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2025-AHBF-Adventskalender-18



Rick’s Café Americain

Eine Miniatur voller Erinnerung


Anfang der Achtziger habe ich mein stabiles Heimat-Dorf verlassen und bin zum Studium nach Berlin gezogen. Meine Freundin blieb zu Hause, und ich stand allein in dieser fremden, lauten, riesigen Stadt – nur mit einem Koffer voller Erwartungen und ihrem Bild über dem Bett. Jedes Wochenende fuhr ich – auch bei Schnee und Eis – 1200 Kilometer hin- und her, nur um sie – und natürlich auch das Zuhause – zu sehen.

Bei einer meiner sinnlosen Damit-bloß-die-Zeit-vergeht-U-Bahn-Fahrten“ durch Berlin stieß ich auf die Ruine des Anhalter Bahnhofs. Von der alten Pracht war kaum noch was übrig. Ein Ort, der mir eindringlich erzählte, dass selbst große Dinge zerfallen können. Der Bahnhofs-Rest war wie ein Abbild meiner eigenen Unsicherheit.

Das Unsicherheits-Gefühl verstärkte sich noch, als ich mit Studienkollegen eine ganze Nacht lang einen Humphrey-Bogart-Marathon“ sah. Besonders bei „Casablanca“ wurde ich sentimental. Rick, hin- und hergerissen zwischen Liebe und Pflicht, zwischen Nähe und Verantwortung. Seine Entscheidungen spiegelten genau meine Lage wider. Ich hatte meine Freundin zurücklassen müssen und war gezwungen, zwischen Vergangenheit und Zukunft zu wählen.

Auch heute noch, wenn ich im Film sehe, wie Yvonne in Rick’s Café die Marseillaise anstimmt, berührt mich dieser Moment zutiefst. Musik als Ausdruck von Mut, Solidarität und Hoffnung. Die deutschen Soldaten verstummen – moralische Stärke übertrifft physische Macht. Ich spüre jedes Mal dieselben Emotionen wie damals.

Berlin war groß und fremd, aber all diese Eindrücke – die Trümmer, die Filme, die moralischen Geschichten begleiteten mich auf der Suche nach meinem Platz in einer Welt, die plötzlich viel größer war als mein kleines Dorf“.

Natürlich muss das auf meine Anlage: Wenn auch versteckt in den S-Bahn-Arkaden an der Möckernstraße, so musste Rick’s Café Americain aber doch einen Platz bekommen. Ein kleines Detail, kaum sichtbar, und doch trägt es die ganze Kraft der Erinnerung in sich. Ein Moment, der zeigt, dass Miniaturen mehr sein können als Modellbau – sie können Emotionen, Geschichte und persönliche Sehnsüchte in winzigen Szenen lebendig machen.


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Eine Reaktion zu “2025-AHBF-Adventskalender-18”

  1. Jochen

    Guten Morgen,
    schön, wenn Emotionen in solcher Art wiedergegeben werden können. Da bleiben Erinnerungen wach. Ich wünsche dem Ingenieur einen schönen Tag (18. Dezember)

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