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… und hinterher nach Sansibar

Samstag, 27.8.2009 2/2

Feuer am Boot


Zurück im Blue Oyster geb’ ich die Ansichtskarten ab und setz mich erst mal auf die Terrasse, weil ich endlich – zum ersten Mal in diesem Urlaub – so richtig relaxen will. Doch dazu kommt’s nicht, denn da unten zünden irgendwelche Fischer ihr Boot an. Warum das denn? Sind die sauer, weil sie zu wenig Fische gefangen haben oder was ist das für ein Ritual? Das muss ich herauskriegen. Also schnapp ich mal wieder meine Kamera und geh runter.

Und tatsächlich – wie ich’s vermutet hatte. Die zünden tatsächlich ihr Boot an, weil’s mit dem Fischfang nicht mehr so richtig klappt. Der Hintergrund ist folgender: Waren die Boote (während einer ganzen Fangperiode) zu lang im Wasser gewesen, saugt sich das Holz voll und die Boote werden mit der Zeit schwer und unhandlich. Dazu kommt, dass sich am Holz allerlei unerwünschter Bewuchs breit macht. Mit dem Feuer schlagen die Fischer also mehrere Fliegen mit einer Klappe: Erstens brennt es den unerwünschten Bewuchs weg, sodass das Boot im Wasser wieder besser gleiten kann und damit schneller wird, zweitens sorgt die Wärme des Feuers dafür, dass das Boot trocknet und somit leichter wird und drittens ziehen sich durch die Hitze die Poren zusammen, sodass man zwar eine „geschrumpfte“, aber auch verfestigte Oberfläche erhält. So wenigstens haben’s mir die Einheimischen „verklickert“. Vielleicht haben sie mich aber auch auf den Arm genommen. Doch wenn man alles hinterfragen muss, sollte man Gespräche mit Einheimischen gar nicht erst suchen oder gleich ganz zuhause bleiben. Für mich jedenfalls war’s interessant, das zu erfahren. Ich bedanke mich für die Information, und mache wieder mal das Einzige, was man in Jambiani (außer Schwimmen) so tun kann: durch die Gegend latschen.

Geöffnet


Auch heute wieder führt mein Weg an der Töpferei vorbei. Gestern hab ich hier den afrikanisch-kanadischen Wal gekauft. Ganz nebenbei wollte der Verkäufer wissen, ob ich ihm vielleicht sagen könne, was „wazi“ auf Deutsch oder Englisch heiße. Nichts Böses ahnend sagte ich: „geöffnet“ und „open“. Dass er das gleich so umsetzt, rührt mich ungemein. Die aus Palmblättern und Kokosfasern hergestellten „Hinweisschilder“ mit dem in Ostafrika völlig unbekannten „Ö“ werden fortan jeden an einen ansich völlig unbedeutenden „deutsch/sansibarischen“ Kontakt erinnern.

Kanga


Ein paar Meter weiter wirbt ein Plakat für „Kanga wear“. Kangas sind Kleidungsstücke, die insbesondere in Tansania und Kenia gerne getragen werden. Allerdings: So richtige Kleidungsstücke sind es nicht – sie sind weder Hemd noch Hose. Kangas sind vielmehr farbenfrohe, badetuchgroße Stoffstücke aus Baumwolle. Manche wickeln sich daraus eine Art Rock, andere wickeln sich die Kanga kleidartig um der Körper und wieder andere benutzen sie als Tragetuch für ihre Kinder. Allen Kangas gemein ist, dass dass sie einen umlaufenden Rahmen haben und im freien Feld in der Mitte einen Spruch, beispielsweise Japo sipati tamaa sikati, sinngemäß Auch wenn ich nichts habe, habe ich immer noch meine Träume oder Naogopa simba na meno yake siogopi mtu kwa maneno yake was so viel heißt, wie Ich fürchte zwar den Löwen mit seinen Zähnen, niemals aber einen Mann mit seinen Worten.

Strand


Wie oft bin ich diesen Strand schon rauf und runter gegangen? Es ergibt sich nichts Neues mehr. In Jambiani ist urlaubsmäßig alles abgegrast. Länger als ein paar Tage würde ich’s hier (so schön es auch ist) nicht aushalten.

Mir fehlt einfach die Abwechslung und mir fehlen Leute, mit denen ich mich unterhalten kann. Vielleicht wär’s zu zweit angenehmer oder wenn man in der Gruppe Urlaub macht, allein aber, zumal im Ramadan, kann auch das vermeintliche Paradies recht schnell öde werden. Hätt’ ich ’nen Volleyball, ich glaub, dann wär’s soweit und ich würde anfangen, ihn Wilson zu nennen und mit ihm zu debattieren.

Gegenwind


Durch die Sandwege zu gehen ist recht mühsam und am Strand entlang kann man nicht überall gehen, also geh ich rüber zur asphaltierten Hauptstraße.

Ich staun nicht schlecht, als ich dort zwei alte Bekannte antreffe. Elisabeth und Gerhard haben sich Fahrräder ausgeliehen und hatten einen Ausflug nach Paje gemacht. Jetzt haben sie mächtig gegen den Südwind anzukämpfen, der mir, der ich zu Fuß unterwegs bin, nicht so sehr zu schaffen macht.

AIDS


Jambiani ist wie ausgestorben. Du triffst nichts und niemanden. Das ist es dann schon eine Abwechslung, wenn Du eine Kuh siehst oder anhand eines Plakats deine Kisuaheli-Kenntnisse überprüfen kannst. An den roten Schleifen erkennt man unschwer, dass das Plakat irgendwas mit AIDS zu tun haben muss und als neugieriger Mensch lässt mir der Text natürlich keine Ruhe. Ich versuch ihn stückchenweise zu übersetzen: Kuwa heißt aufpassen und mwaminifu ist ein treuer, ehrlicher Mensch, kwa kann alles bedeuten. Mpenzi wako ist dein Freund (wörtlich: Freund deiner) und ukimwi wird wahrscheinlich AIDS bedeuten. Eine gute Übersetzung ist das wahrlich nicht, trotzdem kann man auch mit wenigen Worten Kisuaheli verstehen, was uns das Schild wohl sagen will.

Inwieweit AIDS ein Problem in Sansibar ist, kann ich nicht herausbekommen, erstens ist niemand da, mit dem man reden könnte, zweitens wäre das für einen Touristen sicher ein zu schwieriges Thema. Einzige Chance wäre ein Gespräch in einem Krankenhaus oder bei einem Arzt. Doch wie gesagt – hier ist niemand.

Problem Wasser


Mein Weg führt immer weiter nach Norden. Gegen 15:42 Uhr komm’ ich an einem Schild vorbei, das besagt, dass es rechts rüber zur Sea View Lodge geht (Das nur zur Orientierung). Wie weit ich tatsächlich nach Norden gegangen bin? Keine Ahnung! Gefühlt bin ich schon fast in Paje, als links dieser LKW steht und rechts ein paar junge Menschen versuchen, mit primitivsten Mitteln aus einem Brunnen Wasser zu schöpfen.

Erst versuch ich, Blickkontakt herzustellen und als mich die Jugendlichen freundlich anlächeln, trau’ ich mich schließlich auch ran und schau interessiert in das etwa 10 Meter tiefe Loch. Unten sieht man nur eine kleine Pfütze, zu flach, als dass man dort mit den Öffnungen der runtergelassenen 10-l-Kanister noch unter den Wasserspiegel kommt. Das ist echt heftig. Du siehst Wasser, kannst ihm aber nicht mehr habhaft werden.

Wenn ich bisher zuhause geduscht oder gebadet hab’, bin ich nicht mal im Traum auf die Idee gekommen, dass es Gegenden auf der Welt gibt, in denen Menschen ihr Trinkwasser aus versiegenden Brunnen schöpfen müssen, es in dreckigen Eimern oder Kanistern nach Hause tragen und dort erst mal abkochen, um sich nicht sonst noch was zu holen. Jetzt wird’s mir unmittelbar vor Augen geführt.

Das sind Momente, wo man nicht weiß, was richtig ist und was falsch. Egal, was man tut, man wird immer der „überhebliche Ausländer“ bleiben. Nicht vor den Sansibari, sondern vor seinem eigenen Gewissen. Jetzt Euros oder Dollars rüberzureichen, würde diese Selbstüberhebung sicher nur noch unterstreichen. Aber irgendwas muss ich tun, irgendwas muss ich geben! Das einzige, was ich an Tansanischen Schillingen noch bei mir habe, ist ein grüner 500 Schilling-Schein (gerade mal 28 Euro-Cent). Die Mädchen kreischen! Dafür können sie sich (zu Einheimischenpreisen) etwa 40 oder 50 Liter Wasser kaufen…

… und ich werd heute abend wieder für 1500 Shilling je Flasche das eine oder andere Bier in mich schütten. Wohl bekomm’s!

Problem E-Mail?


Ich verabschiede mich von den Jugendlichen und gehe weiter Richtung Norden. Meine Gedanken sind in Deutschland. Übermorgen um diese Zeit werden wir bereits Frankfurt anfliegen oder vielleicht sogar schon gelandet sein. Dann ist es nicht mehr lange hin, bis ich Susanne, Simon und unsere „Ratte“ wiederseh’. Ob „Ratte“ mich nach zwei Wochen Abwesenheit noch erkennt? Mitten im Grübeln sticht mir das „Sale & Pepa“-Schild ins Auge und der Hinweis darauf, dass man dort E-Mails abschicken kann. Susanne wird sich sicher freuen. Ich geh rein. Doch der Computer bereitet mir etliche Probleme. E-Mail-Adressen haben nämlich üblicherweise ein @-Zeichen. Aber weder beim „Q“ noch bei der „2“ und auch sonst irgendwo gibt´s das hier. Auch der Bindestrich (meine Adresse heißt dummerweise delfin-foto@ usw.) ist nirgendwo zu finden. Auf diese Weise ist E-Mail-schreiben über meinen Account nicht nur erschwert, sondern gänzlich unmöglich.

Einzige Chance, Susanne eine Nachricht zukommen zulassen, ist also das Gästebuch der Meeresakrobaten. Da komm ich rein und sehe, dass die Grüße, die ich am Dienstag von Mto wa Mbu aus geschrieben habe, jedenfalls freigeschaltet sind. Also klappt´s! Auch wenn mein heutiger Gruß so gar nichts mit den Meeresakrobaten zu tun hat, kann ich Susanne auf diese Weise „Hallo“ sagen. Da sie das Gästebuch wegen des vielen Spams ohnehin moderieren muss, kann sie den heutigen Eintrag ja wieder löschen.

Langsam muss ich mich sputen, denn als ich aus dem Salt und Peppa rauskomme, sind die Palmen schon mächtig dunkel und ich weiß nicht, wie lange ich brauche, auf direktem Weg wieder zum Blue Oyster zurück zu kommen. Straßenlaternen gibt´s hier nämlich nicht und an eine Taschenlampe habe ich heute Nachmittag in der gleißenden Sonne nicht gedacht.

Ein Versprechen ist ein Versprechen


Es ist kurz vor acht. Die Sonne ist vor eineinhalb Stunden untergegangen, die Moslems dürfen wieder essen und trinken. Wie versprochen bin ich wieder im Starfish, um Mbaraka seine Cola zu spendieren. Abermals textet er mich zu. Er hat so viel zu erzählen und ich scheine wahrlich sein einziger Freund zu sein. „Hab ich dir schon gesagt, dass meine Großmutter 95 ist? Willst Du meine Großmutter sehen? Ich zeige dir meine Großmutter!“


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MIT SCHLAFSACK UND ZELT IN DER SERENGETI … UND HINTERHER NACH SANSIBAR
REISEBERICHTE AUS AFRIKA


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