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They call it Paradise

Manila


Heute ist Sonntag, 4. Dezember 1988. Die erste Nacht in Asien. Ich hab geschlafen wie ein Toter. Die Hitze macht dich fertig. Um überhaupt wach zu werden, muss ich erst mal duschen. Fein gemacht für meinen ersten Trip ins fremde Land, geht’s nach unten, Geld wechseln und Frühstücken. Dann sieht man weiter.

Nach einem, auch für europäische Verhältnisse, sündhaft teuren Frühstück im Kanumayan lauf‘ ich erst mal die Taft Avenue entlang Richtung Norden. Mein Geld trag‘ ich – man weiß ja nie – in einem Ledergürtel direkt um den Bauch gebunden, wahrlich kein Vergnügen bei dieser Hitze. Die Sonne brennt herab und es stinkt bestialisch. Gestern Abend hat man noch nichts gesehen von Elend und Armut. Da war’s schon dunkel, aber jetzt, im gleißenden Licht … Ich bin total zerrissen. Eben noch hab‘ ich mir ein Frühstück reingeklotzt, das sich „von“ schrieb und jetzt das hier. Fast beiläufig fällt mir auf, dass sich alle hier, sofern sie sich’s leisten können, ein Taschentuch vor’s Gesicht halten. Ekelhaft, all der Dreck und der Smog. Mit flachem Atem gehe ich nach Norden und erreiche nach etwa einer halben Stunde den Rizal Park im Zentrum der Stadt.


Für einige Momente kann man hier den Gestank und das Elend dieser Großstadt vergessen. Blumen, Springbrunnen, großzügige Grünanlagen und natürlich ’ne Menge Musik locken die Filipinos und die Touristen zu einem unbeschwerten Bummel.

Im Westen des Parks kann man die Wachablösungen am Rizal-Denkmal bestaunen. Das Denkmal soll an jener Stelle erbaut sein, an dem Dr. Jose Rizal am 30. Dezember 1896 von den Spaniern hingerichtet wurde. Unterhalb des Denkmals ist auf Messingplatten in vielen Sprachen sein Abschiedsgedicht „Mi Ultimo Adios“ (Mein letztes Lebewohl) zu lesen. Rizal soll es am Vorabend seiner Exekution in der Todeszelle geschrieben haben.


Mi Ultimo Adios
Adios, Patria adorada,
region de sol querida,
Perla del Mar de Oriente,
nuestro perdido eden.
A darte voy, alegre,
la triste, mustia vida.
Y fuera mas brillante,
mas fresca, mas florida,
tambien por ti la diera,
la diera por tu bien.
Si sobre mi sepulcro vieres brotar un dia,
entre la espesa yerba
sencilla humilde flor,
acercala a tus labios
y besa al alma mia.
Y sienta yo en mi frente,
bajo la tumba fria,
de zu ternura el soplo,
de tu halito el calor.
Mein letztes Lebewohl
Lebewohl, geliebtes Vaterland,
du Kind der Sonne,
Perle des östlichen Meeres,
verlorenes Paradies.
Mit Freuden schenke ich dir
mein trauriges betrübtes Leben.
Und wenn es auch strahlender,
frischer und blühender wäre,
um dir zu dienen,
hätte ich es gegeben.
Sollte irgendwann auf meinem Grab
in dichtem Gras
eine schlichte Blume blühen,
führe sie an deine Lippen
und küsse meine Seele.
Und ich werde unter kalter Erde
auf meiner Stirn
den Hauch deiner Zärtlichkeit,
den Hauch deiner Wärme spüren.

Solche Texte gehen einem schon an’s Gemüt, deshalb verlasse ich nun den Park und schlender westlich davon den Rocas Boulevard hoch. An einer gewaltigen Festungsanlage (genau gegenüber dem Südhafen) geht’s rechts durch das „Puerta St. Lucia“ nach Intramuros, wo man viel über Holländer, Portugiesen und die ganze Vergangenheit Manilas lernen kann. Wieder Geschichte, wieder Kultur.

Manila-Light-Train


Nach so viel Einblick in die philippinische Vergangenheit verlass‘ ich nun Intramuros und wende mich der Neuzeit zu. Ich bin nun im „Central Terminal“ der Manila Light Train. Man hat hier versuchsweise eine Art S-Bahn gebaut, die in einer einzigen Linie den Süden Manilas mit dem Norden verbindet. Die Endstation im Norden heißt „Monumento“, der Name der Station im Süden heißt, glaube ich, „Pedro Gil“. Die Fahrt kostet, egal wohin man fährt, einheitlich 3 Pesos. Um sicher zu sein und klarzukommen, befrage ich die uniformierten Security Guards, die mir immer sehr bereitwillig helfen.

Jane


Ich nehm‘ den Zug Richtung Norden. Will versuchen, meine Brieffreundin Jane zu finden, mit der ich seit 25 Jahren in Briefkontakt stehe und die hier irgendwo im nördlichen Manila wohnen muss. Gegen halb 12 erreicht der Zug die ‚5th Avenue Station‘. Instinktiv hab‘ ich das Gefühl: ‚Hier irgendwo muss es sein‘. Ich steige aus, gehe ein paar Schritte und finde auch das streng bewachte Haus. Doch ich habe keine Chance, am Guard vorbeizukommen, der auf einem wackligen, aus Bambusrohr zusammengebundenen Stuhl mitten im Staub sitzt und seine ganze Macht ausspielt. Nach einer endlosen Zeit – ja, ich kann richtig penetrant sein, wenn ich was will – greift er schließlich mit seinen dreckigen Fingern nach einem ebenso dreckigen Telefon.

Nach 20 Minuten fährt ein Wagen vor. Eine Frau und ein junger Mann steigen aus. Die Frau macht einen netten Eindruck. Allem Anschein nach – zumindest danach zu urteilen, wie sie vom Guard begrüßt wurde – ist diese Frau die Herrin des Hauses. Sie begrüßt mich freundlich, doch werd‘ ich den Eindruck nicht los, dass sie versucht, mich auch gleich wieder höflich loszuwerden. Wahrscheinlich hat Jane, die wohl zu den Superreichen gehört, sich unter einem deutschen Ingenieur was anderes vorgestellt, als einen Backpacker.

Ständig ist Jane am Telefonieren. Dass ich da bin, scheint sie nicht zu interessieren. Eine Telefonier-Pause nutz‘ ich, ihr meine Gast-Geschenke zu überreichen: Einen in Englisch verfassten Deutschland-Bildband mit Aufnahmen von Alpen, Rhein, Schwarzwald, Ruhrgebiet und was sonst alles noch Deutschland ausmacht.

Während Jane unablässig telefoniert, versorgt mich eine Angestellte mit Häppchen. Am Spätnachmittag dann überreicht mir Jane sehr zu meiner Überraschung einen fix und fertigen, auf 6 Wochen Philippinen-Urlaub ausgearbeiteten Flugplan, der mich zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten bringen soll. Jane hat auch bereits alle geplanten Flüge fix gemacht. Das also war der Grund für ihre ewige Telefoniererei. Ich bedank‘ mich freundlich und schäm‘ mich, dass ich sie falsch eingeschätzt habe.

Chinesischer Friedhof


Am Nachmittag lädt Jane mich ein, mir den Chinesischen Friedhof zu zeigen, in dem auch ihre Vorfahren liegen. So komm‘ ich in den Genuss, den vielbeschriebenen Ort aus nächster Nähe und aus erster Hand erklärt zu bekommen. Die Mausoleen und alles andere hier sind irre. Hier ‚leben‘ Tote in einem Luxus, den man sich nicht vorstellen kann. Viele Häuser haben Klimaanlage, Kühlschrank, Fernseher und Aufzug. Das war’s dann. Jane hat noch viel vor heute, sagt sie, und ich will mich auch ein bisschen allein auf die Socken machen. Wir nehmen Abschied und versprechen, uns gegen Ende meiner Reise im Januar noch mal zu treffen.

Sonnenuntergang in der Manila Bay


Bevor ich ins Hotel zurückgehe, schlendere ich mehr oder weniger orientierungslos durch die Stadt. In der Manila-Bay soll es schöne Sonnenuntergänge geben, habe ich im Reiseführer gelesen. Der Hafen ist von der Manila Light-Train-Station Pedro Gil, wo ich aussteige, gerade mal 1 km weg. Das kann ich mir also nicht entgehen lassen.

Das Ganze heute war alles in allem doch sehr beeindruckend. Ich weiß‘ nicht, wo ich noch hin soll, was mich noch erwartet. Die Nacht, die inzwischen auch schon hereingebrochen und nimmt mir die Entscheidung ab. Ich fahr‘ zurück ins Hotel.

Zurück im Hotel


Zurück im Hotel versuche meine Gedanken zu ordnen und lass‘ den Tag Revue passieren. Im Garten des Hotels lern‘ ich dann ein Pärchen kennen. Eine Filipina und ihren Typen, einen Deutschen aus Hamburg. Bereits nach kurzem Small-Talk bitten sie mich, wenn ich im Januar zurückfliege nach Deutschland, ihnen ein Päckchen nach Frankfurt mitzunehmen und es von dort zu einer Adresse in Hamburg zu schicken. Doch Holzauge sei wachsam. Aus naheliegenden Gründen kann auf den Wunsch von Pia und Stefan – so nennen sie sich – nicht eingehen und hab‘ mir deshalb gleich deren Unmut zugezogen, auch den vom Kanumayan-Besitzer, der „Gut-Freund“ zu sein scheint mit den beiden. So mach‘ ich halt die Fliege und geh‘ rauf in mein Zimmer. Traumurlaub soll das sein – der Traumurlaub, auf den ich jahrelang gespart habe? Nein, so hab‘ ich mir das alles nicht vorgestellt. Südseeparadies Philippinen – hab‘ ich geträumt. Doch gerade das philippinische macht mich fertig, die Jeepneys und die Straßenmärkte, in denen die Waren im Dreck liegen, der Gestank und die Kinder, deren Kleidung vom Dreck der Straße nicht zu unterscheiden ist, der übergeschnappte Totenkult im Chinese Cemetery, die Paläste im Forbes Park, dubiose Deutsche die mir möglicherweise Rauschgift unterschieben wollen … Fazit: Der Tag als solcher war ein Schock und Manila insgesamt eine einzige Enttäuschung. Hoffentlich wird das morgen anders, wenn es hinaus geht aus diesem Mief, wenn es hinaus geht auf die Inseln. Mal sehen, was mich dort erwartet – in Puerto Princessa, der Hauptstadt von Palawan.


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