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They call it Paradise

Palawan – Mit dem Rucksack nach Norden


Ich bin sehr früh aufgestanden, hab‘ gefrühstückt und bin die Malvar Street runter zum Jeepney Terminal gegangen. War relativ einfach, denn das Princess ist in derselben Straße. Obwohl der Schädel noch dröhnt wegen gestern abend, will ich heute Rudis Rat befolgen und Richtung Norden aufbrechen, den sagenumwobenen Underground River zu suchen. Ich soll früh gehen, hatte Rudi gesagt, weil die Jeepneys oft schon um sechs Uhr morgens abfahren, nicht nach Fahrplan, sondern dann, wenn die Kiste voll ist.

Am Terminal angekommen, fragt mich einer ‚Wohin‘. Kaum daß ich ‚Nach Norden‘ gesagt hab, werd‘ ich geschoben und in den hinteren Teil eines Jeepneys verstaut. Ihr wißt nicht, was ein Jeepney ist? Will ich kurz erklären: Ein Jeepney ist ein mobiles, mit mythischen Symbolen in schreiend bunten Farben bemaltes, kitschig-überladenes Monstrum. Das öffentliche Verkehrsmittel überhaupt. Ich erfahr‘, daß es üblich ist, einen Jeepney von hinten zu besteigen, hindurch zwischen allerlei glänzenden Geländern und den Seitenstützen und Haken für all jene Dinge, die der Filipino vom Großeinkauf in der Stadt eventuell mitbringen könnte.

In so einem Jeepney lassen sich nach europäischen Maßstäben auf den zwei Sitzreihen, die gegeneinander gerichtet entlang der Seiten des hinteren Abteils verlaufen, rund ein Dutzend Passagiere verstauen. Doch dieses Denken kann ich mir abschminken. Im Barrio, das ist der hintere Raum der Jeepneys, sitzen schon 18 und auf dem Dach klammern sich auch schon an die 6 fest. Eingepfercht wie Vieh hocken wir im Barrio aufeinander: Alte, junge und ganz junge.

Die kleinsten sind etwa 2 bis 3 Monate alt. An der Decke des Wagens sind Haltestangen angebracht, die verhindern sollen, daß die Fahrgäste während der wilden Fahrt durcheinander purzeln. Außer mit der anderen Fahrgastladung teile ich den Platz mit einem Schwein, drei Eisblöcken und zwei Sack Reis. Mein Gepäck wurde inzwischen irgendwo außen an einem der Haken zwischen eingekisteten Hühnern, Ziegen und anderem Gepäck festgezurrt. Drei Leute teilen sich den Sitzplatz vorne neben dem Fahrer.

Nachdem nun alles verstaut ist, und man glaubt gar nicht, was in so einer kleinen Kiste Platz findet, geht die Fahrt los. Wenn ich am ersten Tag hier auf den Philippinen. Wenn ich am ersten Tag hier noch dachte, Joses Taxi sei eine Tortur, so werd‘ ich hier eines besseren belehrt. Was dem Motor an Leistung fehlt, machen die von Wimpeln, Antennen, Quasten und Scheinwerfer aller Größen umgebenen Nickelhengste auf der Motorhaube wieder wett.

Über staubige, mit Schlaglöchern übersäten Pisten geht es hinaus nach Norden. Der Zustand der Ladung, und wir sind die Ladung, interessiert den Driver nicht. Seine Sorge gilt einzig und allein dem Jeepney und der Frage, ob mit der Kiste alles klar geht und ob Gott ihn auch heute wieder am Ziel ankommen läßt. Nach ca. 20 Minuten Fahrt machen wir am Ortsausgang Halt. Der Driver tankt und die Passagiere decken sich mit Nahrung ein. Wie wichtig das auch für mich gewesen wäre, werd‘ ich später noch schmerzlich erfahren. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich ja nicht ahnen, was mir diesen Tag noch alles bevorstehen sollte. Ich hab‘ mir beim Halt nur die steifen Beine vertreten. Nachdem alle versorgt sind, geht die Fahrt weiter. Hauptsache ankommen. Wie, das ist egal.

Als einziger Weißer im Barrio werd‘ ich natürlich angegafft. Nicht mehr lange. Denn nach weiteren zwanzig Minuten Fahrt, wenn dein Steißbein einem Amboß gleicht und deine Innereien kompostiert sind, haben Dreck, Staub und Diesel auch aus dir einen Philo gemacht, zumindest äußerlich.

Nach ca. einer Stunde ein blechernes Hämmern auf dem Dach, und die Kiste steht. Was zunächst wie Panne aussah, ist auf den Philippinen das Zeichen eines Gastes, daß er aussteigen will. Der Fahrer dreht sich um und streckt die rechte Hand aus, um das Fahrgeld in Empfang zu nehmen. Das Geld wird dem Fahrer von Hand zu Hand zugereicht, und um die Lücke zu füllen, die der, der aussteigt hinterläßt, rückt jeder in Richtung auf das Wagenende hin auf. Auf diese Weise wird derjenige, der aussteigen wollte rausgeschubst, sein Gepäck dazu und man bereitet seinen eigenen Ausstieg vor. Nach ein paar weiteren Schlägen aufs Dach geht’s weiter.

Zwei Stunden werd‘ ich nun schon durchgeschüttelt und malträtiert. Meine Beine sind steif, mein Steißbein schmerzt, und jetzt bekomm‘ ich auch noch Durchfall. Das Geschaukel und der Dieselgestank stülpen mir den Magen um. Mein Zustand läßt sich schriftdeutsch nicht mehr ausdrücken. Ich weiß nicht, ob ich kotzen soll oder was. Überall stinkt’s nach Petroleum und Diesel.


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