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MOSKAU – TOMILINO – ST. – PETERSBURG

Frühstücks-Chaos


Gestern ist es spät geworden, deshalb wollen wir es heute etwas ruhiger angehen lassen und uns erst gegen 9:00 Uhr mit Simon und Alena an der Metro-Station Третьяковская (Tretyakovskaya) treffen. Aus diesem Grund können wir auch – für unsere Verhältnisse recht spät – zum Frühstücken gehen. Das war ein Fehler, wie sich sogleich herausstellt.

Der Frühstücksraum bietet etwa Platz für 60 bis 80 Personen, aber es sind weit über 100 hier. Die Menschen stehen da mit ihren Kaffeetassen und ihren aufgeladenen Tellern. Besteck, Rührei, Brötchen, Wurst, Joghurt, Fehlanzeige – die Buffets sind abgeräumt, ratzeputz! Das Personal kommt nicht mehr nach. In diesem Augenblick wird ein Vierertisch frei. Der Run beginnt. Zum Glück können die Tassen nicht überschwappen, da sie von dem Kaffeeautomaten nur halb gefüllt wurden. Notdürftig versorgen wir uns mit Resten. Das hört sich schlimmer an, als es ist. Das Essen, d. h. das was noch da ist, ist super, super lecker. Man muss sich eben damit abfinden, dass man den Frühstücksspeck mit dem Löffel schneiden muss, Gabeln und Messer sind aus. Nach etwa 15 Minuten lichtet sich das Feld. Der Ansturm ist weg, das Personal hat in einer Mammut-Aktion die Tische mit den benutzten Tellern und Tassen abgeräumt und die Buffets wieder aufgefüllt. Wir können nun in aller Ruhe frühstücken.

Auf dem Weg zum Roten Platz


Um zehn vor neun gehen wir los, Simon und Alena zu treffen. Unterwegs stoßen wir auf unsere erste Straßenbahn. Etwas kürzer als bei uns, aber nicht unbedingt fremd.

An der St. Klemens Kirche kommen uns Alena und Simon schon entgegen. Heute haben wir vor, zuerst mal zum Roten Platz zu gehen, von hier aus sind das zu Fuß etwa 20 bis 25 Minuten. Aber nicht, wenn wir an jeder Ecke stehen bleiben. Und das tun wir, denn bereits nach drei Minuten gibt es für uns ein Fotomotiv direkt bei der Metro-Station Новокузнецкая (Nowokusnezkaya): den Adam-und-Eva-Brunnen. Die Bildhauerinnen Marina und Marija Lewinskaja (Mutter und Tochter) haben ihn 2007 zum 860. Jahrestag von Moskau fertiggestellt und im April 2008 der Öffentlichkeit übergeben. Gleich neben dem Brunnen gibt es ein übermannsgroßes Blumenherz, in dessen Mitte sich Jungverliebte gerne ablichten lassen.

Wir gehen weiter Richtung Norden und überqueren nach etwa 500 Metern einen schmalen Seitenarm der Москва (Moskwa). In der Улица Балчуг (Ulitsa Balchug) sehen wir dann zum ersten Mal die bunten Zwiebeltürme der Собор Василия Блаженного (Basilius-Kathedrale), dem Wahrzeichen Moskaus schlechthin, zwischen Häuserfronten und Baukränen hervorblitzen. Mehr zu der Kirche aber dann, wenn wir näher dran sind. So – in all dem Wirrwar – kann man ja noch keinen Blumentopf gewinnen.

Wir überqueren die Большой Москворецкий Мост (die große Moskwa Brücke). Wenn man dort nach links, also nach Westen blickt, stockt einem der Atem: Hier tut sich eine traumhafte Kulisse auf: Ganz links die Храм Христа́ Спаси́теля (Christ-Erlöser-Kathdedrale), rechts daneben die zwei rot-weiß markierten Türme des Kraftwerks am Berezhkovskaya-Damm, in Bildmitte eine der sieben Zuckerbäckerbauten Stalins, das „Wohnhaus am Kudrinskaja-Platz“, weiter rechts die Wolkenkratzer der Moskau-City und ganz rechts der große Kreml-Palast.

Da die Christ-Erlöser-Kathdedrale und auch die Hochhäuser der Moskau-City auf diesem Panorama irgendwie nicht so zur Geltung kommen, hier das Ganze noch mal aus einer minimal anderen Perspektive.

Die am linken Ufer der Moskwa stehende Christ-Erlöser-Kathedrale wurde zwischen 1839 und 1881 erbaut und sollte im selben Jahr auch eingeweiht werden. Wegen des Attentats auf Alexander II. erfolgte die Einweihung aber erst zwei Jahre später, 1883.Während der kommunistischen Stalin-Diktatur wurde die Kathedrale 1931 leider wieder zerstört. An dieser Stelle sollte der achte Prunkbau im Zuckerbäckerstil, der 415 Meter hohe Palast der Sowjets, entstehen, doch es gab Probleme mit dem Baugrund. Da die Baugrube aber schon mal ausgehoben war, soll Chruschtschow ganz pragmatisch veranlasst haben, sie als Schwimmbad auszubauen. Das kreisförmige Schwimmbecken hatte rund 130 Meter Durchmesser und in der Mitte ein 50-Meter-Becken mit markierten Bahnen. Da das Becken auch im Winter beheizt war, konnte man es ganzjährig nutzen. Und jetzt ratet mal, warum ich die Geschichte des Schwimmbades плавательный бассейн so ausführlich erzähle. Weil genau in diesem Becken auch Alenas Mutter Olga immer zum Schwimmen gegangen ist. So klein ist die Welt!

Vom Ende der Brücke aus sieht man linker Hand den 81 Meter hohen Колокольня Ивана Великого (Glockenturm Iwan der Große) und dahinter einen etwas kleineren Turm des Uspenski-Glockengestühls. Hinweis: Iwan der Große (1440 –1505) ist nicht Iwan der Schreckliche (1530 – 1584)!

Die Basilius-Kathedrale


Auf der rechten Seite sehen wir dann das Wahrzeichen Moskaus schlechthin, die Собор Василия Блаженного (Kathedrale des seligen Basilius, kurz Basilius-Kathedrale). Die Kirche wurde im 16. Jahrhundert unter Ива́н Васи́льевич Гро́зный Grozny (Iwan dem Schrecklichen) gebaut. Er wollte damit an seine militärischen Siege gegen die Tartaren erinnern. Sollen die Zwiebeltürme die Turbane der Besiegten symbolisieren? Darüber sind sich die Gelehrten nicht einig.

Die Kathedrale besteht eigentlich aus neun Einzelkirchen, was man von außen nicht unbedingt erkennt. Auch sieht man nicht, dass die neun Kirchen eigentlich auf einem Quadrat mit der Kantenlänge „drei Kirchen“ stehen mit der zentralen, 115 m hohen und als einzige mit einer goldenen Kuppel gekrönten, Собор Покрова Пресвятой Богородицы (Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirche) in der Mitte. Die anderen acht Kirchen, die alle unterschiedlich aussehen, sind um die höchste angeordnet, wobei die achteckigen Kirchen in den Haupthimmelsrichtungen (Süd, West, Nord, Ost) etwas höher sind als die viereckigen Kirchen, die auf den Nebenhimmelsrichtungen (Südwest. Nordwest, Nordost, Südost) liegen.

  • Die Kirche im Süden, die mit der rot-weiß-quergestreiften Kuppel ist die Николая Великорецкого (die Kirche des Heiligen Nikolaus des Wundertäters).
  • Im Uhrzeigersinn daneben, also auf Südwest, die Kirche mit der grünen Kuppel und den gelben Dreiecken drauf, ist Варлаама Хутынского (die Kirche Warlaam Chutynskis).
  • Im Westen, erkennbar an der Kuppel mit den schraubenlinienförmig nach links oben verlaufenden roten und grünen Quadraten, ist die Kirche Входа во Иерусалим (Kirche des Einzugs in Jerusalem).
  • Die Kirche im Nordwesten (man sieht sie, wie auch die Kirche im Nordosten auf diesem Bild leider nicht) hat eine ockergelbe Kuppel mit einem grünen diagonal verlaufenden Gittermuster darüber. Das ist die Григория Армянского (die Kirche Gregor des Erleuchters).
  • Die Kirche im Norden hat eine blau-weiß gestreifte Kuppel, welche an die Hosen von Obelix erinnert. Das ist die Киприана и Устинии (die Kirche der Heiligen Cyprianund Justina). 
  • Die Kuppel der Kirche im Nordosten ist genauso ausgeführt wie die Kuppel ganz rechts, allerdings in Blau-Rot. Sie gehört zur Трёх патриархов Константинопольских (der Kirche der drei Patriarchen von Konstantinopel).
  • Die Kirche im Osten, deren Kuppel an ein Nougat-Waldmeister-Softeis erinnert, ist die Троицкая (die Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit).
  • Und schließlich die Kirche im Südosten, deren Kuppel ähnlich wie die der Kirche im Osten aussieht, aber in Gegenrichtung gewendelt ist, ist die Александра Свирского (die Kirche Alexander Swirskis).

Um die Kirche gibt es eine Legende, die immer wieder gern erzählt wird. Demnach soll Iwan der Schreckliche den Architekten Постник Яковлев (Postnik Jakowlew) gefragt haben, ob er in der Lage wäre noch mal so eine schöne Kathedrale zu bauen, und Jakowlew soll geantwortet haben: „Aber klar doch, sogar noch eine schönere.“

Daraufhin soll man – damit das nicht passieren kann – Jakowlew die Augen ausgestochen haben. Irgendwie unglaubwürdig, soll Jakowlew doch auch später noch etliche Bauten errichtet und sogar – vier Jahre nach Iwans Tod – sogar die Kapelle zu Ehren Basilius des Seligen an die Kirche angebaut haben.

Jetzt haben wir uns so in die Basilius-Kathedrale vertieft, dass wir ganz vergessen haben, dass immer zur vollen Stunde im Алекса́ндровский сад (Alexandergarten), am Nordende des Roten Platzes, vor dem Grabmal des unbekannten Soldaten Wachablösung ist. Alena drängt zur Eile.


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