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They call it Paradise



… geh’n sie mal in den „Kleinen Anker


Der kleine Anker ist eine rustikale Kellerkneipe, in der ein von oben bis unten tätowierter, grau gelockter Kerl mit Zahnlücken hinterm Tresen steht. Der Typ heißt Achim. Er ist vor Jahren von Hamburg hierher gekommen und hat mit Honey, seiner philippinischen Frau, die Spelunke aufgemacht. Sie ist Treffpunkt vieler Deutscher, die in Puerto Princessa eine neue Existenz aufgebaut haben. Meist verkrachte Existenzen, denen man in Deutschland wohl besser aus dem Weg gehen würde. Vorm Tresen beispielsweise hockt Horst – ebenfalls mit einer Filipina im Arm, rechts neben den beiden ein kleiner Dicker mit einem fast viereckigen kahlen Schädel. Der Typ stellt sich als Klaus vor. Er sagt, er sei vor mehr als zehn Jahren aus Neustadt / Weinstraße hierher gekommen. Die Begegnung mit einem neuen deutschen „Aussteiger“ ist Anlaß genug für die Kerle, wie vermutlich oft schon, eine Runde nach der andern auszugeben. Prost und Hauruck. So geht es in die Nacht. Als Horst die Birne schon gestrichen voll hat bestellt er zum Aufsaugen ein paar Bratkartoffeln, eine Spezialität auf den Philippinen. Doch als Achim die Kartoffeln bringt nach zehn Minuten liegt Horst schon am Boden. Zwei weitere Glas Rum sind ihm dazwischen gekommen.

Es ist jetzt halb 10 Uhr abends und es hat immer noch 36 Grad. Inzwischen ist Horst wieder bei sich und es kommt zwischen ihm und mirmir zu folgender Unterhaltung:

Wo kommsch Du her? Aus Stuttgart?
Er haut sich auf die Schenkel und flippt aus.
Fucking Dear Friend, Achim, hast’s g’hört, wo der her isch, hast’s g’hört?

Wo bisch Du denn her?

Aus Lorch, 40 km östlich von Stuttgart. Kensch des?

Warom soll I Lorch net kenne? Wenn ich von Welzheim aus d’s Walkersbacher Tal runterfahr‘, no kommt’s doch glei rechts.

Jetzt rastet Horst total aus.

Kensch Du dann au Breitenfürst?

Klar kenn‘ ich Breitenfürst!

D‘ Albrecht?

Ehinger?

Ich werd‘ wahnsinnig, ich werd‘ wahnsinnig. Achim, zwei Rum!

Von allem unbeeindruckt zwitschert Klaus ruhig und gelassen ein Bier nach dem andern. Das einzige Geräusch, das auf ihn aufmerksam macht ist jenes, wenn sein Glas leer ist und er damit rhythmisch solange auf den Tisch klopft, bis es wieder vollgemacht ist. Um nicht allein trinken zu müssen, gibt er bei jedem Glas eine Runde aus. So wird es später und später, und die Hummeln im Kopf werden immer mehr. Ich kann nicht mehr trinken und bestell‘ mir statt dessen ein belegtes Brötchen. Der Wunsch nach dem Brötchen verursacht bei Achim einen Lachkrampf. Ich versteh’s zwar nicht, aber mir bleibt nichts übrig, als mitzulachen.

Um halb 12 macht Achim dicht und Klaus, seine Filipina und ich nehmen ein Trike nach Hause. Wir wohnen im gleichen Hotel. Stockbesoffen hocken wir drei und der Fahrer in zusammengekauerter Stellung auf dem umgebauten Moped. Bei jedem Schlagloch haut’s meinen ach so gequälten Schädel gegen das metallene Dach. Der Sonnenbrand auf meiner Platte macht diese Berührungen auch nicht erträglicher. Die Fahrt wird zur Qual.

Wieder zurück im Hotel


Wir sind im Hotel angekommen. Die Filipina zahlt. Für uns alle 3 Pesos. Ich hab‘ für den gleichen Weg heute mittag alleine 20 Pesos bezahlt. In der Halle will Klaus noch unbedingt, daß ich mit ihm auf sein Zimmer komme. Er meint, er müßte noch ein Bier aufmachen. In seinem Zimmer liegen im Doppelbett vier kleine Philos quer übereinander. Stolz erzählt er mir, das seien alles seine Kinder. Die Filipina, die uns begleitet hat, sei seine Frau. Während sie uns mit weiteren Getränken versorgt, erzählen Klaus und ich von Dahn und Deidesheim, von Dürkheim, vom Wurstmarkt und der Pfalz. Klaus zeigt mir seine Bilder, ich zeig‘ ihm meine. Beim Bild einer Freundin kommt er ins Schwärmen. Die tät‘ ihm schon gefallen, meint er.

Gegen zwei Uhr morgens verlaß‘ ich die Familie, nicht ohne Klaus noch ein deutschsprachiges Micky Maus zu schenken, das ich noch von Zürich dabei habe und das ohnehin nur Ballast ist in meinem Gepäck. Der 60jährige kriegt kugelrunde Kinderaugen und – ich glaube, gleich flennt er los. Besser, ich geh‘ jetzt.


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