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They call it Paradise

Macarascas


Unaufhaltsam und gnadenlos geht es weiter. Die Straße ist schon lange keine Straße mehr. Inzwischen haben wir außer San Miguel, San Pedro, San Jose, Tagbouros, Bacungann, Sta. Cruz und wie die Flecken alle hießen, auch unsere Hoffnungen zurückgelassen. Was anfangs noch so lustig war und abenteuerlich (toll, wie das die Camel-Typen immer machen) ist nun nur noch Qual. Meine Gebete, daß das alles doch nicht wahr ist und daß ich aufwachen möchte, werden nicht erhört, denn vorne im Jeepney fährt der Teufel. Ein paarmal ist mir mein Kaffee schon hochgekommen, und mit Abscheu und Ekel schluck‘ ich das ätzende brennende Zeug wieder runter. Endlich sind wir am Ziel, wir sind durch Baheli durch und erreichen den Hafen von Macarascas.

Taumelnd schlepp‘ ich mich nach draußen. Kaum daß ich Luft hole, werd‘ ich von meinem Rucksack, der mir freundlicherweise von oben ins Genick geschmissen wird, zu Boden geworfen und im Staub festgenagelt. Da ich keine Chance hab‘ hochzukommen, bleib‘ ich erst mal liegen.

Nach einer langen Weile schlepp‘ ich mich, der Rucksack bleibt grad liegen, wo er liegt, zu einem Store. Hier gibt’s eine Cola, lauwarm zwar, aber ungeheuer erfrischend. Langsam, mit jedem Schluck geht’s mir wieder besser.

Ich begeb‘ mich auf ein kleines Auslegerboot, auf das auch ein paar der anderen gegangen sind. Wenn die drauf sind, muß es ja irgendwann und auch irgendwohin abgehen. Nach einer Stunde tut’s das auch. Wir fahren zwischen Mangroven hindurch einen malerischen Fluß hinunter, hinaus aufs offene Meer.

Die palmenbesäumten Inseln sind ein Traum. Überhaupt alles, was momentan abgeht. Nur ein alter Philo mit einer Rumflasche im Arm nervt. Er erzählt vom Schutz gegen Malaria und daß Rum die einzige Möglichkeit sei, sich davor zu schützen. Schmatzend nimmt er einen kräftigen Schluck. Der Sabber läuft ihm aus den Mundwinkeln. Dann reicht er mir die Flasche. Vor Ekel wird mir schlecht, und ich sag‘ ihm, daß ich heute morgen schon ’ne ganze Flasche getrunken habe, die würde reichen für heute. Das überzeugt auch ihn. Dann fragt er, ob ich zum ‚fucking‘ hier wäre. Mir wird’s langsam zu blöd, und ich kletter‘ im Boot ein zwei Meter weiter nach hinten. Dort komm‘ ich mit dem ca. 40jährigen Filipino Aragon ins Gespräch. Er spricht ausgesprochen gutes Englisch und erzählt, die Fahrt ginge nach Sabang. Er gehe auch dorthin. Endlos gleiten wir weiter über das fast windstille Meer. Die Sonne sticht, doch ich realisier‘ das kaum. Ich genieß‘ den wunderbaren Anblick, der sich mir bietet: die tiefblaue See und die überall verstreuten Palmeninseln.

Hin und wieder ankern wir vor der Küste, und der eine oder andere verläßt uns. Eine alte Frau watet bis zum Bauch im Wasser Richtung Strand, der Boatsman trägt ihr den Zentnersack Reis, den sie in Baheli gekauft hat, hinterher. Irgendwie stimmt mich das traurig. Kein Bootsanleger, nichts dergleichen, und auf der Insel wird weiter auch nichts sein.

Der Boatsman kommt zurück, und es geht weiter. Wir kommen in eine Bucht und gleiten dann hinein in eine Flußmündung. Der Fluß ist sehr flach. Immer wieder läuft der Kahn auf Grund. Doch der Schiffsführer, ein dunkelbrauner, windgegerbter Filipino kennt das alles schon. Den bringt nichts aus der Ruhe. Mit Muskelkraft schiebt er das Boot, oftmals selbst bis zum Hals im Wasser, über jede Untiefe hinweg. Doch jetzt ist auch für ihn – und das heißt für uns alle – Schluß. Nichts geht mehr. Wir sind nahe Tagnipo. Aragon meint, wir sollen aussteigen. Bis zu seinem Haus sei es nicht mehr weit. Noch ca. 5 Stunden zu laufen, sagt er. Weil er ständig grinst, denk‘ ich, er nimmt mich auf den Hebel mit den 5 Stunden, und so steig ich mit ihm aus.

40 Grad im Schatten und an die 100% Luftfeuchtigkeit. Im Kreuz 25 Kilo Gepäck und dazu rund 7 Kilo Film- und Kameramaterial. Nach ca. 500 Metern steil bergan brech‘ ich zusammen. Ich hust‘ mir die Kuttel aus dem Leib. ‚What’s up?‘ fragt Aragon, ‚das ist doch erst der Anfang.‘ Stell dich nicht so an, sind doch nur noch 15 Kilometer. Schorndorf – Welzheim, durch den Dschungel, ohne Straße, bei vierzig Grad. Das mit den 15 Kilometern glaub‘ ich ihm einfach nicht. Nach einer kurzen Rast nehm‘ ich mein Gepäck auf, und es geht weiter. Ich seh‘ weder links noch rechts, setzte wie ein Roboter einen Fuß vor den anderen. Der Schweiß staut sich zwischen meinen Pobacken. Die Jeans scheuern mich wund. Die Füße brennen und die Sonne sticht.

Immer wieder wird mir schwarz vor Augen. Doch Aragon läuft und ich laufe mit. Nach 2 Kilometern erreichen wir eine Hütte. Die Frau dort – man glaubt es kaum – hat Cola. Oh Mann, tut die Brühe und die Pause gut. Obwohl es vierzig Grad hat, hab‘ ich Gänsehaut, schweißbedeckte Gänsehaut und mir ist kalt. Mein Hemd kann man auswringen. Wir machen eine halbe Stunde Rast, dann geht es weiter. Ich hab‘ mich anscheinend an die Strapazen gewöhnt, und wir kommen jetzt gut voran. Der Taifun vergangene Woche hat einige der Brücken oder besser der Baumstämme hinweggefegt, so daß wir nicht anders können, als auf der einen Seite sechs acht Meter hinunter zu klettern und auf der anderen Seite wieder hinauf. Scheiße ist nur, wenn unten dann auch noch ein Fluß kommt und du bis zum Bauch im Wasser, den Rucksack überm Kopf, hindurchwaten mußt.

Aragon lacht. Er macht das jede Woche, sagt er. Er müsse in der Stadt Kerosin holen für seine Lampe. Einen Plastikkanister mit ungefähr drei Litern.

Kilometer zehn. Meine Arme sind dick angeschwollen und knallrot. Fotografieren hab‘ ich schon lange aufgegeben. Meine Stoßgebete bleiben ungehört. Was macht Bärbel jetzt bloß, seh‘ ich sie jemals wieder? Wie der Zigarettenmann mit dem Loch im Schuh lauf‘ ich weiter. Der Spruch ist mir grad eingefallen, weil Aragon eine nach der anderen pafft. Wie macht der das bloß, rauchen, lachen, laufen.

Wir laufen weiter. Nach einer Zeit – ich kann die Minuten oder Stunden nicht mehr zählen, und es ist mir auch egal – treffen wir zwei Kinder mit einem Wasserbüffel. Der Corabao schleppt eine hölzerne Pritsche ohne Räder hinter sich her. Ich leg‘ meinen Rucksack drauf und heb‘ ab. 25 Kilo fehlen. Von jetzt auf nachher fehlen 25 Kilo. Mir wird ganz zitterig, meine Muskeln fangen an zu spinnen, mein Kreislauf kollabiert. Mit Gepäck hab‘ ich mich wesentlich besser gefühlt.

Ich bin total schlapp. Wie betrunken lauf‘ ich hinter dem Büffelgespann her und denk‘, das war’s. Doch nach einem Kilometer biegen unsere Begleiter ab. Also heißt’s Gepäck aufnehmen, Danke sagen und weiter. Drei Kilometer noch, sagt Aragon. Vier Stunden sind wir schon unterwegs, als uns eine weiß-braun gemusterte, ca. 1 Meter lange Schlange über den Weg kriecht. Poisoned?, frag‘ ich und Aragon meint nur O-O, was auf philippinisch ungefähr so viel heißt wie ‚aber klar doch‘. Langsam reicht’s. Doch ich glaub‘, man kann Aragons Worten vertrauen. Die letzten 12 Kilometer haben’s bewiesen. Mehr, als mir lieb ist.

Auf einer Lichtung kommen wir an Aragons Hütte. Sechs Kinder rennen uns entgegen und begrüßen den Vater und den Fremden. Für uns beide aber ist der Weg noch nicht zu Ende. Fünf, sechs Meilen liegen noch vor uns. Und vor Einbruch der Nacht wollen wir noch die Ranger-Station am Underground River erreicht haben.

Aragon stellt seinen Kanister ab, und nach einer kurzen Rast geht’s über einen Kartoffelacker weiter. Aragon ist einer der wenigen Kartoffelbauern auf den Philippinen. Kartoffeln bringen für ihn wesentlich mehr Geld als Reis.

Bei Sabang erreichen wir das Meer. Der letzte Teil des Weges geht nun am Strand entlang und über einen Hügel. Aragon läuft drüber, als ob er nichts wiegt. Ich hingegen sinke bei jedem Schritt bis zu den Knöcheln in den Sand ein. Da ist es dann auch schon passiert. Vornüber haut’s mich mit Gepäck und allem in den Sand. Gott sei Dank hab’ ich vorhin, als es dunkel wurde, noch meine Kamera im Rucksack verstaut. Nicht auszudenken, wenn die Kamera jetzt hin wäre…


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