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… und hinterher nach Sansibar

Samstag, 27.8.2009 1/2
Müßiggang in Jambiani


Wie jeden Morgen bin ich auch heute wieder sehr früh wach, zum einen, weil mich der Mudschaheddin mit seinem Radau schon wieder aus den Federn gerissen hat, zum anderen, weil ich – wie an jedem Tag hier auf Sansibar, versuchen will, endlich mal einen „vernünftigen“ Sonnenaufgang einzufangen (wo sonst auf der Welt halt man bis zum Horizont Meer vor der aufgehenden Sonne?). Heute scheint mir das Glück nun auch tatsächlich hold zu sein. Kurz nach halb sieben entsteigt vor orangeroter Kulisse eine güldene Sonne dem tiefblauen Meer. Dass das heut‘ geklappt hat, ist echt klasse, denn morgen früh, auf der Fahrt zum Delfine-Gucken, kann ich den Sonnenaufgang nicht fotografieren und übermorgen geht’s ja dann auch schon wieder nach Hause.

Die Aufnahme ist im Kasten. Jetzt kann ich mich getrost und in aller Ruhe zurück ins Zimmer verziehen, mich der Morgentoilette widmen und danach abermals auf der Terrasse des Haupthauses des Blue Oyster die fantastische Aussicht aufs Meer und das superklasse Frühstück genießen.

Ich habe vor, den heutigen Tag ganz relaxt anzugehen. Wenigstens einmal möchte ich in diesem Urlaub so gar nichts tun. Ich will nur genießen. Afrika ist ein Traum, das Highlight meines Lebens. Ich habe alles gesehen, was ich mir in meinen kühnsten Phantasien zusammengereimt hatte: Endlose Landschaften, faszinierende Tiere, die Weite des Indischen Ozeans und fantastische, offene Menschen – mit wenigen Ausnahmen. Mehr kann man nicht wollen und mehr kann mir dieses Inselparadies jetzt aber auch nicht mehr bieten. Übermorgen bin ich dann wieder zuhause – aber die Eindrücke, die ich von hier mitnehme, werden ewig in mir sein! Zuhause, ja – ich freu mich auf Susanne, Simon und Chicco – und natürlich meine Arbeit. Dieser Urlaub „Mit Schlafsack und Zelt in der Serengeti …“ hat mir so viel gegeben, dass ich sicher für Monate, ach was, für Jahre noch davon zehren kann.

Ich bin so glückselig, dass ich mich mit Gewalt wieder auf Normal-Level bringen muss. „So Rüdiger, genug geschwärmt. Trink deinen Kaffee aus und dann runter in die Fluten. Wenn du heute nicht schwimmen gehst, dann wohl nie mehr! Stell dir vor, du warst an einem der schönsten Strände der Welt und nicht ein einziges Mal schwimmen. Wenn du das jemand erzählst, die halten dich für verrückt.“

Day high low high low high Moon Sunrise Sunset
Saturday
29.08.09
03:19 am
1,58 m
10:53 am
2,71 m
06:21 pm
1,72 m
11:58 pm
2,22 m
06:25 am 06:23 pm

Es ist nun mal so, dass in Jambiani die Gezeiten beträchtlich sind. Bei Ebbe muss man deshalb manchmal bis fast zum Riff raus laufen, bevor man überhaupt mal nass wird. Aber – man kann nicht alles haben! Aus diesem Grund ist Schwimmen heute ein Muss, egal, wo das Wasser steht. Und so schlecht sieht’s ja gar nicht aus: Um 10:53 Uhr werden wir heute Höchststand haben. Also nichts wie rein in die Fluten.

Im Meer



Das hätte ich nun nicht erwartet. Im offenen Meer zu schwimmen ist erheblich anstrengender als Planschen zuhause im Hallenbad. Man sagt ja, dass man Schwimmen nie verlernt, aber wann bin ich zum letzten Mal wirklich ernsthaft geschwommen? Okay, letzte Woche im Engasero-Wasserfall, das war auch nicht von Pappe. Davor aber – glaube ich – bin ich jahrelang überhaupt nicht geschwommen. Wenn ich mich recht erinnere, war’s das letzte Mal 2002 an der Südküste Kenias. Kein Wunder, dass ich ganz schön ins Pusten komme. Aber das menschenleere, türkisblaue Meer und der Blick Richtung Westen rüber zum Blue Oyster, das ist die Anstrengung allemal wert.


Ne dreiviertel Stunde hab ich mich abgekämpft. Genug für mich. Ich schieß noch ein paar Aufnahmen mit der extra mitgenommenen wasserdichten AS1 und dann geht’s wieder raus an Land.

Am Strand treff ich Elisabeth, die mir zu meinem Entzücken mitteilt, dass sie morgen wohl mitgehen wird auf Delfintour. Ich freu mich total, denn mit Gerhard und Elisabeth habe ich richtig gute Urlaubsbekannte gewonnen. Nen kleinen Dämpfer gibt´s dann aber doch. Elisabeth fährt allein mit, Gerhard ist nicht so der Delfin-Fan. Na ja, wenn er nicht will, so reduzieren sich zumindest die Kosten gegenüber Mittwoch doch etwas, wenn wenigstens Elisabeth mitgeht. Anschließend, meint sie, wollen wir zu Dritt, also mit Gerhard, essen gehen.

Hunger


Essen ist das Stichwort. Ich hätte nie geglaubt, dass Schwimmen so anstrengend ist und so hungrig macht. Nach der Stunde im Meer hab ich Kohldampf, dass mir „die Nasenlöcher rauchen“ und da ich abends immer im Blue Oyster esse, möchte ich heute mal was anderes ausprobieren. Das Starfish soll recht gut sein, habe ich gehört. Dort geh ich nachher hin.

Nachdem ich mich in meinem Zimmer „ausgehfein“ gemacht hab, schnapp ich noch die Ansichtskarten, die ich gestern unten an der Rezeption gekauft hab´, ´nen Kugelschreiber und los geht’s. Zum Glück hab’ ich den Kugelschreiber noch probiert, denn dummerweise tut der nicht mehr. Es ist schon paradox. Da habe ich außer meinem eigenen Kugelschreiber noch 50 weitere zum Verschenken mitgebracht, und nun hock ich da und muss mir irgendwo einen neuen besorgen, damit ich wenigstens die obligatorischen Ansichtskarten schreiben kann. Kugelschreiber sind in Afrika nämlich Mangelware. Drüben am Nachbarbalkon sitzt Sabine, die frag ich mal. Sabine und ihren Mann kenne ich noch vom Dienstag, wo wir zusammen vom Flughafen hierher zum Hotel gefahren sind. Zum Glück hat Sabine noch ’nen Stift und da sie scharf ist auf eine meiner 100 TSh-Münzen, an die man als Tourist so gut wie gar nicht rankommt, kommen wir ins Geschäft: Kugelschreiber gegen eine für Touristen mindestens ebenso seltene 100 TSh-Münze.

Begegnung im Starfish


Zum Starfish sind’s vom Blue Oyster aus gerade mal 100 m Richtung Norden. Abgekämpft, wie ich nach dem Schwimmen bin, ist das für heute weit genug. Nach einer Cola gegen den Durst, bestelle ich mir gegen den Hunger Fisch mit Reis und für den Genuss ein Bier. Das Bier kommt sofort, der Fisch allerdings wird noch etwas dauern. Gerüchte sagen, dass der Fisch, der nachher auf meinem Teller liegen wird, momentan noch gar nichts weiß von seinem „Glück“ und im Augenblick womöglich noch irgendwo dort draußen im Meer rumschwimmt.

Momentan bin ich der einzige Gast. Überhaupt kann man die Touristen, aber auch die Einheimischen, die ich in dieser Woche in Jambiani so angetroffen habe, „an einer Hand“ abzählen. Neben zwei „normalen“ Schwarzen, die hier im Starfish kellnern, läuft zwischen den Tischen noch ein ganz spezieller Typ herum, ein „Rastaman“, einer, wie man ihn selbst für einen Film nicht besser hätte erfinden könnte. Ohne zu zögern kommt er in meine Richtung getorkelt und begrüßt mich mit verwaschener Stimme: „How do you do brother? How do you do …“ Danach textet er mich mit Sprüchen zu, deren Inhalte für mich keinerlei Sinn machen. „Hat der was geraucht?“ Der Typ ist so was von „kaputt“, dass er mir fast schon wieder gefällt. Ein bisschen erinnert er mich in seinem ganzen Gehabe, mit seinen Bewegungen und vor allem in der Art, wie er spricht, an Johnny Depp in seiner Rolle als „Käpt’n Jack Sparrow“.

So ganz wohl ist mir nicht in meiner Haut. Dazu hab ich ein richtig blödes Gefühl: Die „Ramadaner“ hier hungern sich einen ab und ich trink genüsslich Bier – und essen werd’ ich nachher auch noch. Andererseits, wenn sie nicht wollen, dass ein Tourist hier isst und trinkt, dann müssen sie während des Ramadans eben die Kneipe schließen. Ich bin jetzt auf jeden Fall mal da, kann nichts für Ramadan und warm soll das Bier ja auch nicht werden. Als ich mir erneut einen Schluck genehmige, verabschiedet sich „Jack Sparrow“ Richtung „Starfish-Privatbereich“. Dass mir jetzt wohler ist, brauch ich wohl nicht extra erwähnen. Der „Rasta“ hat mich so was von zugetextet, dass es mir fast schon unheimlich wurde. Würd’ mich nicht wundern, wenn er jetzt irgendwo hinten mit Nadeln eine Hengl-Puppe traktiert aufdass mir das Bier aus den Einstichen läuft. Dem ist aber zum Glück nicht so.

Da sitz ich also, mutterseelenallein mit meinem Bier in einer sansibarischen Kneipe – bei Ramadan. Kein Gast weit und breit und auch kein Fisch. Der Fisch schwimmt wohl noch immer irgendwo da draußen rum. Alles ist so seltsam fremd und geheimnisvoll. Nicht nur vorhin „Jack Sparrow“, sondern auch die ganze Atmosphäre hier, die verkehrt herum aufgehängt jamaikanische Fahne und natürlich die Musik. „ … buffalo soldier … in the heart of america …“ Weiter kenn ich den Text nicht. Ich kann aber mit den Fingern schnippen und beim Refrain dann auch wieder stimmlich mithalten: „I’m just a Buffalo Soldier in the heart of America, stolen from Africa, brought to America.“ – hört ja keiner. Es ist schon verrückt, wie der Reggae fesselt. Im Starfish läuft anscheinend nur Reggae. „Could you be loved, Could you be loved …”

Die Musik reißt mich dermaßen, dass ich immer sentimentaler werd. Im Adressbuch für meine Ansichtskarten stoß ich auf Inge, Christina, Mechthild, Margret und Michael. Mit denen war ich 2002 auf Safari. Was die jetzt wohl machen? Egal was, ich denk aber, dass sie sich sicher freuen, von ihrem Ex-Kumpel ne Karte aus Afrika bekommen. Kartenschreiben ist nicht die schlechteste Beschäftigung wenn man an Sansibars Küste auf seinen Fisch wartet. (Die Karten und Marken habe ich übrigens aus dem Blue Oyster. Außerhalb der Hotels gibt’s – ich hab’s schon ein paar Mal erwähnt – in Jambiani ja so gut wie nichts zu kaufen.)

Von Süden her weht ein steife Brise, die hier im Restaurant aber nur noch gedämpft ankommt. Und gedämpft oder besser gesagt gegrillt kommt nun auch mein Fisch. Wer sagt’s denn? Nicht mal 90 Minuten hat’s gedauert und schon wird das Menü serviert. Aussehen tut’s ja lecker. Und dann: Boahh!! Ich bin wie verzaubert. Das ist nicht von dieser Welt. So was Leckereres habe ich schon lange nicht mehr gegessen. Ach wenn doch nur Susanne hier sein und mitessen könnte. Meine Stimmung wird zunehmend sentimentaler. Dazu läuft im Radio – wie bestellt – „No woman, no cry …“ Das macht dich fertig!

Pünktlich, die letzte Gräte ist gerade abgenagt, kommt „Jack Sparrow“ wieder. Mit etwas im Magen hab ich jetzt eher die Gelassenheit, ihm zuzuhören. „Jack Sparrow“ heißt gar nicht „Jack Sparrow“, sondern Mbaraka. Er sagt, dass ihm der Starfish gehöre und er auch Zimmer vermiete. Vier! Jeweils mit Dusche und Frühstück! Pro Nase für 25$ (im Doppelzimmer). Für 15$ könne er mir auch Jambiani zeigen … „Jambiani wurde mir gestern gezeigt. Das war die absolute Katastrophe.“ „Wer hat dir Jambiani gezeigt?“ „Der Maler von dort drüben! Ich glaube Fahd oder Fadhi heißt er.“ „Fadhilli?“ „Ja, kann sein, dass er so hieß.“ „Du kannst dir Jambiani doch nicht zeigen lassen von einem Mann aus Dar es Salaam kommt. Der kennt die Insel nicht.“ „Woher soll ich wissen, woher er kommt?“ „Wenn Du Jambiani kennenlernen willst, musst du dir einen einheimischen Führer nehmen. Ich bin in Jambiani geboren – vor 38 Jahren. Meine Mutter ist in Jambiani geboren, auch meine Brüder sind in Jambiani geboren. Meine Großmutter auch. Die ist 95. Willst Du meine Großmutter sehen? Ich zeige dir meine Großmutter!“ „Hä?“ Was will der bloß mit seiner Großmutter? Mir haut es nur noch so die Fragezeichen aus dem Hirn.

Die Musik im Radio hat inzwischen gewechselt. „ …you are not alone… ”, meint Michael Jackson. Als ob ich das nicht selbst merken würde. Außer mir und Mbaraka sind wohl auch all seine Ahnen da und bestimmt auch andere für mich nicht sichtbare Wesen. So zumindest wird es mir von Mbaraka suggeriert. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Mbaraka der Ramadan nicht so gut tut. Sein Blick und seine Stimme leiden beträchtlich. Aber sein Fischmenü ist klasse und so verspreche ich ihm, dass ich seinen „Starfish“ groß auf meiner Homepage erwähnen werde. „Ist es okay, wenn ich schreibe:“


The presumably best fish in all Zanzibar, no, that’s not correct, probably in the whole world, is served in Mbaraka’s Starfish in Jambiani on the eastshore of Zanzibar!
Den wohl besten Fisch in ganz Sansibar, nee, das stimmt nicht, wahrscheinlich auf der ganzen Welt, gibt’s in Mbaraka’s Starfish in Jambiani an der Ostküste Sansibars!

„Oh man, that’s so good, that’s so good …“

Ich glaube, so „speziell“ Mbaraka auch sein mag, dass man sich auf ihn verlassen kann. Außer abermals 15 $ in den Sand zu setzen kann ja nichts weiter passieren. So verabrede ich mich also mit ihm auf morgen15:00 Uhr aufdass er mir Jambiani so zeigt wie es Fadhilli nicht konnte (und, wer weiß, vielleicht zeigt er mir ja auch seine Großmutter?) Jetzt muss ich aber gehen. Zwei Stunden Starfish, das super leckere Essen, aber auch über eine Stunde Mbaraka, das muss man erst mal verdauen.


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MIT SCHLAFSACK UND ZELT IN DER SERENGETI … UND HINTERHER NACH SANSIBAR
REISEBERICHTE AUS AFRIKA


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