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Kenia Nordküste – Teil 5

WEMA-Center Utange


Nachdem ich vor Wut zunächst nicht schlafen konnte, bin ich dann doch irgendwann doch eingenickt und erst gegen 9:00 wieder aufgewacht. Heute will ich, wie kürzlich mit Frau Yinda ausgemacht, unbedingt ins WEMA Center nach Utange. Dort versucht man Straßenkinder, die ohne Familie, als Bettler oder Prostituierte auf der Straße gelebt haben, durch verschiedene Programme wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Der erste Schritt dazu ist, dass die Kinder und Jugendlichen eine Ausbildung erhalten und Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass sie lernen, mit ihrem Leben klarzukommen und Verantwortung zu übernehmen. Beides geschieht im WEMA-Center mehr oder weniger spielerisch.

„Wema“ – ist Kisuaheli und heißt übersetzt so viel wie „Wohlergehen“. Von WEMA hatte ich zum ersten Mal durch eine Schlagzeile in der Augsburger Allgemeinen gehört: „Polizisten kaufen Kuh für Kinder in Kenia“. Das hat mich, schließlich wohne ich nur 15 km von Augsburg weg, dann doch interessiert. So fand ich heraus, dass es Mitarbeiter der Autobahnpolizei Gersthofen waren, die WEMA letztes Jahr eine Kuh geschenkt haben. Und damit haben die Augsburger Ordnungshüter einen riesigen Coup gelandet. Nicht nur dadurch, dass die Kinder nun mit etwas mehr Milch versorgt werden können, sondern auch dadurch, dass sie die Kuh selbst versorgen müssen. Hier lernen sie, dass man sie braucht und dass es ohne sie überhaupt nicht geht. Gebraucht zu werden stärkt den Glauben an sich selbst ungemein. Die Sorge um eine Kuh, die Verantwortung für die Kuh und das Gefühl, gebraucht zu werden, besser kann man den WEMA-Grundgedanken überhaupt nicht umsetzen. Daher auch hier nochmal ein Riesenlob an die Augsburger Polizei.

Kuh und WEMA will ich also heute besuchen. Weil mich Moses vor zwei Wochen so gelinkt hat, suche ich heute bewusst ein anderes Taxi, doch Patricks Preis ist auch nicht besser.

Die Fahrt dauert nur 10 Minuten. Am WEMA-Center angekommen, stehen wir zunächst mal vor verschlossenen Türen bis schließlich nach längerem Rufen und Gerüttle ein junger Mann erscheint. Misstrauisch, in der Art „Was will der denn da?“ beäugt er mich. Ich spreche ihn an und merke, dass er Englisch versteht. „Frau Yinda, ich habe mit Frau Yinda einen Termin ausgemacht.“ Doch das überzeugt ihn nicht. „Ich komme aus Deutschland, verstehen Sie, aus Deutschland! Hans Mohren betreut dort den Förderkreis WEMA-Center.“

Das war das Stichwort. „Mr. Mohren is my father”, antwortet er, und natürlich lässt er den „Freund seines Vaters“ gerne herein. Ich hab natürlich nicht gesagt, dass ich den Namen Mohren nur vom Internet her kenne. Ich weiß auch nicht, ob Hans Mohren den jungen Mann tatsächlich adoptiert hat oder ob die Heimbewohner ihre Förderer grundsätzlich „Father” nennen. Das spielt im Moment aber auch weiter keine Rolle. Jedenfalls erfahre ich jetzt, dass der junge Mann Josef heißt. Da ich den Taxifahrer im WEMA-Center nicht brauchen kann, schicke ich ihn nach Hause.

Weder Timothy (Nachnamen weiß ich immer noch nicht) noch Lucy Yinda sind anwesend, so führt mich Josef zu einer Frau namens Valerie. Sie ist eine der Betreuerinnen. Valerie erlaubt Josef, mich durchs Center zu führen. Zu seiner Unterstützung nimmt er Harrison mit.

Die Jungs zeigen mir zunächst ihren Hund (auf den sie mächtig stolz sind) und dann die Wohnräume und schließlich die Klassenzimmer. Beim Rundgang erfahre ich auch, dass derzeit im WEMA etwa 80 Kinder zuhause sind. Vormittags sind alle (hier im WEMA-Center) in der Schule. Hier lernen sie Lesen, Schreiben und Rechnen und viele andere wichtige Dinge. Als wir eine Klasse besuchen, ist dort gerade Gesundheitserziehung. Es geht um Quetschungen, die man sich da und dort zuziehen kann.

Die Kinder sind dermaßen bei der Sache, dass man sich so einen Unterricht in Deutschland nur wünschen könnte. Insbesondere wenn sie schon etwas älter sind, wissen sehr genau, worum es geht. Auf der Straße, wo sie sich gegenseitig bestohlen haben und wo die Mädchen von ihren „Beschützern“ bedrängt wurden, dort will keiner mehr leben. Ihnen ist klar, dass wenn sie die Chance WEMA nicht nutzen, dass sie dann keine Chance mehr haben. Sie lechzen förmlich nach Herausforderungen und nach Schule. Deutsche Schüler würden darüber nur den Kopf schütteln

In etwa einer Stunde gibt’s Mittagessen. Dies wird ein paar Häuser weiter von einer Köchin zubereitet. WEMA sorgt dafür, dass alle Kinder dreimal am Tag eine frische Mahlzeit bekommen. Zu Mittag gibt es heute Bohnen. Davon können Straßenkinder draußen nur träumen. Kranke und sehr kleine Kinder bekommen zwischen den Hauptmahlzeiten zusätzlich noch Eier, Milch und Haferbrei. „Kommt die Milch auch von der Kuh der Augsburger Polizisten?“ Josef ist platt, dass ich davon weiß, dann sagt er „Natürlich kommt die Milch auch von der Kuh, die wir von den Polizisten erhalten haben.“ Die Kuh will ich unbedingt sehen. Das aber dann erst nach dem Essen.

Die größeren Kinder holen sich ihr Essen selbst an einer Theke ab. da gibt es kein Geschuppse, kein Gedränge und auch kein Geschrei. Wenn sie ihren Teller haben, setzen sie sich an einen Tisch und wenn alle da sind, wir gemeinsam gegessen.

Die kleineren Kinder bekommen ihr Essen von Reikja. Reikja ist eine junge Deutsche, die als Volontärin für ein Jahr in Utange lebt. Ständig an ihrem „Rockzipfel“ hängt Esther, die nur noch Augen hat für ihre deutsche Ersatzmutti. Mann, tut das gut, sich mit jemandem Deutsch unterhalten zu können

Nach dem Essen gehe ich mit Reikja in einem Aufenthaltsraum (neben der Küche), wo ich ihr meine Mitbringsel, Schulhefte, Bleistifte, Spitzer, Radierer und ein paar Euro gebe, was man als Privatmann eben so abzwacken kann.

Dabei schießt mein Tierkinder-Momory den Vogel ab. Ich hab´ in Deutschland lang überlegt, was ich wohl mitnehmen kann, womit ich Kindern ´ne Freude machen kann und was im Koffer nicht gar zu sehr aufträgt. Da bin ich auf das Memory gekommen. Memory kann jeder. Die glänzenden Kinderaugen geben mir recht. Während Reikja, Josef, Harrison und ich versuchen, Spielregeln „unters Volk“ zu bringen, spielen die Kinder schon. Die brauchen unsere Regeln nicht. Sie kapieren auch so und dann ist es immer eine Riesenfreude wenn sie zwei passende Bilder zusammen haben.

Während wir spielen kommen hier am Aufenthaltraum ein paar ältere vorbei. Sie kommen aus dem Umland und besuchen am Nachmittag Schneider- und Handwerkskurse, welche ebenfalls von WEMA angeboten werden. Zum Programm gehört neben der Theorie von Kunst und Design, die Herstellung von Batik, Kunsthandwerk und natürlich auch das Schneidern. Auf diese Weise werden zusätzlich zu den hier wohnenden Kindern auch Menschen aus den umliegenden Dörfern in die Lage versetzt, später mal ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten.

Bevor ich gehe, muss ich aber unbedingt noch die Kuh sehen. Josef und Harrison führen mich hin. Inzwischen sind beide aufgetaut und erzählen mir ihre Lebensgeschichte. Er, so Josef, sei mit der Schule fertig und werde in Kürze WEMA verlassen. Er wolle Pilot werden, sagte er, und Harrison, der gleichzeitig mit Josef fertig geworden ist, erzählt von seinem Traum, Rechtsanwalt zu werden. Die jungen Männer betonen beide immer wieder, dass sie nicht wissen, was aus ihnen geworden wäre, hätte sie Lucy Yinda, die Gründerin des WEMA Centers, damals nicht von der Straße geholt.

Auch wenn ich keine Kuh im Gepäck habe und auch nicht die Möglichkeit, wie Reikja, ein ganzes Jahr in Afrika zu verbringen, so glaube ich doch, der Besuch im WEMA Center hat – nicht nur mir – sondern beiden Seiten etwas gebracht. Zum Abschied stellen sich Harrison, Reikja und Josef mit drei „ihrer“ Kinder noch mal in Pose. Ich drücke allen die Daumen. Vielleicht fliege ich ja irgendwann mit Josef über den Busch oder muss mich von Harrison verteidigen lassen, wenn’s mal brenzlig wird. Wahrscheinlich wird es dazu nicht kommen, dennoch wünsche ich den Jungs, der deutschen Betreuerin Reikja und der ganzen WEMA-Truppe von Herzen weiterhin viel Erfolg. Mit dem Taxi, das Valerie für mich gerufen hat, geht’s wieder zurück zum Dolphin.

ASC-Bushtour


Heute ist die ASC-Bushtour angesagt. Der Prospekt sagt, dass man neben der exotischen Flora und Fauna, die Menschen kennenlernen würde, die im und vom Busch leben. So könnten wir sie und deren Bräuche dann auch besser verstehen. Weiterhin würden wir die Baustile der verschiedenen Stämme miteinander vergleichen können und sehen, wie Bauern ihre Lebensmittel anbauen. Da ich so etwas Ähnliches mal in Thailand gemacht habe und mir die Führung damals sehr gut gefiel, dachte ich am Montag noch, 20 Euro seien gut investiertes Geld. Am Montag hatte ich aber noch nicht die ASC-Mombasa-Tour gemacht und die Schlangenshow hatte ich auch noch nicht besucht. Beides war ja, wie bereits geschrieben, ein totaler Reinfall und rausgeschmissenes Geld. Hätte ich heute wieder die Wahl, würde ich die Bush-Tour nicht beim ASC, sondern möglicherweise beim Wildebeest Office draußen in der „Touristenmeile“ buchen. Wildebeest Office bietet auch eine Bush-Tour an. Dabei wird zunächst in Shanzu die Schule besucht. In einem zweiten Dorf werden medizinische Pflanzen erklärt und Kokoswein verkostet und in einem dritten eine Sisalplantage erklärt. Zum Schluss geht’s nach Mtwapa, wo Einheimische Tänze vorführen.

So etwas ähnliches habe ich bei der Buchung am Montag auch erwartet, nur da wusste ich noch nicht, dass der ASC andere Vorstellungen eine Bushtour hat.

Die ASC-Bushtour führt ein paar Lilometer vom Hotel weg, das ist dann aber auch schon alles. Die Flora ist so wie die in der Nähe des Hotels, Fauna, also Tiere, sind nirgendwo zu erkennen. Die Bushtour ist wie eine Busfahrt in Deutschland ein bisschen abseits der Hauptstraße von „Kleinkleckersdorf“ nach „Hintertupfingen“. Weder ist die Landschaft hier besonders reizvoll noch sind es die Häuser und Hütten, die am Bus „vorbeifliegen“. Immer wieder sieht man am Wegrand Frauen, die Wasserkanister oder Holzbündel auf den Köpfen tragen. Dass die Touristen das auch deutlich mitbekommen und fotografieren können, wird langsam gefahren. Die Frauen gucken grimmig und Kinder kommen an den Bus um zu betteln.

„One Shilling, bwana, one Shilling“ und die „Gutmenschen“ im Bus versorgen die Knirpse dann mit Bonbons und Kugelschreibern. Nur worauf sollen die Kinder mit den Kugelschreibern schreiben und ob Bonbons als Nahrungsergänzung so die richtige Wahl sind? Nebenbei bemerkt, ich habe gar nichts zum Verschenken dabei, weil ich mit einer derartigen „Verteilungsaktion“ überhaupt nicht gerechnet habe. Dann wird wieder beschleunigt und die Kinder rennen in einer Staubwolke den Bussen hinterher. Eine unwürdige Situation. Im Bus die „Herren“ und draußen die „Wilden“.

Einmal halten wir auf freier Strecke bei einem alleinstehenden Haus, in dem Frauen angeblich irgendein Selbsthilfeprojekt betreiben. Wenn ich’s recht verstehe, geht es darum, dass Sie Wasser nicht mehr mit Eimern von weit her holen wollen (die Frauen hat man ja unterwegs vom Bus aus gesehen), sondern dass sie einen Brunnen bauen wollen. Dazu brauchen sie das Geld der Touristen und dazu steht hier im Haus ein Spendenkörbchen bereit. Warum die Spendensammlung quasi auf dem freien Feld stattfindet, warum über das Projekt nicht im Hotel berichtet wurde, warum es auch hier keine Informationsflyer gibt, wie, was, wann und wo geschehen soll, werde ich nie erfahren.

Langsam kommt mir der Verdacht, dass die Bushtour ausschließlich dem Zweck dient, den Touristen klar zu machen, wie gut sie’s doch im ASC-Hotel haben. Hat der ASC seine Gäste erst mal so weit, dass sie sagen: „Schau mal, wie schlecht es den Afrikanern geht, da ist unser Leben im Hotel doch der reinste Luxus“, klagt auch keiner mehr über das Angebot des ASC und beschwert sich auch keiner mehr über den miesen Service. „Schließlich muss man sich immer vor Augen halten, dass wir hier nicht in Europa sind.“ Darum geht’s aber nicht. Einige Dinge stoßen mir hier gewaltig auf: Erstens ist der ASC ein europäischer Veranstalter mit europäischen Preisen, da erwarte ich dann auch europäischen Service. Zweitens stört es mich, dass der ASC bei seinen Infoveranstaltungen von Kontakten mit Einheimischen abrät (sie können alles, was sie brauchen im Hotel bekommen), sie dann aber in einer Weise vorführt, indem man „Reiche“ durch ärmere Gebiete karrt, wo diese dann nach Gutsherrenart an Kinder Bonbons und Kugelschreiber verteilen können, gerade so, wie man in Deutschland Brotkrumen an Tauben und Enten verteilt.


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LÖWENZAHN UND ZEBRASTREIFEN
REISEBERICHTE AUS AFRIKA


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