Homepage / Suche / Gästebuch / Impressum

Technische Herausforderungen für geniale Ingenieure


Wenn man den Anhalter Bahnhof bauen will – zumal auf nur knapp 2 m²- dann muss man sich beschränken. Das Bahnhofsgebäude muss sein, und das Gleisvorfeld auch, da geht nichts dran vorbei. Was für mich aber in ganz besonderer Weise den Reiz des Anhalter Bahnhofs ausmacht, das sind die Brücken, die den Landwehrkanal zwischen Halleschem Ufer und Tempelhofer Ufer überqueren. Wie keine andere architektonische Anordnung spiegeln eben diese Brücken – zumindest für mich – eine historisch einzigartige Ingenieursleistung wider.

Da ist zunächst der Kanal. Je nach Wasserstand liegt dessen Pegel im Original zwischen 30,37m und 32,10 m ü. NN.  Weil auf dem Kanal Schiffe fahren, die auch beim oberen Pegelstand unter der Brücke hindurchkommen sollen, definieren ich den oberen Pegelstand für meine Modellbahn als Höhe Null. Die nächstliegende Brücke über den Kanal liegt 36 m über N.N., im Modell also 24,4 mm über dem oberen Pegelstand. (Die Angaben zum Original habe ich dem Buch Berlin Anhalter Bahnhof von Helmut Maier, Verlag Ästhetik und Kommunikation. ISBN 3-88245-108-4 (1984) entnommen.

Jetzt kommt die Herausforderung: Die geografische Lage der Fernbahngleise, deren Positionierung auf der Landkarte, ist weitgehend gegeben. Diese Gleise müssen nicht nur den Kanal, sondern auch die daneben liegenden Straßen „Hallesches Ufer“ (links) und „Tempelhofer Ufer“ (rechts) überbrücken. Damit die schweren Pferdefuhrwerke einesteils unter der Eisenbahnbrücke hindurch, andererseits aber auch zur nächstgelegenen, den Kanal überspannenden Brücke hoch kamen, sollte die Steigung in der Straße 2,5% nicht überschreiten. Damit konnte das Straßenniveau unter der Brücke im Original auf 33,7 m festgelegt werden, was bei mir im Modell 10 mm über dem Höchstwasser des Kanals beträgt.

Als Durchfahrtshöhe hat man sich bereist damals für 4,4 m entschieden, was interessanterweise den heutigen Doppeldeckerbussen entspricht. Die Brückenunterkante liegt demnach im Original auf 38,1m (im Modell 37,5mm über Null). Natürlich hätte man die Träger der Brücke beliebig dick machen können. Angesichts der zu erwartenden Baukosten muss man aber bedenken, dass jeder Zentimeter, den die Träger dicker sind, auch das Fundament des Bahnhofs und das Niveau des Gleisvorfeldes höher setzen würden. Bei einer geschätzten Grundfläche der Bahnanlagen von etwa 6,5 ha würde jeder cm mehr Höhenniveau etwa 650 m³ und damit etwa 1750 Tonnen mehr Gestein bedeuten. 

Den Ingenieuren ist es seinerzeit gelungen, die Brückenkonstruktion über Landwehrkanal, Halleschem und Tempelhofer Ufer zu gestalten, bei der die Schienenoberkante nur 53cm (3,3 mm !!!) über der Trägerunterkante liegt und das bei einer Spannweite von 14,5 m (90 mm). Das will ich nachbauen!

Von den Höhenverhältnissen her passt das schon mal. Die Fußgängertunnels links und rechts des Landwehrkanals habe ich aus massiven Buchenholzscheiten herausgesägt und gebohrt, beim Brückenteil direkt über dem Wasser muss ich mir noch etwas überlegen. Ebenso habe ich noch keine Ahnung, wie ich das mit den 12 Gaslaternen auf den Steinsockeln an den Brückenrändern machen soll. Die Zeichnung der Brücke (links unten) entstammt dem Buch dem Buch Berlin Anhalter Bahnhof von Helmut Maier.

Zunächst habe ich versucht, den mittleren Brückenteil mittels Messingprofilen zu löten. Aber ohne großen Erfolg! Hatte ich versucht, an einer Stelle etwas zu löten, ging seitlich davon die frühere Lötung auf, und das, obwohl ich die erste Lötstelle zwecks Kühlung mit nassen Tempo-Taschentüchern umwickelt habe. Die Messingprofile mit Sekundenkleber zusammenzufügen brachte auch nicht den gewünschten Erfolg. Das geht also nicht! Ich muss das irgendwie anders machen.

Als Kind eines Schreiners habe ich schon immer Holz bevorzugt und die Fußgänger-Unterführungen aus Buchenholz sehen jetzt schon ganz gut aus. Also konstruiere ich die Brücke aus Holz, aus 1 mm-Flugzeugsperrholz. Das geht auch deshalb so gut, weil ich Internet jemanden gefunden habe, der Flugzeugsperrholz lasern kann – zu einem Schweine-Preis zwar, aber immerhin eine Option. Nur so kann ich die Brückenbogen exakt 120 mm maßstäblich machen. Wenn das funktionierte, würde ich dem Vorbild sehr nahe kommen. Nur, ob das das gewünschte Resultat bringt? Das wird sich zeigen. Neugierig schickte ich meine Zeichnungen fort.

Weihnachten 2007. Mein diesjähriges Weihnachtsgeschenk habe ich mir also selbst gemacht. Exorbitant teure Brückenteile. Wenige Tage vor Weihnachten kommen sie. Sie sehen zwar nicht so detailgetreu aus, wie die Plastik-Modell-Brücken, aber sie sind genau so, wie ich mir meine Brücken über den Landwehrkanal vorgestellt habe. Natürlich bin ich noch am gleichen Tag drangegangen, die Teile mit Holzleim zusammenzukleben und zu lackieren.

Natürlich bin ich noch weit entfernt von einer Anlage, aber in meinen Träumen konnte ich mir den Verkehr auf der Fernbahnbrücke schon so richtig vorstellen. Nach meinem Empfinden stimmen auch die Proportionen hervorragend.  Der Doppeldecker-Bus passt unter der Brücke hindurch und der ausschließlich mit angemaltem Krepp-Papier hergestellte Landwehrkanal macht was her. Auch die „Stuttgarter Stadthäuser“ von Kibri, die ich irgendwann mal als Konvolut in der „Bucht“ ersteigert habe, sehen so aus, als ob sie genau für mich geschaffen wurden.

Nochmal zur Verdeutlichung: Mein „Anhalter Bahnhof” muss nicht 100 Prozent dem Original entsprechen. Den Anspruch habe ich gar nicht. Er soll einfach – natürlich orientiert am Vorbild – vor allem eins sein: Hobby, bei dem ich mich kreativ ausleben und bei dem ich basteln und Spaß haben kann.

Zurück zur Brücke: Wenn man die Zeichnung (vier Bilder zurück) betrachtet, dann stehen dort auf der Brücke neben den Gleisen relativ niedrige Lampen auf Steinsockeln. So niedrige Lampen gibt es aber nicht im Zubehörhandel. Zumindest habe ich keine gefunden. Also entscheide ich mich für Spur Z-Lampen von Viessmann (Artikelbezeichnung 7170). Mit 11,10 € gehen die aber ganz schön ins Geld, wenn man bedenkt, dass allein auf der Brücke 12 Lampen platziert werden müssen. 133 € plus Porto! Bei aller Liebe, aber das ist mir dann doch zu viel.

Trotzdem habe ich 50 € in die Hand genommen und 4 Lämpchen gekauft. 3 davon habe ich bei den Einbauversuchen aber geschrottet. Nee, bei aller Liebe, so kann das nicht weiter gehen. Das Projekt „Anhalter Bahnhof“ muss mal wieder mal liegen bleiben.

Was mach- und auch finanzierbar ist, sind die Farben für die Landschaftsgestaltung, z. B. El Greco Acrylic dunkelgrau 28340, die man gemischt mit einer weißen Acrylfarbe, z. B. von TEDI super für die Gestaltung von Straßen verwenden kann. Das beste aber ist die Goya Acrylic-Farbe Grüne Erde 84121. Eine realistischer wirkende Farbe für „Gras“ gibt es meiner Ansicht nach nicht. Da reicht bereits Anstreichen der Landschaft, um einen super Eindruck zu erhalten.

Die Zeit geht ins Land und nichts geschieht. Durch blanken Zufall entdecke ich bei EBAY Lampen eines chinesischen Herstellers. 5 Stück für 10,99€. Dazu noch 2€ Porto. Preisgünstiger geht’s nicht mehr! Sicher, die chinesischen Lampen kommen an die Detaillierung der Viessmann-Lampen nicht heran, aber bei meiner persönlichen Preis-Leistungs-Abschätzung haben die preisgünstigeren Lampen einfach gewonnen. Einen Nachteil haben die chinesischen Lampen allerdings: Die Anodenkabel sind (im Gegensatz zu den roten Anodenkabeln in Deutschland) schwarz und das steht nirgends. Ich hab’s durch try  error herausgefunden. Das hat mich eine Lampe gekostet!

Mit 32 mm Höhe sind die chinesischen Lampen aber (genauso wie die Viessmann-Lampen) zu hoch, um auf den Steinsockeln der Brücke zu stehen. Also müssen die Steinsockel aufgebohrt und die Laternen darin irgendwie „versenkt“ werden.

Die „Steinsockel“ haben einen quadratischen Querschnitt von 8 x 8 mm. Die Sockel der Modell-Gaslaternen haben einen Durchmesser von 5 mm. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als die „Sockel“ aufzubohren und die Lampen darin „bis zum Grund“ zu versenken.

Da der Lampenmast aber nur 2 mm Durchmesser hat, muss das zu groß gebohrt Loch oben wieder verschlossen werden. Ich hab’s zunächst mit Spachtelmasse probiert, aber das sieht einfach schrottig aus. Ich habe es dann aufwändig mit hölzernen Halbschalen gemacht. Wie, das kann man anhand der Bilder verfolgen.

Die Lampen werden in die Bohrlöcher eingefädelt und der Bereich um die Lampenmasten mit den Halbschalen verschlossen.

Um die Kabel der Lampen zu verstecken, mache ich unter die Sockel aus einer 15 x 1 mm-Leiste und zwei 1 x 1 mm-Leisten ein U-Profil. Dort verlaufen die Kabel bis zu den  „Fußgängerunterführungen“. Da diese aus massivem Buchenholz sind, kann ich die Kabel dort durch eine 4mm-Bohrungen bis unter die Anlage führen.

Für die Stromversorgung der LEDs habe ich mit ein 5Volt-USB-Gerätenetzteil besorgt, aber auch daran darf  man die LEDs nicht ohne Vorwiderstand anschließen. Ein Vorwiderstands-Rechner (im Internet) schlug mir einen Vorwiderstand von etwa 150 Ω vor, also habe ich mir im Internet 150 Ω-Widerstände bestellt. Das war aber nichts. Die Lampen wirken auf mich wie Flutlicht-Strahler. Also habe ich probiert: Immer einen Widerstand mehr (in Reihe geschaltet). Ich brauchte 15 Widerstände, bis das Licht einigermaßen meinen  Geschmack traf. Also habe ich jetzt jede LED mit einem 2,2 kΩ-Widerstand versehen. Das sieht – nach meinem Empfinden – lichttechnisch klasse aus.

Das Bahnhofsgebäude


Dass die Brücke so gut ausfällt, hat mich richtig beflügelt, sodass ich noch im Weihnachtsurlaub daran ging, das Südportal und die Seitenwände für den Anhalter Bahnhof zu entwerfen. Wieder aus 1-mm-Flugzeugsperrholz. Es dauert allerdings eine geraume Zeit, den Original-Bauplan, den ich mir seinerzeit beim Geheimen Staatsarchiv in Berlin besorgte, so anzupassen, dass das Südportal über meine Gleisführung passte und dass das Gebäude trotz der Maßstabs-Anpassung harmonisch wirkte.

Im Februar kamen die Teile an. Da die Laseranlage aber nur Teile von maximal 35 cm Breite ermöglichte, musste ich das Portal teilen, wie man an der Ansicht von hinten deutlich sieht. Die Nahtstellen schmiere ich mit Polyester-Spachtelmasse, wie man sie teilweise auch zur Autoreparatur einsetzt, zu und verschleife sie. Trotzdem sieht das Ganze immer noch aus wie ein Stück Holz mit etlichen Rundbögen, aber nicht wie ein Bahnhofsportal.

Um das im Original mehrere Meter dicke Südportal darzustellen, kann ich natürlich nicht nur ein 1-mm-Flugzeugsperrholz-Brettchen hernehmen, sondern muss das Portal zunächst aus mehreren Lagen mit Distanzstückchen dazwischen herstellen. Vorder- und Rückseite der Mauer und dann natürlich die Schichten, welche später mal die Fenster halten sollten. Schließlich will ich die Fenster entsprechend dem Vorbild hinter dem Mauerwerk haben. Und wenn man dann später durch die Fenster blickt, soll man auch sehen, dass die Mauer dicker ist als die Fenster. Mit jeder Lage wird das Projekt aber teurer und teurer. Zur Abrundung der Front habe ich dann noch aus 0,2-mm-Furnieren die Bögen um die Durchfahrten, die Fenster und oben am Dachrand lasern lassen. Sind es an den Fenstern und Durchfahrten jeweils 5 Schichten, brauche ich am Dachrand mit all den Verzierungen schon 8.

Aber jetzt habe ich Blut geleckt! Jetzt müssen auch die Seitenwände hergestellt werden. Alles in Allem dauert das Zeichnen der Teile, das Herstellen und das Zusammenkleben über ein Jahr und noch ist der Bahnhof bei weitem nicht fertig. Die Stellprobe mit meinen preußischen Loks zeigt mir aber, dass ich wohl auf dem richtigen Weg bin, auch wenn das Gebäude etwas kleiner als 1:160 gewählt wurde. In meinen Augen stimmen die Proportionen.

Aber jetzt passiert eisenbahntechnisch einfach gar nichts mehr. Meine Prioritäten haben sich verändert. Ich habe nämlich vor, nachdem mein Kenia/Tansania-Urlaub2002 nicht so der Burner war, in diesem Jahr noch einmal in die Serengeti zu fahren, dieses mal aber „Mit Schlafsack und Zelt“. Alles ist nun auf diesen zweiten Lebenstraum ausgerichtet. Die Eisenbahn kann warten – wer weiß, ob in ein paar Jahren noch reisen kann und außerdem tut mir das Basteln im kalten Keller nicht gut, weder physisch noch psychisch.


< zurück weiter >
MODELL- UND ANDERE BAHNEN
HAUPTGRUPPE BERICHTE

Einen Kommentar schreiben