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Kenia Nordküste – Teil 2

Wenn’s mal regnet, dann kurz und heftig.


Heute bin ich schon sehr früh aufgestanden, weil ich vorhabe, den Sonnenaufgang über dem Indischen Ozean zu fotografieren. Doch das wird leider nichts. Die tief liegende Wolkenbank über dem Meer ist undurchdringlich. Es wird einfach nur hell, ohne dass man irgendwo die Sonnenscheibe sieht. Die erkennt man erst, wenn die Sonne schon viel zu hoch steht und dort viel zu grell scheint. Einen Vorteil hatte das frühe Aufstehen aber doch: Es sind keine Beachboys da und keine Touristen, nur unberührte Natur, z. B. diese etwa handtellergroßen Krebse, die über den Strand krabbeln und sich bei jeder noch so kleinen Bewegung meinerseits ruck-zuck in Löcher im Sand zurückziehen. Das macht Spaß und das weckt den fotografischen Ehrgeiz in mir. Wer wird schneller sein, mein Auslösefinger oder der Krebs?

Leider wird nachdem es mit dem Sonnenaufgang nichts war, auch dieses fotografischen Abenteuer sehr schnell beendet. Was ich in Afrika nun wirklich nicht erwartet hätte – es regnet wahre Sturzbäche vom Himmel, so dass man die Kamera sicherheitshalber lieber in eine Plastiktüte steckt, will man sie nicht ganz verlieren.

Nach einer halben Stunde aber ist alles wieder vorbei. Nicht so für die Dachdecker der benachbarten Hotel-Villen. Deren Arbeit beginnt jetzt erst. Die aus Palmwedeln geflochtenen Makuti-Dächer haben dem Regen nicht Stand gehalten und müssen in aller Eile (und das im Pole-Pole-Land) rechtzeitig vor dem nächsten großen Regen ausgewechselt werden.

Bambury Nature Trail


Nachdem ich mich (zurück im Zimmer) geduscht, getrocknet und umgezogen habe, gehe ich erst mal zum Frühstück und hernach raus aus dem Hotelbereich. Im Hotel hält mich einfach nichts.

Auch die Ladenstraße vorm Hotel konnte die gewaltigen Niederschlagsmengen nicht fassen. Dabei hat’s höchstens 20 Minuten geregnet, aber wie! Die Straße steht auch eine Stunde nach dem Wolkenbruch noch kniehoch unter Wasser.

Wasser ist nicht so mein Ding. Ich bin nach Afrika gekommen, um Tiere zu sehen, afrikanische Tiere. Was nämlich ist eine Afrika-Reise ohne wilde Tiere? Im Haller-Park soll man Tiere sehen können, habe ich gelesen. Dort will ich heute hin, quasi eine Art Vorab-Safari machen, sehen, wie sich die verschiedenen Tiere verhalten und mit welchem Objektiv man die einzelnen Spezies am effektivsten ablichten kann.

Der Haller Park liegt im ehemaligen Kalkstein-Steinbruch der Zementfabrik Bamburi Cement, etwa 10 km von hier. Da ich aber nicht weiß, wo das ist und wie man hinkommt, geht das nicht mit Zu-Fuß-gehen nicht. Muss ich eben ein überteuertes Taxi anheuern. 15 $ will Moses, der Taxifahrer, dafür und das, wo der Monatslohn hier in Kenia, so habe ich zumindest gelesen, bei etwa 40 bis 50 € liegen soll. Ein viertel Monatslohn für 10 km Fahrt! Ganz schön heftig.

Aber wenn ich schon so viel Geld ausgeben soll, muss die Fahrt auch gut überlegt sein. Deshalb bitte ich Moses auf dem Weg zum Haller-Park unbedingt beim WEMA-Center vorbeizufahren, einem Kinderheim in Utange, das etwa 10 km vom Hotel entfernt liegt. Vom WEMA-Center habe ich erst kurz vor meiner Abreise nach Afrika in der Augsburger Zeitung gelesen. Da haben nämlich Augsburger Polizisten eine Kuh gespendet. Und weil ich selbst aus der Nähe von Augsburg komme und das WEMA-Center praktisch „vor der Haustür“ liegt, muss ich einfach hin. Auf dem Weg dorthin fährt Moses irgendwo auch über Land und so sehe ich endlich ein reales afrikanisches Dorf. Mir wird ganz komisch, wenn ich einesteils die Häuser hier sehe und dann im Gegenzug an den Taxipreis denke. Da passt irgendwas nicht zusammen.

Als wir am WEMA-Center ankommen, ist das Kinderheim leider verschlossen und es ist gar nicht so einfach, auf sich aufmerksam zu machen. Erst nach längerer Zeit kommt jemand ans Tor, so dass ich mein Anliegen vorbringen kann. Doch der junge Mann ist misstrauisch. Nachdem ich in meinem Drängen nicht nachlasse (ich will ja unbedingt etwas über die Kuh wissen) erhalte ich wenigstens einen Zettel mit einer Telefonnummer drauf und den Hinweis, ich solle mich doch mit Timothy (den Nachnamen habe ich mir leider nicht notiert und deshalb inzwischen vergessen) oder Lucy Yinda in Verbindung setzen. Die würden dann mit mir einen Termin ausmachen. Das ist für mich voll okay, mehr kann ich im Augenblick nicht wollen.

Mit der Telefonnummer im Gepäck fahren wir weiter zum Haller Park. Als mir Moses anbietet, am Hallerpark auf mich warten zu wollen, wird mir schon klar, warum die Fahrt so teuer war: Moses hat sich den viertel Monatslohn durch die heutige Tageseinnahme bereits gesichert, da wird er doch nicht noch zusätzlich Sprit verfahren. Das Geld ist eingefahren, da kann man sich ganz entspannt und in Ruhe zurücklehnen. Pole, pole!

Im Haller Park gibt es Gehege mit unzähligen afrikanischen Wildtieren, zwar keine Löwen und Leoparden, aber immerhin Flusspferde, Antilopen und unzählige Savannenvögel, dazu gibt’s einen Schlangen- und Reptilienpark, einen Palmengarten und zwischen einem romantischen Seerosenteich und den Krokodilgehegen gelegen, das Whistling Pine Restaurant. Dort will ich Moses in 2 Stunden wieder treffen.

Von Moses getrennt gilt mein Interesse zunächst den Tieren. Du kannst in Afrika aber nicht einfach so davonstapfen, so wie wir das bei uns im Zoo gewohnt sind, nein, nein. In Afrika gibt es für alles einen Guide. Mein Haller-Park-Guide heißt Alfred. Zunächst führt er mich zu einem Tümpel, in dessen schlammig braunem Wasser sich Flusspferde tummeln. Obwohl man nur deren Nasenlöcher, Augen und Ohren sehen kann, bin ich begeistert.

Ruhig schnauben die Tiere vor sich hin. Flusspferde können vereinzelt bis zu vier Tonnen schwer werden. Sie sind damit – nach dem Elefanten – die zweitschwersten Landtiere Afrikas überhaupt. Obwohl sie recht rundlich wirken, hätten sie, so Alfred, extrem wenig Körperfett. Die meiste Zeit verbringen Flusspferde im Wasser. Das entlastet nicht nur die Gelenke, sondern sorgt auch für angenehme Kühlung. Flusspferde können bis zu 7 Minuten tauchen, d. h. für uns Afrika-Touristen, dass man nicht gleich in jeden Tümpel springen sollte, der könnte bewohnt sein. Auch dann, wenn sich die „Hausherren“ mehrere Minuten nicht zeigen. In dem Zusammenhang sei erwähnt: Die meisten Wildunfälle in Afrika geschehen nicht, wie man annehmen könnte, mit Raubkatzen oder Krokodilen, sondern eben mit den gemütlich wirkenden Flusspferden.

Wenn man Krokodile so am Seeufer liegen sieht, wie sie sich sonnen und das Maul aufreisen, dann kann ihr Anblick schon Respekt einflößen. Zumal dann, wenn es zwischen „Saddam Hussein“, so heißt das Krokodil, und dir kein Gitter gibt. Das weit geöffnete Maul diene aber nur dem Temperaturausgleich, meint Alfred. Krokodile würden auch nicht beißen, nur festhalten. Man dürfe dann halt nicht zappeln, sonst würden die Tiere nervös. In dem Fall käme es dann schon mal vor, dass man mit heftigen Schleuderbewegungen des Krokodils zerrissen wird. Ah ja! Aber besser als gebissen werden, erscheint mir das auch nicht. Die letzten noch verfügbaren Haare am Rücken stellen sich auf zu einem Pelz. Sei’s drum, ich muss noch näher ran, um ein Foto zu machen.

Gegenüber Krokodilen sind Flusspferde mit ihren 7-Minuten-Tauchgängen wahre Stümper. Krokodile können bis zu einer Stunde unter Wasser bleiben. Das liegt daran, dass sie einen extrem niedrigen Sauerstoffverbrauch haben. Krokodile paddeln auch nicht wie wir, sondern sie legen beim Schwimmen ihre Beine unbeweglich dicht an den Körper und treiben sich nur mit dem kräftigen Schwanz voran.

Zu den Giftschlangen will ich lieber nicht. Genug Gänsehaut für heute. Wer weiß, wie dort die Käfige aussehen und ob’s überhaupt Käfige gibt. Ne, so ein ein wuselnder, leichenmachender Schnürsenkel ist jetzt nicht so mein Ding. Lieber gehen wir weiter zu den Wasserböcken, die scheinen friedlich zu sein. Wenn man diese Tiere zum ersten Mal sieht, fragt man sich unweigerlich, „warum brauchen die im heißen Afrika ein dermaßen dichtes Fell?“ Die Erklärung ist ebenso simpel wie überzeugend: Wittern Wasserböcke nämlich Gefahr, dann flüchten sie einfach ins Wasser und warten dort so lange, bis die Luft wieder rein ist. Beim „stundenlangen“ Warten und Ausharren hilft ein wasserdichtes, mit öligen Sekreten eingefettetes Fell dann ungemein.

Überall im Hallerpark laufen die auch aus Europa bekannten typischen Parkvögel herum, nur mit dem Unterschied, dass Kronenkraniche und Perlhühner in Afrika auch wild vor kommen.

Zum Abschluss der Führung – und man glaubt gar nicht, wie schnell zwei Stunden vergehen, wenn man fotografiert – treffen wir auf Seychellen-Riesenschildkröten, die hier zwar nicht heimisch sind, aber die sich im Haller-Park eingelebt haben. Sie können ohne Zäune im gesamten Gelände umherlaufen und dienen hier quasi als lebende Rasenmäher. Wenn man so will, eine Art gepanzerte Schafe. Und ähnlich harmlos und zutraulich wie unsere Schafe, sind sie dann auch, so dass es fast schon ein Muss ist, sie an ihrem langen Hals zu kraulen.

Wie verabredet, treffen wir Moses im Whistling Pine Restaurant. Ich hab mächtig Durst und genehmige mir, und natürlich den beiden, das wird in Afrika so erwartet, eine Cola.

Mombasa


Wenn man schon mal in Kenia ist und das Hotel nur wenige Kilometer von Mombasa entfernt liegt, dann darf ein Besuch in der „Schönen“ nicht fehlen. Ich frage Moses, ob er noch Lust habe, mich nach Mombasa zu fahren, mir die Stadt zu zeigen. „Klar“, sagt Moses, „das kostet aber weitere 10 US-$.“ Jetzt ist er mit seinen Forderungen schon bei einem drittel Monatslohn, da hätt’ er seine Cola im Whistling Pine auch locker selbst bezahlen können.

Wir fahren also nach Mombasa. Den Makupa Causeway runter geht’s ja noch ganz zügig, aber ab der Brücke über den Port Tudor hat die Fahrt nahezu ein Ende. Schritttempo ist angesagt. Zum Glück muss ich in diesem Tohuwabohu nicht selbst fahren. Jetzt zuckeln wir die Jomo Kenyatta Avenue runter, durch die ganze Stadt. Zu Fuß wäre ich „tausendmal“ schneller gewesen. Andererseits ist man im Taxi wenigstens einigermaßen sicher.

Nach einer Zeit, die mir endlos vorkommt, stoppen wir beim Arabic Coffee Pott vorm Fort Jesus. Moses meint, er würde mich in zwei Stunden wieder abholen. Wie, was? Ich dachte, er wollte mir die Stadt zeigen. „Nein, nein, nein, das darf ich nicht! Dafür gibt’s in Mombasa extra Guides.” Das erzählt er mir jetzt, wo wir in Mombasa angekommen sind. Ich werde das Gefühl nicht los, hier so richtig ausgenommen zu werden. Oder stimmt das mit den 40 bis 50 € Monatslohn eventuell nicht. Als Afrika-Neuling bin ich völlig überfordert. Ich komm überhaupt nicht mehr zu Wort. Mir hängt nur noch die Kinnlade runter.

Während ich um Fassung ringe, verhandelt Moses mit einem Typen, der mir die Stadt zeigen soll. Francis heißt der Guide. Der will für die Stadtführung weitere 25 €. Das sind 50 Mark! Ich rechne immer noch in Mark, schließlich hat man uns erst vor ein paar Tagen den Euro aufs Auge gedrückt. 50 Mark für eine Stadtführung? Das hätte ich in München niemals gezahlt. Ich fühl mich vollends verarscht. Kann Moses nicht oder will er hier einen Spezl mitziehen und ihn am Goldesel beteiligen? Die haben schon spezielle Bräuche, die Kenianer. Halt, nicht pauschalisieren, aber Moses scheint mir schon ein ganz Besonderer zu sein. Schließlich hatten wir das vorhin im Haller Park ganz anders ausgemacht.

Aber was soll ich machen? Ich habe keine Ahnung, wie ich von Mombasa aus zum Hotel zurückkommen soll. Dorthin, wo es keinerlei öffentliche Verkehrsmittel gibt. Notgedrungen trenne ich mich ein weiteres Mal von meinen „grünen Freunden“ Hamilton, Lincoln und Washington. Sie werden mir echt fehlen.

Als ob ich dem Guide nicht selbst sagen könnte, was ich sehen möchte, übernimmt Moses äußerst geschäftig diesen Part für mich. Er schnappt sich mein Reisetagebuch und erklärt Francis anhand meiner zuhause erstellten Urlaubsplanungen, an was ich so alles gedacht habe. Vielleicht erklärt Moses ja auch ganz was anderes. Jedenfalls zeigt er Francis meine Liste und die beiden reden und reden und reden. In einer Sprache, die ich nicht verstehen kann. Mich beschleicht ein komisches Gefühl…

Francis startet die Tour durch die „Schöne“, wie Mombasa auch genannt wird, in der Mbarak Hinawy Road. Sie war bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts eine der wichtigsten Geschäftsstraßen. Hier gab es Regierungsgebäude, Konsulate und private Büros europäischer und indischer Geschäfte. „Gab“, ist das Stichwort. Das war mal. Und was heute hier schön sein soll, weiß ich nicht. Sicher waren die Häuser früher mal makellos, aber heute sind sie heruntergekommen und die Straßen sind Schlaglochpisten. Aber wir sind ja zu Fuß.

Auch die 1570 erbaute Mandhri Moschee findet man hier in der Mbarak Hinawy Road. Sie sei die älteste, heute noch genutzte Moschee. Man erkennt die Moschee an ihrem auffälligen konischen Turm mit den riesigen Lautsprechern dran. Rein darf ich als „Ungläubiger“ in die Moschee der Sunniten aber nicht. Neben dieser Moschee, die mich wahrlich nicht „vom Hocker haut“, soll es in Mombasa noch über zwanzig andere Moscheen geben, dazu noch eine ganze Reihe Tempel und Kirchen jeglicher Glaubensrichtungen, die würden sich für eine Besichtigung aber nicht lohnen und fotografieren dürfte ich dort eh nicht.

Dann versucht Francis etwas Neues und führt mich nun kreuz und quer durch die verwinkelten Gässchen. Das gefällt mir schon besser. Hochinteressant für mich ist, wie vielen verschiedenartigen Menschen und Religionen wir jetzt begegnen, schwarzen, gelben, braunen und weißen, Moslems, Hindus, Christen und was weiß ich was noch alles. Unzählige verschiedene Kulturen und Religionen treffen hier aufeinander und was das Schöne ist, sie leben offensichtlich alle friedlich neben- und miteinander. Das schafft schon eine besondere Atmosphäre.

In der Altstadt selbst, mit ihren engen Gassen, überwiegen aber die arabischen Einflüsse. Was ich noch nie gesehen hab, Moslemfrauen im typischen schwarzen Buibui, welcher sie Kopf bis Fuß umhüllt. Allerdings, man weiß man dabei gar nicht, ob unter dem Gewand tatsächlich ne Frau steckt oder sonst was. Francis sagt, das Gewand schütze die Frau vor ungewollten Blicken. Okay, die Frau wird vor Blicken geschützt, sie aber kann durch ihre Sehschlitze alles beobachten. Vielleicht besorg ich mir auch so nen Umhang. Da kann man gut seine Kamera drunter verstecken. Aber Spass beiseite, sind es wirklich die Frauen selbst, die nicht gesehen werden wollen oder wird der Buibui den Frauen von eifersüchtigen Männern übergestülpt?

Die Männer der Bui-Bui-Trägerinnen sind weniger versteckt aber auch in Traditionen verhaftet. Viele tragen als Kopfbedeckung das traditionelle Kofia, einen flachen, zylindrischen Männerhut ohne Krempe und dazu ein weißes, wallendes Gewandt. Zur Theorie, dass die Männer ihre Frauen vor neugierigen Blicken verstecken wollen, würde auch passen, dass die Balkone der meisten Häuser hier – das sei auch typisch für Mombasa – komplett mit Holz verkleidet sind. Ob meine Theorie richtig sein, kann (oder will?) mir Francis nicht beantworten

In einer Seitengasse, ich weiß schon lange nicht mehr, wo wir sind, haben wir Gelegenheit, einen Schreiner-Betrieb zu besichtigen. Die Tür ist auf, und Francis geht hinein. Ich folge ihm. Und Wunder über Wunder, hier geht’s zum ersten Mal auch ohne „Greenbacks“ (US-$-Noten). Stattdessen werden wir herzlich begrüßt. In der Schreinerei werden Geländer und Träger für die geschnitzten Balkone hergestellt, aber auch Betten und die kunstvoll geschnitzten Türen, die für Mombasa ebenfalls typisch sind. Ein paar Fotos und wir gehen wieder.

In den Straßen Mombasas bestimmt Kisuaheli das Sprachgewirr, doch die meisten Geschäfte haben arabische oder indische Namen. Eines der Häuser aber weist auf ein deutsches Unternehmen hin, eins, das ich in der ostafrikanisch-arabisch geprägten Altstadt unterm Äquator nun wirklich nicht vermutet habe. Links oberhalb einer Verkaufsbude mit Wellblechdach sieht man neben der Comiczeichnung eines Fußballers der Schriftzug „Bayern Munich Mombasa“ und rechts oben ziert das Vereinslogo aus Bayern die Hauswand. Francis erzählt mir eifrig, dass in dem Haus der Torwart des Fußballclubs Bayern Munich Mombasa wohne. Quasi der schwarze Olli Kahn. – „Und?“, frag ich. Francis konnte ja nicht wissen, dass mich Fußball so was von überhaupt nicht interessiert. Aber Wahrscheinlich hat er gedacht, „Deutschland + Fußball = Bayern München“.

An der ehemaligen Polizeistation vorbei gehen zurück zum Arabic Coffee Pott und zum Fort Jesus. Fort Jesus ist, neben den Elefantenstoßzähnen, die ich unbedingt auch noch sehen will, die größte Sehenswürdigkeit Mombasas. Der Bau wurde 1593 von den Portugiesen begonnen und drei Jahre später fertiggestellt. Es steht an einer strategisch überragenden Stelle und wacht über die Einfahrt zum „Alten Hafen“. Das Gebäude hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, eine Geschichte, gekennzeichnet von Mord und Totschlag, Belagerung, Hunger, Bombardierung und Verrat. Begriffen, die man unweigerlich mit den politischen Wirren des gesamten Küstenstrichs in Verbindung bringt. Fort Jesus wurde 1958 zum Nationalmonument erklärt. Um es innen zu besichtigen müsste man noch mal 8 $ löhnen. Das ist mir die Sache im Augenblick dann doch nicht wert. Gebäude sind nicht so mein Ding.

Hinter dem Fort zeigt mir Francis einen Baum, auf dessen Zweigen ich unbedingt rumkauen soll, meint er. Die Zweige seien schmerzstillend, fiebersenkend und sie würden auch bei Erkältungskrankheiten helfen. Chinin, das in der Rinde des Chinarindenbaums vorkommt, helfe auch bei Malaria, vor allem bei der schlimmen Malaria Tropica. Ein echter Wunderbaum also. Aber außer dass die Zweige gallebitter schmecken, merke ich nichts.

Nach dem Ausflug in die Volksmedizin gehen wir weiter zum alten Hafen. Hier steht auch die Fischmarkthalle. Morgens soll’s hier lebhaft zugehen, aber als wir kommen, haben die Fischer ihren Fang bereits verkauft und machen Pause.

Nicht so die Tagelöhner, die sich hier für ein paar Euro den Buckel krumm schuften. Manche der Männer wiegen noch nicht mal die Hälfte von mir, tragen aber 3 Säcke auf einmal. Ich würde schon unter der Last eines Sacks zusammenbrechen, zumal bei dieser Hitze. Drei Säcke, das glaubt mir zuhause keiner, weshalb ich unbedingt ein Foto machen möchte. Das möchte aber die Stadtverwaltung nicht. So steht’s zumindest in allen gängigen Reiseführern. Doch das sei alles Quatsch, meint Francis, auch nach mehrfacher Nachfrage.

Das Old Post Office, das ebenfalls am Hafen liegt, dient heut nur noch als Souvenir-Laden. Souvenirs aber brauch ich nicht.

In der Markthalle am Ende der Digo Road will Francis den Stadtrundgang mit mir beenden. Hier sieht man Dinge, die man als Europäer so noch nie gesehen hat. Obst- und Gemüsesorten, die man noch nicht mal aus dem Lexikon kennt. In Säcken angebotene Gewürze verbreiten ihr typisches Aroma. Dazu gibt’s Fisch in allen nur denkbaren Arten. Was für mich gewöhnungsbedürftig sind die Fleischtheken. Obwohl die Luft in der Markthalle stickig heiß ist, wird weit und breit nichts gekühlt. Tausende von Fliegen krabbeln über die Fleischmassen und – so schätze ich mal – vergraben ihre Eier drin. Das noch nicht tote Fleisch, vornehmlich in Form von Hühnern, hängt in winzigen Holzverschlägen oberhalb der Verkaufsstände. Lebendig bleibt das Fleisch einfach länger frisch. Geschlachtet wird dann bei Bedarf, vor den Augen der Kunden. Natürlich will ich dieses für mich archaische Tun gerne fotografisch dokumentieren, doch das wird mir bestimmt und sehr nachhaltig untersagt.

Jetzt will ich unbedingt noch die gekreuzten Elefantenstoßzähne sehen. Ich bin der Meinung, dass man nicht in Mombasa war, wenn man die Tusks nicht gesehen hat. So begleitet mich Francis nicht ganz glücklich auch noch dort hin.

Die Tusks, also die Elefantenstoßzähne haben die Form eines M und überspannen die Fahrbahnen der Moi Avenue. Die Zähne bestehen Aluminiumblech. An manchen Stellen ist das Blech so kaputt, dass man im Innern das einfache Gerüst sehen kann, an denen die Beplankung befestigt ist. Francis Angaben zu den Tusks sind aber recht widersprüchlich. Ist das der Grund, weswegen er nicht hierher wollte? Mal sagt er, die Tusks 1956 seien anlässlich des Besuchs von Prinzessin Margret errichtet wurden, ein andermal, dass ein Besuch von Königin Elisabeth im Jahre 1952 der Anlass war. Vielleicht sollte man dazu wissen, dass Elisabeth II erst am 2. Juni 1953 in der Westminster Abbey gekrönt wurde und so 1952 (zumindest nicht als Königin) dort gewesen sein kann. So viel zu den Informationen, die mein „autorisierter“ Stadtführer von sich gibt. Nichtsdestotrotz, ich hab die Tusks gesehen und versucht, sie so zu fotografieren, dass man ihren Verfall nicht gar zu sehr sieht.

Damit wollen wir’s mit Mombasa dann aber auch endgültig bewenden lassen. Gegen 16:00 Uhr endet meine Stadtführung durch Mombasa. Francis bringt mich zurück zum großen Platz vorm Fort Jesus, wo inzwischen auch eine ganze Reihe von Ausflugsbussen steht. Dazwischen steht auch Moses mit seinem Taxi.

Mombasa, die Schöne, so es diese jemals gegeben hat, kann ich nicht erkennen. Mombasa von heute ist nur noch ein Drecksloch. Klar gibt es hier und dort noch schöne, teure und gut abgeschirmte Viertel, aber drum rum ist alles doch recht runtergekommen. Mombasa macht so gar nicht den Eindruck eines afrikanischen Urlaubsparadieses.

Zusammenfassend komm ich zu dem Schluss, dass Mombasa für Tages-Besucher eher abschreckend ist, dass einem die drückende Hitze zu schaffen macht und dass es in den Seitenstraßen nicht nur so aussieht, sondern auch so riecht, als würde man die ganze Zeit durch eine riesige Müllkippe gehen. Traum-Urlaub am Indischen Ozean, bot der African Safari Club an. Davon gesehen habe ich bisher nichts bzw. nur wenig. Was ich gesehen habe, ist das ärmliche leben der Kenianer in ihrer Vorzeigestadt. Wie muss dann erst das Leben im Hinterland aussehen?

Am späten Nachmittag kommen wir am Dolphin an. Für die Rückfahrt will Moses abermals 25 $. Aber nicht mit mir! Hier vorm Hotel habe ich den Trumpf in der Hand. Mehr als 5 $ bekommt er nicht mehr. Eigentlich hätte ich ihm gar nichts mehr geben sollen (zumindest nichts, was mit Geld zusammenhängt). 40 bis 50 $ Monatsverdienst, stand im Reiseführer, da passt doch was nicht. Als Moses die 5 $ einsteckt, wirft er mir noch ein freundliches Lächeln zu, ich komm aber nicht umhin, das als schelmisches Grinsen zu deuten, das Grinsen eines „Spitzbuben“, der es heute mit einem touristischen „Oberdeppen“ zu tun hatte.


 

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