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Mit Schlafsack und Zelt in die Serengeti

Montag, 24.8.2009 (1/4)
Morgennebel


Ich habe geschlafen wie ein Toter und von der prognostizierten Kälte habe ich absolut gar nichts gespürt. Nicht mal nachts um zwei, als ich kurz rüber gegangen bin zum Klohäuschen (aua, an den Elefanten von gestern Abend hatte ich heute Nacht überhaupt nicht gedacht). Wie dem auch sei. Wie immer bin ich einer der ersten, der im Urlaub wach ist, weil ich heute unbedingt den Sonnenaufgang über dem Krater fotografieren will. Aber noch ist es zu dunkel zum Fotografieren. Die Augen sehen zwar schon was (rechts drüben die Umrisse einiger Bäume, links drüben, fast schon am Kraterrand, der Overlander-Bus aus Spanien), doch selbst bei 400 ASA und Blende 4,5 müsste ich immer noch länger belichten als 30 Sekunden. Das bringt nichts!

Auch jetzt, wo’s heller wird, wird’s mit dem Sonnenaufgang-Fotografieren nichts. Der ganze Krater liegt im Nebel und am Himmel schiebt sich eine Wolkenwand vor die andere. Mist aber auch. Traurig krame ich meinen Voice-Recorder hervor, drücke „REC“ und lass meinem Frust freien Lauf:

„Es ist Montag, der 24. August. Ich befinde mich in der Simba-A-Campsite in 2900 m Höhe auf dem Kraterrand der Ngorongoro-Kraters. Außer mir scheint noch niemand wach zu sein. Weil ich den Sonnenaufgang überm Krater fotografieren wollte, habe ich mir extra den Wecker gestellt. Doch daraus wird nun nichts …“.

Talkman interviewt Werner


Hey, warum soll ich mich denn aufregen? Wenn ich nur schwerlich fotografieren kann, mach ich eben eine Ton-Reportage. Gesagt, getan! Während die meisten noch in ihren Kojen schlummern, schleicht Werner mit einer Klo-Rolle in der Hand unmittelbar an mir vorbei. Den schnapp ich mir. Das ist die Gelegenheit für ein Interview.

„Ond Werner, was isch des jetzt für ein Gefühl, wenn m’r morgens aufwacht, 41 isch und in Afrika am Kraterrand des Ngorongoro-Kraters steht, so morgens om halb siebene?“
„Also ich bin wahnsinnig enttäuscht von Afrika. ’s ist wahnsinnig kalt und neblig wie bei ons em November. Ond des soll Afrika sein? Des isch doch oifach bloß oglaublich.
Vielen Dank für das Gespräch.“

Werner ist tierisch ernst. Aber sobald das rote Licht am Aufnahmegerät ausgeht, bekommt er fast einen Lachkrampf. Ich kann mich dem nicht entziehen und lach mit. Mann, das ist doch was: „Ton statt Bild“. Warum soll ich mir die Laune nehmen lassen, nur weil man momentan schlecht fotografieren kann?

Talkman interviewt Maru


Als nächstes ist eine Frau dran, die ich zwar noch nie gesehen habe, aber was spielt das für eine Rolle? Heute gibt der „Fotoman“ (so wurde ich bei meiner Afrika-Safari 2002 von vielen Einheimischen genannt) einfach mal den „Talkman“. Also los geht’s.

„Hallo, ich bin Rüdiger. Ich schreibe derzeit einen Reisebericht für meine Homepage. Dabei möchte ich meine Eindrücke möglichst authentisch rüberbringen. Meist mach ich das foto-unterstützt, aber du siehst ja selbst, dass das im Moment nicht geht. Um die Stimmung hier am Krater einzufangen, dachte ich, mach ich eben eine Umfrage. Bist du bereit, mir etwas über dich und deine Eindrücke hier in Afrika zu erzählen?“
„Okay!“
„Als dann, Achtung, Aufnahme!“
„Mein Name ist Marusha, mein Nachname da Vila. Meine Freunde aber nennen mich Maru, das ist einfacher. Ich bin in die Serengeti gekommen, weil ich mir zu meinem Geburtstag etwas ganz Besonderes leisten wollte. Vor drei Tagen, am Freitag, bin ich 21 geworden. Der ganze Bus hat gefeiert. Ich werde die Reise niemals in meinem Leben vergessen.“
„Ja, da sag ich doch nachträglich noch ‚Herzlichen Glückwunsch!’ Marusha, nein Maru, ich danke dir sehr herzlich für dieses morgendliche Interview und wünsche dir noch eine wundervolle Zeit in Ostafrika.“

400 ASA, 1/60s, Blende 4


So fröhliche und so ausgelassene Menschen kenne ich von Deutschland her gar nicht. Hier oben dagegen ist jeder für jeden noch so blöden Blödsinn zu haben. Selten habe ich glücklichere und verrücktere Menschen gesehen als die Camper hier oben am Kraterrand. Von allen Zwängen befreit hat das für mich etwas hippie-mäßiges, 45 Jahre später erlebe ich, was ich als Kind nur am Rande mitbekam, die Flower-Power-Zeit. In T-Shirt, kurzen Hosen und „Jesus-Latschen“ mach ich meine Runde weiter. Von Kälte nicht die Spur. 0°C! Das ist doch lachhaft. Oh, offensichtlich doch nicht. Es gibt tatsächlich Leute hier, die das anders empfinden. An eine Tasse Tee geklammert steht eine orangerote Kapuze vor mir und droht zu erfrieren. Das ist doch was für ein Exklusiv-Interview – jetzt, da es heller geworden ist, vielleicht mit Foto!

Ich frage einfach, ob ich für meine HP ein Foto machen und sie interviewen darf. Klar darf ich. Dabei erzählt mir die Frau, dass sie Dipsy heißt, ursprünglich aus Indien und jetzt aus Kalifornien kommt. Zusammen mit ihrem Mann ist sie zum ersten Mal in Afrika.

Weil Dipsy Inderin ist und ich vor zwei Wochen Slumdog-Millionaire gesehen hab, ist das natürlich mein erstes Smalltalk-Thema. Auch sie fand den Film übrigens riesig. Doch zurück zu Afrika. In Afrika gefallen ihr vor allem die vielen, vielen Tiere. Das Wetter hier oben (ja, ich weiß: It never rains in Southern California und Nebel gibt’s dort wohl auch nicht) dagegen mag sie gar nicht, insofern hält sie mich für „obsolutly crackbrained“ (total hirnrissig) nur weil ich bei der Temperatur (wie sie es nennt) in offenen Schuhen, kurzen Hosen, T-Shirt und Fotojacke rumrenne. Ich versuch mich zu rechtfertigen:

„Why do you call me ‚crackbrained’? I think, I’m absolutely dressed for the part and I also wear a jacket.“
„This is hardly a jacket. You must be crazy. You must be really, really crazy.“

Der Wo-samma-Alouis


Inzwischen ist auch Helmut aus seinem Zelt gekrabbelt.

„Sag mal Rüdiger, woisch du eigentlich, von welchem Stamm d’r Alouis isch?.”
„Noi!“
„Ha, d‘ Alouis isch eindeutig a ‚Wo-samma’.”
„Hä?“
„Ja, der isch so kloi, dass er em hohe Gras von der Serengeti emmer hochhopfa muss ond gucka, wo er isch. Dabei schreit er ständig: ‚Wo-samma?’ ‚Wo-samma?’“
Anmerkung: Für alle, die jetzt gleich wieder nach „political correctness“ schreien.
Auch Alouis fand den Witz witzig und hat herzlich drüber gelacht, obwohl der Witz in der schwäbisch-englischen Übersetzung mit „obviously your  tribe is called the ‚were-are-we-tribe“ erheblich verliert.

Wenn wir grad bei Alouis sind, er ist bei der ganzen Safari immer der „Looser“. Während wir nachher in den Krater runterfahren, muss er hierbleiben, unsere Zelte abbauen und dann, bis wir zurückkommen, auch noch ein lecker Mittagessen zaubern. Ich habe da immer ein blödes Gefühl, aber Alouis scheint seinen Job und seine Rolle zu lieben.

Noch mal kurz die Beine vertreten


Um 8:00 Uhr wollen wir in den Krater runter fahren. Wer weiß, wie lang wir dann sitzen und wann ich dann wieder die Beine vertreten oder auf eine Toilette gehen kann. Wahrscheinlich geht im Krater weder das Eine noch das Andere. Also mach ich vor der Abfahrt noch eine kleine Runde und erlebe, wovon ich noch nicht mal zu träumen gewagt hab. Eine Zebraherde mit 8 oder 10 Tieren direkt vor mir. Ohne Zaun dazwischen! Das ist total irre! Gefährlich ist das glaube ich nicht. Die Zebras nehmen überhaupt keine Notiz von mir. Für mich aber ist es ein phantastisches Gefühl.

Anschließend geh ich noch kurz rüber zu den Toiletten und den Duschhäuschen. Da ich die Kamera ständig dabei habe und momentan niemand außer mir da ist, muss ich „das Häuschen“ natürlich auch ablichten. So schlecht, wie im Internet dargestellt, sind die nämlich gar nicht. Die sanitären Anlagen sind sogar richtig gut! Sauber, weiß gekachelt, Handwaschbecken mit Heiß- und Kaltwasser, also mehr kann man in Afrika nun wirklich nicht mehr erwarten.

Vorfreude auf den Krater


Der Krater gehört ebenfalls zum 1959 geschaffenen Ngorongoro Schutzgebiet. Er erstreckt sich über eine Fläche von 259 km². Weil ich mir unter 259 km² aber nichts vorstellen kann, rechne ich mal um in eine Kreisfläche, immerhin ist der Krater ja fast rund. 4 mal 259 km² geteilt durch π und dann Wurzel draus ergibt etwa 18 km. Demzufolge hat der Krater also etwa 18 km Durchmesser. Vor etwa 3 Millionen Jahren war der Ngorongoro noch ein Vulkan, der bestimmt höher war als der Kilimanjaro. Dann ist er zusammengebrochen und geblieben ist das, was wir heute sehen: die größte Caldera der Welt. Eine riesige Schüssel mit fast ebenem Boden und einem rund 600 Meter hohen Kraterrand. Im Westen ist dieser verhältnismäßig glatt. Dort gibt es einige wenige Bäume und das Gras reicht von den Hängen bis zum Kratergrund. Der Osten und der Südosten dagegen ist bewaldet. Das liegt daran, dass die Wolken, die vom indischen Ozean herkommen, hier hängen bleiben und wo’s feucht ist, wächst eben mehr. So einfach ist das. Im Krater soll man auch Sumpflandschaften wie das Mandusi- oder das Gorogor-Swamp finden. Der Lerai Forest dagegen wird beherrscht von gelben Akazien-Bäumen und im Zentrum des Kraters liegt der sodahaltige Lake Magadi, der oft von größeren Flamingoschwärmen besucht wird.

Überall liest man, dass von allen tansanischen Nationalparks der Krater mit seinen 30.000 bis 40.000 Tieren die wohl besten Tierbeobachtungsmöglichkeiten liefert. 30.000 durch 259 km², das hieße ja über 115 Tiere pro km². Alle afrikanischen Pflanzenfresser sollen hier vertreten sein: Gnus, Zebras, Grant- und Thomson-Gazellen, Kuhantilopen, Elenantilopen, Wasserbüffel, Elefanten, Hippos usw., usw. Dazu natürlich Raubtiere wie Löwen und Geparde, oder – seltener – Leoparden. Auch die Vogelwelt soll reichlich vertreten sein: Strauße, Trappen, Sekretärsvögel, Kronenkraniche, Reiher, Geier, Gänse, Flamingos usw. usw. Kurz gesagt, man trifft hier das ganze afrikanische Programm. Der Krater ist zudem einer der wenigen verbliebenen Plätze in Ostafrika, wo man noch die seltenen und stark vom Aussterben bedrohten Spitzmaulnashörner (Black Rhinos) sehen kann. In fünf Minuten geht’s los.


< Simba A Campsite Pirschfahrt im NgoroNgoro Krater >
MIT SCHLAFSACK UND ZELT IN DER SERENGETI … UND HINTERHER NACH SANSIBAR
REISEBERICHTE AUS AFRIKA


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