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Kenia Südküste

Erfüllen sie (sich) ihren Traum


Die ganze Nacht über hab’ ich gegrübelt, ob Afrika überhaupt „mein“ Land ist. Erst die Beachboys, dann Moses und dann Francis. Bisher haben alle nur versucht, mich „einzuseifen“. So richtig vom Hocker gehauen hat mich dabei noch nichts. Das Schlimmste aber ist, hinter den hohen Zäunen der streng bewachten ASC-Hotels eingesperrt zu sein (das gilt übrigens für alle ASC-Hotels, nicht nur fürs Dolphin), einem Hotel, das die 5-Sterne, mit denen im ASC-Prospekt geworben wird, bei weitem nicht erfüllt. Auch das Drumherum stimmt nicht. Geht man an den Strand, wird man dort von sogenannten Beach Boys zugetextet, geht man ins Dorf vorm Hotel, wird man von zwielichtigen Frauen angemacht. Ich finde diese Situation ziemlich frustrierend. Dabei ist heute erst der dritte Tag in Afrika. 18 weitere sollen noch folgen.

Aber vielleicht wird’s ja heute anders. Denn bereits von zu Hause aus habe ich für heute bei Pilli Pipa, einem Anbieter für Delfin-Safaris eine Tour in den Kisite Nationalpark gebucht und noch am gleichen Tag hatte ich von Valerie, der Mutter der Besitzerin der Pilli Pipa die Bestätigung erhalten. „Alles klar“, schrieb sie damals, „unser Fahrer Rama wird Sie am Donnerstag um 6 Uhr früh an Ihrem Hotel abholen. Taxifahrt, Delfin-Safari, Lunch auf Wasini Island und Rückfahrt kosten alles in allem 95 $. Die können Sie dann vor Ort zahlen. Eine Anzahlung ist nicht erforderlich.“ Einen derartigen Service sucht man beim ASC vergeblich. Da meine Frau seit Jahrzehnten Delfin-verrückt ist und sie sich seit einigen Jahren als Macherin der Meeresakrobaten betätigt, muss die Delfin-Safari einfach sein!

Pünktlich um 6 steht Rama vorm Hotel. Die Leute von Pilli Pipa holen die Gäste übrigens von überall her ab, entlang der ganzen Küste, von Shimoni im Süden bis hoch nach Kilifi, das etwa 30 bis 40 km nördlich von Mombasa liegt. Ich wohn’ irgendwo in der Mitte zwischen Mombasa und Kilifi. Zunächst bin ich der einzige Gast im kleinen Bus. Wir fahren wieder, wie gestern mit Moses, die B 8 runter, und dann über die Kenyatta- und die Nyere-Avenue quer durch Mombasa bis hinunter zur Likoni-Fähre. An der Fähre ist die Rampe zum Wasser runter so steil, dass viele Fahrer wilde Schlangenlinien fahren müssen, um sich am Auto den Auspuff nicht abzureißen. Unser Bus ist zum Glück hoch genug, um nicht aufzusetzen.

Die Fähre ist brechend voll. Das sei immer so, sagt Rama. Eine Stunde Wartezeit ist also völlig normal. Hier lernt man dann das „Pole, Pole“ der Kenianer so richtig kennen. Also Geduld, lieber Rüdiger, auch wir werden irgendwann auf die andere Seite und schließlich in Shimoni ankommen. So ist es dann auch. Nach einer ca. 2- stündigen Fahrt über Likoni, Ngombeni, Waa, Tiwi, Diani, Ukunda, Mwabungu, Msambweni und Ramisi erreichen wir schließlich unser Ziel.

Pilli Pipa


Die Pilli Pipa ist eine arabische Dhow. Sie liegt etwas draußen vor Anker, sodass wir mit einer kleinen Schaluppe übersetzen müssen. Da geht eins ins andere, das sieht alles super aus! Das Abenteuer kann beginnen. Die Crew ist so perfekt – auch auf Landeier – eingestimmt, dass wir alle trockenen Fußes an Bord unseres Schiffes kommen. Yattin, Mohammad, Mohammed Atma und Hassan, die Crew der Dhow, begrüßen ihre 17 Gäste mit einem kleinen Snack und einem Softdrink. 17 Gäste ist eine gute Ausnutzung, denn mehr als 20 Leute nimmt die Pilli Pipa grundsätzlich nicht mit.

Dann geht’s auch schon los, Richtung Osten. Unser Ziel ist die Ostspitze von Wasini Island. Die Insel wollen wir umrunden. Wir sind noch kaum unterwegs, als uns im Kanal zwischen Wasini Island und dem Festland bereits von mehreren Dutzend Delfine begleiten. Da sie nicht springen (wie es Große Tümmler im Mittelmeer gelegentlich tun), habe ich große Schwierigkeiten, die Art zu bestimmen. Man sieht nur, dass sie einen etwas anderen Rücken haben als den, den man gemeinhin von „Flipper“ kennt und dass sie dunkler sind. Aber das ist ja wohl Nebensache! Es sind Delfine! Zum ersten mal, seit ich in Afrika bin, bin ich total happy. Nach so kurzer Zeit auf dem Meer Delfine zu sehen, und dann gleich so viele, das entschädigt für vieles. Da vergisst man sogar das Hotel-Ghetto. Minutenlang begleiten uns die Meeressäuger durch den Kanal bis hin zur Ostspitze Wasini Islands. Während es die Delfine vorziehen, im Kanal zu bleiben, nimmt die Pilli Pipa Kurs auf den Kisite-Mpunguti-Meeresnationalpark, ein 28 km² großes Tauch- und Schnorchelparadies.

Kisite-Mpunguti-Meeresnationalpark


Im Kisite-Mpunguti-Meeresnationalpark legen wir unseren ersten Stopp ein. Wer will, kann an Bord bleiben, die meisten aber entscheiden sich für eine etwa einstündige Schnorcheltour. Yattin und seine Mannen geben uns eine eindringliche Einweisung vor allem dahingehend, wie wir uns als Gäste im Meeresnationalpark verhalten müssen.

Besonders wichtig ist für mich, dass sich die Besatzung offenbar an den Regeln der Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS) und des International Dolphin Watch orientiert, was u. a. heißt, dass Tiere weder gejagt, noch umzingelt, noch sonst irgendwie gestört werden dürfen. Die Delfine müssen immer die Möglichkeit haben, davonzuschwimmen. Wenn sie wegschwimmen, müssen wir das akzeptieren. „Die Tiere werden nicht verfolgt!“, lautet die Order. Alle, aber auch wirklich alle erkennen, in welchem „Heiligtum“ wir hier sein dürfen und akzeptieren die Regeln.

Nach der Unterweisung hält uns nichts mehr. Hinein in die Fluten. Brillen, Flossen und Schnorchel gibt’s natürlich von der Pilli Pipa, sodass man sich seinen Koffer (die Menge des Fluggepäcks ist ohnehin ziemlich limitiert) nicht noch mit unnötigem Ballast vollstopfen muss. Auf eines möchte ich in dem Zusammenhang aber noch dringend hinweisen: An der kenianischen Küste, egal ob Nord- oder Südküste, sollten wir Europäer niemals ohne Badeschuhe unterwegs sein. Es gibt viel zu viele Seeigel und deren Stacheln können üble Verletzungen verursachen.

Der Ozean wimmelt nur so von Fischen. Vor allem Fische mit „Zebrastreifen“ bekomme ich häufig zu Gesicht, aber auch Seegurken, Seenadeln, Trompetenfische, Muränen und viele, viele Arten, die ich gar nicht kenne. Den Rotfeuerfisch unter mir allerdings kenn’ ich – aus dem Zoo. Da der angeblich giftig ist, ist’s mir als Schnorchelanfänger dann doch etwas mulmig zumute.

Nach einer Stunde Schnorcheln geht’s zurück an Bord. Ich bin glücklich, aber auch froh, wieder „festen Boden“ unter den Füßen zu haben. Ihr glaubt gar nicht, wie anstrengend eine Stunde Schwimmen und Schnorcheln für einen Ungeübten sein kann. An Bord zurück gibt’s erst mal Zitronenstücke, mit denen wir den ekligen Salzgeschmack wieder aus der Mundhöhle raus bekommen. Nebenbei erzählt mir Yattin, dass der gestreifte Fisch, den ich vorhin gesehen habe, der Indopazifische Sergeant sei. Mann, war das ein Abenteuer! Ich war zum ersten Mal in meinem Leben so richtig groß schnorcheln, und das im offenen Meer. Mein Gott, was hab ich Wasser geschluckt! Aber es war einfach nur herrlich!

Nachdem wir alle unsere Euphorie wieder ein bisschen runter gefahren haben, geht’s weiter. Winzige Auslegerboote mit dreieckigen Lateinsegeln kreuzen unseren Kurs. Von der Ferne aus könnte man sie glatt als Finne eines riesigen Wals durchgehen lassen. Das ist das Stichwort, da muss ich gleich fragen. „Gibt’s hier auch Wale?“ „Klar gibt’s welche“, sagt Yattin, „vor allem Buckel- und Pottwale. Die sind aber üblicherweise im Sommer hier, nicht im Januar.“ Und so sehen wir auf unserer Tour leider keinen dieser Meeresriesen.

Als ich Yattin klarmache, dass ich von den Meersakrobaten komme, erzählt er mir noch viel mehr, vor allem darüber, welche Unmengen Delfine es hier geben soll: Große Tümmler (Tusiops Truncatus), Indopazifische Buckeldelfine (Sousa chinensis), Gemeine Delfine (Delphinus delphis), Fleckendelfine (Stenella attentuata), Spinnerdelfine (Stenella longirostris) und eine ganz spezielle andere Sorte von Tümmlern, den Tursiops aduncus, dazu noch Pilotwale (Globicephala macrorhyncus) und Walhaie (Rhincodon typus). Was da alles Prächtiges um uns rum sein soll, und wir stehen als kleine Menschen auf der kleinen Sandbank in einem riesigen Ozean. Näher kann man der Schöpfung nun wirklich nicht mehr sein!

Auch auf der Sandbank selbst ist unendlich viel Leben. Yattin zeigt uns alles. Leider kann ich mir die Namen der Tiere gar nicht alle merken, und die Badehose hat nun mal keine Taschen für’n Notizbuch.

Die Pilli Pipa ist inzwischen etwas weggefahren, vermutlich um das Abenteuer noch abenteuerlicher und die Stimmung noch intensiver zu machen. Wir haben erneut die Wahl: Entweder wieder eine Stunde Schnorcheln oder aber eine Stunde hier auf der Sandbank zu stehen. Natürlich gehen wir alle ins Wasser, und schon kurze Zeit später sind sie wieder da: Delfine! Neugierig schauen sie uns aus etwa 30 Metern Entfernung an. Vom Boot aus hätte man sie zwar deutlich besser gesehen, aber hier mit ihnen im selben Element zu sein, das ist dann schon noch eine Stufe höher. Allerdings, aus dieser Distanz und mit Taucherbrille auf der Nase könnte man sie anhand ihrer Silhouetten auch glatt für Haie halten, doch von Haien, außer von Walhaien, die harmlos sind, hat Mohammad zum Glück nichts erzählt. Jetzt hat man Delfine endlich mal so nahe vor sich, wie man sich das immer erträumt hat, und doch sieht man kaum etwas. Bei den vorhandenen Wellen ist Gucken, Schwimmen und möglichst wenig Wasser-Schlucken für Leute, die mit Schnorcheln keine Erfahrung haben, gar nicht so einfach. Aber auch wenn man keinen unmittelbaren Kontakt zu den Wildtieren haben kann, ist das Gefühl unbeschreiblich.

Wasini Island


Nach einer weiteren Stunde Schnorcheln heißt es dann „alle Mann an Deck. Wir schwimmen die kurze Strecke zur Pilli Pipa, die wieder näher gekommen ist, sammeln uns an Bord und nehmen Kurs auf Wasini Island, wo Selina, die Besitzerin der Pilli-Pipa, zusammen mit ihrem Mann Harm, ein Grundstück besitzt. Leider hat die Pilli Pipa aber viel zu viel Tiefgang, sodass wir an der Naturküste der Insel nicht anlanden können. Mit einem kleinen Boot werden wir in seichteres Wasser gerudert, von wo aus wir dann selbst bis an Land waten dürfen.

Bei Selina und Harm kann man, hat man länger Zeit, auch „robinson-mäßig“ urlauben. So lange können wir aber nicht bleiben. Wir bleiben „nur“ noch zum Lunch. Doch was hier als Lunch angekündigt war, ist ein opulentes Meeresfrüchte-Menü, wo sich jedes Restaurant, auch ein 5-Sterne-Restaurant, eine Scheibe abschneiden könnte. Frauen in landestypischer Tracht bereiten und servieren das Essen. Da ist bereits die Optik schon ein Gedicht. Und dann erst das Menü. Es beginnt mit einer Fisch-Gemüse Suppe, zu der Chapati, eine Mischung zwischen Fladenbrot und Pfannkuchen, gereicht werden. Anschließend gibt es frische Mangroven-Krabben mit einer Buttersoße, die kräftig nach Koriander schmeckt, und knusprig frittierte Fisch-Stückchen. Zu allem wird ein Kokosnuss-Limonen-Dipp gereicht. Als Beilage gibt es Kokosnussstückchen, Reis, Maniok und Salate. Gäste, die keine Meerestiere mögen, können das alles auch mit Hühnchen bekommen. Selbst für Vegetarier wird etwas angeboten. Bei diesem Fischangebot interessieren mich Hühnchen oder Vegetarisches natürlich nicht.

Nach dem Essen hat man gelegenheit über die Insel zu wandern, mit den fünf Hunden der Gastgeberin zu spielen oder einfach, so wie ich es mache, in der Hängematte zu relaxen. Irgendwann wird dann zum Kaffee gerufen. Es gibt – wie soll’s auch anders sein – Kaffee aus dem Hochland Kenias (Wir sind in Kenia!) oder einen Tee, der aus Pflanzen direkt aus Selinas und Harms Garten hergestellt wird, Zitronella-Tee. Das hat Stil, das ist einfach nur super! Ein letztes Mal noch genießen wir die tolle Aussicht, bevor es dann gegen 16 Uhr mit der Pilli Pipa wieder zurückgeht nach Shimoni und von dort aus mit dem Kleinbus oder Taxi zu den einzelnen Hotels. Ich werd’ mit dem Pilli-Pipa-Kleinbus nach Diani gebracht, wo ich im Colliers Center Quartier bezogen hab’.

Das war Urlaub pur! Deshalb sind die 95 US-$ für die „All-Inklusive-Ganz-Tages-Tour“ einschließlich Taxi, Ausfahrt, Getränken an Bord, Taucherbrille, Flossen, opulentem Essen auf Wasini-Island, Kaffee usw. wirklich gut investiertes Geld. Pilli Pipa ist ein vermutlich nicht mehr zu toppender Höhepunkt an der Küste Kenias. Das ist „5-oder noch mehr-Sterne-Urlaub“, nicht das, was der Schweizer Veranstalter ASC für einen solchen hält und damit auch noch wirbt. Pilli Pipa, das kann man nur uneingeschränkt empfehlen!

Colliers Center


Das Colliers Center ist eine Mischung aus Einkaufsläden und Gästewohnungen, unmittelbar neben der Durchgangsstraße Kenia-Tanzania. Die etwa 20 Apartments liegen in zwei Reihen verteilt vor und hinter einem zentralen Pool. Manche Besucher stört das, weil jeder, also auch die, die nur einkaufen oder parken, die schwimmenden Urlauber begaffen kann. Mich stört das nicht. An einem Badesee in Deutschland kann mich auch jeder sehen.

Was ich – im Prospekt stand ja Apartments – leider nicht bedacht hab’, ist, dass ich in einer Gästewohnung ja selbst kochen muss. Ich hab aber nichts dabei. Doch das ist weiter nicht schlimm, da gleich vor dem Haus, mit ein paar Schritten zu erreichen, ein Supermarkt liegt und eine Pizzeria. Zu weiteren Restaurants sind es auch nur wenige Minuten. Und wegen dem einen Tag, den ich hier bleibe, werde ich Kühlschrank und Küche gar nicht in Anspruch nehmen müssen.

Ich hab Apartment Nr. 12. Es besteht aus einem Wohnraum, einem Schlafraum, einer kleinen Küche und einem Bad. Das Apartment ist zweckmäßig eingerichtet und piccobello sauber. So sauber, dass man vom Boden essen könnte. Im „5-Sterne-Hotel Dolphin“ dagegen kann man sich noch nicht mal trauen, barfuß zu gehen! Weiter positiv zu sehen ist, dass es im Colliers Center keine „aufdringlichen“ Frauen gibt, die dich zu einem Drink (oder auch ganz was anderem) animieren wollen, Beachboys, die dir ständig irgendwas verkaufen wollen, findest Du auch keine und Angestellte, die dir für einen Dollar einen nicht gewollten Dienst anbieten, gibt’s auch nicht. Auch an irgendeiner Rezeption muss man hier nicht vorbeilaufen. Durch die Apartment-Tür kommt man gleich nach draußen. Das ist für mich Urlaub pur“.

Das Colliers Center wurde mir übrigens von Christine von „Don’t just say it, do it“ empfohlen. Für all diejenigen, die kein All-inclusive brauchen, ist die Anlage von Ibrahim Sidik eine preiswerte und wirkliche Alternative. Allerdings denke ich, dass es ohne Christines Empfehlung nicht möglich gewesen wäre, hier nur eine einzelne Nacht zu bleiben. Ich denke, dass man mindestens wochenweise buchen muss.

Vorm Abendessen möchte ich mich noch etwas umsehen und schlender’ die Hauptstraße von Diani auf und ab. Witzig finde ich dabei die Schilder neben den einfachen Hütten, auf denen in deutscher Sprache steht: „Wir suchen noch Nachbarn“.

Christine hatte mir in Deutschland von Siggi berichtet, einer deutschen Rentnerin, die einen Großteil ihres Ruhestands in Diani verbringt. Und wie ich da so die Straße entlang gehe, kommt mir doch tatsächlich eine Frau entgegen, die es sein könnte. Da ich grundsätzlich nur Blödsinn im Kopf habe, probier ich’s mal. Auf gleicher Höhe gehend, kann ich’s mir nicht verkneifen, anstelle eines „Jambo“, ein „Hey Siggi!“ von mir zu geben. Die Frau fällt fast um, fängt sich aber schnell wieder. ich erzähl ihr von Christine und wir plaudern noch ein bisschen. Dann verabschiedet sich Siggi aber doch und geht weiter. Hab ich sie etwa doch geschockt?

Ein paar hundert Meter südlich des Collier Centers ist linker Hand das Barclay Shopping Center. Dieses Center wurde, wie der Name schon vermuten lässt, um eine Bank herum gebaut. Es gibt einen Safari-Shop, ein Café und ein Laden, in dem man Postkarten kaufen kann. Sonst ist hier nicht viel los. Ich setz mich also ins Café, trinke ein Tässchen und schreibe meinen Lieben zuhause ein paar Ansichtskarten. Bemerkenswert ist vielleicht noch, dass es hier im Komplex einen internationalen Geldautomaten gibt, an dem man mit einer deutschen Kreditkarte bis zu 400 Euro auf einmal abheben kann.

Es ist schon später Nachmittag und ich gehe zurück zum Colliers Center. In der Pizzeria direkt unterhalb meinem Apartment lerne ich den Kellner Ali Mondo kennen, der – wie sollte es anders sein – auch ein guter Freund von Christine ist. Christine ist in Diani anscheinend bekannt „wie ein bunter Hund“. Als Vorsitzende des Vereins „Don’t just say ist, do it“ unterstützt sie u.a. auch das Diani Children’s Village hier im Ort, das ich gerne besuchen würde. Als Ali Mondo hört, dass ich ein „Freund“ von Christine sei, ist es ihm natürlich eine Ehre, mich morgen dorthin bringen zu dürfen.

Diani Children’s Village


Das „Kinderheim“, im dem, bis sie auf eigenen Beinen stehen können, Kinder und Jugendliche betreut werden sollen, ist gerade im Aufbau. Ein Haupthaus mit Wohn- und Schlafräumen gibt es schon, ebenso zwei oder drei Klassenzimmer. Einer der Lehrer, Matata S. Zani, führt den „Freund von Christine“, natürlich gerne und überall herum. U.a. zeigt er mir zwei Toilettenhäuschen, für die Christine die Türen gespendet hat. Für uns unvorstellbar, dass es an einer Schule Toilettenhäuschen ohne Türen gibt. Mit solchen „Kleinigkeiten“ wie Toilettentüren kann man in Afrika unheimlich viel bewirken. Dabei geht es aber nicht nur darum, Geld zu spenden, viel wichtiger ist es, dafür zu sorgen, dass das Geld nicht versickert, sondern dass der Auftrag, den du erteilst, auch tatsächlich ausgeführt wird. Ich kann leider keine „Ausführung“ beaufsichtigen sondern nur hoffen, dass meine kleine Geldspende nicht irgendwo verschwindet, sondern ein Bisschen zum Gelingen des Projekts beiträgt. Schließlich: Auch Kleinvieh macht Mist.

Colobus Trust


Nach dem Schulbesuch mach’ ich mich auf, die Südküste weiter zu erkunden, auf eigene Faust. Ohne Prostituierte und Beachboys, die dich beim „Dolphin“ ständig belästigen, ist es hier im Süden einfach supertoll. Auch gibt’s hier öffentliche Verkehrsmittel, deren Benutzung auch für Ungeübte einfach und unkompliziert ist. Ich wink’ mir ein Matatu (einen kleinen Bus) heran, zahl ein paar Schillinge und fahr los. Wohin, ist egal. Irgendwas gibt’s immer zu sehen. Nach ein paar Kilometern Richtung Süden kommen am Straßenrand immer mehr Hinweisschilder mit Affen drauf und dem Schriftzug „Pole, Pole“. Auch hängen hier so komische Girlanden über die Straße. Da mich alles, was mit Tieren zu tun hat, sowieso interessiert, mach ich mich bemerkbar und bitte den Fahrer anzuhalten. Mitten in der „Prärie“. In Deutschland undenkbar! Ich steig aus

Da steh ich also auf der Straße und marschiere los. Das Matatu ist schnell am Horizont verschwunden. Ein paar Meter weiter überspannt einer der „Gilranden“ die Straße. Ich geh hin. Auf einem Schildche steht „Born-Free-Bridge“. Das sagt mir nicht viel. Ich gehe also weiter und sehe immer mehr und mehr von diesen „Bridges“, bis ich dann an ein Hinweisschild „Colobus Trust“ komme. An diesem Schild zweigt ein Weg nach Osten ab, direkt in einen dichten Wald. Den geh’ ich rein. Nach ein, zwei Kilometern komme ich am „Colobus Trust“ an. Der „Colobus Trust“ entpupt sich als einzelstehendes Haus, bei dem ein paar Stufen zum Eingang hinauf führen.

Ich geh’ hoch, öffne die Tür und stehe in einer Art Museum, wo auf Plakaten und Bildern über Affen informiert wird. Kein Mensch da. Auch auf mein Rufen hin wird nicht reagiert. Da ich nicht jede Zimmertür öffnen will, bleibe ich im Vorraum und lese die dort angebrachten Informationen.

Nach einer Weile erscheint eine junge Frau, die sich als Kathrin vorstellt. Ich sag ihr, dass ich aus Deutschland komme, und ich vorher die Pole-Pole-Schilder und die Girlanden gesehen habe. Das habe mein Interesse geweckt, und nun sei ich da. All zu oft haben sie offensichtlich keinen Besuch, zumindest nicht von Touristen. Deshalb freut sich Kathrin auch über meinen Besuch, meine Spende und mein Interesse. Sie ist gerne bereit, mich durch das Gelände zu führen und mir das Projekt zu erklären.

Das Ganze „Colobus-Projekt“ begann 1996, als hier, direkt im Wald, die A14, die wichtigste Nord-Süd-Straßen-Verbindung an der ostafrikanischen Küste ausgebaut wurde. Was offensichtlich niemand so richtig bedachte, war die Tatsache, dass dieser Wald die Heimat der sehr seltenen Colobus-Affen ist. Innerhalb von nur 4 Monaten wurden 21 der seltenen Affen Opfer des nun deutlich schnelleren Autoverkehrs. „21 Affen“ hört sich für den einen oder andern vielleicht gar nicht so schlimm an. Wenn man aber bedenkt, dass diese 21 Affen 10% des gesamten Bestandes aller Colobus-Affen der Region waren, dann ist die Sache schon bedrohlicher. „Wenn nichts geschehen wäre, wären die Affen heute ausgestorben!“, mein Kathrin. Aus diesem Grund gründeten 1996 einige Einwohner von Diani spontan den Wakuluzu: Friends of the Colubus Trust. Dieser Verein hat sich zur Aufgabe gemacht, den Affen unmittelbar und vor allem unbürokratisch zu helfen.

Zunächst stellte man an strategischen Punkten der Straße Pole-Pole-Schilder auf, welche die Verkehrsteilnehmer zu langsamerer Fahr ermahnen sollten. Aber wie in Deutschland auch, Schilder werden gesehen oder auch nicht. Die Situation für die Affen hat sich kaum gebessert. Auch heute ist das nicht anders. Die Autos brettern hier durch, dass man, auch als Mensch, kaum eine Chance hat, heil über die A14 rüber zu kommen.

Wie muss es dann erst Affen ergehen, wenn sie, vor Liebe blind, einem „heißen“ Weibchen hinterher jagen? Da sind einige schon platt, und das im wahrsten Sinne des Wortes, bevor es zur Vereinigung kommt. Angesichts dieses Umstands kamen die „Friends of the Colobus Trust auf eine geniale Idee: Sie bauten Brücken über die Straße, die von den Colobus-Affen begeistert angenommen wurden. Die Zahl der pro Monat überfahrenen Affen sank erheblich und ist heute fast bei Null.

Ich bin ob der pragmatischen Art des Tierschutzes total gerührt. Das hat was. Fakten schaffen und nicht, wie bei uns in Deutschland häufig zu beobachten, diskutieren, diskutieren, diskutieren…

Kathrin führt mich durchs Gelände und in der Tat sehen wir in den Bäumen, die Kathrin Prickly Ash- oder Crocodile Trees nennt, auch einige der relativ großen schwarzen Gesellen mit dem weiß umrahmten Gesicht. Bei Colobus-Affen ist der Daumen, wie bei den meisten baumbewohnenden Affen (zumindest ist mir das auch von den Orang Utans bekannt) stark zurückgebildet. Daher haben die Tiere auch ihren Namen: Colobus (griechisch: „kolobos“ = „der Verstümmelte“).

Ich bedanke mich für Kathrins Führung, verabschiede mich, und mach mich voller Euphorie wieder auf den Rückweg. Das war ein Tag, wieder ganz nach meinem Geschmack, gestern Pilli Pipa, heute früh Diani Children’s Village, jetzt Colobus-Trust, das ist Urlaub, Urlaub wie ich ihn mag. Das „Dolphin“ ist weit weg und fast schon vergessen. Inzwischen ist es früher Nachmittag und mächtig heiß. Jetzt merk ich erst, dass ich ob der ganzen Eindrücke essen und trinken total vergessen habe. Ich hab auch nichts dabei. Das ist aber weiter nicht schlimm. Vorne an der A14 habe ich vorhin ein Restaurant gesehen, wo man draußen sitzen, essen und trinken kann.

Um diese Uhrzeit gibt es aber anscheinend nur ein Gericht. Das ist egal, das nehm’ ich. Aber zuvor brauch ich unbedingt ein Bier. Eiskalt! Boahh, das zischt und ich habe den Eindruck, dass es bereits im Hals verdampft und gar nicht im Magen ankommt. deshalb bestelle ich mir gleich ein zweites hinterher. Inzwischen kommt auch mein Gericht. Es ist ein Teller mit Reis und ein paar wenigen Fleischstückchen. Könnte Hühnchen oder ein anderer Vogel sein. Das Essen, das ein paar Schillinge kostet, schmeckt hervorragend. Vom zweite, ebenfalls eiskalte Bier kann ich jetzt richtig genießen. Das war dringend nötig. Ich zahle, nehme ein Matatu und fahre wieder zurück ins Colliers Center.

Viel länger hätte die Fahrt nicht dauern dürfen. Gerade noch rechtzeitig erreiche ich Apartment 12, und im ersten Stock, durch den Wohnbereich hindurch rennend, am Bett vorbei – das Klo. Ich kann nichts mehr bei mir halten. Dabei dachte ich immer, im Alter würde man gescheit, aber offensichtlich nicht. Extreme Temperaturunterschiede sind wohl nichts für einen leeren und trockengelegen Verdauungstrakt. Trotz des „Zwischenfalls“ fühl ich mich hier im Süden „sauwohl“. Wenn jemals wieder Kenia, dann nur Südküste: Das ist Urlaub, wie ich ihn mir vorstelle! Morgen muss ich dann leider schon wieder zurück zum „Dolphin“, rund 100km nach Norden, aber so, wie ich jetzt daherkomme, weiß ich nicht, wie das gehen soll, im jetzigen Zustand komm ich ja kaum zur Tür. Wie kann man nur so blöd sein? Über mein idiotisches Verhalten kann man nur den Kopf schütteln.

Die Pausen zwischen den „Sitzungen“ sind mittlerweile auf 10 bis 15 Minuten angestiegen und ich versuch’s mal, nach draußen zu gehen, doch im Colliers Center ist weit und breit niemand zu sehen. Sämtliche Läden sind zu. Keine Schokolade, keine Cola, keine Salzletten, nichts. An Apotheke gar nicht zu denken. So verbringe ich eben den Nachmittag, in sicherer Reichweite zur Toilette, auf dem Zimmer.

Gegen 16:00 Uhr seh’ ich unten am Pool Valerie vorbeigehen und geh runter. Obwohl es mir peinlich ist, erzähl ich ihr von meinem Problem. Und Valerie handelt schnell. Im Diani Hospital, das anscheinend „nur um die Ecke“ liegt, lässt sie für mich von einer Angestellten so etwas wie Imodium Acut besorgen. Den Abend kann ich dann schon wieder in Ali Mondos Pizzeria verbringen, wo ich ungesüßten schwarzen Tee mit Zitrone und einer Prise Salz trinke, das soll auch helfen. Gegenüber, im Cabin-Supermarket, einer Art Kiosk, besorgt ich mir für die Nacht dann noch Salzgebäck, Schokolade, Cola und zwei Rollen Toilettenpapier. Zu Schokolade und Cola komm ich dann aber doch nicht mehr, nur die Tüte mit den Cräckers muss noch dran glauben.

Am Morgen geht es mir deutlich besser. Dennoch will ich mir einen Bus nicht antun. Ich wüsste auch nicht, wie ich am Schluss von einer der Bushaltestellen zum „Dolphin“ kommen sollte. Nebenbei bemerkt, ich werde den Verdacht nicht los, dass der ASC seine Hotels bewusst so platziert hat, dass seine Gäste möglichst vom öffentlichen Nahverkehr abgehängt sind und im Hotel bleiben müssen. Ein Kontakt mit Einheimischen, so mein Eindruck, ist vom ASC auch nicht gewollt. Nun denn, Valerie ruft mir ein Taxi, und die sehr sympathische Emily von Taxicab Services Ukunda fährt mich nach Norden. Frau und Taxi, das hätte ich hier zuallerletzt vermutet. Ich genieße die Fahrt. Wir müssen nicht ein einziges Mal anhalten und erreichen am frühen Nachmittag das ASC-Hotel und die Fahrt kostet noch nicht mal was. Das ist im den 95$, die ich vorgestern gezahlt hab, enthalten. Es geht also auch anders. Klar, dass Emily ein stattliches Trinkgeld erhält.

Alles in allem hat mich de Abstecher in den Süden doch mehr geschlaucht, als mir lieb ist. So verbringe ich den restlichen Nachmittag mit dösen, und gehe nach dem Abendessen doch recht früh ins Bett.


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LÖWENZAHN UND ZEBRASTREIFEN
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