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MOSKAU – TOMILINO – ST. – PETERSBURG

Vorüberlegungen


Nachdem unser Sohn Simon und seine russische Frau Алёна (Alena) nun schon eineinhalb Jahre verheiratet sind, war es an der Zeit, dass die Schwiegereltern auch mal Alenas russische Heimat besuchen. Heute ist es soweit. Wir fliegen mit UTair nach Внуково (Wnukowo) 30 km südwestlich von Moskau, wo uns Alena (sie ist gestern schon vorgeflogen) am Abend abholen will.

Ich bin nervös ohne Ende. Bisher kenne ich Russland nur aufgrund von Vorurteilen. Von klein auf sind wir doch regelrecht vollgedröhnt worden damit. Wem fallen zu Russland nicht Sätze ein wie

  • In Russland frierst du dir den A* weg.
  • Russen sind Weltmeister im Wodka saufen.
  • Neureiche Russen protzen wie Graf Rotz.
  • Russische Männer fahren Auto wie die Wilden.
  • Nirgendwo gibt es mehr korrupte Beamte.
  • Russen haben eine rückständige Technik und
  • Russen klauen wie die Raben.

Es gibt aber auch Vorurteile, die vor allem bei Männern die Augen glänzen lassen:

  • Russland soll die attraktivsten Frauen der Welt haben
    (ganz im Gegensatz dazu sieht man die russischen Männer.
    Für sie soll es gar das Sprichwort „Человек немного лучше, чем обезьяна“ geben,
    was so viel bedeutet, dass ein Mann ein wenig besser sei als ein Affe)
    .

Ich habe keine Ahnung, was an diesen Vorurteilen dran ist und ich selbst habe gar keine richtige Vorstellung, was auf mich zukommt. Oder doch? Ich stell mir Russland in etwa so vor, wie Deutschland in den 1950er Jahren oder die DDR im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts. Etwas ärmlich, wo aber jeder mit einfachsten Mitteln Dinge vollbringen kann, die sich ein nach 1990 geborener junger Deutscher nicht mal im Traum vorstellen kann. Ich denke, wenn ich mir meine Schwiegertochter ansehe, dass Russen unwahrscheinlich intelligent, kreativ und technisch begabt sind.

Flug


Bei UTair steht, obwohl der Flug erst 13:45 Uhr abgeht, bereits eine Riesenschlange. Grund ist wohl ein Tourist, der einen Glastisch mit über zwei Meter Durchmesser mitnehmen will. Nach 15 Minuten schließlich wird er vom Schalter weggeschickt und es geht langsam weiter. Endlich sind auch wir dran. Mein Koffer wiegt 17 Kilogramm. Das kostet, weil Gepäck bei dieser Airline nicht dabei ist, 35 € Gebühren.

Nach über einer Stunde Anstehen sind wir um 12:25 Uhr durch. Simons Tasche wurde, obwohl deren Abmaße die Norm deutlich übersteigen, dennoch als Handgepäck durchgelassen, da man sie sehr knautschen kann und sie nur lächerliche sechs Kilogramm wog. Dafür wollte die nette Dame am Schalter dann doch keine 35 € nehmen.

Kurz nach 13:00 Uhr gehen wir zur Passkontrolle. Und was ich da erlebe, ist – ja ich war schon viel unterwegs – absolutes Neuland. Den Pass muss man auf einen Scanner legen und dann geht es weiter zu einer Tür. In der Tür ist ein Spiegel, in dem man sich sieht, und eine Kamera. Ich setz also mein freundlichstes Grinsen auf und der Automat scheint wohl zu erkennen, dass ich und der Typ im Pass tatsächlich identisch sind. Nach einer Weile erscheint ein grüner Pfeil und die Luke öffnet sich. Kein Kontroll-Mensch weit und breit. Dennoch glaube ich, dass da keiner durchkommt, sollte irgendwas nicht stimmen.

Um dreiviertel zwei stehen wir im Gang zum Ausgang C 10. Aber nichts geht. Obwohl das Flugzeug eigentlich genau jetzt hätte abfliegen müssen. Keine Ahnung, was da wieder los ist. Aber wenigstens sind wir kurz vorm Flieger und haben nicht mehr den Stress wie vor acht Wochen beim Flug nach Griechenland, wo wir auf der Autobahn im Stau standen und nicht mehr weiterkamen, den Flughafen in weiter Ferne.

Fünf Minuten später werden die Bordkarten endlich abgerissen und wir können durch den Rüssel ins Flugzeug. Ne halbe Stunde später stehen wir aber immer noch. Im Bordlautsprecher läuft „An der schönen blauen Donau“. Ich kenn das Lied aus Odyssee 2001. Wird Russland für uns auch eine Odyssee werden? Ich fliege ja, ehrlich gesagt, mit sehr gemischten Gefühlen nach Russland, aber was tut man nicht alles für seine geliebte Schwiegertochter?

Wir rollen rückwärts. Nachdem wir noch einen landenden Flieger abwarten mussten, geht´s um 14:38 Uhr endlich los. 53 Minuten Verspätung! Die Stewardessen verteilen – das habe ich noch bei keiner einzigen anderen Fluggesellschaft gesehen – Spuck-Tüten. Was kommt da denn auf uns zu?

Der Flieger ist relativ klein. Er hat nur 20 Reihen à sechs Plätzen. Wir sitzen in der Reihe acht auf den Plätzen A bis C, in Flugrichtung also links. Draußen ist ein Wechsel zwischen mal dichtester Bewölkung und dann wieder aufgerissener Bewölkung. Der Flug ist langweilig. Es gibt weder einen Film, noch eine Positionsanzeige, noch was zu essen. Dafür gibt es Wasser umsonst.

Susanne und ich vertreiben uns die Zeit mit einem Sudoku. Das ist extrem schwer und wird uns wohl bis Moskau beschäftigen. Aber selbst bis dorthin schaffen wir´s nicht, denn inzwischen geht der Flieger bereits runter. Sollten wir so viel von der Verspätung eingeholt haben? Ja, tatsächlich, gegen 16:44 Uhr beginnt der Landeanflug. Die Stewardessen verteilen wieder Spuck-Tüten, die aber nicht zum Einsatz kommen, zumindest in meinem Umfeld nicht.

Die Gegend um Moskau sieht fast genauso aus wie Bayern: Viele Sehen, Wiesen und Wälder, nur dass hier eben alles recht flach ist. Sogar die Sonne scheint. Russland ist ja gar nicht so trist und staubig, wie ich es befürchtet hatte.

Um 16:50 Uhr sieht man einen keinen Flughafen. Wir machen eine kräftige Linkskurve, man sieht eine Kirche mit goldenen Kuppeln, eine sechs- oder mehrspurige Autobahn und Hochhäuser. Kurz vor der Landung sieht man ein Flugzeug-Denkmal.

Ankunft in Внуково (Wnukowo )


Wir sind gelandet. Etliche Passagiere applaudieren. Das kenne ich bei uns gar nicht mehr. Nachdem wir den Flieger verlassen haben, gehen wir zunächst unser Gepäck holen und dann endlos lange bis zur Zollkontrolle. Enorm viele Schalter gibt es da und so geht das ruck-zuck. Vor uns sind nur noch drei Personen.

Aber die Zollkontrolle ist abenteuerlich: Die Frau im Kabäuschen guckt zunächst den Pass an, dann mich. Das kennt man ja, aber was jetzt kommt, ist so Hammer, dass ich Mühe habe, mir ein Grinsen zu verkneifen. Ich tu’s. Immerhin bin ich vor Jahren an der DDR-Grenze mal stundenlang aufgehalten worden, weil ich mir ein Lachen nicht verkneifen konnte. Damals stand ein Grenzer mit rotgefrorenem Gesicht draußen und im Werbefernsehen lief um diese Zeit immer der Spot Mutti, Rotbäckchen. Den Rest kann man sich denken. Hier gibt es jetzt zwar kein Rotbäckchen, aber eine Uhrmacherlupe, die sich die Frau ins Auge klemmt und Millimeter um Millimeter die Visa-Seite meines Passes abscannt. Das macht sie aber bei jedem so.

Geschafft! In der Ankunftshalle begrüßen uns dann Alena und ihre Mutter Ольга (Olga) mit einem Luftballon, auf dem „Herzlich willkommen in Russland“ und unsere Namen geschrieben sind.


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