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Das Vorbild löst den Virus aus


Die Ruine des Anhalter Bahnhofs


Eines Tages – man musste die Zeit ja totschlagen – bin ich von der Uni weg nicht mit der U-Bahn gefahren, sondern bin durch den Großen Tiergarten an der Philharmonie und an der Nationalgalerie vorbei Richtung Landwehrkanal zu Fuß gegangen. Das sind von der Uni bis zum Kanal gerade mal 45 Minuten und am „Halleschen Ufer“ am Kanal entlang bis zur U-Bahn-Station „Möckernbrücke“ weitere 20 Minuten, wenn man unterwegs nicht links abbiegt, zum „Anhalter Bahnhof“ – oder dem, was sie davon übrig gelassen haben.

Klar hatte man den Namen „Anhalter Bahnhof“ schon mal gehört, dass er zu seiner Zeit aber einer der prächtigsten Bahnhöfe Deutschlands war, das wusste ich nicht. Als ich damals an der Ruine des Anhalter Bahnhofs vorbeikam, war’s um mich geschehen. Wer war der Irre, der den 1958 Auftrag gab, den einstmals mächtigsten Berliner Bahnhof zu sprengen? Klar, es war nur ein Bahnhof, aber beim Anblick der Ruine standen mir Tränen in den Augen.

Ich musste mehr wissen über diesen Bahnhof. Fortan war ich dran, im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz zu recherchieren, ich las Bücher vom Anfang des 20. Jahrhunderts und plötzlich war er da, der Wunsch den Bahnhof als Modell zu bauen. Zunächst natürlich nur in meinen Träumen.


Die Brücken am Landwehrkanal


In meinen Träumen bestand die Anlage dann natürlich nicht nur aus dem Bahnhofsgebäude selbst, sondern auch aus dem Gleisvorfeld. Was für mich aber in ganz besonderer Weise den Reiz des Anhalter Bahnhofs ausmacht, das sind die 5 Verkehrsebenen am Landwehrkanal:

  • der Landwehrkanal als Schifffahrtsstraße selbst
  • die (leider nicht sichtbare)unter dem Kanal hindurch verlaufende U-Bahn
  • die beiden, seitlich, etwas oberhalb des Kanals verlaufenden Straßen
    „Hallesches Ufer“ und „Tempelhofer Ufer“
  • die viergleisige Fernbahn-Brücke
  • die alles überspannende 72 m lange Hochbahn-Brücke

Das alles sollte auf meiner Traumanlage verwirklicht werden.

Um dem Ganzen dann auch noch einen seriösen anstrich zu geben , habe ich recherchiert, wie der Weltmeister, u.a. unter Zuhilfenahme uralter Schriften, wie beispielsweise dieser hier aus dem Jahre 1906.

Vor meinem geistigen Auge sah ich genau, wie die 300 Meter Gleise zwischen dem Landwehrkanal und dem Bahnhof aussehen sollten. Und so fertigte ich meine ersten Prinzip-Skizzen. In etwa wie auf der Skizze oben rechts müssten die Gleisanlagen bei mir einmal aussehen. Natürlich war mir klar, dass so etwas in einer Studentenbude in Berlin zu bauen schlichtweg unmöglich war. Aber träumen darf man doch und schließlich werde ich nicht ewig Student bleiben.


Jetzt geht’s endlich los


Nach dem Studium hat es mich Mitte der Achtziger-Jahre beruflich in ein kleines Weindorf am Kaiserstuhl verschlagen. Hier habe ich in einem Gästezimmer endlich etwas Platz, aber trotz des großzügigen Zimmers muss ich mich notgedrungen für Spur N entscheiden. Doch dadurch werden die Probleme nicht weniger.

Allein schon bei der Umsetzung des Gleisplans in die Realität wurden mir Stolpersteine in den Weg gelegt. Die Abzweigwinkel aller mir seinerzeit bekannten Hersteller wie Minitrix, Fleischmann, Arnold usw. waren allesamt viel zu groß, sodass man das Gleisbild nicht mal ansatzweise realisieren konnte. Blieb also nichts anderes übrig als Selbstbau. Die Hobby-Ecke Schumacher in Steinheim lieferte hierzu Schienenprofile und Schwellen. Die Schienen musste man mit Stahlnägelchen selbst an die Schwellen nageln. Nicht nur, dass dabei etliche Schwellen splitterten, Nein, es war einfach nur eine Strafarbeit! Ich jedenfalls bin damit nie zurechtgekommen. Also habe ich alles wieder – wie schon so oft vorher – zu den Akten gelegt.

Hin und wieder habe ich dabei auch über die Grenze geschaut. Und siehe da, ich wurde fündig. Bei Bercher und Sternlicht in Basel fand ich Weichen, Kreuzungen und „Hosenträger“, die meinen Vorstellungen schon sehr nahe kamen, Gleise der japanischen Firma Shinohara, die in der Schweiz von Fulgurex vertrieben wurden. Immer wenn es mein Geldbeutel erlaubte, habe ich mir eine der (aus meiner Sicht) sündhaft teuren Weichen, Kreuzungen oder „Hosenträger“ gekauft. Und es wurden viele, wie man an der obigen Prinzipskizze des Gleisplans sehen kann. Da man die Weichen aber auch nicht „original“ verwenden kann, schrotte ich beim Kürzen und Anpassen (leider Gottes) nicht nur eine. Ein falscher Schnitt und wieder sind 50 oder 70 Mark weg.

Erst Anfang der Neunzigerjahre war das Bahnhofsvorfeld dann so weit fertig, dass man von Hand Wägelchen darauf hin und her schieben konnte. 3 Hosenträger, 5 Doppelkreuzweichen, 6 einfache Weichen und eine Dreiwegweiche. Natürlich sind auch bei den Shinohara-Gleisen die Abzweigwinkel (gegenüber dem Original) immer noch zu groß, aber das kommt mir sehr entgegen, denn so kann ich (obwohl ich die Strecke bis zum Landwehrkanal streckenmäßig halbierte) immer noch eine außergewöhnlich schlanke, harmonische und vor allem glaubwürdige Gleisentwicklung realisieren.

Da lag es nun, mein Gleisvorfeld auf einem halben Quadratmeter Sperrholzplatte mit 100 cm Länge und 50 cm Breite. Eingeschottert war noch nichts. Die schlanke Gleisentwicklung aber gefiel mir trotzdem schon ausnehmend gut. Gleichwohl: Mehr als ein Brett, auf dem ein Kind, das auf seiner Holzeisenbahn Holz-Bahn Wägelchen hin- und herschiebt, war es auch bei mir nicht.

Da ich aber nach wie vor nicht elektrisch fahren konnte, habe ich die Platte mit dem Bahnhofsvorfeld (auf dem für weit mehr als 1000 DM Gleise verbaut waren) seitlich neben den Schlafzimmerschrank gestellt und vergessen.


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ANHALTER BAHNHOF – TABLEAU A
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