da drüber einen Schotterweg und eine Brücke, welche links und rechts mit einer Art Weidezaun abgesichert ist.

Da erstellen wir – inzwischen ziemlich abgehärtet – unser eigenes Klo. Ein Panda reicht. Türen auf, und dann zwischen die offenen Türen in die Hocke – fertig ist die mobile Notfall-Architektur. 8:10 Uhr. Wir bauen unser improvisiertes Katzabärles-Dixiklo durch Schließen der Türen einfach wieder ab. Der Panda hat seinen Zweck erfüllt.

Vier Liter Hoffnung


Vor uns liegen jetzt noch 145 Kilometer bis zur deutschen Grenze. Das Navi verspricht optimistisch eine Dauer von 1:42 Stunden, wir kennen unseren Fiat Panda aber inzwischen gut genug. Mit unserem bewährten 1,3-Faktor rechnen wir lieber mit rund 2:12 Stunden. Die Strecke führt über Bolsward, Sneek, Heerenveen und Steenwijk. Dazwischen ziehen kilometerlang friesische Polderlandschaften mit ihren unzähligen Kanälen vorbei, anschließend die Moor- und Seenlandschaft rund um Weerribben-Wieden und schließlich die weiten Heide- und Moorgebiete der Provinz Drenthe. Viele schwärmen ja von dieser Landschaft. Ich nicht. Wer im Schwäbischen Wald aufgewachsen ist, für den ist diese endlose Ebene ungefähr so spannend wie eine Wasserwaage. Kilometer um Kilometer geradeaus, links Wiesen, rechts Wiesen, dazwischen hin und wieder ein Kanal. Das war’s.

Zum x-ten Mal sehen wir hier einen Simon-Loos-LKW. Diese gehören anscheinend zu einem der größten und bekanntesten Logistik- und Transportunternehmen der Niederlande: Rund 3.000 Mitarbeiter und über 1.400 Lkw. Diese beliefern u.a. große Ketten wie Albert Heijn, Lidl oder Jumbo. Was noch erwähnenswert ist: Simon Loos gilt mit einer der größten Elektro-Lkw-Flotten Europas für viele als Vorreiter. Und noch was muss erwähnt werden: Susanne hat hier mal wieder einen Storch gesehen. Inzwischen sind wir in Hoogeveen, noch 50 km bis zur Grenze, aber noch 60 bis zur Tanke in Meppen. Das könnte knapp werden. Unsere unfreiwillige Irrfahrt vorgestern bei Harderwijk hat deutlich mehr Benzin verschlungen, als ursprünglich berechnet. Damit ist es nicht mehr ganz sicher, ob wir es bis zur geplanten Tankstelle in Meppen schaffen. So verunsichert bleibt uns nichts anderes übrig, als kurz hinter Boalsert bei der Esso Tankstelle anzuhalten.

Was dann folgt, ist mein persönlicher Rekord: 4,08 Liter für 9,99 Euro. So teuer habe ich in meinem ganzen Leben noch nie getankt. Und dann, als ob das nicht schon teuer genug wäre, verlangt der Mann an der Kasse frech zehn Euro – dabei hätt‘ ich 9,99 € passend gehabt – Holland eben. Es ist einfach erschreckend: Für zehn Euro getankt und die Tanknadel hat sich keinen Mucks bewegt. Immerhin hat der Tankstopp aber auch einen positiven Nebeneffekt. Susanne konnte nach 1½ h Fahrt endlich wieder auf die Toilette. Und disee war – O-Ton Susanne – „picobello sauber“. Zudem kostete sie nichts. So gibt es eben doch noch Lichtblicke auf dieser ansonsten eher eintönigen Etappe.

Wir fahren weiter. Auf den Feldern entdecken wir stellenweise blühende Kartoffeln. Kurz darauf sehen wir zum ersten Mal auch einen Wegweiser mit dem Namen einer deutschen Stadt: „Meppen“. Eine Kilometerangabe hält man allerdings nicht für nötig. Nach Tagen voller niederländischer Radiosender erwischen wir dann endlich wieder einen Sender mit Musik, die wir kennen. Aus den Lautsprechern erklingt „Let Your Love Flow“ von den Bellamy Brothers. Da wird’s auch mir klar: Die Radioprogramme in Holland sind so flach wie die Landschaft, die deutschen Oldie-Sender dagegen versetzen dir einen Höhenrausch, selbst wenn die Straße flach weitergeht.

Der Übergang nach Deutschland


Ansonsten ist Deutschland aber auch nicht der Burner. Zumindest hier nicht. Der Grenzübergang A 37/B 402 wirkt auf uns ausgesprochen unerquicklich, fast schon schikanös. Kaum nähert man sich der deutschen Grenze, wird der Verkehrsfluss auf 10 km/h runtergebremst – vermutlich aus Sorge, man könnte sonst zu ungestüm einreisen können.

Die Fahrbahn selbst unterstreicht die radikale Form der Begrüßung: quer verlaufende, etwa zehn Zentimeter tiefe „Gräben“ erinnern freundlich daran, dass man – mit Rücksicht auf Achsen und Fahrwerk – hier wohl besser keine allzu sportlichen Ambitionen entwickeln sollte. Kurz gesagt: Wer hier durchfährt, versteht sofort, dass Europa zwar offen ist – Deutschland aber bremst. Komm mir jetzt nicht mit dem Argument: „Schließlich ist hier ja keine Autobahn mehr, sondern nur noch Bundesstraße.“ Hat man die „Entschleunigung“ geschafft, fährt man – es klingt wie Hohn – unter einer „Willkommens-Brücke“ hindurch.

Musik, Landschaft und die neue Leichtigkeit


Fünf vor halb elf ist der unsinnige Zwischenteil der Reise plötzlich vorbei. Und genau dort kippt die Stimmung schlagartig ins Positive. Deutschland zeigt sich von einer völlig anderen Seite: Die Landschaft wirkt wieder weicher, grüner, beinahe versöhnlich. Bäume, Büsche, sattes Grün – als hätte jemand den Kontrastregler für das „Fährtle“ neu eingestellt. Dazu läuft – fast so gut wie unser Heimatsender BR1 – NDR 1 mit einem erstaunlich treffsicheren Mix „I Got You Babe“, Chris Reas „Julia“, Sheena Eastons „Morning Train“, a-ha mit „Take On Me“ und Sonny & Cher. Plötzlich fährt es sich ganz anders. Mit guter Musik wird aus der Strecke wieder ein Weg nach Hause. Man ist einfach wieder da, im eigenen Rhythmus. Die Temperatur steigt inzwischen auch auf 27 °C, die Luft flirrt, und die Szenerie bekommt etwas Leichtes, Sommerliches.

25 Minuten später erreichen wir Meppen. An der Shell Station wird vollgetankt – rückblickend war die Zwischentankung bei der Esso hinter Boalsert also völlig unnötig. Danach geht es zurück auf die B 402 bis Meppen Nord, weiter auf die A 31 und schließlich 45 Kilometer nach Süden bis zum Kreuz Schüttorf, wo wir auf die A 30 wechseln. Nur noch rund 80 Autobahn-Kilometer liegen vor uns. Noch kurz südlich an Osnabrück vorbei und dann bei der Ausfahrt (21) Bissendorf raus. Mit Joe Cocker & Jennifer Warnes und ihrem grandiosen „Up Where We Belong“ fliegen die Kilometer nur so dahin. Kurz darauf legt Dusty Springfield mit „Son of a Preacher Man“ nach. So macht Autofahren einfach Spaß – die Strecke vergeht wie im Flug.

Die Sonne gibt inzwischen auch alles. Es ist Viertel vor zwölf, draußen zeigt das Thermometer inzwischen stolze 30 °C. Sommer pur! Um 11:47 Uhr überqueren wir den Dortmund-Ems-Kanal, nur wenige Minuten später folgt der Mittellandkanal. Jede Minute fühlt sich jetzt nach Urlaub an. Um 11:52 Uhr erklingt Gianna Nanninis „Bello e impossibile“ – was für ein Song! Und als wäre das nicht schon genug, reiht sich ein musikalischer Höhepunkt an den nächsten. Die NDR-1-Playlist scheint heute einfach keine Schwächen zu kennen. Bei Manfred Mann’s „Blinded by the Light“ verlassen wir schließlich die Autobahn.

Fahrt durchs Osnabrücker Hügelland


Die Landstraße in Richtung Bad Essen ist dann das I-Tüpfelchen dieses herrlichen Vormittags. Eine prachtvolle Allee mit mächtigen, alten Linden spannt ihr grünes Dach über die Straße. Sonnenlicht flimmert durch die Blätter, und wir gleiten entspannt dahin. Schöner kann so ein „Fährtle“ gar nicht mehr sein.

Nur noch 20 Kilometer bis Bad Essen, wo wir uns mit Christiane und ihrem Mann treffen wollen – und noch 45 Minuten Zeit. Zeit also im Überfluss. Das haben wir vor zwei Tagen in Harderwijk allerdings auch gedacht. Kurz darauf – es ist inzwischen 13:23 Uhr – erreichen wir unseren ausgemachten Treffpunkt: „Am Freibad in Bad Essen“. Dort stellen wir unseren Panda im Schatten einer großen Hecke ab. Beim Öffnen der Autotür trifft uns die Hitze dann wie eine Wand. Zwar hat das Thermometer während der ganzen Fahrt 34 °C angezeigt, doch dank „Katzabärles“ Klimaanlage hatten wir davon kaum was gespürt.


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