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Licht und Schatten im Kloster Evangelistra

Kloster Evangelistra – Heiliges Kloster der Verkündigung von Skiathos


Dann fahren wir – übrigens auf derselben Strecke, die wir bereits am Sonntag zu Fuß gegangen sind, um vom Restaurant Agnadio aus den Flughafen zu beobachten – zunächst bis zur Abzweigung und von dort weiter nordwestwärts zum Kloster Evangelistria. Eine Viertelstunde später sind wir da.

Das Kloster gilt als die wichtigste kulturelle Sehenswürdigkeit von Skiathos und wird von manchen sogar als eine Art nationales Heiligtum Griechenlands bezeichnet.

Wir gehen rein. Geradeaus ist die Klosterkirche mit wertvollen Ikonen, rechts daneben der obligatorische Devotionalienladen, in dem den Touristen für teures Geld Plastikfiguren – sind schließlich geweiht –  und andere Andenken verkauft werden.

Links neben dem Eingang ist ein Museum, in dem zahlreiche Reliquien, historische Gegenstände und Erinnerungsstücke aus mehreren Jahrhunderten griechisch-orthodoxen Klosterlebens gezeigt werden. Besonders stolz ist man auf eine frühe griechische Flagge, die hier während der Befreiungskriege gegen die Osmanen entstanden sein soll. Der Überlieferung nach wurde sie 1807 im Kloster gewebt, geweiht und erstmals gehisst. Sogar der Webstuhl, auf dem sie entstanden sein soll, wird hier ausgestellt.

Durchaus interessant – auch wenn ich bei solchen Geschichten immer etwas skeptisch bleibe. Bei zu vielen berühmten Reliquien und Heiligtümern ist deren Echtheit inzwischen umstritten. Man denke nur mal an das Turiner Grabtuch, den Heiligen Gral oder die Lanze des Longinus, die es gleich drei Mal gibt, in Wien, Rom und Antiochia. An faszinierenden Geschichten mangelt es der Kirche also offenbar nicht – auch hier nicht. Das stört mich wenig – soll glauben, wer’s glaubt.

Was mich allerdings wirklich stört: Im gesamten Klosterbereich herrscht – mit Ausnahme des Innenhofs – striktes Fotografierverbot. Gleichzeitig ist die Anlage aber nahezu lückenlos videoüberwacht. Diese Kombination wirkt auf mich widersprüchlich.

Grundsätzlich habe ich ja nichts gegen Fotografierverbote in Museen, doch ein deutlicher Hinweis vor dem Kauf der Eintrittskarte hätte mir die Entscheidung erleichtert. So erfahre ich erst vor Ort, dass Fotografieren praktisch unmöglich ist. Für Fotografen ist das Kloster daher nur eingeschränkt interessant. Entsprechend bin ich leicht angesäuert und verlasse das Museum bereits nach kurzer Zeit.

Beim Hinausgehen fällt mir noch etwas unangenehm auf: In den Arkaden neben der Treppe hängen mehrere kleine Vogelkäfige. Vermutlich werden darin Kanarienvögel gehalten. Auf mich wirken die Käfige ausgesprochen winzig. Ob das christlich ist und ob diese Art der Haltung den Tieren gerecht wird, wage ich zu bezweifeln.

In der Summe der Eindrücke wirkt das gesamte Kloster auf mich plötzlich merkwürdig weltfremd und widersprüchlich, fast schon verlogen. Vieles, was zuvor noch als fromme Tradition oder historische Bedeutung verkauft wurde, bekommt dadurch einen schalen Beigeschmack.

Auch Susanne fühlt sich hier inzwischen nicht mehr besonders wohl. Die Atmosphäre empfindet sie als eigenartig und etwas beklemmend. Vielleicht habe ich sie mit meiner schlechten Laune ja angesteckt – vielleicht empfindet sie es aber auch tatsächlich ähnlich.

Und jetzt noch eins drauf


Als ob meine Verärgerung nicht schon groß genug wäre, setzt jetzt auch noch die akustische Seite ein: liturgische Gesänge, lautsprecherverstärkt und in einer Intensität, dass man sie nicht mehr überhören kann. Natürlich gehören Glocken, Gesänge und Gottesdienste zu einem Kloster – dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden.

Doch hier hat man die Lautstärke so weit aufgedreht, dass man sie gefühlt noch auf dem rund 130 Kilometer entfernten Heiligen Berg Athos auf der Halbinsel Chalkidiki hören müsste. Man fragt sich unwillkürlich, ob hier eigentlich jemand etwas verkünden oder einfach nur beeindrucken will.

Das Problem für uns ist dabei weniger der griechisch-orthodoxe Inhalt als vielmehr die Tatsache, dass wir einfach nicht weg können und das „Geplärre“ ertragen müssen.

Der Besuch des Klosters entwickelt sich damit zur größten Enttäuschung des Urlaubs. Keine Fotos, wenig Bewegungsfreiheit und dazu diese ständige Lautsprecherübertragung. Schließlich flüchte ich nach draußen und setze mich auf eine niedrige Mauer. Dort ist es zwar etwas angenehmer, aber die Gesänge sind immer noch deutlich zu hören. Wie sollen wir – ich mein‘ jetzt ich –  das bloß bis zur Busabfahrt aushalten? Susanne ist da irgendwie gelassener.

Endlich weg


Doch wenn du denkst, es geht nicht mehr –  kommt irgendwo ein Bus daher. Zum Glück. Pünktlich um sieben geht es zurück Richtung Stadt. Der Blick hinunter aufs Meer ist traumhaft. Und mit jedem Meter Entfernung werden die Lautsprecher leiser. Allein das fühlt sich bereits wie Erholung an.

Wieder in der Zivilisation


Zehn Minuten später sind wir zurück in Skiathos-Stadt. Langsam normalisieren sich auch meine Ohren wieder. Vor dem Souvlaki Strike erkennt mich die Besitzerin sofort wieder. „Na, wie geht’s dir, mein Freund?“ Ich, noch völlig taub vom Klosterlärm, antworte ehrlich und etwas erschöpft:„Nicht gut, ich komme gerade vom Kloster! Dieser Lautsprecherlärm dort macht dich verrückt.“ Sie lächelt, als hätte ich ihr ein Kompliment gemacht, nickt zustimmend und sagt:  „Das ist schön zu hören, mein Freund.“ Dazu macht sie sogar noch einen kleinen Knicks. Spätestens jetzt wird klar: Wir haben uns gerade vollkommen missverstanden. Drei Sätze, zwei Welten, ein Missverständnis. Und trotzdem gehen am Ende beide Seiten mit einem Lächeln auseinander.

Im Licht der Abendsonne gehen wir zu Fuß zurück zum Hotel. Draußen in der Bucht liegt das Versorgungsschiff Garçon noch immer regungslos neben der Superjacht ACE – genau wie gestern Morgen, gestern Abend und heute früh. Und wieder frage ich mich, wozu braucht eine rund 150-Millionen-Luxusjacht wie die ACE eigentlich ein etwa 25-Millionen-Euro-Versorgungsschiff, wenn dieses im Kern doch nur regungslos im Wasser liegt?

Vielleicht liegt die Antwort gerade darin: Nicht die Reise selbst ist entscheidend, sondern die Möglichkeit, jederzeit aufbrechen zu können – mitsamt Helikopter, Crew, Ersatzteilen und allem, was dazugehört. Auch eine Form von Freiheit – oder zumindest das Gefühl davon.


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