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Tansania Safari – Teil 6

Richtung Karatu


Die Straße Richtung Karatu ist in einem erbärmlichen Zustand und wir müssen befürchten, trotz Allrad umzustürzen. Vor uns hat’s ein Defender versucht hoch zu kommen. Jetzt hängt er halb im Graben. Das muss, mit einem gewissen Spott, natürlich gleich fotografiert werden. Jetzt sind wir dran. Wird es Abbas schaffen, an dem steckengebliebenen LKW vorbei die schmierige Straße hoch zu kommen? Er startet, rutscht weg, lenkt gegen und – ist vorbei. Über andere spotten ist ja noch lustig. Gar nicht lustig dagegen wäre es gewesen, wenn wir hängend von nachfolgenden Touristen fotografiert worden wären. Vor allem dann nicht, wenn wir im Matsch auch noch hätten aussteigen müssen.

Besuch in einem Massai-Dorf


Abbas hat noch was vor, das spürt man. Er grinst ständig, sagt aber nichts. Durch den dicksten Moder und Matsch bringt er uns schließlich in die Nähe eines Massai-Dorfes. Dort kann man aber nicht einfach so rein und gucken, fotografieren schon gar nicht. Das geht nur gegen Cash und dafür muss Abbas mit einem Abgesandten erst den Preis aushandeln: für die Besichtigung des Dorfes und für die Erlaubnis zu fotografieren. Die Massai „langen ganz schön hin“, aber – wann hat man noch mal die Gelegenheit, hierher zu kommen und in einem Massaidorf zu fotografieren. und im Ernst, im Vergleich zu den Gesamtkosten der Reise ist’s ein „Nasenwasser“. Trotz der enormen Preises stimmen wir zu. Dann ist alles klar…

„Ich hoffe, es geht euren Rindern gut“, begrüßt uns der Massai. „Wie? Was? Wir haben doch gar keine Rinder.“ Im ersten Moment sind wir etwas überrascht. Aber so, wie wir in Bayern vielleicht „Grüß Gott“ sagen, obgleich niemand ernsthaft glaubt, in nächster Zeit Gott persönlich zu treffen, so grüßt der Massai eben mit „Ich hoffe, es geht deinen Rindern gut“. Die ganz alltägliche Begrüßung also. Doch wenn wir in Bayern „Gott“ in unserer Grußformel haben und die Massai „Rinder“, dann müssen diese für sie sicher eine ganz besondere Bedeutung haben. Und dem ist auch so.

Die Massai sind felsenfest davon überzeugt, dass ihnen Enkay, das ist deren Gott, vor Urzeiten die Oberaufsicht über alle Rinder gegeben habe. Dementsprechend ist es nur logisch, dass die Massai auch heute noch der Überzeugung sind, alle andern, auch die Besitzer der riesigen Rinderherden in den USA beispielsweise, seien Diebe, Diebe, die ihnen das Gottesgeschenk „Rinder“ weggenommen haben. Aus dieser Einstellung heraus kann auch kein Massai verstehen, warum es Gesetze gibt, die ihnen das „Zurückholen“ ihrer Rinder verbietet.

Klar, dass Rinder für Massai das Wichtigste sind, was es überhaupt gibt. Mit ihren Rindern sind Massai ein Leben lang verbunden. Sie sind ihre wichtigste Lebensgrundlage – Tag für Tag.

Aber essen würde ein Massai sein Rind nie. Der Massai isst auch sonst kein Fleisch, weder Gnu noch Antilope noch sonst was. Sein tierisches Eiweiß erhält der Massai aus einem Getränk namens „Saroy“. Ein „Shake“ aus Kuhmilch vermischt mit Rinderblut. Um an das Blut zu gelangen wird den Rindern der Hals aufgeschlitzt. Das Blut rinnt in eine Schale, wo es mit Milch zu „Saroy“ verrührt wird. Hat man genug Blut „getankt“, wird die Blutung mittels Kräutern und sonstiger Zutaten, die ich nicht kenne, gestillt. Das ganze kommt mir schon etwas archaisch und tierquälerisch vor, aber zumindest werden die Rinder bei dieser Methode nicht getötet. Ob die Tiere dieses Prozedere so mögen, ich weiß es nicht. (Später erfahre ich von Abbas aber, dass Massai sehr wohl Ziegen essen.)

Wenn er kein Fleisch isst, so wie behauptet wird, dann isst er eben Gemüse, Kartoffeln, Früchte usw. Aber weit gefehlt! Auch Ackerbau mag der Massai nicht. Ackerbau ist „dreckig“. Aber nicht im Sinne von „sich dreckig machen“, sondern im Sinne von „sich schuldig fühlen“. Deshalb „verletzt“ der Massai auch niemals die Erde. Selbst dann nicht, wenn es mal darum geht, Verstorbene zu bestatten.

In diesem Fall wird der Todgeweihte, sollte „Vater Hein“ tatsächlich mal bei ihm anklopfen, einfach „in die Wüste“ geschickt, d.h. Wüste gibt’s im Lebensraum der Massai natürlich nicht, dann eben Savanne! Dort besiegeln wilde Tiere das irdische Leben des ehemals stolzen Kriegers. Wenn ich das mit der Erde so überlege, wäre das eine gute Ausrede, wenn meine Frau mich mal zur Gartenarbeit auffordert. „Ich fühl mich schuldig“. Wenn ich mir die Massai-Männer aber so richtig betrachte, habe ich eher das Gefühl, dass sie rechte Machos sind, die die Arbeit sicher nicht erfunden haben. Meine Vermutung wird erhärtet, als wir auf dem Weg zum Dorf ein paar junge Massai treffen, die im Schatten eines Baumes sitzen und eifrig mit einer Art Brettspiel beschäftigt sind, derweil die Frauen Esel hüten.

Dann wird uns das Dorf gezeigt. Eigentlich gibt es ja zwei Arten von Massai-Dörfern, das „enkang“ und das „manyatta“. Wir gehen jetzt aber erst mal ins enkang, quasi ins Familiendorf.

enkang (Das Familiendorf)


In diesem Dorf mit etwa 30, 40 Hütten wohnen die verheirateten Männer und ihre Familien. Um das Dorf herum verläuft eine dichte Dornenhecke, die das Dorf vor Raubtieren, wie Löwen, Leoparden, Hyänen und Schakalen schützt. Der Guide erzählt, die umgebende Dornenhecke habe genau so viele winzige Durchgangsöffnungen, wie Familien im Dorf wohnen. „Unser“ Dorf hatte aber nur einen Eingang. Heißt das, dass in dem Dorf nur eine einzige Familie wohnt? Ich werde es nie erfahren.

vibanda (Hütten)


Katungwa, so heißt der Guide, lädt uns ein, (s)eine Hütte zu besuchen. „Hii ni nyumba yangu” (Dies ist mein Haus). Man betritt die mit Kuhdung verputzte Hütte durch einen engen, etwa 1,20 Meter hohen Tunnel, der spiralförmig zunächst an der Wand entlang und dann ins Innere führt. Mit 1,86m Größe und einem Rucksack auf dem Rücken ist es gar nicht so einfach, da durchzukommen.

Auch innen sind die Häuser recht niedrig. Schon nach kurzer Zeit tut mir der Rücken weh, weil ich nirgendwo richtig aufrecht stehen kann. Aber ansehen muss ich das Haus unbedingt! Und die Einladung eines Massai zurückweisen, das wäre ein Affront. Und wenn ein Schwabe für etwas gezahlt hat, dann zieht er’s auch durch. In der Nacht, so erfahren wir, müssen auch Ziegen und kleine Kälber im Haus untergebracht werden. Die Gefahr, wilden Tieren zum Opfer fallen, ist einfach zu groß. Trotz der alles umgebenden Dornenhecke. Ach ja, Katungwa macht solche Führungen sicher öfter und spricht daher recht gut Englisch, sonst hätte ich sicher kaum alles mitbekommen.

Nur durch einen Verschlag von den Menschen getrennt, verbringen die jungen Vierbeiner die Nacht im Haus. Sie meckern und muhen, scharren und – was man nicht verachten sollte – sie machen auch hier ihr „Geschäft“. Aber was noch schlimmer ist: Mit dem Vieh kommt auch das ganze Ungeziefer mit ins Haus: Flöhe und Läuse und was weiß ich noch, Viehzeug jedenfalls, dem es auf Menschen auch ganz gut gefällt.

wanamume (Männer)


Eine zweite Art Massai-Dorf, in das wir allerdings nicht dürfen, heißt „manyatta“. Das ist ein Dorf ohne Dornenhecke. Die braucht man dort auch nicht. Denn im „Manyatta“ wohnen „gestandene Männer“ oder solche, die es einmal werden sollen. Wenn Massai-Buben etwa 14 Jahre alt sind, dann sind sie reif, zum Mann zu werden. Nach der traditionellen Beschneidung verlassen sie mit Gleichaltrigen ihre Familien um das sogenannte „Manyatta“ zu errichten und in der Savanne zum Mann zu reifen. Im „Manyatta“ leben sie dann so lange, bis sie eins geworden sind mit den Traditionen ihrer Väter.

Erst wenn sie all deren Lieder, Tänze und Kämpfe beherrschen, wird irgendwann ein Priester kommen und sie ins Familiendorf zurück holen. Mit der Rückkehr ins enkang ändert sich dort jedes Mal die Altersstruktur. Die Heimkehrer werden nun Juniorkrieger und die ehemaligen Juniorkrieger Seniorkrieger. Die Seniorkrieger ihrerseits werden nun Juniorälteste und die bis dahin Juniorältesten erreichen den höchsten Grad im Leben eines Massai, sie werden Seniorälteste. Die ganz alten, so sie’s denn noch erleben, ziehen sich zurück und führen ein privates Leben außerhalb der Dorf-Ordnung.

Die Bekleidung der Massai ist einfach: die Männer tragen ein leuchtend rotes Baumwolltuch um die Hüften, die Frauen ein Fell oder ein Stück Leinen, das auf der Schulter befestigt ist. Alle Schmuckstücke, die sie besitzen, werden immer getragen, nicht nur zu besonderen Anlässen. Vor der mit Kuhdung verputzten Hütte sitzt, ganz in ihre farbige Decke gehüllt, eine ältere Frau; genießt den strahlend blauen Himmel und die gleißend gelbe Sonne.

wanamke (Frauen)


Frauen spielen in der Massai-Gesellschaft so gut wie gar keine Rolle. Frauen haben im Wesentlichen nur eine Aufgabe: Für Nachwuchs sorgen, natürlich männlichen! Daneben müssen sie Vieh hüten, Kühe melken, Brennholz sammeln, Wasser besorgen und die Häuser bauen, derweil die Männer mit sich selbst beschäftigt sind – Machos eben. Massai-Frauen haben in jeder Hinsicht die „Arschkarte“ gezogen. Egal ob als junges Mädchen, Heranwachsende oder als reife Frau. Vor der Beschneidung gilt ein Massai-Mädchen als Kind. Wird so ein „Kind“ schwanger (von wem auch?), dann war es – zumindest in früherer Zeit – üblich, dass das Mädchen ausgesetzt und verstoßen wurde, den Hyänen und Schakalen zum Fraß. Schwanger werden dürfen Massai-Frauen erst nach der Beschneidung.

Ob die Beschneidung auch heute noch durchgeführt wird, kannst Du als Tourist nicht in Erfahrung bringen. Wie auch, wenn man ausschließlich mit Männern spricht? Wie sollte ein mgeni (Gast) ein derart diffiziles Thema auch ansprechen? Jedenfalls: Die Beschneidung der Frauen gehört zu den schlimmsten Praktiken, von denen ich während meiner Reise in Afrika gehört habe:

Bei vollem Bewusstsein, ohne Narkose und nur mit einem Stück Holz zwischen den Zähnen, in das sie sich verbeißen, werden die Mädchen von älteren Stammesangehörigen verstümmelt. Mit stumpfen, abgebrochenen und oftmals verrosteten Rasierklingen. Haben die Mädchen diese Prozedur überlebt, „dürfen“ sie heiraten. In der Regel einen ihr zugeteilten wesentlich älteren Mann. Einen aus der Gruppe der Junior-Ältesten. Als Europäer werde ich diese bestialische Massai-Tradition nie verstehen. Ich glaube auch nicht, dass die Massai im 21. Jahrhundert in diesen Traditionen verharren können. Um auf Dauer überleben zu können, brauchen die Massai unsere Hilfe: In erster Linie Aufklärung, Schulbildung und medizinische Versorgung.

Während ich mir noch über das Los der Massai-Frauen den Kopf zerbreche, führen die männlichen Massai einen ihrer traditionellen Tänze auf. Dabei stehen sie nebeneinander und bewegen Oberkörper und Kopf vor und zurück und singen. Das heißt, Singen kann man das eigentlich nicht nennen. Sie stöhnen eher oder schnauben. Dabei springt immer wieder ein Tänzer aus der Runde in die Höhe, so weit er nur kann, während die anderen einen plötzlichen Angriff andeuten. So wechseln sich die Männer nacheinander ab. Ich kann diesem Brauch absolut nichts abgewinnen, ich kann ihn auch nicht nachvollziehen.

kesho (morgen)


Es gibt eine Menge Kinder hier und ich frage mich, was wohl aus ihnen wird, wenn die Massai nach wie vor an ihrer überlieferten Lebensweise festhalten. Wenn sie sich jeder zivilisierten Lebensweise widersetzen, auch den Lebensweisen, die im übrigen Ostafrika heute schon gang und gäbe sind. Werden die Massai jemals Anschluss kriegen an „unsere“ Welt? Andererseits, ist das überhaupt erstrebenswert? Doch welche Alternative bietet Ostafrika selbst? Eine etwas bessere, aber immer noch ärmliche Hütte irgendwo am staubigen Straßenrand, Stromversorgung? Von fließend Wasser können Massai nur träumen?

shule (Schule)


Einen kleinen Hoffnungsschimmer sehe ich: Von dem Geld, das ich und die vielen anderen vor mir im Dorf gelassen haben, haben sie eine Schule errichtet und David, einen Lehrer aus Arusha, engagiert. Damit wir sehen, dass das Geld auch wirklich zweckbestimmt angewandt wird, werden wir von David in die Schule eingeladen.

Stolz zeigt uns ein Junge, was er gelernt hat. Danach noch einer und noch einer. Bis die ganze Klasse durch ist mit „Cha“, „Che“, „Chi“, „Cho“, „Chu“… In der ganzen Klasse gibt es ein einziges Buch, das sich die Schüler teilen. Aber sie haben allesamt Schuluniformen (das ist in Tansania Pflicht), eine Tafel und die Möglichkeit, rechnen und schreiben zu lernen… Ob der Darbietung haben wir das Wichtigste fast übersehen: Es sind Mädchen in der Klasse! Was bisher undenkbar schien, ist hier gelebte Realität. Mädchen in einer Schule. Im Land der Massai!

watoto (Kinder)


Die Führung ist beendet und wir können uns auf eigene Faust noch etwas im Dorf umsehen. Die erwachsenen Frauen bieten, größtenteils aus Plastikperlen hergestellten Schmuck zum Kauf an. Manche Touristenfrauen – inzwischen sind auch andere Jeeps da – kaufen sich ein Armband oder werden von ihren Männern mit einem solchen beschenkt. Ich kaufe nichts. Stattdessen habe ich ein Auge auf die kleinen Kinder. Und wie überall auf der Welt, sind die Mütter mächtig stolz, wenn man ihnen sagt, was für einen prächtigen Nachwuchs sie haben. Auch dann wenn das, was man sagt, nur ein paar zusammengewürfelte Brocken Kisuaheli sind „Una watoto nzuri sana” (Du hast Kinder sehr gute).

Die Mutter und deren Reaktion immer im Auge, hock’ ich mich zu einem der Mädchen runter und geb’ ihm aus meinem Lunchpaket eine Banane. Gleich sind auch andere Kinder da und ich muss die zweite (mehr hab ich leider nicht), so gut es geht aufteilen.

Der Umstand, dass wir „Eintritt“ und „Fotografiergebühr“ zahlen mussten machen mich etwas unsicher. Vielleicht sind diese Massai gar nicht so arm wie sie vorgeben. Vielleicht „leben“ bzw. arbeiten diese Massai im „Vorzeigedorf“ eines Touristikunternehmens. Ich kann die Zweifel nicht ganz loswerden. Unterstützt wird mein Zweifel dadurch, dass manche der Männer zu ihren einfachen Gewändern dicke, mechanische Uhren tragen, die zumindest golden und protzig aussehen. Aber selbst wenn es so wäre, man hat einen guten Eindruck bekommen, wie die Massai früher lebten und wie manche auch heute noch leben.


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LÖWENZAHN UND ZEBRASTREIFEN
REISEBERICHTE AUS AFRIKA


Eine Reaktion zu “Tansania Safari – Teil 6”

  1. Spreider K.

    Hallo, Rüdiger,
    gestern war meine Lektüre „Mit Schlafsack und Zelt in die Serengeti“, heute verschlinge ich „Löwenzahn und Zebrastreifen“ – mal mit einem Schmunzeln, mal mit einem Stirnrunzeln. Zum obigen Bericht bezügl. Massai „Vorzeigedorf“ muss ich allerdings auch sagen, daß ich relativ sicher bin, daß das Leben, das die Massai den Touris präsentieren, längst Vergangenheit ist. Als wir 1991 in Kenia einen Kral besucht haben, sind auch die klobigen Armbanduhren sofort ins Auge gestochen und als wir nach der Vorführung noch eine Zigarette außerhalb des Krals geraucht haben, ist an uns einer der uns vortanzenden Massai vorübergegangen – aber nicht mit seinem karierten Hüfttuch, sondern mit Jeans, löchrigem T-Shirt und einem ca. halben Meter langen Kassettenrecorder (die waren damals so riesig!) auf der Schulter. Da haben wir nicht schlecht gestaunt!
    lg spreider

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