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Irland, 11. August 2012

Carbery Cottage


Bis jetzt war alles okay und ausgerechnet jetzt, wo wir von der N 71 runter auf die wesentlich schmalere R 561 einbiegen, muss es anfangen zu regnen. Das gefällt mir gar nicht. Aber zum Glück sind´s, wenn alles stimmt, bis zur Carbery Cottage nur noch 11 km. Die schaffen wir auch noch. Trotzdem, der Regen wird zunehmend stärker.

Als wir abends kurz nach 8 durch das große Tor auf das Anwesen der Carbery Cottage fahren, schüttet es bereits wie aus Kübeln. Rechts neben dem Weg, auf einem Stückchen Wiese, stehen zwei oder drei andere Autos. Dort stellen wir uns dazu. In dem Moment kommt auch schon Julia durch die Tür, die ich herzlich umarme. Das muss einfach sein! Sie hat mir gestern, als ich fast verzweifelt war wegen des Hertz-Mietwagens, so viel Mut gemacht am Telefon. Dafür muss ich sie jetzt einfach drücken.

Die Fahrt über Land war trotz ungewohntem Linksverkehr und der im Vergleich zu meinem Fiat Panda riesigen Karre einfacher als gedacht, lediglich in Bandon gab´s etwas Probleme, weil dort ´ne Baustelle war und wir einen größeren Umweg fahren mussten.

Jetzt sind wir da und wir hatten eigentlich vor, in Ruhe noch ein kleines Guinness zu schlürfen, hätte Julia, unsere Vermieterin nicht erzählt, dass heute Abend in in O´Mahony´s Wine House in Kilcrohan, 11 km von hier, zwei Künstler auftreten, das letzte Mal in dieser Saison. Aber wahrscheinlich seien wir nach der langen Anfahrt schon zu müde. Da hat sie uns aber falsch eingeschätzt. Aber erst mal müssen wir ankommen.

Fastnet Suite


Gleich hinter der Eingangstür der Carbery Cottage ist das Observatorium, wo auch auf einem Stativ ein Spektiv aufgeständert steht. Dort geht´s rechts die Treppe hoch. Die Fastnet-Suite ist nämlich oben, links direkt neben der Treppe. Das Zimmer ist riesig mit einem Doppelbett rechts, einem Beistelltisch geradeaus vor, links daneben einer Liege und unter der Dachgaube einem schweren ledernen Sessel. Links vom Sessel steht ein Fernsehtischchen und, wenn man sich umdreht und wieder zur Eingangstüre blickt, rechts neben der Tür ein dreitüriger Schrank.

Der Blick aus dem Fenster Richtung Dunmanus Bay ist, auch wenn´s trüb ist und regnet, überwältigend. Einfach nur der Wahnsinn.

Wir packen unsere Sachen aus, räumen den Schrank ein und inspizieren weiter die Suite. Rechts hinten haben wir ein großes Badezimmer mit Wanne und Dusche.

Danach gehen wir wieder runter und schauen uns um, wo wir eigentlich sind. Im Erdgeschoss, gleich rechts neben der Eingangstür ist der Frühstücksraum, wo schon für morgen früh gedeckt ist. Man kann sich übrigens eine ganze Reihe Frühstücksmöglichkeiten auswählen und dann in eine Liste eintragen. Fruchtsaft, Cerealien, Toast, Brot, Tee und Kaffee gibt es immer, auch vor 8:30 Uhr. Da muss man sich´s eben selbst zusammenstellen. Von 8:30 Uhr bis, ich glaube, 11:00 Uhr gibt´s dann die Auswahl-Frühstücke: Fruchtsalat, Porridge, Full Irish Breakfast, Rührei mit Räucherlachs, geräucherten Schellfisch mit pochiertem Ei u.v.a.m. Das kann man sich individuell zusammenstellen. Für morgen wählen wir Full Irish Breakfast mit allem, also mit Speckstreifen, Würstchen, Black and White Pudding, Pilzen, Tomaten, Röstkartoffeln und Eiern. Das muss einfach sein.

Da das Konzert in Kilcrohane erst um 21:30 Uhr beginnt, haben wir noch etwas Zeit. Der Regen hat leicht nachgelassen, sodass wir mit Schirm bewaffnet (vorhin hätte dir auch ein Schirm nichts mehr genützt) noch kurz vors Haus gehen und den sagenhaften Blick Richtung Dunmanus Bay genießen, wo zwei graue Ponys, unbeeindruckt vom Regen, ihre Weide abgrasen.

O´Mahony´s Wine Bar & Bistro


Wir fahren los. Die 11 km von der Carbery Cottage bis Kilcrohane ziehen sich. Zumal in neuerlichem Regen, wo man fast nichts sieht. Dann aber sind wir endlich da. Rechts an der Durchgangsstraße liegt es, das O´Mahony´s Wine Bar & Bistro. Sieht ganz so aus, als ob ganz Kilcrohane nur aus 3 oder 4 Häusern besteht und das O´Mahony´s ist eben eines davon: Pub, Restaurant, Einkaufsladen, Post und Tanke, alles in einem. Nicht, dass ihr jetzt denkt, das sei ein Riesen-Einkaufszentrum, weit gefehlt, das O´Mahony´s ist nicht größer als ein einfaches Einfamilienhaus. Wir parken auf der Straßenseite gegenüber (in Irland fährt man links), gehen rein und setzen uns an das einzige noch freie „Katzentischchen“ links neben dem Eingang. In den Vasen auf den Tischchen blühen Hortensien.

Der Pub ist total urig dekoriert: Fahrräder an der Decke und alte Schallplattenhüllen von Pink Floyd, Simon & Garfunkel, Meatloaf u. v. a. m.

Außerdem hängen an den Wänden Bilder, die zum Verkauf angeboten werden. Man hat wenig Platz im Pub, sodass man sich zwangsläufig näher kommt – nur 4 Tische gibt´s hier. Viele Gäste stehen. Wir sitzen an der Heizung, die bis zum Anschlag hoch eingestellt ist. Zusätzlich brennt uns gegenüber noch ein Holzfeuer. Man muss dringend die Jacke ausziehen, um nicht im eigenen Dampf zu garen. Susanne trinkt 1/8 Rotwein, ich Kaffee (muss ja nachher noch fahren). Angenehm ist, dass niemand genötigt wird, überhaupt etwas zu konsumieren.

Unter uns ist ein ganz verrückter Typ. Lange Haare, Nickelbrille, bunte, bestickte Hippie-Klamotten. Irgendwie wie aus den 70er Jahren übrig geblieben. Würd´ mich nicht wundern, wenn der sich jetzt ´nen Joint ansteckt. Ich denk´ mal, das ist der Musiker, der nachher spielt. Bin gespannt, was er bringt. Dann ist Aktion angesagt. Die Tische werden noch enger zusammengeschoben, sodass der vermeintliche „Musiker“ an der Stirnseite des Raums seinen 2-m²-Teppich ausrollen kann. Dort werden Mikrofone platziert und pünktlich um halb 10 beginnt die Musik. Ein Gitarrist und unser „Musiker“ an einer Art Bongos.

Peter Miller-Robinson und Seamus Moran live


Der Gitarrist singt auch. Was für eine Stimme! Susanne meint, die Stimme erinnere sie an Chris Rea. Ich dagegen fühl mich, vor allem bei den Country-Songs, und wenn der „Hippie“ mittrommelt, an Boss Hoss erinnert. Von der Musik angelockt, füllt sich der Raum noch mehr (Saal kann man echt nicht sagen). Ich hätte nie geglaubt, wie viele Menschen in so einem kleinen Raum Platz haben. Mike und Julia sind inzwischen auch da. Allerdings unter der Tür, weil man im Pub selbst nicht rauchen darf und die beiden unbedingt ihrem Laster frönen müssen. Von Mike erfahren wir dann auch, dass Irland offenbar das erste Land in Europa war, in dem das Rauchverbot in Lokalen verhängt wurde.

Video Peter Miller-Robinson, bei Youtube eingestellt

Inzwischen ist der Pub noch voller als voll. Die Leute an der Bar stehen jetzt in Dreier- oder Vierer-Reihen. Vom Wirt dahinter ist nichts mehr zu sehen, so dicht ist das Gewusel. Viele von denen haben noch schmuddeligere Klamotten an als wir. Doch auch da stört sich niemand dran. Es geht nur drum, Musik zu erleben und zusammen zu sein. Gegenüber sitzt eine kleine hutzelige Oma mit weißen Zöpfchen, strahlt wie ein Kind übers ganze Gesicht und wippt mit ihren bunten Gummistiefeln zum Takt. Neben ihr sitzt ein hagerer Cowboy mit Schlapphut – Allesamt Typen! Da kümmert es auch niemanden, dass hier (am Ende der Welt) zwei Fremde sitzen. Die werden genauso akzeptiert wie jeder hier. Treffender als Susanne kann man es nicht sagen: „Ich gehöre zwar nicht dazu, aber ich fühle mich total wohl hier.“

Über eine Stunde spielen die beiden schon. Ich würd mich ja so gerne mit ihnen unterhalten, doch es ergibt sich keine Gelegenheit dazu. Erst um dreiviertel elf machen sie Pause. Meine Gelegenheit! Vom Gitarristen erfahre ich, dass er Peter Miller-Robinson heißt, und dass er ursprünglich aus Australien kommt. „Warum bist du als Australier dann hier in einem kleinen Dorf-Pub in Irland?“ „Weil die Menschen hier meine Musik lieben“, ist die entwaffnend einfache und klare Antwort. Er fragt mich, was ich so mache in Irland. Ich erzähl ihm davon, dass wir hier unseren 20. Hochzeitstag feiern und Wale und Delfine gucken wollen. Anlässlich unseres Jubiläums lässt es sich Peter nicht nehmen, uns seine neueste CD zu schenken. Ich bin total platt!

Mit dem anderen Künstler, dem Trommler konnte ich leider nicht sprechen. Er heißt offenbar Seamus Moran und spielt schon länger mit Peter, was man auf uralten Bildern im Netz noch sehen kann. Damals hatte Seamus noch Vollbart und Peter kurze Haare. Tja, wir werden auch nicht jünger. Für uns wird es demzufolge auch allmählich Zeit, die Heimfahrt anzutreten. Zu viele Eindrücke sind heute auf uns eingeprasselt. Doch für die anderen geht der Abend erst mal weiter. „The night is young“, meint Peter und greift erneut in die Saiten während wir uns zum Ausgang kämpfen und Seamus seine Hände abermals auf die Bongos niederprasseln lässt.


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WEIDEN, WALE UND DELFINE – 6 TAGE IN IRLAND
HAUPTGRUPPE BERICHTE

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