Homepage / Suche / Gästebuch / Impressum

MOSKAU – TOMILINO – ST. – PETERSBURG

Revolutionsplatz


Wir fahren mit der Metro fünf Stationen zurück. Die Lautsprecherdurchsagen kommen nun von einem Mann, rauswärts aus der Stadt war´s ´ne Frau. Die Moskauer erklären das damit, dass, wenn es zur Arbeit (in der Stadt) geht, der Chef (dem Klischee nach ein Mann) ruft und die Ehefrau nach Hause in den Vorort. Dass hört sich zwar nett an, passt aber irgendwie nicht so ganz. Viele Frauen in Russland ohnehin berufstätig und die Firmen lassen sich wegen der günstigeren Mieten lieber am Stadtrand nieder als im Zentrum. Aber eine nette Anekdote ist es allemal.

Am Пло́щадь Револю́ции (Revolutionsplatz) – gar nicht weit vom Kaufhaus GUM – steigen wir aus. In der Metro-Station gibt es etwa zwanzig, dreißig Querpassagen und in allen stehen links und rechts Bronzefiguren, Sportler, Väter, Mütter, Großeltern und Kinder. Alles in allem idealisierte Russen.

U. a. auch ein sowjetischen Grenzsoldat mit seinem Hund. Die Schnauze des Hundes ist schon ganz abgegriffen. Das soll – so sagt man – Glück bringen, wenn man die anfasst. Ja, das geht sogar noch weiter. Vor besonders schweren Prüfungen und Klausuren fahren Schüler und Studenten extra zum Revolutionsplatz, um die kalte Schnauze des Hundes anzufassen oder ihr Notenbüchlein unter die Schnauze zu halten Das soll bessere Noten bringen. Wenn man dagegen den Fuß einer Studentin berührt soll man sogar eine neue Liebe finden! Das ist für mich schon spannend zu sehen.

In der Metro, in der wir jetzt fahren, sind die Fenster zugehängt. Stattdessen hängen dort Bilder von Künstlern. Auch außen ist die U-Bahn prächtig bemalt. Wir fahren bis zur Station Ба́уманская (Baumanskaya). Die Station ist nach Nikolai Bauman benannt, der wegen revolutionärer Umtriebe in St. Petersburg inhaftiert und im Taganka-Gefängnis in Moskau zu Tode geprügelt wurde. 1904 Am Ende des Bahnsteigs Richtung Ausgang befindet sich ein Mosaik von Wladimir Iljitsch Lenin, den Baumann um 1900 im Schweizer Exil kennenlernte.

Vom Fahrgastaufkommen liegt Baumanskaya an zweiter Stelle in Moskau. Das liegt nicht zuletzt an der drei Universitäten in unmittelbarer Nähe, der Staatlichen Technischen Universität, der Staatlichen Hochschule für Bauingenieurwesen und der Staatlichen Akademie des Rechts.

Epiphanie-Kathedrale


Zu Fuß gehen wir zum Institut für Linguistik und Interkulturelle Kommunikation, wo Alena studiert hat. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einer prächtigen türkisgrünen Kathedrale vorbei, es ist die Богоявленский кафедральный собор (Epiphanie-Kathedrale).

Bis zum Bau der Erlöserkirche, in der wir gestern waren, war die Epiphanie-Kathedrale die Hauptkathedrale des Moskauer Patriarchats. Bekannt ist die Kirche auch deswegen, weil hier der russische Dichter Alexander Puschkin getauft wurde (und nicht zu vergessen, Alenas Mutter Olga).

Alenas Institut


Nach etwa 20 Minuten kommen wir an Alenas Institut an. Alena schämt sich etwas, dass das Gebäude schon bessere Zeiten gesehen hat. Aber vom Äußeren sollte man sich nicht blenden lassen. Immerhin hat Alena hier u. a. Deutsch studiert, und das mit so großem Erfolg, dass sie nicht nur sämtliche Grammatik und Nuancen der deutschen Sprache kennt, von denen ich selbst als Muttersprachler noch nie etwas gehört habe, sondern in Deutschland sofort als Lehrerin für Integrationskurse engagiert wurde.

Fahrt im Linienbus zur Metrostation Partisanskya


Alena will uns unbedingt auch noch das öffentliche Verkehrsmittel Bus nahebringen. Also nehmen wir bis zur nächsten Metrostation den Bus. Das war irgendwie etwas umständlich, da – im Bus ist ja auch wieder ein Drehkreuz und beim Aussteigen verlassen wir die Zone – wir irgendwie Fahrkosten verschwendet haben. Aber allein die Erfahrung waren die paar Cent wert. Danach fahren wir mit der Metro weiter bis zur Station Партизанская (Partisanskaya).

Die Metrostation heißt erst seit 2005 so. Anlässlich der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges und in Anerkennung des Verdienstes der sowjetischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg wurde die Station, die zuvor Измайловский парк (Ismailowski Park) hieß, umbenannt. Besonders auffallend ist, dass der ganze Bahnhof komplett mit Skulpturen und Bildern ausgestattet ist, welche die Heldentaten der sowjetischen Partisanen rühmen.

Kunsthandwerksmarkt


Von der Metro-Station aus gehen wir zu Fuß – etwa 10 Minuten – Richtung Norden und kommen an eine so was von kitschige Disneyland-Kulisse.

Erst dachte ich ja, das ist eine Art Vergnügungspark, aber letztendlich ist es ein Kunsthandwerks-Markt, der sich hochtrabend вернисаж (Vernissage) nennt. Hier gibt es eine Unmengen Matroschkas, Militätklamotten und anderen Krimskrams.

An einem Matroschka-Stand – Susanne möchte gerne eine als Andenken kaufen – bleiben wir stehen. Sofort „nagelt“ uns der Standbesitzer auf Englisch einen Text ans Ohr. Alena antwortet (so als ob sie kein Englisch verstünde) auf Deutsch. Also switched der Verkäufer um und lässt die deutsche Version des Verkaufsangebots ablaufen. Jetzt antwortet Alena auf Russisch. Dem Verkäufer fallen die Augen raus. „Als Touristin sprechen Sie sehr gut russisch.“ „Ich bin Russin!“ „Nein, nein, sie sind keine Russin, das sehe ich ihnen am Gesicht an, aber sie sprechen sehr gut Russisch – mit einem leichten Akzent. Wir schmeißen uns weg!

Nachdem Susanne jetzt endlich ihre Matroschkas hat und dazu noch eine Spieluhr, die angeblich „Kalinka“ spielen soll (ich erkenne eher Ivan Rebroffs  „Katyusha“), gehen wir weiter, zum Kreml von Ismailowo.

Kreml in Ismailowo


Und gleich erkenne ich die Auffahrtsrampe zur ganzen Anlage, auf der ich mich gestern virtuell mit Alena hab fotografieren lassen.

Der Kreml von Ismailowo ist eine neue, recht unbekannte Touristenattraktion. Wer auf Kitsch allergisch reagiert, sollte hier nicht her kommen. Es wirkt ein bisschen wie ein russisches Disneyland, nur eben nicht so teuer. Die Holz-Gebäude sind den Zarenpalästen des 17. Jahrhunderts nachempfunden und bemalt, dass sie aussehen wie in einem Märchenbuch.

Zentrales Bauwerk ist der Kreml, in dem sich auch ein Wodka-Museum befindet. Dazu gibt es noch eine ganze Reihe anderer Museen. Die ganzen Gebäude wirken alle etwas surreal. Vor einem dieser Gebäude finden gerade lustige (?) Hochzeitsspiele statt. Ich will mir das Areal des Kremls von Ismailowo gar nicht ansehen, dazu ist es mir irgendwie doch zu kitschig, aber ein alkoholfreies Bier bei der Hitze könnten wir trinken an einem der Kioske.

Wir setzen uns an einen Tisch und bestellen zwei alkoholfreie Biere für Susanne und mich sowie Fanta für Simon. Alena möchte nichts. Bis der Kellner wiederkommt, dauert´s und dauert´s und dauert´s. Ich glaube, wir sitzen schon 20 Minuten hier. So schwer kann das doch nicht sein, eine Flasche herzubringen.

Dann endlich kommt der Kellner: „Alkoholfreies Bier ist alle.“ Wenn das das ganze Problem ist, dann switchen wir eben um: Cappuccino für mich und für Susanne auch ein Fanta. – Wieder dauert und dauert und dauert es. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt der Kellner: „Die Kaffeemaschine ist kaputt.“ – Zum Schluss trinken wir dann alle Fanta, wovon eine der drei Dosen sogar gekühlt ist. Das war wohl nichts.

Hochzeitsautos mit Prunk und Protz


Auch wenn ich selbst dem Kreml von Ismailowo nichts abgewinnen kann, der Ort hier scheint ebenfalls ein Treffpunkt für Heiratswillige zu sein – und das mit (äußerlichem) Prunk und Protz. In der Straße vor dem Park steht gleich eine ganze Batterie von Stretch-Limousinen. Wenn das das Glück ist?

Nachdem wir schon alle verheiratet sind und den Protz nicht brauchen, fahren von Partisanskaya mit der Metro wieder zurück in die reale Welt – zur Metrostation ПАВЕАЕЦКАЯ (Pawelezkaja).

Il Patio und Planet Sushi


Hier gibt es mit dem Il Patio und Planet Sushi ein Restaurant, in dem sowohl Alena und Simon (Sushi-Fans) als auch Susanne und ich (Fans der italienischen Küche) voll auf unsere Kosten kommen. Ich bestelle ´ne ganz normale Pizza, Susanne irgendein Nudelgericht. Doch als Alena anfängt zu bestellen, 6, 8, 14 oder so ähnlich, fühle ich mich fast wie bei einem Skat-Spiel. Muss das so sein beim Sushi-bestellen?

Wir sitzen noch lange und nachdem uns gestern der vollgestopfte – aber auch wunderbare Tag – doch sehr viel abverlangt hat mit, genießen wir es heute Abend, mal so richtig zu entspannen.

 


< zurück weiter >
Moskau, Tomilino und St. Petersburg – INHALTSVERZEICHNIS
HAUPTGRUPPE BERICHTE

Einen Kommentar schreiben