Homepage / Suche / Gästebuch / Impressum

MOSKAU – TOMILINO – ST. – PETERSBURG

Zu Hotel und Hostel


Alena und Olga haben für uns ein Großraumtaxi bestellt (immerhin sind wir fünf Personen und der Fahrer). Ich bin sowas von platt, hatte ich in meiner Fantasie doch eigentlich einen klapprigen Москви́ч (Moskwitsch) vor Augen gehabt. Dass es anschließend mit Karacho auf eine 6-spurige Autobahn und nicht etwa auf eine ungeteerte Landstraße geht, das hätte ich jetzt auch nicht erwartet. Ich bin tief beschämt.

Nach zweieinhalb Kilometern geht’s auf die Киевское ш. (Kiyevskoye sh.) und dort eigentlich immer geradeaus Richtung Ost-Nordost. Ab dort, wo es rechts zum Академический округ (Academic District) abgeht, heißt die Straße Ленинский пр. (Lenisky Ave.). Die ist schon gewaltig. Ich schätze mal zehn Fahrspuren! Stell dir das mal in einem Leihwagen vor! Ich kann jedem von dieser Idee nur abraten, auch wenn man bei einem Spritpreis von 41,3 рубль (70 Cent) gerne mal über ein „eigenes“ Auto nachdenkt. Vergesst es! Dazu fahren die Russen – und da sehe ich mein Vorurteil leider bestätigt – „wie die gesengten Säue“.

Kurz bevor wir durch eine Art Tor fahren (links und rechts von der Straße ist jeweils ein Turm an dem riesige Gebäudekomplexe angrenzen), kommen wir an einem Denkmal von Юрий Гагарин (Juri Gagarin) vorbei und am Ende der Ленинский пр. (Lenisky Ave) steht rechter Hand auf einem großen Platz ein Denkmal von Ленин (Lenin). Heldenverehrung scheint hier offenbar sehr wichtig zu sein.

Ich komm mit Gucken nicht nach, alles ist so gewaltig und ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe, dazu versucht mir der Taxifahrer immer etwas zu erzählen von Fußball und Panzerübungsplätzen, Männergeschichten und all so ´nem Zeug, was mich aber nicht interessiert. Das Ganze dann auch noch auf Russisch! Ohne Alena, die fortwährend von der Rückbank aus simultan übersetzt, würde ich gar nichts verstehen.

Bisher war die Wegführung ja noch recht einfach: immer geradeaus. Aber nach dem Lenin-Denkmal wird´s chaotisch. Es geht kreuz und quer durch Moskau. Dennoch erreichen wir etwa 50 Minuten nach der Abfahrt am Flughafen unser Hotel im Stadtteil Замоскворечье (Samoskworetschje = Hinter dem Moskwa-Fluss). Zur Zarenzeit soll es verpönt gewesen sein, in dieser sumpfigen Gegend zu wohnen. Hier sollen seinerzeit vor allem Dienstpersonal und kleine Handwerker gewohnt haben. Gemeinsam mit Simon haben wir uns aber eben diesen Stadtteil ausgesucht, weil das Hotel

  1. zu einer Hotelkette gehört, mit der wir auf all unseren bisherigen Reisen beste Erfahrungen gemacht haben und
  2. weil es vom Hotel gerade mal zwei Kilometer Luftlinie zum Zentrum Moskaus, dem Красная площадь (Roten Platz) sind.

Simon und Alena helfen uns beim Einchecken, was offenbar recht problematisch zu werden scheint. Simon hatte das Hotel vor vielen Monaten noch mit einer anderen (inzwischen nicht mehr gültigen) Kreditkarte gebucht. Zum Glück haben wir Alena dabei, die nicht nur Russisch als Muttersprache spricht, sondern für ihre Schwiegereltern auch kämpft wie eine Löwin. Weiter halfen die Handys der „Jungen“, mit deren Hilfe (Online-Banking und was weiß ich nicht alles noch) die Korrektheit der Buchung bestätigt werden konnte.

Nach einer halben Stunde „diplomatischer Auseinandersetzungen“ (wir „Alten“ waren aufgrund fehlender Sprach- und Online-Kreditkarten-Buchungs-Kenntnissen gar nicht beteiligt) können wir unser Zimmer beziehen, 431 im vierten Stock. Ach ja, der vierte Stock ist eigentlich der dritte Stock, weil in Russland das Erdgeschoss der erste Stock ist. Das aber nur am Rand.

Was ich inzwischen herausgefunden habe, auch beim Gespräch eben an der Rezeption: Eines der wichtigsten Worte scheint wohl хорошо (khorosho) zu sein, was in etwa „gut, okay“ oder „passt scho“ bedeutet.

Das Zimmer ist – wie bei der uns bekannten Hotelkette gewohnt – nicht anders als in Hamburg, Berlin, Karlsruhe oder Leipzig. Was uns hier in Moskau besonders freut: Im Fernseher sind zwei deutsche Programme abrufbar, so kann man sich immer auch über Ereignisse zu Hause informieren.

Nach dem Einchecken gehen wir zu Fuß zu Alenas und Simons Quartier. Die „Jungen“ ziehen lieber ein Hostel vor, so eines, in dem sie sich vor drei Jahren auch erstmals getroffen haben. Diese „Nostalgie“ und diese Erinnerung kann ich gut nachvollziehen.

Zum Hostel – in der Nähe der Metro Station Третьяковская (Tretyakovskaya) – sind´s zu Fuß gerade mal 15 Minuten.

Abendessen im Вареничная


Nachdem wir alle unser Quartiere bezogen haben, ist erst mal Essen angesagt. Wir gehen in die Querstraße gleich bei der Metro und dort genau gegenüber der Храм Священномученика Климента Папы Римского в Замоскворечье (St. Clement’s Church) in ein Restaurant namens Вареницная, was so viel bedeutet wie „Variationen“.

Das Lokal ist eingerichtet wie ein Wohnzimmer. An einer Wand hängen Poster von Sportlern, überm Tisch hängt ein Bücherregal, auf dem Sideboard daneben steht neben einer alten „Erika“-Schreibmaschine eine Grünpflanze.

Wir bestellen echt russische Speisen, die man (auch als Tourist) unbedingt mal gegessen haben sollte. Lasst euch überraschen, was kommt!

Während wir warten, malen wir mit akkurat gespitzten Buntstiften, die hier überall rumstehen, auf unseren Platzdeckchen Bilder aus.

Auf den Sets ist die Geschichte der Трое из Простоквашино (Drei von Prostokvashino) dargestellt. Die Erzählung handelt von einem sechsjährigen Jungen der – weil er sehr ernst ist – Дядя Федор (Onkel Fjodor) genannt wird, und seinem Hund Шарик (Sharik). Beide erleben in Prostokvashino viele Abenteuer, einige mit dem lokalen Briefträger Печкин (Pechkin). Die Geschichte geht zurück auf einen sowjetischen Animationsfilm von 1978.

Wir sind noch nicht fertig mit Ausmalen, als das Essen auch schon aufgetischt wird.

Es sieht nicht nur super lecker aus, es schmeckt auch so. Natürlich gibt´s neben Fruchtsäften, Cola, Fanta und all den bekannten Getränken für Susanne und mich auch Пиво без алкоголя (alkoholfreies Bier).

Wir sitzen lange, weil es in diesem typisch russischen Lokal einfach urgemütlich ist. Zu später Stunde rufen wir nach der Rechnung. Das Bezahlen ist hier ganz anders, als ich es von Deutschland gewohnt bin: Die Rechnung wird verdeckt in einer Klappkarte gebracht, die so ähnlich aussieht wie eine Geburtstagskarte. Dann läuft die Kellnerin weg. Der Gast blickt in seine „Karte“, guckt auf den Betrag, legt entsprechend mehr Geld rein.

Die Kellnerin holt die Klappkarte nach einer Weile ab und bringt sie dann wieder zurück. Ebenfalls verdeckt, findest du darin das Wechselgeld. Es liegt nun an dir, ob du das Wechselgeld als Trinkgeld in der Klappkarte zurücklässt, ob du einen Teil davon rausnimmst oder ob du noch etwas dazulegst.

Draußen vor der Tür tobt das pralle Leben. Wir wissen nicht, was uns in Moskau noch alles erwartet. Bei einem Straßenmusiker, der einen alten Eagles-Titel spielt, bleiben wir stehen. Auch er weiß in seinem Song nicht, was ihn erwartet, und fragt sich zweifelnd „ … this could be heaven or this could be hell“ bis dann im Refrain erklingt: Welcome to the Hotel California – Such a lovely place.

Auch Moskau – d. h., das, was wir bisher gesehen haben – ist toll Platz. Russlands Hauptstadt hat sich für uns – bereits am ersten Tag – von einer derart positiven Seite gezeigt, dass wir es wagen – auch ohne dass uns die „Jungen“ begleiten müssen – die eineinhalb Kilometer zurück zu unserem Hotel alleine durchs nächtliche Moskau zu gehen und das, wo man im Vorfeld – vor allem im Internet – doch davor gewarnt wurde, dass „die Russen klauen wie die Raben“.


< zurück weiter >
Moskau, Tomilino und St. Petersburg – INHALTSVERZEICHNIS
HAUPTGRUPPE BERICHTE

Einen Kommentar schreiben