Homepage / Suche / Gästebuch / Impressum

Mit Schlafsack und Zelt in die Serengeti

Sonntag, 23.8.2009 (5/5)
Am Kraterrand des Ngorongoro (2900m)


Gegen halb sechs, also eine Stunde vor Sonnenuntergang erreichen wir bei 03°13’39” Süd und 35°29’26” Ost die Simba-A-Campsite. Die Koordinaten hab ich jetzt nur geschrieben, weil es Leute geben soll, die ohne Navi gar nicht hinfänden. So ’n Schnickschnack braucht unser Fahrer allerdings nicht. Lazaro findet auch so seinen Weg: jeden Pfad, jeden Strauch und jedes Tier; auch im unwirtlichsten Gelände. Mit diesem Fahrer haben wir echt Glück. Auch hat er ein Timing drauf, dass man eigentlich „umfällt“. Dank Lazaros Können sind wir auch heute unter den Ersten am Platz und können uns die schönsten „Grundstücke“ für unsere „6 m²-Canvas-Villen“ noch in Ruhe aussuchen. Ein paar Meter weg kann man vorab schon etwas in der Krater „hinunterspitzeln“. Aber zunächst heißt es: „Zelte aufbauen“.

Mit vereinten Kräften geht das ruck, zuck und so haben wir vorm Einbruch der Dunkelheit noch etwas Zeit, den Platz anzusehen. Man hat ja im Internet so allerhand gelesen über den Platz: Temperaturen unter 0°C seien keine Seltenheit, stand beispielsweise auch dort. Na, wenn das keine Ente ist! Ich hab so meine Zweifel. Klar sind wir auf „Zugspitzhöhe“, aber wir sind auch direkt unterm Äquator. Da bin ich mal gespannt, was heute Nacht auf uns zukommt.

„Die Ngorongoro-Simba-A-Campsite ist ein sehr einfacher Campingplatz, mit Kochstelle zwar, kalten Duschen und einer Toilette.“ Das kann ich nun wirklich nicht bestätigen! Hier am Platz gibt es nämlich alles, was man braucht: Ein großes Küchenhaus, wo mindestens 30 Köche gleichzeitig kochen können, ein Essenshaus mit an die hundert Sitzplätzen, je zwei Toilettenhäuschen für Männlein und Weiblein getrennt und unzählige (ich schätz mal acht oder zehn) picobello Duschen, die vermutlich aber erst vor kurzem entstanden sind. Einfach ist diese Campsite wahrlich nicht. Einfach kann man vielleicht die Campsite in der Lobo-Area nennen, wo wir vorgestern waren und wo der einzige Wasserhahn, den es gab, 30 cm überm Boden an der Unterkante eines Wassertanks angebracht war.

Der Campingplatz ist top, das ist schon mal klar, aber was ist mit dem Krater? Verzweifelt versuche ich näher an den Kraterrand ranzukommen, um einen Blick hinunter zu erhaschen, doch das ist nicht möglich. Der Kraterrand ist (zumindest hier am Camp) über und über mit Buschwerk und seltenen Pflanzen zugewachsen, sodass es einfach nicht geht. Das hatte ich mir, ehrlich gesagt, ein wenig anders vorgestellt. Ich will aber nicht unken und so fotografiere ich dann eben Pflanzen. Pflanzen, wie ich sie noch nie gesehen habe; Pflanzen, die noch nicht mal in meinem Pflanzenbestimmungsbuch vorkommen.

Durst


Ich streif grad so durch die Botanik, als drüben beim Küchenhaus ein Riesen-Tohuwabohu losgeht. Ich lass Pflanzen Pflanzen sein und renne rüber ins Camp. Da seh ich’s dann auch: Ein mächtiger Elefant hat sich dort eingefunden und macht sich „Rüssel rein – schlürf – Rüssel ins Maul – pruhst“ am Wassertank zu schaffen. Ich hab mal gehört, dass Elefanten Wasser selbst über Kilometer hinweg riechen können und dass sie so auch in den trockensten Gegenden nicht verdursten müssen. Nun, geregnet hat’s hier offensichtlich schon lange nicht mehr, ich erinnere nur an die kargen Böden und die Staubwolken, die wir jeweils hinter unserem Landcruiser hergezogen haben. Der Elefant ist seinem Instinkt gefolgt und hat Wasser gefunden – und für uns „Schmalspurabenteuerer“ ist sein Besuch im Camp die Attraktion schlechthin und wir fotografieren, was das Zeug hält. (Das Foto rechts hat mir übrigens Elisabeth Wolf zur Verfügung gestellt. Danke dafür, Elisabeth.)

Die Guides sind am Rande des Nervenzusammenbruchs! „Tiss is waild ennimell!“, rufen sie in gebrochenem Englisch durcheinander und versuchen uns von unserem Tun abzuhalten. Nützt alles nichts. Hinter ein Auto gekauert mache auch ich meine Aufnahmen. Andere gehen noch viel näher ran, das trau ich mich dann doch nicht. Ein bisschen „Respekt“ habe ich schon. Der Jeep als Deckung gibt mir eine vermeintliche Sicherheit. Der Elefant könnte aber, wenn er wollte, mich mitsamt dem Jeep platt machen. Zum Glück ist der Elefant jedoch sehr, sehr gutmütig und trabt, nachdem er unseren Wassertank halb leer gesoffen hat, friedlich davon.

Was wohl Lazaro gesagt hätte, wenn er mich hier gesehen hätte? Wo ist der überhaupt? Hab ihn schon seit der Ankunft nicht mehr gesehen. Das Auto ist auch weg. Das ist schon komisch! Als ich Alouis im Küchenhaus fragen will, jagen mich die anderen Köche davon. Scheint so eine Art Heiligtum zu sein, das Haus. Das muss ich wohl oder übel respektieren. Allerdings – Alouis hat nie ein Zinnober gemacht, wenn ich ihm beim Essen-Zubereiten über die Schulter sah. Ich glaube, er war auch ein bisschen stolz! Mit Recht! Was der in der Pampa geschaffen hat, alle Achtung! Wenn ich so an meine früheren Zelturlaube zurückdenke, da gab’s wirklich nur „Pampe“.

Das „Malle“ des Schutzgebiets


Die Sonne ist untergegangen und es ist einigermaßen kühl geworden. Bei weitem aber nicht so kalt wie am Freitag in der Lobo-Area. Da bin ich ja fast erfroren. Außerdem waren wir dort total auf uns selbst gestellt, d. h. nicht ganz. Außer uns war auch noch eine Familie aus Belgien da. Aber das war’s dann auch. Die Belgier wollten heute Abend eigentlich auch an der Simba-A-Campsite sein. Gesehen habe ich sie jedoch noch nicht. Allerdings kann man hier an diesem „Massen-Zeltplatz“ auch leicht den Überblick verlieren. Ich schätze, dass hier zweihundert Zelte stehen. Ngorongoro ist eben so was wie das „Malle“ des Schutzgebiets. Hier kommen sie alle hin. Hier werden auch alle Klischees bedient. Eben kam auch noch ein sogenannter „Overlander“, welcher eine lärmende Gruppe Jugendlicher ausspuckte.

Essens- und Akku-Lade-Haus


Werner, Helmut und ich gehen ins Essenshaus und warten an dem uns zugewiesenen Tisch. Wir wollen auch heute – wie immer – zusammen mit unserem Fahrer essen, doch Lazaro ist nicht da. Er ist anscheinend noch mal weggefahren. Alouis weiß aber auch nicht so recht, wohin. Derweil wir warten, versorgt uns Alouis mit selbstgemachten gerösteten Erdnüssen. Im Essenshaus gibt es unzählige Steckdosen, die kreuz und quer von den Balken baumeln. Hier kann man seine Akkus aufladen. Das aber nur, wenn man keine Sorge hat, dass dann morgen zwei statt einem Akku dranhängen. Da aber schon zig Ladegeräte rumhängen, häng’ ich meine zwei auch noch dazu.

Eng verbunden


Nach der kurzen Knabberei geh ich noch mal durchs Camp, mir die Beine vertreten, außerdem tät’s mich interessieren, wo wohl Lazaro bleibt. Als ich am Tor frage, sagt man mir: „Der ist weggefahren.“ Langsam könnte er wirklich eintrudeln, denn langsam bekomm ich Hunger. Wie ich so vor mich hingrummle, kommt er dann auch tatsächlich, im Schlepptau – die Belgier.

Die Belgier waren ja mit einem kleineren Fahrzeug unterwegs und so mussten sie ihr ganzes Zeug in einem Einachsanhänger hinter sich herziehen. Kurz hinter Naabi Hill passierte dann das Unvermeidliche. Die Piste hat ihren Tribut gefordert, die Anhängerkupplung ist gerissen. Ohne Zelt und Verpflegung konnten sie unmöglich weiter. Da man in Afrika seinen Anhänger aber nicht einfach irgendwo stehen lassen kann, weil sonst plötzlich „zwei Anhänger“ dort stünden, haben sie bei Lazaro um Hilfe ersucht und Lazaro hat dann eben einen auf „Gelben Engel“ gemacht und „African ADAC“ gespielt. Ohne Schweißapparat hat er einfach die „afrikanische Lösung“ gewählt. Mit dieser abenteuerlichen Konstruktion (links oben) sind sie dann über 80 km bis hierher gefahren. Nicht über Asphaltstraßen wie bei uns, ne, ne, sondern unter schwierigsten Bedingungen über Stock und Stein – und das Anhänger-Provisorium hat’s überstanden. Ein Meisterstück! Bei uns wäre so was undenkbar! Selbst wenn es technisch ginge, spätestens nach 1 km hätte man bei uns die „Grünen“ und einen Strafzettel am Hals.

Nachdem die Belgier versorgt sind und Lazaro da ist, essen wir zu abend: lecker wie immer. Wir ratschen uns fest und bleiben auch noch sitzen, als alle anderen schon längst gegangen sind. Helmut, Werner und ich genehmigen uns noch ein Bier (gut, dass wir in Arusha vorgesorgt hatten und für jeden Tag eine Dose kauften). Unsere Abende sind immer ein guter Ausklang. Obwohl wir dasselbe erleben und den ganzen Tag im gleichen Defender sitzen, haben uns so viel zu erzählen. Man muss sich einfach auch austauschen, weil man sonst das Erlebte gar nicht verarbeiten könnte. Mit den beiden Friedbergern habe ich wirklich Glück gehabt. Wie sagen wir immer? „Drei Deppen, ein Gedanke.“ Da haben sich drei zwar nicht gesucht, aber gefunden!

Happy Birthday, Werner


Heute ist ein ganz besonderer Tag, Werner hat nämlich Geburtstag. 41 wird der Bursche heute. 41 – direkt am Äquator. Grund genug, noch etwas länger zu sitzen. Wir nippen an unserem Bier, als plötzlich das Licht ausfällt (Stromausfälle sind in Afrika keine Seltenheit) und es vom Küchenhaus her gewaltig scheppert, so als ob jemand gegen einen Küchenschrank (den es hier natürlich gar nicht gibt) gelaufen wär’ und alles Geschirr rausstürzt. Vielleicht ist’s aber auch der Elefant! (im Porzelanladen? He, he!). Ich steh auf und will rüber, aber es ist Kuhnacht! (= schwäbisch für stockfinster)

Was wie ein Unfall aussieht, ist von Alouis und all den anderen Köchen von langer Hand eingefädelt. Jetzt weiß ich auch, warum sie mich vorhin aus dem Küchenhaus gejagt haben. Mit Taschenlampenlicht und „Happy Birthday“ singend marschieren Sie im Essenshaus ein. Die Szene erinnert mich unweigerlich an die obligatorischen Schlussszenen beim „Traumschiff“, wenn die Köche beim Käptn’s Dinner zur Musik von James Last einmarschieren. Da weder James Last da ist noch irgendwelche Musikinstrumente, schlagen die Köche mit Kochlöffeln auf Töpfe oder hauen Pfannen gegeneinander. Besonders Spaß macht es wohl, Blechteller auf den Boden zu werfen, dass es nur so scheppert. Der Tross ist am Tisch angekommen und Alouis überreicht Werner einen Kuchen. Selbst eine Widmung darauf fehlt nicht. Wir sind alle dermaßen geplättet, dass wir es noch nicht mal schafften, unsere Kameras zu aktivieren. Dazu sind wir erst in der Lage, als der Kuchen bereits auf dem Tisch steht.

Dass Werner heute Geburtstag hat, haben wir dem Alouis natürlich „gesteckt“. Nur dass er dann das draus macht, das hätten wir nie gedacht! „Das geht doch gar nicht“, sag ich zu ihm. „Du hast doch keinen Ofen!“ „Ich habe einen Ofen gemacht“, erklärt er stolz. „Großen Kochtopf in einem Holzkohlenfeuer vergraben und wenn der Topf genug Hitze hat, Kuchen rein und backen. Wenn der Kuchen fertig ist, rausnehmen, glasieren und beschriften.“

Der wohl wahnsinnigste Tag meines Lebens


Heute war wohl der wahnsinnigste Tag, den man sich nur vorstellen kann (während ich das schreibe, werde ich zunehmend sentimentaler). Der Wahnsinn hat schon bei der Frühpirsch im Seronera-Gebiet begonnen. Ein Tier nach dem anderen: Löwen, Geparden, ja sogar Leoparden. Heute Abend der Elefant im Camp. Man kommt mit dem Fotografieren kaum nach. Aber genauso hatte ich es mir gewünscht. Das war mein Lebenstraum und der geht hier und jetzt in Erfüllung!

Wir feiern noch ein bisschen mit den Köchen und anschließend dann nur noch zu dritt. Helmut hat von irgendwoher noch eine Flasche Wein hervorgekramt und zu guter Letzt auch noch eine angebrochene Flasche Schnaps. Nicht dass ihr denkt, dass wir saufen, aber so ein kleines „Prosit auf Werner“ und ein „Prosit auf die gesamte Tour“, das muss schon sein.

Gegen zehn ist es dann wirklich soweit, dass wir der Meinung sind, ins Bett gehen zu müssen. Ich klemm meine Akkus ab und seh, dass sie noch kaum geladen sind. Anscheinend dauert’s hier doch länger. Die Kälte? Die Höhe? Ich habe keine Ahnung.

Und der Wahnsinn nimmt kein Ende


Als wir zu unseren Zelten kommen, geht der Wahnsinn weiter: Stirnlampenträger kriechen kniend auf allen Vieren und suchen den Boden ab. Dabei ist es hier am Krater Nacht, wie ich es überhaupt nicht kenne. Selbst mit Lampe am Kopf oder in der Hand sieht man so gut wie nichts. Eine Französin hatte sich nach dem Händewaschen drüben im Klo auf dem Weg zum Zelt das Wasser von den Händen geschüttelt und dabei – schwupps – ihren Ring in die Nacht „geschleudert“. Natürlich nicht irgendeinen Ring, sondern – den Ehering. Diesen auf der Hochzeitsreise „fortzuschmeißen“, ist ein böses Foul! Die Frau ist todunglücklich und nur noch am Heulen. Die Helfer sind hilflos. Sechs Mann kriechen bereits kopflampenbehelmt über den Boden. Drei weitere kommen jetzt dazu! Zentimeter für Zentimeter wird der Kraterrand abgesucht. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Habt ihr schon mal nachgerechnet, was 100 mal 100 Meter in Quadratzentimetern sind? 100 Millionen. Ich brauch nicht zu erwähnen, dass der Campingplatz ein bisschen größer ist als 100 mal 100 Meter. Die Stecknadel im Heuhaufen zu finden ist gegen das, was hier abgeht, ein Kinderspiel. Vom Overlander kommt einer mit nem Metallsuchgerät daher. Ob der was finden wird?

Ich weiß nicht, wie lange wir gekrabbelt sind, als das Unglaubliche tatsächlich passiert. Einer der Franzosen hält den Ring hoch. Wie Spots, die sich auf einen Showstar konzentrieren, konzentrieren sich die Kopflampenstrahlen auf die hochgehaltene Hand und das Zeichen der Bindung und wie sonst nur bei Popkonzerten üblich hört man hier nur noch eine hysterisch kreischende Frau.

Ich war vorher schon sentimental, jetzt bin ich noch sentimentaler. Ich kann nicht glauben, was in 24 Stunden so alles möglich ist. Das waren 24 Stunden, die ich mein Leben lang nicht mehr vergessen werd‘.


 

< Fahrt zum Ngorongoro Krater Morgen in der Simba A Campsite >
MIT SCHLAFSACK UND ZELT IN DER SERENGETI … UND HINTERHER NACH SANSIBAR
REISEBERICHTE AUS AFRIKA


Eine Reaktion zu “Mit Schlafsack und Zelt in die Serengeti”

  1. Rüdiger

    Nachdem Elisabeth den exakt gleichen Elefanten an einem anderen Tag fotografiert hat und ich das Tier nun auch schon mehrfach im Internet gesehen habe, glaube ich nicht mehr an einen „wilden Elefanten“. Ich vermute, dass der Elefant von den Tour-Veranstaltern angelockt wurde, er so sein abendliches Frischwasser bekommt und die Touristen im Gegenzug ihre spektakulären Bilder vom „wilden Tier“. Würde wirklich ein „gefährliches“ Wildtier das Camp besuchen und irgendwann mal ein Tourist zu Schaden kommen, hätten die Veranstalter erhebliche Probleme.

Einen Kommentar schreiben