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MOSKAU – TOMILINO – ST. – PETERSBURG

Zur Großmutter


Nachdem wir schon wieder etwa einen Kilometer zu Fuß bis zur Garshina-Straße gegangen sind, wo Nastja nochmal vorbeikommt und sich endgültig von uns verabschiedet, nehmen wir für die Fahrt zur Großmutter eine Маршрутка (Marschrutka). Marschrutki (vom deutschen „Marsch-Route“) sind private Kleinbusse. Sie halten nur dort, wo Fahrgäste ein- oder aussteigen möchten. Das kann überall sein, dazu bedarf es keiner speziellen Bushaltestelle. Aus diesem Grund kommt es schon hin und wieder zu Unfällen, weil der nachfolgende Verkehr diese plötzlichen Stopps nicht voraussehen kann. Der Fahrpreis ist etwas höher als bei einem regulären Bus, aber deutlich niedriger als beispielsweise bei einem Taxi.

Unterwegs kommen wir – wir können es von der Straße aus sehen – an dem Haus vorbei, in dem Alena geboren ist. Nach 25 Minuten sind wir am Grundstück der Großeltern. Das Grundstück mit Obstbäumen und Schrebergarten ist riesig. Ich schätze mal fünf bis sechs Ar. Inmitten des Grundstücks, genügend weit weg, um dem Lärm der stark befahrenen Straße zu entgehen, steht ein Holzhaus, das mich stark an Häuser erinnert, die ich aus Schweden kenne. Ist das jetzt eine Datscha?

 

Bei der Großmutter


Obwohl wir uns noch nie gesehen haben, werden wir von der Großmutter, deren Schwägerin, einer Cousine von Alena und einer Tante herzlichst begrüßt. Und das, wo die Russen doch zurückhaltend und kalt sein sollen. Ich bin sehr überrascht. Aber wahrscheinlich haben wir das alles Simon und Alena zu verdanken, die uns die Tür geöffnet haben zur russischen Seele.

Der Besuch startet mit einem Rundgang durch den Garten. Es ist ein toller Garten mit Zucchini, Brombeeren, Obstbäumen und was der Selbstversorger noch so alles brauchen kann. Dann kommt Mike um die Ecke geflitzt, der Terrier der Schwägerin der Großmutter, mit einem grünen Gummi-Hähnchen im Maul. Simon kann recht gut mit ihm, aber bei mir oder Susanne ist er doch etwas misstrauisch. Wir spielen noch etwas Tischtennis, bis wir ins Haus gebeten werden. Und was kommt jetzt? Klar! Schuhe ausziehen!

Für jeden Gast stehen Hausschuhe bereit – und bei Russen kommen in der Regel nicht nur zwei oder drei Gäste. Ich denke, Zalando hat nicht mehr Hausschuhe im Angebot.

Dann werden wir durch das Haus geführt und die Großmutter (Alena spricht immer von „der Großmutter“, ich denke, das hat etwas mit Respekt zu tun) erzählt stolz, dass der Großvater das alles selbst gebaut hat. In einem Zimmer gibt es sogar einen richtigen „Schrein“, in dem das junge Ehepaar (Simon und Alena) verehrt wird. Ich habe noch keine Familie erlebt, die von ihrem ausländischen Schwiegersohn in dermaßen hohen Tönen spricht.

Nachdem wir alle Zimmer gesehen haben, auch Alenas Zimmer (sie hat ihre Möbel bei der Großmutter eingelagert, nachdem sie ihre Wohnung in Russland aufgab und zu Simon nach Mering zog), gehen die Schwägerin der Großmutter, die Tante und die Cousine in die Küche, das Essen vorzubereiten. Die einzige Gelegenheit für uns, der Großmutter (wer hätte denn gedacht, dass bei dem Treffen die halbe Verwandtschaft da ist) unser Gastgeschenk zu übergeben, einen auf Russisch geschriebenen Reiseführer aus der neuen Heimat ihrer Enkelin.

Danach gehen wir wieder in den Garten Tischtennis spielen.

Etwa eine halbe Stunde später kommen die Frauen heraus und es beginnt ein Ritual. Eine der Frauen hat einen Teller mit – ich würde sagen – Salzkartoffeln, die andere hat eine Schüssel mit einer weißen Suppe drin und einem Löffel, der reihum gereicht wird.

Die Suppe ist höchstwahrscheinlich окрошка (Okroschka), ein russisches Nationalgericht. Okroschka ist eine kalte Suppe aus Kefir, Lyoner, hartgekochtem Ei, Radieschen, Gurke, Petersilie, Schnittlauch, scharfem Senf, Pfeffer, Salz und „Unmengen“ von Dill, alles kleingekrümelt, daher auch der Name окрошка von крошить = krümeln. Dass die Zutaten gekrümelt sind, ist allerdings das kleinste Problem. Doch wenn dir als Ausländer diese Ehre zuteil wird, musst du durch. Das Ritual abzulehnen, würde den Gastgeber aufs Übelste beleidigen. Dann geht’s wieder nach drinnen, wieder Schuhe aus, Hausschuhe an.

Der Tisch ist festlich gedeckt: Brot, Tomaten und Gurken, Wurst, Pflaumen (das Besteck, Messer Gabel, Löffel akkurat neben den Tellern, wie ich es nie platzieren würde) und mitten auf dem Tisch eine Schüssel, die auf den ersten Blick aussieht wie irgendeine Waldbeeren-Sahne-Nachspeise. Das müssen wir zuerst probieren. Die Großmutter fordert uns auf, zu nehmen und uns ja nicht zu zieren. Es ist genug da und in Russland sollte niemals jemand hungrig vom Tisch aufstehen.

Die vermeintliche Süßspeise entpuppt sich als селёдка под шубой (Hering unter dem Pelzmantel). Dieses Gericht stammt aus der Zeit der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als wir in Deutschland Mett- oder Käse-Igel, Russische Eier oder Schinkenröllchen aßen, und ist in Russland etwas ganz Außergewöhnliches. Entsprechend sollte man das als Gast auch würdigen.

Jede Hausfrau hat ihr eigenes Rezept und natürlich wird das nicht verraten. Ich weiß nur, dass dazu neben Matjesfilets auch Zwiebeln, gekochte Kartoffeln, Rote Beete, Karotten, Äpfel, Eier, Petersilie und Unmengen Dill verarbeitet werden.

Das wird dann in den Kühlschrank gestellt und – damit man die Schichtung auch sehen kann – wie ein Tortenstück serviert.

In Russland heißt „Hering“ übrigens селёдка (gesprochen: Siljótka). Jetzt weiß ich auch, wie der Reim „водка-селёдка“ (Wodka- Siljótka) entstanden ist. Einen Wodka bräuchte man jetzt wirklich.

Ich greife beherzt zu Gemüse aus dem eigenen Garten, zu Tomaten und Gurken sowie zu köstlichem Schwarzbrot. Das schmeckt richtig lecker.

Jetzt ist es an der Zeit, dass Alena einen handgeschriebenen Brief des Großvaters vorliest. Er kann leider nicht bei uns sein und wäre doch so gerne dabei gewesen. Der Text ist so herzlich, dass einem fast die Tränen kommen.

Zum Abschluss des Nachmittags gibt es draußen im Garten Tee, Gebäck, Kuchen und Stachelbeeren aus eigener Zucht. Jetzt kann ich erneut herzhaft zugreifen.

Die Großmutter, Olga, Alena und die Cousine spielen Дура́к (Durak), was nichts anderes bedeutet als „Dummkopf“. Durak ist das traditionelle russische Kartenspiel schlechthin, in der Bedeutung vielleicht vergleichbar mit Schafkopf in Bayern.

Ein Durak-Spiel hat 36 Karten in vier Farben. Nach dem Mischen erhält jeder Spieler aus dem Stapel sechs Karten. Die nächste Karte wird – mit dem Bild sichtbar – als Trumpf quer unter den Stapel gelegt. Das Spiel beginnt mit dem Angreifer … und ab jetzt versteh ich nichts mehr.

Darum geht´s aber auch gar nicht. Was mir an diesem Nachmittag besonders gefällt: Russen spielen Durak mit einem Kartenspiel, das ihnen der deutsche Schwiegersohn von einem USA-Aufenthalt aus Las Vegas mitgebracht hat, und die deutschen Eltern schauen betröppelt zu.

Heimfahrt von Malahowka


Inzwischen ist es 18:00 Uhr geworden, für uns Zeit, die Heimreise anzutreten (wir müssen morgen wieder früh raus, weil wir morgen nach St. Petersburg wollen). Ein russischer Gastgeber dagegen käme nie auf die Idee, ein Treffen von sich aus zu beenden. Der Großmutter wäre es sicher recht gewesen, wenn wir noch übernachteten.

Endlich schaffen wir es, uns durchzusetzen. Wir bedanken uns für das Essen, die Gastfreundschaft und den wunderschönen Nachmittag. Die Großmutter meint, wir sollen nächstes Jahr unbedingt wiederkommen, dann dürften wir aber nicht im Hotel übernachten …

Mit der Marschrutka fahren wir zurück nach Tomilino. Dort steigen wir aus und verabschieden uns von Olga, der Tante und der Cousine. Wir vier müssen weiter. Mit einem Bus geht’s dann weiter zur Metro-Station Ле́рмонтовский проспе́кт (Lermontowski Prospect).

Mit der 7er-Metro geht’s zunächst bis Тага́нская (Taganskaya) und dann mit der 5er bis Павеле́цкая (Paveletskaya). Gegen halb neun kommen Susanne und ich am Hotel an.

Susanne und ich gehen nur kurz hoch ins Zimmer, die Postkarten holen, die wir geschrieben haben (die Moskauer Karten sollen unbedingt auch von Moskau weg), und machen dann noch einen Abendspaziergang zum Briefkasten. Danach setzen wir uns für ein Absacker-Bierchen in die Hotelbar.

Mann, waren das drei Tage in Moskau und dabei sagen viele: Unter einer Woche brauchst du gar nicht anfangen. Das war so toll und so emotional, dass ich persönlich mich traue, diesen Urlaub in einem Atemzug mit meinem Traumurlaub Mit Schlafsack und Zelt in der Serengeti und mit meinem Abenteuerurlaub auf den Philippinen zu nennen. Das ist aber einzig und allein das Verdienst von Alena und Simon, die uns vor und während dieser Reise so hervorragend betreut haben.


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Moskau, Tomilino und St. Petersburg – INHALTSVERZEICHNIS
HAUPTGRUPPE BERICHTE

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