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MOSKAU – TOMILINO – ST. – PETERSBURG

Frühstück, die Dritte


Heute heißt es früher aufzustehen als gestern, denn heute wollen wir nach Томи́лино (Tomilino), Alenas Geburtsort. Tomilino liegt etwas 30 km südöstlich von Moskau an der Bahnlinie nach Раменское (Ramenskoje). Es bietet sich also an (ich bin immerhin Eisenbahnfan), mit dem Vorortzug dorthin zu fahren.

Im Gegensatz zu gestern und vorgestern ist der Frühstücksraum im Hotel heute angenehm leer. Liegt es nur an der frühen Zeit oder waren gestern und vorgestern ein oder zwei Busse hier? Egal. Die Aufsicht des Frühstücksraums begrüßt uns freundlich (auf Deutsch!) mit „Guten Morgen“. Doch so gut scheint der Morgen nicht zu sein. Überall im Hotel laufen Fernseher und was da zu sehen ist, ist nicht gerade beruhigend: Heute ist der Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki und aktuell gibt es ein Säbelrasseln zwischen Nordkorea und den USA. Die Nordkoreaner wollen angeblich Guam angreifen, einen US-Stützpunkt im Pazifik. Wir haben darauf leider gar keinen Einfluss, wenn sich Politiker aufführen wie Kleinkinder.

Im Frühstücksraum haben wir heute freie Platzwahl. Niemand ist da. Heute gibt es Dinge, die wir gestern und vorgestern hier nicht gesehen haben: sogar Paprika oder Bratkartoffeln, Rührei, Spiegelei, Wurst, Käse usw. usw. Selbst mit Gabeln können wir heute richtig verschwenderisch umgehen. Wir könnten sogar zwei Gabeln für den Orangensaft nehmen, wenn wir wollen.

Die IBIS-Kette wird ihrem Ruf mal wieder voll gerecht. Einmal IBIS, immer IBIS. Das gilt für uns auch in Moskau.

Bahnfahrt nach Tomilino


Gegen 9:00 Uhr treffen wir uns mit Alena und Simon. Mit der Metro geht’s dann weiter zum Казанский вокзал (Kasaner Bahnhof), wo der Vorortzug nach Tomilino um 9:41 Uhr abfahren soll. Um diese frühe Zeit ist Rush-Hour und die Metros sind gesteckt voll. Aber da müssen wir durch. Zwei Haltestellen mit der 6, dann umsteigen in die 1 (dazu musst du aber erst mal in der Station Turgenevskaya durch ein unterirdisches Labyrinth – ohne Alena hätten wir uns nie zurechtgefunden) und dann noch zwei Stationen mit der 1 und dann wieder Fußmarsch.

Vielleicht sind wir auch ganz anders gefahren. Im Gewühl der Metro-Stationen kannst Du als Ungeübter nämlich sehr, sehr schnell den Überblick verlieren. Ohne Alena hätten wir nie gewusst, von welchem der acht Fernbahnhöfe der Zug nach Tomilino tatsächlich abgeht. Jetzt wissen wir´s: Vom Казанский вокзал (Kasaner Bahnhof). Hier fahren übrigens auch die Züge der Transsibirischen Eisenbahn.

Noch bevor man zu den Gleisen darf, wird am Bahnhof alles gescannt, was man bei sich hat, Kamera, Tasche, Geldbeutel, Gürtel – wie am Flughafen. Alles muss durchs Röntgengerät. Und das bei einem Vorort-Zug. Ein paar Minuten bevor der Zug abfährt, werden dann die Absperr-Anlagen freigeschaltet. Die Fahrkarten haben einen Strichcode. Wenn man den auf den Scanner legt, geht die Absperrschranke auf und man kann zu den Bahngleisen.

Der Fahrplan nach Tomilino
9:41 Москва Казанская (Kasaner Bahnhof Moskau)
9:46 Электрозаводская (Elektrozavodskaya)
9:49 Сортировочная (Sortirovochnaya)
9:52 Новая (Novaya)
9:56 Фрезер (Frezer)
9:58 Перово (Perovo )
10:00 Плющево (Plyushchevo)
10:06 Выхино (Vykhino)
10:09 Косино (Kosino)
10:12 Ухтомская (Ukhtomskaya)
10:15 Люберцы-1 (Lyubertsy-1)
10:18 Панки (Panki)
10:21 Томилино (Tomilino)

Unser Zug steht am платформа 47 (Bahnsteig 47). Schon beim Einsteigen fällt der Unterschied auf. Die Wagen der russischen Bahn wirken etwas heruntergekommener als bei uns, aber man hat enorm viel Platz. Mit 3,52 Metern sind sie 17,5% breiter als unsere nur drei Meter breiten Waggons. „Den Platz braucht man auch“, meint Alena, denn morgens auf dem Weg nach Moskau seien die Wagen brechend voll. Wir haben Gottseidank das Glück, jetzt in Gegenrichtung zu fahren.

Unterwegs begegnen uns auch andere interessante Loks, wie hier diese tschechoslowakische Manöverierlokomotive des Typs ЧМЭ3, fotografiert in der Nähe von Электрозаводская (Elektrozavodskaya). Перово (Perovo), nein, wir sind noch nicht da. Wir haben etwa Halbzeit.

20 Minuten später macht mich Alena drauf aufmerksam, dass jetzt links gleich ein Hubschrauber kommt. Ich mach mich sofort fotografierbereit. Kurz vor Tomilino, vor dem Gelände der Московский вертолетный завод им. М. Л. Миля (Moskauer Hubschrauberfabrik M. L. Mil) sehen wir einen gelben Mil Mi-8 Mehrzweckhubschrauber und zwei Minuten später fahren wir auch schon im Bahnhof in Tomilino ein. Auf die Minute genau, was Alena nur mit den Worten „Ihr habt vielleicht schönere Züge, aber unsere sind pünktlich.“ kommentieren kann.

Der Bahnsteig ist verlassen, nur eine einzige Person steht da. Es ist Nastja, Alenas Freundin. Heute genau vor vier Wochen war sie zu Besuch bei Alena (und uns) in Mering (wir haben sie damals gleich ins Herz geschlossen) und heute steht sie da, mit zwei Riesenpappschildern mit unseren Namen drauf. Auf diese Weise empfangen zu werden, erzeugt ein Gefühl, wie wenn man nach Hause kommt. Dazu fällt mir ein Satz aus Wlada Kolosowas Buch „Russland to go“ ein: „Wenn ein Russe dich anlächelt, dann hast du´s über die Schwelle seiner Seele geschafft.“

Kühle, zurückhaltende Russen? Diese Einschätzung können wir nicht teilen. Selten sind wir so herzlich willkommen geheißen worden wie hier in Russland. Das gilt übrigens auch für Olga, die uns am Sonntag am Flughafen geradezu überschwänglich begrüßt hatte.


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