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Palawan / Philippinen – They call it Paradise

von Rüdiger Hengl

Vorwort


„Als allein reisender Junggeselle kannst du dich doch unmöglich der philippinischen Prostitution entziehen“. „Die geben dir K.O.-Tropfen ins Glas und wenn du mal nicht aufpasst, schmuggeln sie dir Rauschgift ins Gepäck. Du wärst nicht der erste, den sie einbuchten um dann Tausende an Lösegeld fordern. Kommt dann kein Geld, wirst du in philippinischen Gefängnissen elendiglich verhungern.“

So haben mich meine „Freunde“ auf die große Reise vorbereitet …

… aber dann war’s soweit. Im Dezember 1988 habe ich all die gut gemeinten Ratschläge über Bord geworfen und mir einen Traum erfüllt. Meinen Traum!

Ich erkundete die faszinierende Inselwelt der Philippinen: per Flugzeug, mit dem Jeepney, mit Auslegerbooten auf von Wasserbüffeln gezogenen Pritschen, aber vor allem zu Fuß…

Puerto Princessa, Palawan


Vor 3 Stunden bin ich auf der westlichsten Insel der Philippinen angekommen und jetzt bin ich auf meinem ersten vorsichtigen „Erkundungsmarsch“ in die Stadt. Auf einem Markt liegen Fisch, Reis, Schuhe, alles bunt durcheinander im Straßenstaub. Unterschiedlichste Gerüche steigen mir in die Nase. Manchmal aromatisch, manchmal entsetzlich stinkend. Was soll’s, meine Klamotten stinken auch. Mein weißes Hemd ist braun vor Schweiß und Dreck. Mein Sweatshirt, meine Goretex-Jacke und meine Bergstiefel sind hier wohl fehl am Platz. Mein Genick brennt wie Feuer. Trotz Sonnenschutzmitteln hab ich mir bereits nach drei Stunden einen furchtbaren Sonnenbrand geholt.

Sheena´s


Zum Akklimatisieren gehe ich erst mal in die kleine Hütte über der eine Deutschlandflagge weht. Mal sehen, was dort abgeht. Die kleine Hütte ist das Restaurant „Sheena´s“. Drin ist´s erträglich kühl. Welch eine Erholung. Ich bestell´ mir ein Bier und lass´ es die Gurgel runterlaufen. Die Flasche ist leer, doch der Hals bleibt trocken. Also ein weiteres Bier. Doch jedes Mal, wenn ich so hastig trinke, werde ich sentimental. Ein Blick auf meine Uhr sagt mir, dass es in Deutschland jetzt halb acht Uhr morgens ist und meine Freundin wohl grad zur Arbeit geht.

Um wieder einigermaßen „nüchtern“ zu werden, bestell´ ich mir ´ne Cola. Die Flasche ist so dreckig, dass du den Inhalt nur per Strohalm aufsaugen kannst. Dummerweise sind die Strohhalme hier aber so dünnwandig, dass du nur Vakuum erzeugst, wenn du dran ziehst. Von der Cola kriegst Du nichts ab.

Während ich so da sitze und mir Gedanken mache, wo ich gelandet bin, setzt sich ein schwabbelnd dicker Mann zu mir. Er sagt, er sei Rudi und ihm gehöre das „Sheena´s“.

Er erzählt mir dies und das und dann, dass heute im „Dutchess“, einer kleinen Pension, eine 33jährige Deutsche Globetrotterin „abgenippelt“ sei. Die Philos hätten sich gleich über ihr Portemonnaie hergemacht und geguckt, ob was zu holen sei. Ihre Uhr lief noch, die konnten sie flugs zu Geld machen. Schmuck hätte sie keinen gehabt. Toller Einstand! Hatten meine Freunde doch nicht so unrecht?

Rudi macht mir Angst und Rudi labert, labert und labert. Langsam geht mir der Typ damit so auf die Nerven, und ich´s vorziehe, wieder in die Stadt zu gehen. Ich will was essen. Auf den Philippinen natürlich Fisch! Unten am Hafen werd´ ich fündig. In einem Fischrestaurant, wo auch die Einheimischen essen.

Ich bestell´ mir einen “Samaral”, einen etwa 30 cm langen Fisch. Auffallend in dieser einfachen Kneipe ist, dass sie alle mit den Fingern essen. Sie mantschen und pantschen in ihrem Essen herum, und die Soße rinnt ihnen zwischen den Pfoten hindurch. Es gibt weder Besteck noch Servietten. Nach dem Mahl werden die Finger einfach abgeleckt. Besseren Fisch hab´ ich noch nie gegessen.

Am Nachmittag wandere ich raus zum White Beach, dort will ich ein wenig faulenzen. Doch kaum dort, wird mir das Spiel gehörig vermasselt. Ein Vieh (irgend so ein Insekt) hat mich in die Hand gestochen. Der Stich blutet furchtbar und mir wird ganz schummerig. Nachdem ich den Stachel rausgezogen und die Wunde ausgesaugt habe geht´s mir etwas besser. Trotzdem mache ich mich sicherheitshalber auf den Rückweg. Bei jedem Schritt tun mir inzwischen mächtig die Lymphknoten weh.

Der Geheimtipp


So in der Fremde suche ich mein Heil bei den „Deutschen“, bei Sheena´s. Ein Glas Rum, so wird mir gesagt, sein das Allheilmittel schlechthin auf den Philippinen. Während er mir das Glas hinstellt, spricht mich der echte Rudi an.

Der Fettsack heute Mittag war nur ein dummer Laberer namens Herbert. Ihm gehört der Biergarten hier in Puerto Princessa. Rudi, der echte Besitzer des Sheena’s, ist ein ganz anderer Kerl.

Von ihm erhalt´ ich den Tipp, Puerto doch zu vergessen und Richtung Norden aufzubrechen, wenn ich was erleben wolle. Richtung Underground River und El Nido soll ich gehen. Das wär´s.

Inzwischen ist auch Rudis Bedienung eingetroffen. Ein junges philippinisches Mädchen. Joy himmelt mich mächtig an. Verlegen knabber´ ich an den Fingernägeln. Im Glauben, ich hätte was zwischen den Zähnen, bringt mir Joy augenblicklich Zahnstocher. Alle lachen.

Geh´n sie mal in den “Kleinen Anker”


Den Abend verbringe ich in einer eine rustikale Kellerkneipe, dem „kleinen Anker“. Hinterm Tresen ein von oben bis unten tätowierter, grau gelockter Kerl mit Zahnlücken. Der Typ heißt Achim. Er ist vor Jahren von Hamburg aus hierher gekommen und hat mit Honey, seiner philippinischen Frau, die Spelunke aufgemacht. Der „Kleine Anker“ ist Treffpunkt vieler Deutscher, die in Puerto Princessa eine neue Existenz aufgebaut haben. Meist verkrachte Existenzen, denen man in Deutschland wohl besser aus dem Weg gehen würde.

Vorm Schanktisch hockt Horst mit einer Filipina im Arm, rechts neben den beiden ein kleiner Dicker mit einem nahezu quadratischen glattrasierten Schädel. Der Typ stellt sich als Klaus vor. Er sagt, er sei vor mehr als zehn Jahren aus Neustadt / Weinstraße hierher gekommen. Die Begegnung mit einem Deutschen ist für die Kerle Anlass genug, wie vermutlich oft schon, eine Runde nach der andern auszugeben. Prost und Hauruck. So geht es in die Nacht.

Es ist jetzt halb 10 Uhr abends und es hat immer noch 36°C. Von diesen Temperaturen unbeeindruckt zwitschert Klaus ruhig und gelassen ein Bier nach dem andern. Das einzige Geräusch, das auf ihn aufmerksam macht, ist ein rhythmisches Klopfen auf dem Tresen, wenn er ein weiteres Glas leer getrunken hat und um Nachschub bettelt. Um nicht allein trinken zu müssen, gibt Klaus bei jedem neuen Glas eine Runde aus.

So wird es später und später, und die Hummeln im Kopf werden immer mehr. Schluss jetzt. Gegen 23:00 Uhr bring ich Klaus nach Hause. Er wohnt, wie sich am Abend herausstellt, im selben Hotel wie ich.

In Klaus’ Zimmer liegen im Doppelbett bereits vier kleine Philos quer übereinander. Stolz erzählt er mir, das seien seine Kinder. Die Filipina, die uns begleitet hat, sei seine Frau. Während sie uns Kaffee kocht, erzählen Klaus und ich von Dahn und Deidesheim, von Dürkheim, vom Wurstmarkt und der Pfalz. Klaus zeigt mir seine Bilder, ich zeig´ ihm meine. Beim Bild meiner Freundin kommt er ins Schwärmen. Die tät’ ihm schon gefallen, meint er. Gegen zwei Uhr morgens verlass´ ich die Familie, nicht ohne Klaus noch ein deutschsprachiges Micky Maus Heft aus meinem Zimmer zu holen. Ich hab’s noch vom Flughafen in Deutschland mit dabei. Der 60jährige kriegt kugelrunde Kinderaugen. Ich glaub´, gleich flennt er los. Besser, ich geh´ jetzt.

Im Jeepney nach Norden


Ich bin sehr früh aufgestanden, hab´ gefrühstückt und bin die Malvar Street runter zum Jeepney Terminal gegangen. War relativ einfach, denn das Princess-Hotel ist in der selben Straße. Obwohl der Schädel noch dröhnt wegen gestern Abend, will ich heute Rudis Rat befolgen und Richtung Norden aufbrechen, den sagenumwobenen Underground River zu suchen.

Ich soll früh gehen, hatte Rudi gesagt, weil die Jeepneys oft schon um sechs Uhr morgens abfahren. Nicht nach Fahrplan, sondern dann, wenn die Kiste voll ist. Am Terminal angekommen, fragt mich einer „Wohin?“. Kaum dass ich „Nach Norden“ gesagt hab, werd´ ich geschoben und in den Barrio, den hinteren Teil eines Jeepneys verstaut. Auf den beiden, entlang der Seiten des hinteren Abteils verlaufenden Sitzreihen, lassen sich nach europäischen Maßstäben rund ein Dutzend Passagiere verstauen. Als ich dazu komme, sitzen schon 18 dort und auf dem Dach klammern sich auch schon an die 6 fest. Eingepfercht wie Vieh hocken wir aufeinander: Alte, junge und ganz junge. Die kleinsten sind etwa 2 bis 3 Monate alt. An der Decke des Wagens sind Haltestangen angebracht, die verhindern sollen, dass die Fahrgäste während der bevorstehenden wilden Fahrt durcheinander purzeln. Außer mit der anderen Fahrgästen teile ich den Platz mit einem Schwein, drei Trockeneisblöcken und zwei Sack Reis. Mein Gepäck wurde irgendwo außen an einem der Haken festgezurrt, zwischen eingekisteten Hühnern, Ziegen und allerlei anderem Gepäck. Drei Leute teilen sich den Sitzplatz vorne neben dem Fahrer.

Nachdem alles verstaut ist – man glaubt gar nicht, was in so einer kleinen Kiste Platz findet – geht die Fahrt los. Wenn ich am ersten Tag hier noch dachte, Joses Flughafentaxi sei eine Tortur, so werd’ ich hier eines besseren belehrt. Was dem Motor an Leistung fehlt, machen die Nickelhengste auf der Motorhaube wieder wett. Wimpel, Antennen, Quasten und Scheinwerfer aller Größen machen das Jeepney zu einem wahren Monstrum. Über staubige, mit Schlaglöchern übersäte Pisten geht es nach Norden. Der Zustand der Ladung – und wir sind die Ladung – interessiert den Driver nicht. Seine Sorge gilt einzig und allein dem Jeepney und der Frage, ob mit der Kiste alles klar geht und ob Gott ihn auch heute wieder am Ziel ankommen lässt.

Nach ca. 20 Minuten Fahrt machen wir am Ortsausgang Halt. Der Driver tankt und die Passagiere decken sich mit Nahrung ein. Wie wichtig das auch für mich gewesen wäre, werd´ ich später noch schmerzlich erfahren. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich ja nicht ahnen, was mir diesen Tag noch alles bevorstehen sollte.

Ich hab’ mir beim Halt lediglich die steifen Beine vertreten. Nachdem alle versorgt sind, geht die Fahrt weiter. Hauptsache ankommen. Wie, das ist egal.

Als einziger Weißer im Barrio werd’ ich natürlich angegafft. Nicht mehr lange. Denn nach weiteren zwanzig Minuten Fahrt, wenn dein Steißbein einem Amboss gleicht und deine Innereien kompostiert sind, haben Dreck, Staub und Diesel auch aus dir einen Philo gemacht, zumindest äußerlich.

Nach ca. einer Stunde ein blechernes Hämmern und die Kiste steht. Was zunächst wie Panne aussah, ist auf den Philippinen das Zeichen eines Gastes, dass er aussteigen will. Der Fahrer dreht sich um und streckt die rechte Hand aus, um das Fahrgeld in Empfang zu nehmen. Das Geld wird dem Fahrer von Hand zu Hand zugereicht, und um die Lücke zu füllen, die derjenige, der aussteigt hinterlässt, rückt die „Ladung“ ein bisschen weiter in Richtung Wagenende hin. Ein paar weitere Schläge vom begleitenden Boy aufs Dach und weiter geht´s.

Zwei Stunden werd’ ich nun schon durchgeschüttelt und malträtiert. Meine Beine sind steif, mein Steißbein schmerzt. Dazu kommen jetzt auch noch Bauchkrämpfe. Das Geschaukel und der Dieselgestank stülpen mir den Magen um. Mein Zustand lässt sich schriftdeutsch nicht mehr ausdrücken.

Überall stinkt´s nach Petroleum und Diesel. Aber unaufhaltsam und gnadenlos geht es weiter. Die Straße ist schon lange keine Straße mehr. Nach San Miguel, San Pedro, San Jose, Tagbouros, Bacungann, St. Cruz und wie die Flecken alle hießen, habe ich nun auch meine Hoffnungen hinter mir gelassen.

Was anfangs noch so lustig war und abenteuerlich (toll, wie das die Camel-Typen immer machen) ist nun nur noch Qual. Meine Gebete, dass das alles doch nicht wahr ist und dass ich aufwachen möchte, werden nicht erhört, denn vorne im Jeepney fährt der Teufel.

Ein paar mal ist mir mein Kaffee schon hochgekommen, und mit Abscheu und Ekel schluck’ ich das ätzende brennende Zeug wieder runter.

… und weiter im Boot


Endlich sind wir am Ziel, wir sind durch Baheli durch und erreichen den Hafen von Macarascas. Taumelnd schlepp’ ich mich nach draußen. Kaum dass ich Luft hole, werd’ ich von meinem Rucksack, der mir freundlicherweise von oben ins Genick geschmissen wird, zu Boden geworfen und im Staub festgenagelt. Ich hab´ keine Chance mehr hochzukommen. So bleib´ ich erst mal liegen. Nach einer elenden Zeit – der Rucksack bleibt grad liegen, wo er liegt – schlepp’ ich mich zu einem Store. Hier gibt´s Cola, lauwarm zwar, aber ungeheuer erfrischend. Langsam, mit jedem Schluck kommen die Lebenskräfte wieder.

Ich begeb´ mich auf ein kleines Auslegerboot, auf das auch ein paar andere der „Ladung“ gegangen sind. Wenn die drauf sind, muss es ja irgendwann auch irgendwohin abgehen. Nach einer Stunde tut´s das auch. Wir fahren zwischen Mangroven hindurch einen malerischen Fluss hinunter, hinaus aufs offene Meer. Die palmenbesäumten Inseln sind ein Traum. Die Schmerzen, das Elend sind vergessen. Man fühlt sich wie im Paradies. Nur ein alter Philo nervt. Er erzählt vom „Schutz gegen Malaria“ und dass Rum die einzige Möglichkeit sei, sich davor zu schützen. Schmatzend nimmt er einen kräftigen Schluck aus seiner Pulle. Der Sabber rinnt ihm aus den Mundwinkeln. Dann reicht er mir die Flasche. Vor Ekel wird mir schlecht. Ich kann nicht aus, nehm´ einen Schluck und reich die Buddel weiter. Doch dann wird´s mir zu blöd. Als er mich fragt, ob ich, wie alle Langnasen zum F** hier wäre, lass ich ihn sitzen und kletter´ im Boot ein zwei Meter weiter nach hinten. Dort komm’ ich mit dem ca. 40jährigen Filipino ins Gespräch. Aragoon ist sein Name. Er spricht ausgesprochen gutes Englisch und erzählt, die Fahrt ginge nach Sabang. Er gehe auch dorthin und würde mein Guide sein, wenn ich wolle.

Endlos gleiten wir weiter über das fast windstille Meer. Die Sonne sticht, doch ich realisier´ das kaum. Ich genieß´ den wunderbaren Anblick, der sich mir bietet: die tiefblaue See und die überall verstreuten Palmeninseln. Hin und wieder ankern wir vor der Küste, und der eine oder andere verlässt uns. Eine alte Frau watet bis zum Bauch im Wasser Richtung Strand, der Boatsman trägt ihr den Zentnersack Reis hinterher, den sie in Baheli gekauft hat. Kein Bootsanleger, nichts dergleichen, und auf der Insel wird weiter auch nichts sein. Die alte Frau, taumelnd im Wasser, das stimmt mich irgendwie traurig.

Der Boatsman kommt zurück, und es geht weiter. Wir kommen in eine Bucht und gleiten dann hinein in eine Flussmündung. Der Fluss ist sehr flach. Immer wieder läuft der Kahn auf Grund. Doch der Schiffsführer, ein dunkelbrauner, windgegerbter Filipino kennt das alles schon. Den bringt nichts aus der Ruhe. Mit Muskelkraft schiebt er das Boot, oftmals selbst bis zum Hals im Wasser, über jede Untiefe hinweg. Doch jetzt ist auch für ihn – und das heißt für uns alle – Schluss. Nichts geht mehr.

Aragon


Wir sind nahe Tagnipo und Aragon meint, wir sollten hier aussteigen. Bis zu seinem Haus sei es nicht mehr weit. Noch ca. 5 Stunden zu laufen, sagt er. Weil er ständig grinst, denk´ ich, er nimmt mich auf den Arm mit den 5 Stunden, und so steig ich mit ihm aus. 40°C im Schatten und an die 100% Luftfeuchtigkeit. Im Kreuz 25 Kilo Gepäck und dazu rund 7 Kilo Film- und Kameramaterial. Nach 500 Metern steil bergan brech´ ich zusammen. Ich hust´ mir die Kuttel aus dem Leib. „What´s up?“, fragt Aragon, „das ist doch erst der Anfang. Stell dich nicht so an, sind doch nur noch 15 Kilometer.“ 15 km durch den Dschungel, ohne Straße, bei vierzig Grad.

Das mit den 15 Kilometern glaub´ ich ihm einfach nicht. Nach einer kurzen Rast nehm´ ich mein Gepäck auf, und es geht weiter. Ich schaue weder links noch rechts, setzte wie ein Roboter einen Fuß vor den anderen. Der Schweiß staut sich zwischen meinen Pobacken. Die Jeans scheuern mich wund. Die Füße brennen und die Sonne sticht. Immer wieder wird mir schwarz vor Augen. Doch Aragon läuft und ich laufe mit. Nach 2 Kilometern erreichen wir eine Hütte. Die Frau dort hat – man glaubt es kaum – Cola. Oh Mann, tut die Brühe und die Pause gut. Obwohl es brechend heiß, hab´ ich Gänsehaut, schweißbedeckte Gänsehaut und mir ist kalt. Mein Hemd kann man auswringen. Wir machen eine halbe Stunde Rast, dann geht es weiter.

Das Cola hat gut getan. Ich hab´ mich nun besser an die Strapazen gewöhnt, und wir kommen gut voran. Ein Taifun vergangene Woche hat einige der Brücken oder besser der Baumstämme hinweggefegt, so dass wir nicht anders können, als auf der einen Seite sechs acht Meter hinunter zu klettern und auf der anderen Seite wieder hinauf. Sch** ist nur, wenn unten dann auch noch ein Fluss kommt und du bis zum Bauch im Wasser, den Rucksack überm Kopf, hindurchwaten musst.

Aragon lacht. Er macht das jede Woche, sagt er. Er müsse in der Stadt Kerosin holen für seine Lampen. Einen Plastikkanister mit ungefähr drei Litern.

Kilometer zehn. Meine Arme sind dick angeschwollen und knallrot. Fotografieren hab´ ich schon lange aufgegeben. Meine Stoßgebete bleiben ungehört. Was meine Freundin jetzt bloß macht. Seh´ ich sie jemals wieder? Wie der Zigarettenmann mit dem Loch im Schuh lauf´ ich weiter.
(Der Spruch ist mir grad eingefallen, weil Aragon eine nach der anderen pafft.)

Wie macht der das bloß, rauchen, lachen, laufen. Nach einer Zeit – ich kann die Minuten oder Stunden nicht mehr zählen, und es ist mir auch egal – treffen wir drei Kinder mit ihrem Wasserbüffel. Der Corabao schleppt eine hölzerne Pritsche ohne Räder hinter sich her. Ich leg´ meinen Rucksack drauf und heb´ ab. 25 Kilo fehlen. Von jetzt auf nachher fehlen 25 Kilo. Mir wird ganz zitterig, meine Muskeln fangen an zu spinnen, mein Kreislauf kollabiert. Mit Gepäck hab´ ich mich wesentlich besser gefühlt.

Ich bin total schlapp. Wie betrunken lauf´ ich hinter dem Büffelgespann her und denk´, das war´s. Doch nach einem Kilometer biegen unsere Begleiter ab. Also heißt´s Gepäck aufnehmen, Danke sagen und weiter. Drei Kilometer noch, sagt Aragon. Vier Stunden liegen inzwischen hinter uns, als uns eine weiß-braun gemusterte, ca. 1 Meter lange Schlange über den Weg kriecht. „Poisoned?“, frag´ ich und Aragon meint nur O-O, was auf philippinisch ungefähr so viel heißt wie „aber klar doch“. Langsam reicht´s. Doch ich glaub´, man kann Aragons Worten vertrauen. Die letzten 12 Kilometer haben´s bewiesen. Mehr, als mir lieb ist.

Auf einer Lichtung kommen wir an Aragons Hütte. Sechs Kinder rennen uns entgegen und begrüßen den Vater und den Fremden. Für uns beide aber ist der Weg noch nicht zu Ende. Fünf, sechs Kilometer liegen noch vor uns. Und vor Einbruch der Nacht wollen wir noch die Ranger-Station am Underground River erreicht haben.

Aragon stellt seinen Kanister ab, und nach einer kurzen Rast geht´s über einen Kartoffelacker weiter. Aragon ist einer der wenigen Kartoffelbauern auf den Philippinen. „Kartoffeln bringen wesentlich mehr Geld als Reis“, sagt er.

In der Rangerstation am Underground


Ohne Dämmerung ist die Nacht hereingebrochen. Hier im Dschungel wird es noch dunkler als außerhalb des Waldes, so mein Eindruck. Auch die Geräusche des Dschungels sind bei Nacht viel intensiver. Bei Tag sind sie mir gar nicht aufgefallen. Mir ist´s, ehrlich gesagt, schon etwas unheimlich. Nur der Lichtkegel meiner Taschenlampe funzelt uns den Weg. Viel hilft dies nicht. Immer wieder stolper´ ich über Wurzeln, Lianen und Steine. Äste klatschen mir an den Körper und ins Gesicht. Möchte nicht wissen, was alles für Viehzeug um uns rumschleicht. Nass von Schweiß und Dreck erreichen wir völlig erschöpft gegen 8 Uhr Abends die Ranger-Station.

Für alles Geld der Welt würde ich so was nicht noch mal mitmachen. Und das mach ich auch lautstark deutlich. Wir hocken da und grübeln. Gibt es wirklich keine andere Möglichkeit hier wieder wegzukommen, als zu Fuß? Während wir da sitzen und überlegen, verköstigen uns Nathalie, eine Kanadierin, und Emir, ihr israelischer Freund, mit Bohnenpampe und warmem Bier. Auch sie wollen hier weg, bloß um Himmels Willen nicht mehr auf die Weise, wie sie und ich hierher gekommen sind.

Aragon meint, er könne versuchen, einen seiner Freunde zu überreden, dass er uns mit dem Auslegerboot hier abholt und nach Baheli bringt. Sei bestimmt nicht billig, meint er. Mit fünfhundert Pesos müssten wir schon rechnen. 40 Mark! Mir ist fast zum Lachen, 40 Mark, was ist das schon gegen das, was ich heut erleben musste. Für Nathalie und Emir ist das Angebot zu teuer. Ich aber bin fest entschlossen, nie mehr so zu laufen und beauftrage Aragon, sein Glück zu versuchen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich alles alleine berappen muss.

Nach dem Essen verschwindet Aragon im Dunkel des Dschungels. Ich reiß´ mir die Klamotten vom Leib, schnapp´ mir ´ne Petroleumfunzel und geh´ hinter der Hütte an einem Ziehbrunnen duschen. Mein Gott, tut das gut.

Völlig erschöpft leg ich mich hernach, nur mit Sporthose bekleidet, in den Sand. Nur noch das Rauschen des Meeres und das Dach der Sterne. Man kommt sich fast vor wie seinerzeit Robinson, und für wenige Augenblicke vergisst man, dass es irgendwo dort draußen noch eine andere Welt gibt. Das Viehzeug, das rings um uns durch die Dunkelheit schleicht, tut meiner Seligkeit hier, bei Freunden, keinen Abbruch mehr. Wir liegen noch lange im warmen Sand und reden.

Godfrey, der Ranger, hat mir inzwischen in der Hütte ein Moskitonetz aufgehängt. Das wird für heute nacht meine Schlafstatt. Matratze oder gar Kissen gibt´s hier nicht. Froh, das heute überlebt zu haben, hau´ ich mich hin und penn´ auch gleich ein.

In der Nacht wach´ ich ein paarmal auf, weil mir alles weh tut. Besonders meine Lymphknoten in der Leiste sind dick angeschwollen und tun weh. Irgendeine Angst kann sich aber gar nicht erst breit machen, da ich schon wieder vor Erschöpfung eingeschlafen bin.

Eine Reise ins Innere der Erde


5:30 Uhr Noch ist es dunkel. Doch der Dschungel wird allmählich unruhig. Wenn die Sonne aus dem Meer taucht, will sich Aragon mit mir treffen und mich zum Underground River führen. Ich stehe auf und warte. Zum Frühstück gibt´s eine schwarze Brühe, Godfrey nennt sie Kaffee, und Panzerplattenkekse, solche wie wir seinerzeit bei der Bundeswehr essen mussten.

Nach dem Frühstück geh´ ich raus zum Meer. Der Strand ist menschenleer. Sand, soweit das Auge reicht. Rechts von mir der saftig grüne Dschungel, links ein Meer, das sich nicht entscheiden kann zwischen smaragdgrün, türkis und tiefblau. Und mittendrin ich, auf einem Sandteppich, weiß und eben, wie frisch gefallener Schnee. Ja, man kann schon ins Träumen kommen hier. Gegen halb sieben kommt Aragon, mein Guide, und er hat eine gute Nachricht im Gepäck: Das mit dem Boot morgen klappt. Ich bin überglücklich.

Doch erst mal ist heute, und heute geht es zum Underground River. Wieder geht es los durch den schwülheißen Dschungel. Und wie soll´s auch anders sein, auch heute geht der Weg wieder steil bergan. Eine Strapaze. Das Vorankommen ist mühsam und beschwerlich. An manchen Stellen ist der Weg so steil, dass man nur noch mit Leitern weiterkommt. In umgefallene Bäume wurden mit der Axt oder mit der Machete Trittstufen eingeschlagen. Über solche Leitern also führt der Weg hinauf und hinunter. Manchmal über dreißig Stufen. An anderen Stellen wiederum helfen uns extra gefällte Bäume über Schluchten hinweg. So ist der Weg zum Underground. Anstrengend und nicht ohne eine Spur Abenteuer.

Die Einheimischen nennen diesen Pfad hier den Monkey-Trail. Tatsächlich sehen wir auch eine Menge dieser kleinen possierlichen Tierchen, die sich uns oft auf weniger als ein paar Schritte nähern. Doch es gelingt mir nicht, sie anzulocken.

Wir sehen auch Taboon Vögel, krähengroße Tiere mit ihren riesigen Schnäbeln. Wenn man stehen bleibt und lauscht, dann merkt man´s erst: Man kann den Dschungel nicht nur sehen, sondern auch hören. Diesen eigenartigen Klang des Dschungels, die kreischenden Affen, die schreienden Papageien.

Nach einer Stunde erreichen wir einen ca. zwanzig Meter breiten Fluss, der uns den Weg versperrt. Wir sind am Ziel. Aus einem Versteck hervor zerrt Aragon ein kleines Paddel-Banca und zwei Kerosinlampen. Die Lampen macht er am Bug des Bancas fest. Wir fahren raus auf den Fluss. Jetzt, ein bisschen weg vom Dickicht des Dschungels, seh´ ich auch, dass der Fluss in der einen Richtung nach rund hundert, zweihundert Metern ins Meer mündet und in der anderen Richtung aber in einer Höhle verschwindet.„Mouth of the Cavern“, sagt Aragoon.

Wir sind tatsächlich am Underground River. Eigentlich heißt der Höhlenkomplex ja St. Pauls Cave, aber alle hier kennen ihn nur unter dem Namen Underground. Dort hinein, in diese Höhle, soll also unsere Fahrt gehen. Aragon entzündet die Kerosin-Lampen am Bug, und mit ruhigen, gleichmäßigen Ruderschlägen gleiten wir hinein in das Ungewisse. Der Wechsel vom grellen Tageslicht ins Dunkel der Höhle macht mich blind. Erst allmählich gewöhnen sich die Augen an die veränderten Verhältnisse, und man kann erste Konturen erkennen.

Tiefer und tiefer gleitet das Boot in den Schlund. Im Schein der Lampen erkenne ich erste Tropfsteine. Wir erreichen eine große Halle, welche die Eingeborenen „Cathedral“ nennen. Es wimmelt vor Fledermäusen, deren Geschrei das Dunkel durchdringt. Rhythmisch tauchen die Paddel ins Wasser. Nach einigen weiteren hundert Metern taucht im Lampenschein ein riesiger Elefantenschädel auf. Ein Elefant aus Tropfstein. Wir gleiten weiter in die Unterwelt. Nach zwei Stunden kehren wir um und paddeln den ganzen Weg wieder zurück. Der Ausflug in die Unterwelt war traumhaft. Neben der Schönheit der Höhle hab´ ich auch sehr deren Kühle genossen. Jetzt geht es wieder hinaus in den Dschungel. Drei Kilometer Marsch stehen vor uns. „Drei Kilometer“, werdet ihr sagen und lachen, aber ihr seid bestimmt noch nie gelaufen bei 40°C und rund 100% Feuchte. Jeder Schritt tut weh. Ich hab´ Muskelkater in Schultern und Waden. Außerdem bin ich noch völlig ausgepumpt von gestern.

Wieder zurück gibt´s Abendessen. Hundert Gramm weiße Bohnen aus der Büchse, kalt, versteht sich. Hier im Dschungel eine Delikatesse. Gegen neun geh´ ich ins Bett, oder besser zu Boden – weil – man schläft hier auf dem blanken Bretterboden. So kuschel´ ich mich unter mein Moskitonetz, höre dem tobenden Meer zu und dem Regen, der unaufhörlich auf das Palmendach trommelt. Irgendwie hat das alles einen beruhigenden monotonen Klang, so dass ich sehr bald einschlafe.

Mit dem Ausleger durchs südchinesische Meer


Es ist fünf Uhr morgens. Ein Hahnenschrei weckt mich. Da ich ohnehin sehr schlecht geschlafen hab, mir alles weh tut und ich zudem noch einen Mords-Kohldampf hab, liegt also nichts näher, als aufzustehen. Nach dem Frühstück, das heute aus einer Tasse Kaffee und geraspelter Kokosnuss besteht, lauf´ ich raus, Richtung Meer. Fast hundert Meter weiter muss ich heute laufen, so weit hat´s die Ebbe nach draußen verlagert.

Der Watt-Boden, ich weiß nicht, kann man das hier auch so nennen oder heißt´s nur an der Nordsee so, ist übersät mit Korallen und Muscheln. Ich halt´ Ausschau nach meinem Boatsman, denn, wie gesagt, laufen tu´ ich nicht mehr. Was man hier so alles sieht, im Sand, im Schlamm und in den Kuhlen, ist fantastisch: Krebse, Fische, Muscheln und Seesterne. In einer kleinen Pfütze seh´ ich sogar Neons, wie wir sie zuhause in den Aquarien haben. Weiter draußen, auf einer Klippe, steht ein Kranich. Ich schleich´ mich vorsichtig an, um ihn zu fotografieren. Aber trotz aller Vorsicht bemerkt er mich und flattert davon.

Fasziniert von der Natur hab´ ich gar nicht wahrgenommen, dass inzwischen mein Boatsman angekommen ist. Zu Fuß! Der Wind, das Meer und die Brandung seien viel zu stark hier und heute. Wir müssten zu einer anderen Bucht laufen, wo das Meer ruhiger ist. Wieder durch den Dschungel, wieder 25 Kilo Gepäck im Kreuz, hört das denn nie mehr auf? Der Boatsman und ich gehen zum Ranger-House und erkundigen uns, wie´s nun steht bei Nathalie und Emir. Nach einigem hin und her, Emir ist zu geizig, Nathalie will nicht mehr laufen, einigen wir uns, dass ich eben den Großteil des Preises zahle, und so entscheiden sie sich mitzugehen. Nach einem zweiten Frühstück geht´s los. Wieder Dschungel, wieder zu viel Gepäck …

Na ja, ich kenn´ das ja schon. Zur Abwechslung regnet´s heute, dass es eine wahre Pracht ist. Wenn ihr jedoch glaubt, ein Urwaldregen sei eine Erfrischung, so muss ich euch leider enttäuschen. Die Klamotten kleben wie mit Pattex angekleistert an der Haut. Ich bin klatschnass, deshalb kümmert´s mich auch nicht mehr, dass unten am Fluss die Brücke weggeschwemmt ist. Nasser kann man nicht mehr werden. Bis zum Bauch im Wasser waten wir durch die Strömung, die Rucksäcke auf dem Kopf.

Es ist schwierig, so zu laufen. Man muss recht breitbeinig gehen, sonst reißt dich die Strömung um. Aber heute, mit den andern dabei, ist´s irgendwie Abenteuer. Dann erreichen wir Robertos Bucht. Viel vertrauenserweckender als drüben an der Ranger-Station sieht es meines Erachtens hier aber auch nicht aus. Die Wellen sind weit mehr als mannshoch.

Da vorne liegt unser Boot. Ein Ausleger, rund sechs Meter lang, einen Meter hoch und knapp einen Meter breit. Unbeweglich liegt es da, die Brandung hat es auf Grund gespült.

Wir verstauen unser Gepäck im Bootsrumpf, wickeln das ganze mit Plastikfolien ein und schieben mit viel, viel Muskelkraft und Enthusiasmus das Boot rund dreißig Meter Richtung Meer, bis es dann vom Wasser getragen wird und schwimmt.

Der Boatsman wirft den Diesel an und ab geht´s, rechtwinklig in die Brecher, die heute ihrem Namen alle Ehre machen, denn nach kurzer Fahrt brechen sie uns. Am erstbesten Riff reißt es uns die Schraube weg und wir sind ein Spielball der Wellen.

Ihre Kronen jetzt meterhoch über uns sind. Uns dreht´s wie im Karussell. Die Brecher schlagen über die Bootswand. Komischerweise hab´ ich aber überhaupt keine Angst. Keiner hat Angst. Nur der Boatsman betet und wuselt wie verrückt herum. Wir, d.h. Emir, Nathalie und ich müssen mächtig schöpfen, um nicht abzusaufen. Gott sei Dank können wir aber wegen der Ausleger nicht umkippen.

Aber langsam wird´s uns jetzt doch mulmig. Ohne sich zu äußern, springt der Boatsman, einen Strick um den Bauch gebunden, in die Fluten. Er taucht und taucht und bringt nach einer Weile die total zermantschte Schraube ins Boot, um in spektakulärem Einsatz noch mal über Bord zu gehen und eine neue anzubringen.

Bestimmt ist dies nicht das erste Mal in seinem Leben. Jetzt, da er nur noch eine kurze Hose und ein Stirnband trägt, kann man die Auswirkungen seines gefährlichen Jobs erkennen. Sein Körper ist übersät von größeren und kleineren Narben. Dann taucht er auf und seine Augen leuchten. Geschafft.

Er steigt ins Boot, saugt mit dem Mund und einem kleinen Schlauch Sprit aus einer Flasche an und lässt ihn in eine Öffnung des Motors laufen. Gleichzeitig legt er immer wieder eine Schnur um eine Welle des Motors und zieht dran wie ein Verrückter. Zehn, zwanzig Mal. Dann springt der Motor an und tuckert. Nach meinem Ermessen ganz schön unrund, und mir ist nicht ganz wohl bei der Sache. Aber was bin ich nur für ein Depp, mach´ mir Gedanken, ob er rund läuft. Was will ich denn? Er läuft doch! The Tour goes on. Dank will der Boatsman nicht. Wir alle strahlen und freuen uns, zu leben.

Die Brecher schlagen immer noch über uns rein, aber das Boot macht seinen Weg. Das Salzwasser bildet eine Kruste auf deiner Haut. Leckst du dir die Lippen ab, wird der Durst unerträglich. Wir versuchen, in Büchsen Regenwasser aufzufangen, aber so einfach wie im Film ist das nicht. Ich weiß nicht, ob es der Dieselgestank ist, der Seegang oder was, jedenfalls ist mir jetzt kotzschlecht. Hätte ich was im Bauch, ich glaub´, ich würd´ mich jetzt übergeben. Aber so…

… eben noch dem Tod von der Schippe gehüpft, will ich jetzt nur noch sterben. So elend ist mir. Ich leg´ mich vorne in den Bootsrumpf, weil ich nicht mehr kann, aber der Boatsman befiehlt mir, wieder meinen Platz einzunehmen. Er wolle nicht, dass wir alle umkippen und ersaufen. Wieder hock´ ich also auf den Streben der Ausleger. Mit meinem Gürtel bind´ ich mein Handgelenk dran fest. Mir ist so schlecht. Ich will nicht über Bord gehen und ersaufen.

Eineinhalb Stunden sind wir jetzt auf See. Bei gutem Wetter würde die Überfahrt drei Stunden dauern, hatte Aragon gesagt. Von gutem Wetter kann aber heute weiß Gott nicht die Rede sein. Außer unserem Bootsführer sind wir alle grün im Gesicht. Jetzt ist uns alles egal. Soll es uns doch alle verschlingen, dieses verdammte Südchinesische Meer. Wir, zumindest wir Passagiere, sind hilflos. Ob der Boatsman noch weiß was er tut? Wer kann es sagen. Wir ergeben uns unserem Schicksal.

Nach weiteren zwei Stunden sehen wir Land. Doch der Wind hat keinen Deut nachgelassen. Der Regen trommelt nach wie vor auf uns hernieder. Uns allen ist speiübel. Der Boatsman meint, da vorne sei die Küste von Macarasdas. Wir sind da! Aber richtig freuen können wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Obwohl wir Glück haben. Abfahrbereit steht ein Jeepney da nach Baheli. Von Baheli aus sind es dann nur noch zwei bis drei Stunden bis Puerto Princessa.

Per Bus zurück in die Zivilisation


Ein Blick unsererseits auf den Fahrer, ein Blick seinerseits auf uns und es heißt „Aussteigen“ – für alle, die schon eingestiegen waren. Die Abfahrt wird um eine halbe Stunde verschoben. Nathalie, Emir und ich bekommen Gelegenheit für eine Schale Reis und eine Cola. Fünfzig Pfennig kostet das. So wenig – oder so viel? – kostet hier das Überleben.

Nachdem wir gestärkt sind, heißt es aufbrechen. Wir haben das eine Abenteuer grad´ glücklich überlebt und schon begeben uns in ein neues. Das neue heißt „Überlandfahrt auf dem Dach des Jeepneys“. Vierzig Kilometer weit soll´s gehen. Bei regulärer Fahrt rund zweieinhalb Stunden. Obwohl die Straße alles andere ist als eine Straße, die Brücken zum Fürchten sind und der Jeepney oft am Umfallen ist, sind wir jetzt doch einigermaßen froh hier oben. Es geht nach hause, wieder zurück in die Zivilisation. Gegen vier Uhr Nachmittags erreichen wir Puerto Princessa. Ein Trycicle bringt uns zum Duchess Inn.

Zwei mal zwei Meter, eine Matratze und ein Ventilator an der Decke. Das ist für die nächsten Tage mein Zuhause. Mensch freu´ ich mich auf heut nacht. In einem richtigen Bett, alle viere von mir strecken. Ich will noch duschen und dann nichts wie ab in die Falle.

Zum Einschlafen les´ ich noch in einem philippinischen Buch:
An old man was walking along the beach. Suddenly he spots a young teenager picking up starfish which have been stranded in the sand and throwing them back into the ocean. “Why are you doing that?”, he asks the young man. “Because the stranded starfish will soon die if they are left here in the sun”, is the reply. “But the beach is miles long and there must be thousands of starfish”, the man says, “what a difference can your efforts make?” The young man looks at the starfish in his hand as he throws it into the waves. “It makes a big difference to this one”, he says.

Mehr zu Palawan u.a. bei
http://de.wikipedia.org/wiki/Palawan

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